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—Die Herren Bürgermeister wollen für mehrmalige
ortsübliche Veröffentlichung vorstehender Belkannt⸗
machung Sorge tragen. J
Saarbrücken, den 1. Mai 1915. »
Der Zivilvorsitzende der Ersatzkommission
des Aushebungsbezirls Saarbrücken⸗Land.
J. A.: Sommer, Regierungsassessor.
Die schon vorgerückte Jahreszeit und die jetzt
naturgemäß eintretende starke Lichtung der Kartoffel⸗
porräte durch das Auslesen von Saatgut mahnt zur
inßersten Sparsamkeit bei der Berwendung der
startoffeln. Sich bei dieser Sparsamkeit zu be—
teiligen, ist die aterländische Pflicht jedes Ein⸗
zelnen. Ich habe das Vertrauen, daß das Eisenbahn⸗
personal, das in der Kriegszeit seine verstärkten
Dienstpflichten in musterhaftester Weise erfüllt,
auch diese weitere vaterländische Pflicht ver—⸗
ständnisvoll und gern übernehmen und auch für die
Aufklärung außerhalb der Kreise der Verwaltung
Sorge tragen wird. Auf die folgenden Punkte mache
ich besonders aufmerksam:
1. Bei der Aufbewahrundg der Kartoffeln ist
die größte Vorsicht zu beobachten, damit sie nicht durch
Fäulnis oder durch zu starkes Austreiben verderben.
Nicht ganz tadellose Knollen sind zuerst zu verwenden,
damit sie nicht weiter Not leiden und auch andere
Kartoffeln nicht anstecken.
2. Aeußerste Sparsamkeit ist beim Zubereiten
der Kartoffeln in der Küche nötig. Es darf
nicht mehr gekocht werden, als für die einzelne Mahl⸗
zeit unbedingt erforderlich ist. Kartoffeln sollen au 8⸗
nahmslos nur in der Schale gekocht werden. Die
in dem Schälen der rohen Kartoffeln lie—⸗
gende Verschwendung menschlicher Nah—⸗
rungsmittel verstößt unter den jetzigen VBer⸗
hältnissen gegen die vaterländischen Pflichten. Auch
nicht ganz tadellose Knollen müssen, soweit dies nur
irgend angängig, in der Küche für menschliche Nah⸗
rung verwendet werden. Bei gutem Willen und zweck⸗
mäßiger Behandlung läßt sich hierbei viel erreichen.
Den Hausfrauen erwachsen dadurch neue Aufgaben.
Ihre Familienangehörigen müssen sich mit dem ihnen
durch die Küche Gebotenen abfinden.
3. Es ist unbedingt darauf zu halten, daß die
vorstehend behandelten Gesichtspunkte über die Auf⸗
sewahrung und die Zubereitung der Kartoffeln von
allen Bahnwirten befolgt werden. Diesen ist sofort
unbedingt zu verbieten, rohe Kartoffeln zu schälen.
Die Bahnwirte sind zu kontrollieren. Im Üübrigen
nehme ich wegen der Bahnwirte auf den Erlaß vom
201
24. März d. Is. — V. 34. 88 — Bezug. Vie hiernach
R. M. 1344/15.
zu führenden Verhandlungen sind aufs äußerste zu be⸗
schleunigen. Gleiche Anordnungen gelten für die
Speisewagenbetriebe in Verfolg des den Koniglichen
Eisenbahndirektionen in Bromberg, Danzig und Frank⸗
furt ( Main) durch den Erlaß vom 26. Februar d. Is. —
II. 26. Of. 1356 2
— — erteilten Auftrags.
4. Darauf, daß die Tiere (namentlich die
Schweine) den Menschen die Nahrung nicht wegneh⸗
men sollen, habe ich bereits wiederholt hingewiesen.
