Full text : Saarbrücker Kreis-Blatt

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Ir. 46.

Montag den 16. November

1888

Bekanntmachungen der Central-Behörden.
Ansprache an die Bevölkerung über Wesen
und Ziele der bevorstehenden Volkszählung.
Kurze Zeit nur trennt uns noch von dem Tage, an welchem
die vierte allgemeine, vom Bundesrate des deutschen Reiches be⸗
chlossene Volkszählung stattfinden soll. Allerorten werden in den
etzten Tagen des Monats November freiwillige Zähler an die Thü⸗
ren der Haushaltungen klopfen und dort mit einem Haushaltungs⸗
Verzeichnisse ebensoviele, in einen offenen Zählbrief eingeschlagene
Zählkarten ühergeben, wie Personen zur Kanabaunng gehoören.
Die Zählung wird wiederum am 1. Dezember vorgenommen
werden. Sie ist ein großes, umfassendes Werk, durch welches von
sedem Bewohner des Staates, der um die Mitternachtsstunde
wischen dem 30. November und 1. Dezember ds. Is. lebt, der
Vor- und Familienname, das Geschlecht, das Alter, der Fami—
jenstand, der Geburtsort, das Religionsbekenntniß, der Beruf und
Berufszweig, die Staatsangehörigkeit u. s. w. ermittelt werden
oll. Alle diese Angaben werden alsdann im königlichen statistischen
Bureau zu Berlin aufbereitet und zu Uebersichten manuigfacher
Art zusammengestellt, welche erfordert werden durch die Gesetzzehung
 und Verwaltung, durch die Wissenschaft und die Bedürf—
aisse des täglichen Lebens.
Die Zählbriefe, Haushaltungs-Verzeichnisse und Zählkarten
find das Handwerkszeug, init dessen Hülfe die Volkszahlung alle
jene wissenswerthen Nachrichten sammelt, sie in vielseitigster Weise
nit einander und zu einemn Gesammthilde über die Bevölkerung
derbindet und einen so vollen Einblick in die innersten Verhältnisse
 des Volkslebens gewährt, wie er in gleicher Vollständigkeit
ind Zuverlässigkeit auf keine andere Weise gewonnen werden
ann. Die gegenwärtige, wohl kaum 'noch angefochtene Erheb—
uingsmethode hat dabei den Vorzug vor dem älteren Verfahren
nit Listen, daß die Gruppierung der Millionen von Einzelangaben
m Bedürfnißsalle noch während der Aufbereitung nach anderen, als
den ursprünglich in das Auge gefaßten Gesichtspunkten erfolgen
tann. Es ist dies ein Vorzug von hoher Bedeutung, da jetzt be⸗
'anntlich nur von fünf zu fünf Johren neue Nachrichten über den
Stand der Bepölkerung ermittelt, werden, in der Zwischenzeit aber
dei allen einschlagenden Untersuchungen auf die Ausnutzung der
Ergebnisse der leßten Volkszählung zurückgegangen, werden muß.
Es ist Sache der Pflicht und liegt im Interesse eines jeden
Staatsbürgers, und insbesondere eines sjeden Haushaltungsvorstan⸗
des, zum Gelingen des Gesammtzählungswerkes nach besten Kräften
beizutragen, das ihm hehändigte Haushaltungs-Verzeichniß nebst
den zugehörigen Zählkarten vollständig und sachgemäß auszu⸗
füllen und. den eines Ehrenamtes waltenden Zähler zu unter—
tützen. Möchten recht viele gemeinnützig gesinnte Männer dieses
jür Staat und Gemeinde gleich wichtige Amt übernehmen!
Niemand hat vor der wahrheitsgemäßen Beantwortung, der
auf der Zählkarte gestellten Fragen für sich selbst oder seine
Familie den geringsten Nachtheil zu befürchten, denn es werden
seitens des königl. statistischen Büreaus niemals durch die Volks—
zählung gewonnene Nachrichten über einzelne Personen veröffent⸗
licht oder irgend wohin, auch nicht an Behörden, mitgetheilt und
?ebensowenig werden diese Nachrichten im Interesse der Steuer⸗
oerwaltung oder sonst zu fiskalischen Zwecken verwertet.
Dagegen stehen mit dem Ergebnisse der Erhebung die bedeut⸗
amsten staatsrechtlichen und offentlichen Fragen in Verbindung
So dient der durch die Volkszählung ermittelte Stand der Be—
oblkerung alz Maßstab für die Vertheikung des Ersatzbedarfes
ür das Reichsheer und die kaiserliche Marine, für die Aufbrin⸗
zgung der von den einzelnen Bundesstaaten an das Reich zu zah—
enden Natrifusarbeiträge. für die richtige Vertheiluno manniafacher.

