Title:
Stadtentwicklung im deutsch-französisch-luxemburgischen Grenzraum
Creator:
Hudemann, Rainer Wittenbrock, Rolf
Work URN:
urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-228755
PURL:
https://digital.sulb.uni-saarland.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:bsz:291-sulbdigital-231549
Mann, der Schreiner Johann Feith, sich nach Luxemburg abgesetzt hatte und seine 
Frau mit zwei unbezahlten Monatsmieten und drei Kindern in Alt-Saarbrücken 
zurückließ.48 Rund ein Drittel aller unterstützten Frauen mußten drei und mehr 
Kinder versorgen. Ein besonderes Problem im Kaiserreich war die Altersarmut der 
Frauen. Gründe dafür waren die im Durchschnitt um zehn Jahre gewachsene Lebens¬ 
erwartung, die im 19. Jahrhundert durch die verbesserten medizinischen Verhältnisse 
verminderte ‘Übersterblichkeit’ der Frauen im gebärfähigen Alter sowie die Tatsache, 
daß der Tod des Mannes wegen der unzureichenden Hinterbliebenen- und Alters¬ 
sicherungssysteme für die Frauen in vielen Fällen den Gang zum Armenamt bedeute¬ 
te. 
Ergebnisse 
Das Bewußtsein der Binnengrenzlage blieb den Bewohnern der Saarstädte wegen der 
unterschiedlichen armenrechtlichen Regelungen im Bereich der Armenfürsorge 
erhalten. In den Akten fanden sich keine Hinweise auf einen möglichen Erfahrungs¬ 
austausch zwischen Elsaß-Lothringen und den Saarstädten. Die konservative Haltung 
der Saarbrücker Stadtväter wird bei der Entscheidung deutlich, 1909 das vollständige 
Elberfelder System einzuführen, obwohl sich in Straßburg weitaus bessere Grundsätze 
zur Organisation der kommunalen Armenfürsorge durchgesetzt hatten. 
Ein Vergleich der Leistungen der kommunalen Armenfürsorge in Alt-Saarbrücken, St. 
Johann und Malstatt-Burbach zeigt deutlich, daß die Städte in sehr unterschiedlicher 
Art und Weise auf prinzipiell gleiche Herausforderungen reagierten. 
Die Industrie- und Handelsstadt St. Johann war diejenige Stadt, die am frühesten ihre 
Rolle als "Nachtwächterstadt" aufgab und im Sinne einer modernen Interventionsstadt 
in der kommunalen Sozialpolitik selbst aktiv wurde. Schon 1889 wurde eine Armen¬ 
ordnung nach Elberfelder Muster erlassen, als einzige der drei Städte hatte St. Johann 
eine städtisch geleitete Volksküche, und in der Obdachlosenfürsorge zeigte die Stadt 
die größten Aktivitäten von kommunaler Seite. 
Die Verwaltungsmetropole, Wohn- und Villenstadt Alt-Saarbrücken war wegen des 
Ethos bürgerlicher Frauen, sich in privater Wohltätigkeit zu engagieren, lange von der 
Pflicht enthoben, Reformen in der kommunalen Armenfürsorge einzuleiten. Die 
Gründe für das gute Funktionieren der Privatwohltätigkeit waren vermutlich das 
große Engagement Amalie Jungs und die durch ihre Tätigkeit gegebene personelle 
Kontinuität im privaten Fürsorgewesen. Nach ihrem Tod reagierte die Stadt jedoch 
schnell und effektiv. Sie führte das "Elberfelder System" ein und stellte erstmals in 
den Saarstädten eine besoldete Armenpflegerin ein. 
Malstatt-Burbach als junge Industriestadt, die den Verstädterungsprozeß besonders 
heftig und schnell erlebte - die Bevölkerung wuchs von Beginn des 19. Jahrhunderts 
bis zum Jahr 1910 um das 57,8 fache49 - zeigte von allen drei Städten, trotz ihrer 
48 StadtA SB, Best. AS Nr. 1750/B, p. 83f. 
49 Jürgen Karbach, Bevölkerungszahlen des Saarlandes 1800-1910, in: Zeitschrift für die 
Geschichte der Saargegend, 34/35 (1986/87), S. 261. 
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