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Ansteckungsfähigkeit sind zwei ganz verschiedene Dinge, beides
fällt, wie die taͤgliche Erfahrung lehrt, nicht zusammen.
Wer stets in reinlicher Umgebung lebt, der wird sich
schwer vorstellen können, wie die Auslebungen eines Typhus⸗
kranken auf andere Menschen übergehen sollen.
Allenfalls wird er begreifen, daß das Pflegepersonal
oder Wäscherinnen. die mit dem Kranken oder seiner be⸗
schmutzten Leib- und Bettwäsche vielfach in Berührung
kommen, sich auf diesen Wege von dem Kranken anstecken,
wie das leider nur zu häufig auch geschieht. Aber, daß noch
andere Wege der unmittelbaren Ansteckung und recht viele
vorhanden sind, kann der würdigen, der die überfüllten und
wenig sauberen Wohnstätten unserer armen und ärmsten
Bevölkerung kennt. Schon in unbemerkbaren Spuren von
Stuhlgang, in dem kleinsten Tröpfchen Urin können bei ihrer
äußerftien Kleinheit zahllose Typhusbazillen enthalten sein.
Man braucht nur einmal gesehen za haben, wie dieselbe
Hand jetzt ein gefülltes Nachtgeschirr ausleert und dann so—
fort ein Batterbrot zubereitet, zum Mehlkübel greift oder
Gemüse für den Martthandel zurechtlegt, um den Zusammenhang
vieler Typhuserkrankungen, auch über Entfernungen
hinweg, zu verstehen. Vollends wenn man bedenkt, daß
auch das einfache Waschen mit Wasser und Seife die Typhus⸗
bazillen weder entfernt, noch abtötet. Der Geistliche oder
der Lehrer, der freundlich die ihm dargebotene Kindeshand
annimmt, hält vielleicht eine saubere aber noch keine des—
infizierte Hand in der seinigen. Kinder spielen eine wich—
tige Rolle bei der Typhusuübertragung. Erfahrungsgemäß
erkranken sie häufig, aber meistens nicht schwer und nur
wenige Tage an Typhus. Aber auch sie scheiden in der
Krantheit und voch nachher Typhusbazillen aus. Ihr Mangel
an Reinlichkeitssinn, ihre Neugierde, ihre Beweglichkeit, ihre
große Anzahl und die bei der kinderreichen, armen Be—
völkerung durchweg bestehende Gewohnheit des Zusammen-—
schlafens von Erwachsenen und Kindern machen sie zu recht
häufigen Vermittlern neuer Typhuserkrankungen. Und wer
unter diesem Gesichtspunkt Kinder beobachtet, die im Schmutz
der Straße, in den Gossen, auf den Misthaufen, kurz an
allen möglichen Orten zu spielen keinen Anstoß nehmen, die
der reinliche Mensch gern vermeidet, der wird auch hier
wieder durch die Beobachtung an eine recht erhebliche Anzahl
von Wegen der Typhusübertragung geführt.
Daß tatsächlich auf die geschilderten Arten vielmehr
Typhusansteckungen vorkommen, als man gemeinhin anzu—
nehmen pflegt, lehrt leider die ärztliche Beobachtung fast täg⸗
lich. Da wir nun aber wissen, wo der Ansteckungsstoff der
Typhuskrankheit zu suchen ist, sind wir auch in der Lage
ihn zu finden und zu vernichten.
Es ist ja klar, daß Typhusansteckungen vollständig auf—
hören müßten, wenn die Entleerungen eines jeden Typhus—
kranken, selbstverständlich auch der allerleichtesten Fälle, sofort
nach dem BVerlassen des Körpers durch Desinfektion un—
schädlich gemacht würden und wenn diese Desinfektion auch
nach der Genesung noch so lange fortgesetzt würde, als Typhusbazillen
in den Entleerungen gefunden werden.
Diese Ucberlegung ist der Grundgedank, der von den
Behörden geplanten und organisierten, stematischen Typhus⸗
bekämpfung. Um von vornherein zu verhindern, daß durch
die Entleerungen der Typhuskranken größere Ausbrüche der
Seuche namentlich in ländlichen Gegenden verursacht werden,
was bei der großen derzeitigen Verbreitung des Typhus im
Lande sehr leicht eintreten kann, müssen allerorts die Wasser—
versorgungen und die Abfuhrverhältnisse sicher gestaltet werden.
