Title:
Zwischen Saar und Mosel
Creator:
Haubrichs, Wolfgang
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-111761
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-113488
Marienkirche: 1608; Bückeburg, Stadtkirche: 1611). Sie übernimmt einen goti¬ 
schen Chorturm des 14. Jahrhunderts, verwendet ihn jedoch als Sakristei. 
Die unter dem Grafen Johann Reinhard I. von Hanau-Zweibrücken 1616 errichtete 
protestantische Kirche von Bodersweiler bei Kehl wird als Chorturmkirche neu 
gebaut, eine Tatsache, die das Dehio-Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler zu 
der Frage „urspr. romanisch?“ anregt. Der Neubau der protestantischen Kirche von 
Lorenzen in der ehemaligen Grafschaft Saarwerden von 1623 übernimmt den alten 
Chorturm und verwendet ihn - wie der Grundriß zeigt - sogar weiter als Altarraum. 
Das neue Schiff besaß offenbar „nachgotische“ Formen, was für viele Kirchen des 
frühen 17. Jahrhunderts, auch für protestantische, charakteristisch ist (vgl. Wolfen¬ 
büttel, Bückeburg, Buchsweiler u. a.). Doch bleibt die Weiterverwendung des alten 
Turmchores als Altarraum in neuerbauten Kirchen des 18. Jahrhunderts Ausnahme 
(Bübingen um 1700, Dörrenbach/Ostertal 1718/19, Limbach-Saar-Pfalz-Krs. 1726, 
Wiebelskirchen 1732-33, Dudweiler 1738)32. 
Insgesamt können wir für die Zeit des 16.-18. Jahrhunderts sagen: Die Chorturm¬ 
kirche als formaler Bautyp lebt zwar weiter, aber sie wird ikonologisch „entwer¬ 
tet“, der Chorturm - wie z. B. Limbach/Krs. Saarlouis, Habkirchen, Mimbach 
zeigten - zum Choranschlußturm, zum Treppenturm, zur Sakristei. 
Wenn der Chorturm auch liturgisch nicht mehr den aktuellen Erfordernissen 
entspricht, so hält man am Typus der Chorturmkirche zuweilen gleichsam assozi¬ 
ativ fest. Drei saarländische Kirchen sollen es belegen: Der hohe Turm der 
ehemaligen Pfarrkirche St. Peter in Ketten (heute Friedhofskapelle) in Bliesmen- 
gen-Bolchen (Abb. 17) wirkt in der Landschaft wie ein mächtiger Chorturm in der 
Umdeutung zum Choranschlußturm (wie im benachbarten Habkirchen und Mim¬ 
bach). In Wirklichkeit stand der in seinen beiden Untergeschossen aus dem 
14. Jahrhundert stammendene Turm einst an der Südseite des alten geosteten 
Langhauses. Dies wurde 1752 durch einen Saalbau in Nord-Südrichtung ersetzt, so 
daß der Turm nun an der Südseite des dreiseitigen neuen Chores als dessen 
Abschluß steht33- 
Beim Anblick der katholischen Pfarrkirche in Bedersdorf (Abb. 18) denkt man 
sofort an einen Chorturm des 13. Jahrhunderts, zumal er formal dem Typ 
romanischer Chortürme der Gegend entspricht und zum barocken Langhaus von 
1732 und 1776 unproportioniert niedrig erscheint. Tatsächlich wurde der Turm erst 
im frühen 18. Jahrhundert an den Chor des Vorgängerbaues angefügt34. 
1764 erhielt die katholische Pfarrkirche St. Martin in Medelsheim einen weiträumi¬ 
gen Saalbau mit dreiseitigem Chorschluß. Ihm fügt sich im Osten, etwas schräg zur 
Kirche, ein Turm an, den man spontan für einen ehemaligen Chorturm halten 
könnte. In Wirklichkeit ist das gotische Untergeschoß (wohl des 14. Jahrhunderts) 
der einstige Chor der gotischen Kirche - da stand also nie ein Chorturm. Erst mit 
32 Der Grundriß von Lorenzen abgebildet bei H. Chr. DlTTSCHElD (wie Anm. 23), S. 141. Vgl. dazu L. J. 
Sutthof, Gotik im Barock. Zur Frage der Kontinuität des Stiles außerhalb seiner Epoche, 
Saarbrücken: Phil. Diss. 1989, Münster 1990. 
33 Vgl. B. H. BONKHOFF (wie Anm. 21), S. 86-88. 
34 W, Zimmermann (wie Anm. 20), S. 150-151. 
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