Stahlwerke in Völklingen ⸗
Das Aufblühen der deutschen Wirtschaft in den neunziger Jahren des 19. Jahr⸗
hunderts hatte eine starke Vermehrung der Stahlerzeugung zur Folge. Aber mit dem
wachsenden Nationalwohlstand des geeinten Deutschen Reiches hobh sich naturgemäß
auch die Lebenshaltung. Schon seit der Einleitung der sozialen Gesetzgebung 8
die Bismarchschen Februar⸗-Erlasse war in der Arbeiterschaft die Forderung nach Lohn⸗
erhöhung lebendig geworden. Es stiegen daher die Preise für die Gestehungskosten,
denn auch die Kohlenpreise hatten beträchtlich angezogen, während die Preise für die
Fertigfabrikate eine überraschende Stabilität aufwiesen. Carl Röchling mußte also
für die Völklinger Hütte vor allen Dingen die Verbilligung der Erzeugungskosten ins
Auge fassen, und nunmehr schien die Zeit gekommen, da das Thomas-Verjfahren sich
genügend bewährt hatte, dazu überzugehen.
Im Jahre 1891 wurde jenseits der am Werk vorbeiführenden Eisenbahnlinie Saar⸗
brücken⸗Trier das dort gelegene und durch mehrere Unterführungen mit dem alten
Hüttenwerk und seinen Hochösen verbundene Stahlwerk mit einer Blockstraße in Betrieb
genommen.
Der Aebergang zum Thomas-Verfahren verlangte zum zweitenmal innerhalb
acht Jahren, das Werk großenteils neu aufzubauen. Dadurch wurden die Geldmittel
der Familie aufs äußerste ängespannt, denn die Ueberschüsse reichten für den Umbau
kaum aus. — Nun galt es, erfolgreich und konkurrenzfähig auf den Markt zu treten.
Verbesserungen aller Art mußten durchgeführt werden, und das wirtschaftliche Problem,
Steigerung der Produktion und Verminderung der Gestehungskosten, war in jener Zeit
das Gebot der Stunde und erforderte viel Gedankenarbeit und Tatkraft. Zu den Hoch⸗
ofen gesellten sich Kolsöfen. Neue Erfindungen kamen hinzu, und das Ringen um die
Steigerung des Absatzes begann. Neben der alten Spezialität des Werkes, dem
Formeisen, wurden Stabeisen und Draht fabriziert. Durch die Erfindung eines
elektrischen Schmelzofens, des Röchling-Rodenhauser Ofens. ist die Hütte in der Lage.
beste Sorten Stahl zu produzieren.
Heute steht die Völklinger Hütte als ein machtvolles industrielles Unternehmen
da. Die der Thomas-Eisenerzeugung dienenden Ankagen, bestehend aus der Hochofen⸗
anlage mit sieben Oefen, dem Stahlwerk mit fünf Konvertoren und einem ausgedehnten
Walzwerk zur Erzeugung aller möglichen Walzsabrikate, sind in Völklingen vereinigt.
Zwei Kokereien, in Völklingen und Altenwald gelegen, — die Werke mit dem
zur Eisenverhüttung erforderlichen Koks und liefern Ammoniak, Teer und Benzol mit
ihren Unterprodukten. Der Verwertung der entfallenden Hochofenschlacke dienen eine
Schlackenbrechanlage, eine Steinfabrik und eine neuerbaute Zementfabrik; die ent⸗
fallende Thomasschlacke wird zu einem hochwertigen Thomasmehl zermahlen.
Fießereien, Kraftwerke, Reparatur- und Konstruktionswerkstätten vervollständigen die
ausgedehnten Werksaniagen. Eigene Kalksteinbrüche liefern den erforderlichen Kalk.
Die Beteiligung des Werkes beim Stahlwerksverband beträgt 495 000 t Rohstahl im Jahr.
Die gleichfalls in Völklingen gelegenen Betriebseinrichtungen des Edelstahlwerkes
Röchling A.“G. Imieden ein Elektrostahlwerk, ein Siemens-Martin-Stahlwerk, ein
Walzwerk mit vier lzenstraßen, ein Hammerwerk und eine Forrrehe Das
Iß83 erzeugt eritklassige Qualitätsstahle für höchste Beanspruchung und
istung.
Der Ausgang des Weltkrieges beraubte das Unternehmen aller seiner in Elsaß⸗
Loihringen in laͤngen Jahrzehnten aufgebauten und erworbenen Betriebe und Be—
fißungen. Das Wert verlor jeine eigene große Erzgrundlage; das Hochofenwerk
Karlshütte in Diedenhofen ging in —— Besitz über, und ebenso wurden die
ausgedehnten Kohlenfelder, die das Unternehmen in der Gegend von St. Avold hatte
erbohren lassen, seitens des französischen Staates enteignet. Nicht genug damit: auch
das Voltlinger Werk mußte lange Jahre bineag einen schweren Kampf gegen alle
moglichen französischen Einflüsse sühren, die es nach Möglichkeit zu schädigen und einer
franzoösischen Kapitalbeteiligung geneigt zu machen suchten. Alle diese Versuche sind
fehlgeschlagen; die Röchlingschen Wertke sind das rein deutsche Unternehmen geblieben,
das sie von jeher waten‘ Sie bieten über 8000 Arbeitern, und Angestellten das
agliche Brot und sind damit zu einem der bedeutenditen Faktoren des Wirtschafts⸗
lebens an der Saar geworden.