44
Bon Friedrich Schwabe in Seebach Kr. Langensalza)
Die allmäblich üblich gewordenen Formen unseres
Pflanzenbaues bergen in sich selbit die Notwendialeit, ge⸗
wisse Tierarten, besonders Vögel, zu schützen, denn ihre
Gruͤndlage. die Anzucht artreiner Bestände, denen sortge⸗
sent arbhere Slachen ausschließlich eingeräumt werden, min⸗
dert die Lebensbedingaungen dieser Tiere, denen das Wob⸗
nen auf und zwischen jenen einförmigen Pflansensiedel⸗
ungen nur ausnabmsweise ubalich ist. im Gegensat zu ge⸗
wissen ESchädlingen“, die hier nicht allein geeignete Nab—⸗
rung, sondern auch Schutz in allen Entwicklungsstufen fin⸗
den. Daraus erklärt sich der scheinbare Wideripruch, daß
die ungewellte Begunstigung der Pflanzenfeinde nicht auch
zugleich die Vermehrung der von ihnen lebenden Helfer
zur Folge hat.
Dieses Mißberhältnis wird freilich mit der rücsichts—
losen Ausdehnung der Anbauflächen erst dort zur dringen⸗
den Gesahr, wo wir jeden Unter⸗ oder Zwischenbau, jede
anders geartete Bodennutzung, besonders aber jeden Wild⸗
wuchs ausschließen oder beseitigen. Und diesem traurigen
Zustande, den z. B. unsere besten Weinbaugebiete, die Rü⸗—
benwüsten“, verkoppelten „Kultursteppen“ und „wald“ver⸗
dröngenden Fichteneinöden schon länast zeigen, werden wir
noch weitere aroße Flächen unfseres Vaterlandes entgegen⸗
führen, wenn die in Angriff genommenen Oedflächen rest⸗
und lücktenlos dem Pfluge anbeimsallen.
Die Gründe, weshalb dies gerade jetzt verbütet werden
muß, sind folgende: Die künstliche Bekämpfung der Nage⸗,
Kerb⸗ und Weichtierplagen, wie sie alle Zweige unseres
Pflanzenbaues anzuwenden gezwungen sind, kann allein
ihren Aufwand an Arbeit und Geld nicht lohnen: sie muß
durch natürliche Helfer unterstützt werden, und das sind in
erster Linie die Rögel. Den Beweis bierfür erbringen zwar
nicht die gutgemeinten Berechnungen. wie sie bundertfältig
über den Nahrunasbedarf der Kerbtierfresser mit haltlosen
Zahlen angestellt werden, wohl aber die zweifelsfreien Er⸗
sfolge zweckmäßigen, d. i. naturgemäßen Vogelschutzes. So
ist Vogelschutz aus wirtschaftlichen Gründen ein notwendiger
Bestandleil der Land- und Forstwirtschaft, des Wein-. Obst⸗
und Gartenbaues; er ist deshalb in diesen ernsten Zeiten
hon gesteigerter Wichtigkeit
Aber auch seine anderen, im Grunde genommen noch weit
höher stebenden Wirkungen dürfen wir gerade während
des Krieges nicht aus den Augen verlieren: die Erhaltung
des anmutigsten Schmuckes der deutschen Heimat, ohne wel—⸗
chen wir nur halbe Freude selbst an den schönsten Bergen
Tälern und Auen baben würden. Bewußt oder unbewußt
eine der besten Wurxzeln deutschen Wesens ist in die reich⸗
helebte heimatliche Natur eingewachlen, während Entfrem—
dung und Gleichgültigkeit im Bereiche der Kultursteppen“
und „Industriewüsten“ am ersten entstehen. Vogelschutz
ist also auch — als wichtigster Teil des allgemeinen Heimat-⸗
schutzes — die Erfüllung einer Gewissenspflicht, die uns
sagt, daß wir ans dem Wunderbuche der Natur kein Blatt
—
Die Mittel hierzu dürfen freilich ebensowenig dem Ge—
fühl wie der Berechnung entlebnt werden. Das würde uns
von den sattsamen Mißerfolgen aller jener „erfundenen“
Ratschläge nicht loskommen lassen, die das Feld so lange
behgauptet haben, ja beute noch einen Teil der einschlägigen
Bestrebungen beherrschen. Es kann für den tätigen Vogel—
schuß nur einen Weg geben, nämlich die Natur selbst nach—
zuabmen, nachzubilden.
