Full text : Die rechtlichen und sozialen Verhältnisse St. Ingberts im 16. Jahrhundert

Es ist eine auffallende Erscheinung, daß die Geschichte St. Ingberts noch
immer recht dunkel und der Ort unter allen anderen des Amtsbezirkes als die
einzige „unbekannte Größe“ für die Zeit des Mittelalters unbestimmbar ge—
blieben ist. Mit mehr oder weniger Glück und Erfolg wurde schon oft der
Versuch gemacht, in dieses geheimnisvolle Dunkel einzudringen und seinen
Schleier zu lüften; inwieweit dies gelungen, wäre der Gegenstand einer interessanten
Untersuchung, die wir uns an dieser Stelle versagen müssen. Man ist gewohnt,
bei den Namen St. Ingbert und Blieskastel vorzugsweise an die Herrschaft der
Freiherren, Grafen und Fürsten von der Leyen zu denken, ohne Rücksicht darauf,
daß diese in ihrem vollen Umfange kaum 140 Jahre bestand und hauptsächlich
dem 18. Jahrhundert angehört. Wohl waren die Zustände in der Herrschaft
in mancher Hinsicht gewiß recht erfreuliche, und wenn heute noch das Volk
gerne im Geiste dieser Zeiten gedenkt, so ist das begreiflich. Leider ist aber
dadurch die Erinnerung an weiter zurückliegende Jahrhunderte immer mehr
geschwunden, welche weit eher das Interesse wenigstens der Landbevölkerung
beanspruchen müßten. Denn zu jener Zeit war das bäuerliche Volkstum noch
viel freier und origineller als unter dem Landesregimente der Grafen und
Fürsten von der Leyen, das sich dem absolntistischen Staatsgedanken des
18. Jahrhunderts doch nicht ganz zu entwinden vermochte. Dieselbe Erscheinung
tritt uns in St. Ingbert entgegen. Hier hat der dreißigjährige Krieg einen
unheilvollen Riß in der Geschichte verursacht; dadurch ward diese in zwei Teile
zerlegt die fast keinen Zusammenhang mehr haben. Da mit diesem Riß fast
gleichzeitig die Freiherren und späteren Grafen von der Leyen, über deren
Regierungstätigkeit und Landesfürsorge durch zahlreiche urkundliche Aufzeichnungen
uns eine genauere Kenntnis ermöglicht ist, als Besitzer von St. Ingbert er—
scheinen, andererseits jene Quellen fehlten, die uns hätten Aufschluß geben können
über das St. Ingbert des Mittelalters, so beginnt sozusagen die Geschichte des
Ortes erst mit dem Eintritt derer von der Leyen, zumal sie den Grund gelegt
haben — bewußt oder unbewußt, das bleibe dahingestellt — zu der heutigen
Größe des Ortes, rein äußerlich betrachtet. Daraus erklärt sich auch die Vorliebe
für die Verhältnisse der Leyenzeit, obgleich sie in St. Ingbert selbst durch bittere
Erfahrungen getrübt ist; ob mit Recht oder Unrecht, das wird die zukünftige
Geschichtsforschung erst noch entscheiden müssen.
Bevor wir an unseren eigentlichen Gegenstand herantreten, müssen wir
uns zuerst etwas orientieren über die politische Geschichte St. Ingberts. Leider
ist sie noch nicht in dem Maße erforscht als es wünschenswert wäre; indes
wird es für unseren Zweck genügen, wenn wir all das kurz zusammenstellen,
was bisher über die Vergangenheit des Ortes den Weg in die Oeffentlichkeit
gefunden hat.
            
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