Full text: NS-Politik an der Saar unter Josef Bürckel

24. Januar 1935 durchaus für realistisch17, wobei noch weitere 15.000 Saarländer 
hinzukämen, die die französischen Staatsangehörigkeit erwerben wollten. Die 
Emigrationsrate nahm entgegen den Prognosen Ende Januar/Anfang Februar 1935 
wohl aufgrund der Schließung der französischen Grenze allerdings zuerst einmal 
ab und stieg bis zur Übernahme des Saargebietes durch das Reich wieder leicht an; 
auch saarländische Beamte, die vom Reich nicht übernommen wurden bzw. nicht 
in nationalsozialistische Dienste treten wollten, verließen nunmehr das Saarland, 
war doch inzwischen die Sicherstellung ihrer Pensionsansprüche (31. Januar 1935 
in Verbindung mit der Erklärung vom 18. Februar) durch Verhandlungen zwi¬ 
schen der Deutschen Regierung und der Reko des Saargebietes erfolgt. 
Die tatsächlichen Abwanderungen in den ersten beiden Tagen nach der Abstim¬ 
mung soll 40 nicht überschritten haben; doch in der Folgezeit stieg der Flücht¬ 
lingsstrom wieder an, so daß Bartholomäus Koßmann gegenüber dem Auswärtigen 
Amt von einer entstehenden "saarländischen Legion" in Toulouse sprach: gleich¬ 
zeitig meldete das Landjägerkorps Saarbrücken Mitte Januar, daß saarländische 
Emigranten an der französischen Grenze in ihre Heimatorte wieder zurückge¬ 
schickt worden seien. Zahlreiche Anträge zur Ausstellung eines Heimatscheines 
bzw. eines deutschen Reisepasses zum Zwecke der Legitimierung wurden gestellt, 
woraus sich zum Teil heute noch der Abreisetermin ins Ausland ermitteln läßt18. 
Am 23. Januar meldete Herriot dem Kabinett den Grenzübertritt von 1.973 Saar¬ 
ländern, 85 Franzosen und 442 polnischen, rumänischen, österreichischen und 
deutschen Emigranten. Laut Beschluß der Französischen Regierung wurden ab 13. 
Januar 1935 die von der Reko des Saargebietes erteilten Einreisegenehmigungen 
nach Frankreich nicht mehr anerkannt und mußten durch ein Visum des französi¬ 
schen Konsulats ersetzt werden; mit dem 28. Februar 1935 verloren die 
sogenannten Saarpässe ausnahmslos ihre Gültigkeit19. 
Wenden wir uns zuerst der Lagebeurteilung nach der Abstimmung durch linksge¬ 
richtete Kreise zu! - Auf der am 17. Januar 1935 in Paris (Avenue d'Orsay 9) 
durchgeführten Tagung des Internationalen Gewerkschaftsbundes und der Soziali¬ 
stischen Arbeiter-Internationale, die sich mit den Ergebnissen der Saarabstim¬ 
mung befaßte, sprach Max Braun auch das Emigrantenproblem an. Er erklärte, 
man beabsichtige, "den größten Teil aller Funktionäre sowie Anhänger des Status 
17 
Bericht der Deutschen Botschaft Paris an das AA v. 24.1.1935. AA..betr. Pol. Angelegenheiten des 
Saargebietes, adhoc Emigranten, Bd. 4. Ausgangsschätzungen von 40-50.000 Emigranten. Vgl. die Ge¬ 
genüberstellung dieser Schätzwerte mit den am 13.1.1935 gegen die Rückgliederung des Saargebietes 
zum Deutschen Reich abgegebenen Stimmen (46.513 für Status quo, 2.124 für Frankreich) bei H.-W. 
Herrmann, Beiträge, S. 360, Anm. 21. Vgl. auch die Denkschrift über die Lage der saarl. Flüchtlinge in 
Frankreich an den Völkerbund am 11.4.1935. Abgedr. ebd. S. 395-403. 
18 
Meldung des Landjägerkorps (im Bez.Amt St. Ingbert sehr, festgehalten am 24.1.1935). LA 
Saarbrücken, Best. LRA St. Ingbert, Nr. 798. Die Anträge: Ebd. Nr. 354. Vgl. H.-W. Herrmann, 
Beiträge, S. 363. 
19 
Zum Grenzübertritt s. Deutsche Front v. 23.1.1935. Die Einreisebestimmungen nach Frankreich 
(Einschleusung) im Sehr. d. Reko v. 14.1.1935. LA Saarbrücken, Best. Dep. Blieskastel, D 24/10. 
415
	        

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