Es sind jetzt schon Fälle bekanntgewor—
den, in denen Familien bei Zurückhal—
tung ihrer Schweine durch die Verfütte—
rungihres Kartoffelvorrats indie größte
Berlegenheit gekommen sind, indem sie jetzt
zu ihrer eigenen Nahrung keine Kartoffeln mehr haben
und solche in ihrem Dorfe auch nicht kaufweise erwer⸗
hen konnten.
5. Aeußerste Sparsamkeit muß beim Pflanzen
der Kartoffeln beobachtet werden. Wenn es auch
zu anderer Zeit am besten ist, mittelgroße Knollen (in
hühnereigröße), und zwar unzerschnitten zu pflanzen,
so müssen unter den jetzigen Verhältnissen die Kar⸗
roffeln von dieser Größe ebenso wie die größeren Knol⸗
en zerschnitten werden. Knollen, die erheblich kleiner
ind als Hühnereigröße, sind unzerschnitten unter den
etzigen Verhältnissen immer noch zum Pflanzen zu
herwenden. — Sie müssen aber jedenfalls größer als
daselnüsse sein. Werden diese Grundfätze befolgt, so
cäßt sich zugunsten der gegenwärtigen
nenschlichen Ernährung eine große Menge von
startoffeln ersparen. Das Zerschneiden der Kartoffeln
nuß so frühzeitig vor dem Pflanzen erfolgen, daß
ich die Schnittfläche noch mit dem vor Fäulnis schützen⸗
»en Wundkork überziehen kann. An jedem Teilstück
nuß sich mindestens ein Auge befinden. Die triebkräf⸗
igsten Augen sitzen bekanntlich an der Krone der Kar⸗
toffel.
. Mit Rücksicht auf das gebotene äußerste Haus⸗
halten mit den Kartoffelbeständen muß ganz allgemein
geprüft werden, ob nicht Flächen, deren Bestellung mit
Spätkartoffeln bisher in Aussicht genommen war,
mit Gemilsen zu besetzen, oder mit Mohrrüben (gelbe
Rüben) und dergl. zu besäen sind. Zur Aussaat von
Mohrrüben ist jetzt die höchste Zeit. Jedenfalls
müssen Setzlinge der verschiedenen Kohl—
rrten, von Speise-Kohlrüben und dergl.
in ausreichender Zahl jederzeit zur Ber—
fügung stehen, selbst auf die Gefahr hin,
daß sie später nicht gebraucht werden. Solche
deranzucht kann, wenn sie nicht anderweit ge⸗
währleistet ist perwaltungsseitig (etwa je für
einen Betriebsamtsbezirk) erfolgen. Der wieder—
dolt empfohlene und wegen der hohen da—
ür festgesetzten Preise besonders ein—
rägliche Bau von Frühkartoffeln darf dage—
gen, soweit Saatgut vorhanden oder noch
zu erlangen ist, unter keinen Umständen be⸗—
schränekt werden, denn es kommtjetzt darauf
an, die Kartoffelvorräte so rasch wie nur
irgend möglich zu ergänzen. Frühkartoffeln
erfordern, worauf ich hier besonders aufmerksam mache,
vegen ihrer kurzen Wachszeit einen recht nahrhaften
Rydert
Von diesem Erlaß wolle jede Direktion mit größt⸗
möglicher VBeschleunigung durch eine unbedingt
seistungsfähige Druckerei eine große Auflage in Buch—
druck herstellen lassen und dafür besorgt sein, daß jedem
Beamten und Arbeiter des Direkttonsbezirks ein Ab—
druck eingehändigt wird. Die Anweisungen über die
Verteilung sind sofort nach Eingang dieses Erlasses
ruszufertigen, damit sie unmittelbar nach Ablieferung
der Stücke aus der Druckerei abgehen können. Mit
dem Beginn der Versendung ist auch nicht zu warten,
bis die ganze Auflage abgeliefert ist.
Berlin, den 3. April 1915.
Der Minister der öffentlichen Arbeiten.
J. V.: Stieger.
Saarbrücken, den 7. Mai 1915
Der Königliche Landrat
unor Mindnuel.