Diese Erkenntnis verdanken wir den grundlegenden Be—
obachtuugen und jahrelangen Bersuchen des unbestrittenen
Meifters im Schutze der Vögel, des Sreiherrn von Berlepfch
auf Burg Seebach Kreis Langensalza. Seine Erfolge haben
gezeiot. daß alles, was das Vogelleben fördern soll, lediag⸗
tich auf genaue Kenntnis seiner natürlichen Redinaunoen
gearündet sein muß.
Diese bestehen in ibrem wichtigsten Teile aus geeione
ten Nisistellen. Weil gerade diese der Zerstörung durch die
leider herrschend gewordene Bodennußungs zuerst anheim⸗
fallen. desbhalb muüß ihr Ersaß auch unsere yrste Aufgabe
sein. Und dabei müssen wir streng den im Urzustande ge—
fundenen Vorbildern folgen, weil nur sie die Brutweisen
zeigen, an welche die verschiedenen Arten angepaßt sind.
Hieraus ergibt fsich eine sehr wichtige Eintellung der Bögel
in Söblenbruter, Halbböhlenbrüter und Freibrüter. Als
die wirksamsten Kerbtiervertilger angeseben, haben die Höb⸗
lenbrüter (d. J. Vögel, welche ihre Kelege in geschlossenen
Hoblräumen mit einem ihrer Körpergröße entsprechenden
Finnang æitigen) von Anfang an die gröfßte Beo uns
senossen, deren sie aber auch in Anbetracht der Beseitigunt
brer ursprünglichen (anbrüchigen) Wobnbäume am nötig⸗
sten bedurfen. „Listkästen“ nannte man das, was Menschen⸗
urteil als geeignet ansab, um die Bruten dieser Vögel auf⸗
zunebmen. Daß die Erfabrung anders lehrte, gab man
der ungenügenden Gewöhnung der VBögel schuld und hoffte
auf ibre allmäbliche Anpassung, bis Freiberr von Berlepsch
an Stelle der Erfindung“ die Erforschung und NRachbil⸗
dung der Natur sette. Die kunstliche Spechthöhle, das ist
die einzaige Brutstätte, die als Ersatz für ihr leider fast über⸗
all so selten gewordenes natürliches Vorbild unzweifel⸗
haften Erfolg sichert, weil in unberübrter Natur auf dem
panzen Erdball Spechtvögel das Vielfache ihres eigenen Be⸗
darfs an Höhlen zimmern, als deren Bewohner dann die
übrigen Höhlenbrüter regelmäßig auftreten. Eine unver—
ünderte Nachahmung ibrer Arbeit wäre freilich nicht mög⸗
lich, wenn diese Höhlen, abgesebhen von der verschiedenen
Bröße, auch wesentliche Abweichungen in der Formgebung
aufn iesen. Sie sind jedoch sämtlich von einer stets gleich⸗
bleibenden Bauart, eine Bestätigung dafür, daß nur diese
den 7 erfüllen kann. Nun würde der Unkundige frei⸗
lich, delbst mit solchen naturgemäßen künstlichen Risthöhlen,
den Erfolg verfehlen, wenn er anstatt sie nun auch so an⸗
zubringen, wie klare Erkenntnis es lehrt, den Ratschlägen
wobhlmeinender aber unkundiger ‚Vogelfreunde“ folst. Hier⸗
über ldann nur ausführliche Darlegung belehren, wie sie in
den Veröffentlichungen über den Vogelichußz nach den Lehren
des Freiberrn von Berlepsch zu finden sind. Titel und
Preis der wenigen besten Bücher dieser Art kann man jeder⸗
zeit unter der Anschrift Bogelschutz'“, Seebach Ereis Lan⸗
misolaa) kostenlos erfragen
Die verschiedenen Zweige des Land⸗ und Gartenbaues
stellen nun sehr bäufis die Frage, welche bestimmte Vogel—
arten gegen die Schädlinge, mit denen eine Gegend gerade
zu kämpfen bat, wirksam seien, und durch welche ausgesuch—
ten Einrichtungen nur diese Arten herangezogen. vermehrt
und fsestgehalten werden könnten. Die Beantwortung iol⸗
cher Fragen ist nicht möglich und wird es kaum jemals
werden, schon desbalb nicht, weil die Vogel nach Zeit und
Ort in dieser Beziehung wechselndes Verhalten zeigen. Die
Entscheidungen über diese und ähnliche Fragen pflegen (wo
sie überhaupt gewagt werden) um so entschiedener zu sein.