für Stgats- und Gemeindezwecke aufzubringender Lasten oder
ffentlicher Vortheile für die Berechnung der auf die einzelnen
Bundesstaaten entfallenden Antheile an den gemeinsamen Zöllen
und Verbrauchssteuern, für die Ueberweisung eines Theiles des
dem preußischen Staate zufließenden Ertrages der Getreide- und
Viehzolle an die Kommunalverbände, für die Abgrenzung der Wahl—⸗
ae für das Ausscheiden von Städten aus dem Kreisverbande
und viele andere wichtige Angelegenheiten.
Unstreitig ist die Volkszählung das beste Mittel für ein
Volk, sich selbst kennen zu lernen und sich über seine Große und
Bedeutung zu unterrichten. Schätzt man doch die Wichtigkeit der
einzelnen Ortschaften, Kreise und Provinzen zunächst allgemein
nach deren Volkszahl, welche, in Europa wenigstens, auch das
Maß der Kraft der einzelnen Staaten ist. Wie sehr die Stärke
des preußischen Staates im Laufe dieses Jahrhunderts solcher⸗
zestalt zugenommen hat, zeigen folgende Zahlen. Die Bevölke⸗
rung Preußens betrug im Jahre 1810 4498000, 1820 11272000,
830 12 938 000, 1840 14929000, 1850 16608000. 1860 1826500,
870 215668000 und 1880 27 279000; sie wird am 1. Dezbr. d. Jmindestens
 28*/. Millionen erxeichen, Mit der Zunahme der
Volkszahl steigt, sofern die Größe des Staatsgebietes unverändert
geblieben ist, die Dichtigkeit des Zusammenwohnens; eine dichte
Hevoölkerung ist aber nicht blos ein Merkmal bedeutender und
stark ausgenutzter Produktivkräfte, sondern eine Produktivkraft
elbst und ein hochwichtiger Antricb zur wirthschaftlichen Benutzung
der übrigen im Staate vorhandenen Kräfte. Unbestritten ist die
hedeutende Bepölkerungszunahme des vreußischen Staates die
reibende Ursache seiner hohen Machtstellung und wirthschaftlichen
Bröße, wie gleichmäßig derienigen des deutschen Reiches gewesen.
In ähnlicher Weise, wie hier bezüglich der bloßen Zahl der
Bevölkerung angeordnet worden ist, werden auch aus den über
Zeschlecht, Ulter, Familienstand, Geburtsort, Religionsbekenntnis,
Beruf, Staatsangehörigkeit u. s. w. der Bewohner, den über die
Zusammensetzung der einzelnen Haushaltungen und den über die
Wohnstätten erhobenen Angaben Nachweise gewonnen, welche sich
zielseitig nutzdar machen lassen und namentlich zur Erkenntnis
der Zustände und Bedingungen führen. unter welchen unser Volk
lebt, schafft und arbeitet.
Da die Unterlagen für alle Untersuchungen über die Volks—
kraft und das Volksleben zum größten Theile nur auf dem Wege
einer allgemeinen Volkszählung gewonnen und auch nur auf Grund
der Ergebnisse derselben durchgeführt werden können, so leuchtet
ein, daß dieser Erhebung eine große Bedeutung inne wohnt. Der
. Dezember 1885 ist also für unser Volk und für unser Staats—
eben ein Tag von besonderer Wichtigkeit! Jede im Haushaltungs—
Lerzeichnisse und in der Zählkarte verlangte Auskunft ist un—
entbehrlich, und deshalb ist es die Pflicht eines jeden Haushalt—
ungsvorstandes, sich der geringen Mühe zu unterziehen, diese
Zählpapiere nach der Anleitung, welche auf der inneren Seite des
Zählbriefes zu finden ist, nach bestem Wissen genau und möglichst
vollständig auszufüllen. Bei einem innigen Zusammenwirken der
Behörden, der Zählkommissionen, der Zähler und der Bewohner
elbst wird auch die bevorstehende Volkszählung gleich den vor—
hergegangenen, dem preußischen Staate verläßliche Auskunft über
vie Höhe und den gegenwärtigen Zustand seiner Bevölkerung geben.
Das königliche statistische Bureau seinerseits aber wird keine
Mühe scheuen, um zunächst die Hauptzahlen der Erhebung, welche
hegreiflicherweise allgemein mit Spannung erwartet werden, so
rasch wie möglich zur öffentlichen Kenntnis zu bringen, ihnen
dann aber das ausführliche Ergebniß baldiast Mae zu lassen.
Berlin, im November 1885.
Ksnigliches statistisches Bureau.
Rlenk.
            
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