Man wird also leicht zu verunreinigende Brunnen beseitigen
und wo irgend angängig, gute Wasserleitungen anlegen.
Durch Abdichten der Dung⸗ und Jauchegruben wird man
verhindern, daß ihr Inhalt von selbst oder durch Regengüsse
auf die Straßen, in vorbeifließende Bäche oder vielleicht so—
gar in die Häuser selbst geschwemmt wird. Eine ganze An⸗
zahl von allgemeinen örtlichen Verbesserungs-Maßnahmen
sind unter diesem Gesichtspunkt gar nicht zu entbehren. Gleich—
zeitig aber wird man mit allem Nachdruck darauf ausgehen,
jeden einzelnen Typhuskranken so zu behandeln, daß von
ihm Ansteckungen nicht mehr ausgehen können. Zum Schutze
zunächst seiner eigenen Familie und Wohnunasgenossen muß
er streng abgesondert von ihnen und seine Pflege geeigneten
Persönlichkeiten anvertraut werden. Alles was er während
seiner Krankheit und darüber hinaus während seiner An—
teckungsfähigkeit berührt oder benutzt hat, muß sorgfältigst
desinfiziert werden. Selbstverständlich in allererster Linie
seine Entleerungen und Ausscheidungen in dieser ganzen
Zeit. Da man ihm nach der Wiederherstellung nicht an—
sehen kann, ob er noch ansteckend ist, so muß diese Fest—
stellung ducch besondere Verfahren aus seinen Entleerungen
erfolzen d. h. die dakteriologische Untersuchung derselben muß
auch nach der Genesung so lange fortgesetzt werden, bis der
Befund von Typhusdazillen dauernd aufhört. Und so lange
diese Bazillen noch gefunden werden, bleibt der Betreffende
als ansteckend den Maßregeln unterworfen, die zum Shhutz
seiner Angehsrigen, seiner Berufsgenossen oder seiner Kund—
schaft usp. nötig sind. Da es, wie erwähnt, auch Typhus—
kranke gibt mit so leichten Krankheitserscheinungen, daß nur
die bakteriologische Untersuchung sie als solche herausfinden
kann und da erfahrungegemäß derartige Fälle sih beinahe
regelmäßig in der Umgebung eines deutlich Kranken, be—
sonders unter den Kindern vorfinden, so liegt auf der Hand,
daß man auch nach diesen suchen muß.
Es werden deshalb die Uatersu hungen auch auf die
sämtlichen Familienmitglieder bezw. Wohnungsgenossen aus—
gedehnt und daß dieser Vorgang gerechtfertigt und nicht
üherflüssig ist, hat die in einer recht stattlichen Reihe von
Fällen gelungene Auffindung unbemerkt gebliebener Typhuskranker
bewiesen. Sehr oft kommt es vor, daß jolche
leichteren, nicht unter dem üblichen Bilde des Typhus ver⸗
laufenden Erkrankungen andere harmlose Krantheitsnamen
führen, besonders auch weil sie kaum jemals in ärztliche Be⸗
zandlung kommen. Da sich gerade unter den Kindern auf—
rällig oft derartige Typhuserkrankungen befinden, so ist die
Kontrolle der Kinderschar eines Ortes von der größten Wich—
tigkeit für die Bestimmung aller in dem betreffenden Orte
vorhandenen Typhuserkrankungen. Diese Kontrolle findet
wie begreiflich am schnellsten und vollständigsten in den
Schulen statt, wo einerseits die Schulversäumnislisten zu—
ammen mit den Auskünften der Schulleiter wertvolle An—
haltspunkte bieten und andererseits der größte Teil der
Kinderschar persönlich anwesend ist. Gerade diese Schul—
kontrolle hat sich als ein außerordentlich wertvolles Hilfs⸗
mittel bei Typhusermittelungen herausgestellt. Sie hat sich
zu erstrecken sowohl auf die am Tage der Schulbesichtigung
fehlenden als auch auf diejenigen Schulkinder, welche vorher
länger als 5 Tage hintereinander den Unterricht versäumt
haben. Bei diesen Kindern sind alsdann diejenigen Krank—
— —
den bestehenden oder bereits abgelaufenen Typhus vecmuten
lassen. Solche Zeichen sind insbesondere: Kopfschmerz, Be—
nommenheit (im Volksmunde: Durcheinandersein im Kopfe),
Abgeschlagenheit, Nasenbluten, belegte Zunge, Leibschmerz,
Durchfall, Haarausfall, langsame Erholung usw. Selten