Full text: Lotharingia

1. Die mit germanischen Sprechern und Siedlern stärker durchsetzte Zone der Bilingualität 
reichte im frühen Mittelalter und noch lange danach weiter nach Westen, als die heutige 
Sprachgrenze andeutet. Das gilt vor allem für den Nordosten Frankreichs und Belgiens, wo 
sich fränkische Orts- und Flurnamen in größerer Anzahl bis etwa St. Riquier an der Mün¬ 
dung der Somme, Corbie, Cambrai und Bavai erstreckten (vgl. Tafel 20).20 
Im lothringischen Moselraum weichen dagegen heutige Sprachgrenze und rekonstruierbare 
bilinguale Zone nicht stark voneinander ab, wobei zudem diese Veränderungen auf späte 
Siedlungsentleerungen und Neuansiedlungen erst des 17. Jhs. zurückzuführen sind.21 
Ebenso muß man für den schweizerischen, den hochburgundischen Raum an der Sprach¬ 
grenze im Aareraum, bei Neuenburg/Neufchätel und im Waadtland mit einer solchen 
erweiterten bilingualen Zone bzw. einem Interferenzraum der Sprachen rechnen (vgl. 
Tafel 21 ).22 
2. So wie es eine erweiterte Zone der Bilingualität oder der Mischsiedlung um die spätere 
Sprachgrenze herum gab, so muß man auch von mehr oder minder lang andauernden 
romanischen Sprachinseln im Raum zwischen Rhein und Sprachgrenze ausgehen. Es hat 
nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches keine kompakte Räumung des Lan¬ 
des durch romanische Gruppen gegeben. Die Verhältnisse sind vielmehr, wie die überle¬ 
benden romanischen und noch älteren Ortsnamen nahelegen, sehr komplex gewesen. Am 
ehesten noch ist mit Ausräumung und Siedlungsleere im Bereich des Mittelrheins und des 
Elsaß zu rechnen - freilich mit Ausnahme der römischen Städte, Vici und Kastelle, um die 
sich die Reste vorgermanischer Toponymie konzentrieren, die wiederum durchweg Spuren 
früher Germanisierung (6./7. Jh.) aufweisen.23 
Weitaus zahlreicher sind jedoch die Relikte der vorgermanischen Ortsnamengebung und 
damit einer weiterexistierenden romanischen Bevölkerung im nordbelgischen, flämischen 
20 Die Karte ist auf der Grundlage der Karte 'Das fränkische Königtum' in Hans-Erich Stier / Ernst Kir¬ 
sten u.a. (Hgg.), Westermanns Atlas zur Weltgeschichte. Braunschweig 1963, S. 55 erstellt. Vgl. aus 
Anm. 1 7 die Arbeiten von Maurits Gyssel i ng, Franz Petri und L. van Du rme. 
21 Vgl. Tafel 20. Die Karte, welche die germanischen Ortsnamen westlich der Sprachgrenze vor ca. 1500 
und die vorgermanischen Ortsnamen östlich der Sprachgrenze verzeichnet, kann nur die Verhältnisse 
etwa des 7. bis 9. Jahrhunderts abbilden. Eine Karte der bilingualen Namen fehlt bisher. Bilinguale 
Zone ist sicherlich lange Zeit der Raum zwischen der frühneuzeitlichen und der rezenten Sprachgrenze 
gewesen; ferner aus Anm. 1 7 die Arbeiten von Elans Witte, Paul Lévy und Maurice Toussai nt. 
22 Die Karte stammt aus Sonderegger, Ausbildung (wie Anm. 1 7), Karte 28, S. 279. Sie verdeutlicht die 
bilinguale Zone ungefähr durch die Extension der Doppelformen für Orts- und Weilernamen diesseits 
und jenseits der Sprachgrenze. 
23 Vgl. Friedrich Langenbeck, Studien zur elsässischen Siedlungsgeschichte. Vom Weiterleben der vor¬ 
germanischen Toponymie im deutschsprachigen Elsaß. 2 Bde. Bühl 1967; Kleiber / Pfister (wie 
Anm. 17), S. 38ff.; Manfred Halfer, Germanisch-romanische Kontaktphänomene am Beispiel der 
Mikrotoponymie des Mittelrheins. In: Rudolf Schützeichel (Hg.), Gießener Flurnamen-Kolloquium. 
Heidelberg 1985, S. 546-559; Ders., Die Flurnamen des Oberen Rheinengtals. Ein Beitrag zur 
Sprachgeschichte des Westmitteldeutschen. Mainzer Studien zur Sprach- und Volksforschung 12. Stutt¬ 
gart 1988, S. 380 ff. 
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