Full text: Lotharingia

latein ais rekonstruierte Liturgie-, Bibel- und Gelehrtensprache Latein endgültig, wenn auch 
in allmählichem Prozeß von den Volkssprachen, die eine eigene Qualität gewannen und 
ein eigenes Sprachbewußtsein hervorriefen.9 Freilich läßt sich gut beobachten, wie lange 
noch die Bewohner des romanisch sprechenden Reichsteils viel weniger der Krücken der 
Wörterbücher, Übersetzungsglossen, volkssprachige Texte bedurften als die theodisken gen- 
tes, von denen die im Osten des Reiches siedelnden zur 'deutschen' Sprachengruppe 
zusammenwuchsen.10 Romanische, altfranzösische Texte werden - aus besonderem Anlaß - 
zum ersten Mal 842 in den Bruderkriegen nach dem Tode Ludwigs des Frommen, in den 
berühmten 'Straßburger Eiden' überliefert11; ein literarischer Text - wir kommen noch auf 
ihn zu sprechen - entsteht erst rund 40 Jahre später; nie erreicht bis ins 11. Jahrhundert die 
altfranzösische Literatur die Breite der althochdeutschen Textüberlieferung; selbst 
Glossierungen sind selten bezeugt: wie in den wohl in Corbie im Rahmen der dortigen rei¬ 
chen lateinischen Glossierungstätigkeit12 entstandenen, aber bald nach 800 in einer Rei- 
chenauer Handschrift überlieferten sog. 'Reichenauer Glossen',13 wie in den beiden alt¬ 
hochdeutsch-romanischen Gesprächsbüchlein, die dem Erlernen der althochdeutschen 
9 Helmut Lüdtke, Die Entstehung romanischer Schriftsprachen. In: Vox Romanica 23. 1964 S. 3-21; 
Marc van Uytfanghe, Histoire du latin, protohistoire des langues romanes. In: Francia 11. 1983 
S. 579-613; Michel Banniard, Seuils et frontières langagières dans la Francia Romane du VIIIe siècle. 
In: Karl Martell in seiner Zeit. Sigmaringen 1994, S. 171 ff. 
10 Vgl. zur Vorgeschichte und zum Werden der 'deutschen' Sprache im frühen Mittelalter: Hans Eggers, 
Deutsche Sprachgeschichte. Bd. 1 : Das Althochdeutsche. Reinbek 1963. 2. Aufl. 1986; Stefan Sonder¬ 
egger, Grundzüge deutscher Sprachgeschichte. Diachronie des Sprachsystems. Bd. 1: Einführung - 
Genealogie - Konstanten. Berlin/New York 1979; Norbert Richard Wolf, Geschichte der deutschen 
Sprache. Bd. 1 : Althochdeutsch - Mittelhochdeutsch. UTB 1139. Heidelberg 1981. Zur Problematik der 
Sprachbezeichnungen 'deutsch' und 'theotiscus' vgl. Ingo Reiffenstein, Bezeichnungen der deut¬ 
schen Gesamtsprache. In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch. Bd. 2. Berlin/New York 1985, S. 1717- 
1 727; zuletzt: Wolfgang Haubrichs, 'die tiutsche und die andern zungen'; Von der Vielfalt und Ent¬ 
wicklung eines Sprach- und Volksbegriffs. In: Johannes janota (Hg.), Vielfalt der kulturellen Systeme 
und Stile. Kultureller Wandel und die Germanistik in der Bundesrepublik, Vorträge des Augsburger 
Germanistentags 1991. Bd. 1. Tübingen 1993, S. 21-39 [Lit.]. 
11 Elias von Steinmeyer (Hg.), Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler. Berlin 1916, Nr. XV, 
S. 82ff.; Wilhelm Braune / Ernst A. Ebbinghaus, Althochdeutsches Lesebuch. Tübingen 15. Aufl. 
1969, Nr. XXI, S. 56ff.; Albert Henry, Chrestomathie de la littérature en ancien français, 
Tübingen/Basel 7. Aufl. 1994. I, S. 1f. Il, S. 9; Übersetzung bei Horst Dieter Schlosser, Althochdeut¬ 
sche Literatur. Ausgewählte Texte mit Übertragungen und Anmerkungen. Fischer-Bücherei Nr. 6036. 
Frankfurt a.M./Hamburg 1970, S. 290ff. Vgl. Haubrichs (wie Anm. 2), S. 194f. [2. Aufl. S. 156]; 
Kurt Gärtner / Günter Holtus, Die erste deutsch-französische 'Parallelurkunde'. Zur Überlieferung 
und Sprache der Straßburger Eide. In: Zeitschrift für Romanische Philologie [ca. 1995]. 
12 Vgl. vor allem den frühkarolingischen 'Liber Glossarum', der dem Werk Isidors von Sevilla zur Seite 
trat: Georg Goetz, Corpus glossariorum latinorum. Bd. 1. Leipzig 1923, S. 104-117; Wallace Martin 
Lindsay, Glossaria Latina. Bd. 1. Paris 1926, S. 15 - 604; Bernhard Bischoff, Die Bibliothek im 
Dienste der Schule. In: Settimane di Studio dei Centro Italiano di Studi nell' Alto Medioevo 1 9. Spoleto 
1972, S. 412f.; neu in: Ders., Mittelalterliche Studien. Bd. III, Stuttgart 1981, S.213-233; T.A.M. 
Bishop, The Prototype of Libri glossarum. In: Essays in Honour of N.R. Kerr. London 1978, S. 69-86; 
David Ganz, Corbie in the Carolingian Renaissance. Sigmaringen 1990, S. 53f. 143. 
13 Hans-Wilhelm Klein /André Labhardt /Manfred Raupach, (Hgg.): Die Reichenauer Glossen. 2 Bde. 
München 1968-1972; Gerhard Rohlfs, Vom Vulgärlatein zum Altfranzösischen. 1968, S. 33ff. 
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