je kürzer und einseiliger die zuorunde gelegten Ersahrungen
sind. Ausgedebnte Versleiche in den verschiedensten Ge—
genden und Zeiten festigen eine gans andere Ueberszugung,
und die möchte ich ich dier zum Ausdruck bringen: Bis auf
Ausnahmefälle, in denen gewisse Vogelarten als erjolg⸗
eiche Vertilger bereits vorbandener und verbeerender Schäd—
lingsmassen aufgetreten sind, wissen wir im einzelnen gar
nicht, einen wie großen oder kleinen Anteil am eigentlichen
Nuten“ wir einer oder der anderen Art anrechnen dür⸗
fen. Denn was für uns wirklichen Wert hat, das ist die
horbeugende Verbütuug der ungehemmten Vermehrung schäd
licher Kleintiere; mit anderen Worben die Erhaltung des
Bleichgewichts zwischen Tier- und Pflangenwelt. Und wie—
diel hierzu die verschiedenen Vogelarten, gegeneinander ab—
gemoefsen, beitragen, das wird schwerlich selbst jahrzehnte⸗
lange Forschung aufzuklären vermögen. Das ist aber für
die Ansübung eines unmittelbar und mittesbar wirksamen
Vopelschußes auch gar nicht erforderlich. Diese Tatsache
erbärtet am besten das Beispiel einer Gegend, die neben
einem bochentwidelten Feldbau auch Gemüse⸗ und Obstzucht
treibt, zugleich aber auch den erfolgreichsten Vogelschuß auf⸗
uweisen hat den bislang eine frühere Kulturstephe“ ir⸗
endwo hat zeigen können. Es ist die Seebacher Flur im
Kreife Langensalza. Ohne den Vertilgern der hier auf⸗
lretenden Schädlingsarten zunächst besondere Beachtung du
widmen, dat unser Meister sein Augenmerk der Schaffung
allseitiger Lebensbedinaungen für seine Schützlinge zuge—⸗
wvandt und io durch den Schus aller VBogelarten, die sich
nach den oörtlichen Verhältnissen einfinden und vermehren
konnten, erreicht, daß Feldmaus, Engerling und Drabtwurm,
Spardellaäfer und Frostspanner, Blattkäfer und Apfelwicler
nicht mehr überhandnehmen können. WBo viele Vögel leben.
da wird auch manche Berite von ihnen angenommen, die
sie sonst verschmäben, der Koblweißling z3. B. als Puppe und
Foalter. Die Raupe dieser Art wird aber auch bier nicht ge⸗
sreffen. und es würde vergeblich sein, gegen diesen Schädling
eine bespndere dogelschützerischhe Vorschrift zu erftinden und
anzuwenden. Die Massenverbreitung der in Mißbildungen
gezuchteten Kohlpflanze bedeutet eben einen (für uns aller⸗
dings durchäus wecdmäßigen) Eingriff in die naturgewollte
Rufteilung des Bodens unter die Pflangenwelt, dem die
Ratur fortgesetzt den größten Widerstand (bier in Form
der Weißklinge) entgedgenstellen wird
Es wäre alio verfeblt, bei bestimmten Zweigen des
Pflanzenbanes auch nach bestimmten Vogelschützeinrichtun—
gen zu suchen, zumal wir jeden unserer gefiederten Helfer
rea oenioie Grfülsund der Gesamtheit der Lobßens-