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Ar. * —
Montag, 29. November
1886.
Bekanntmachung der Centralbehörden.
Zweck und Ziele der am 1. Dezember 1880 bevorstehenden
Volkszählung.
Endlich sind wir in Beutschland in den fünfjährigen
Turnus der Volkszählung eingerückt. Zwar war schon im
Jahre 1870 für die Staaten des Norddertschen Bundes
eine von fuünf zu fünf Jahren wiederkehrende Ermittelung
der Volkszahl in Aussicht genommen; allein der Krieg mit
Frankreich verhinderte die Zählung in diesem Jahre und
nachte ihre Verschiebung nothwendig. Ver bereits im
Februar 1871 erfolgte glückliche Ausgang des Krieges ge—
tattete, daß die Zählung am 1. Dezember 1871 nunmehr
m ganzen Dentschen Reiche nach übereinstimmenden
Grundsätzen bewerkstelligt werden konnte. 1875 ward von
Neuem das Volk desselben gezählt; zwischen dieser Auf—
nahme und der vorausgehenden lag jedoch nur ein Zwischen⸗
raum von 4 Jahren; erst die Zählung im Jahre 1880
erfolgt nach einem Verlauf von fuͤnf Jahren, und hoffe nt—
lich tritt Dem nun kein Hinderniß mehr entgegen, daß am
Schlusse jedes Jahrfünsts eine solche stattfinde.
Man könnte sagen, daß die Zählungsintervalle von
jünf Jahren gegen die im Zollverein seit 1834 üblich ge—
wesene dreijährige ein Rückschritt sei. Allein Das ist doch
nicht der Fall. Die Zollvereins⸗-Zählungen hatten einen
rein fiscalischen Zweck, und zwar den der richtigen Ver—
theilung der Einkünfte des Zollvereins auf die Staaten
desselben nach Maßgabe ihrer sogenannten Zollabrechnungs-Bevölkerung;
sie setzten damit leicht in Verbindung zu
bringende anthropologische und staatsökonomische Ermitie—
ungen ganz bei Seite. Wenu solche gleich »ohl in einzelnen
Vertinsstagten vorgenommen wurden, so geschah Dies ledig—
lich auf deren Veranlassung und in deren Interesse. Da—
gegen verfolgen die Zählungen im Deutschen Reiche neben
ähnlichen fiscalischen Zwecken, wie jene des Zollvereins, auch
noch wichtige staatsrechtliche. Die Ergebnisse der Volkszählun—
zen sind die Grundlage für die Bemessung der Matricular—
beiträge, für die Ersatz- Aushebung, für die Bildung der
Reichstags-Wahlkreise u. s. w. Der größere Umfang der
Zählungen und der Mehraufwand von Zeit zur Aufbereitung
der Zählpapiere macht daher auch eine längere Pause zwischen
den einzelnen Aufnahmen zur Nothwendigkeit. —
Die heutige Ausbildung der Statistik gestattet in Staaten
mit Bevölkerungen von guter Schulbildung, die Volks—
zählung in allen Wohnplätzen an einem bestimmten Tage,
ja zu einer bestimmten Stunde auszuführen, so daß Doppel⸗
ngen und Zähllücken nur in verschwindend kleinen
engen vorkommen können. Das ist sicher ein sehr großer
Fortschritt. Allein, mag die Kenntniß der bloßen Zahl
der Menschen für viele Zwecke genügen, so ist sie doch
nur ein Minimum Dessen, was man von den Bewohnern
eines Staates wissen muß. Der Mensch lebt, wo es auch
sei, gleichzeitig ein physisches und geistiges, ein sittliches
und religiöses, ein wirthschaftliches oder sociales und hier—
durch wieder ein politisches Leben. Die Zahl weist nur
die Existenz der Menschen oder Bewohner nach; sie sagt
aber Nichts aus über deren Beschaffenheit. Zwischen
Menschen und Menschen ist jedoch ein gewaltiger Unter—
schied. Geschlecht, Alter, Familienstand, Religion, Natio—
nalität, Beruf, Amt, sociale Stellung, Erwerbsfähigkeit
u. s. w. bedingen so viel Mannigfaltigkeiten, daß ohne ihre
——
unter Umständen bis zur Bedeutungslosigkeit herabfinken kann.
Dank den Bemühungen der internationalen statistischen
TCongresse sind die Volkszählungen, in Verbindung mit den
Aufnahmen über die Bewegung der Bevölkerung, wegen
ihrer Erstreckung über alle Schichten derselben nachgeraäde
eins der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Mitiel zur
Messung des Volkswohlstandes geworden, dessen leider uner—
reichbares Ideal ist, daß jeder einzelne im Volke den ihm
von seinem Schöspfer gesetzten Lebenszweck erreiche. Einer
der bedeutendsten Staatsrechtslehrer (der erst vor wenigen
Jahren verstorbene R.v. Mohl) bezeichnete als Theile
des Lebenszweckes:
1. Erhaltung des eigenen Lebens und der Gesundheit
(als Bedingung alles Weiteren);
Fortpflanzung des Geschlechts (als Bedingung der
Fortdauer);
sittliche und religiöse Bildung (als Grundlage der Ge—
meinsamkeit und der Richtung für das ganze Leben)
Verstandesbildung (als hauptsächliches Pittel zur Er—
reichung der übrigen Aufgaben);
ästhetische Bildung (als Blüthe der übrigen geistigen
Richtungen);
behaglichen Lebensgenuß (theils Folge der bisherigen
Aufgaben, theils erst erlaubt, wenn diese gelöst sind):
Nicht jeder Mensch ist so glücklich, diese ganze Reihen
folge der einzelnen, unter sich verbundenen Zwecke zu durch
Eben; allein Das unterliegt keinem Zweifel, daß, je mehr
Bewohner eines Volkes dieses Glückes theilhaftig werden,
desto größer man den Wohlstand desselben nennen und vreisen
darf.
Ueberblickt man nun die durch den internationalen
ftatistischen Congreß zu St. Petersburg auf's Einfachste
zurückgeführten und formulirten Vorschristen für die Volks—
zählungen, und vergleicht man das über die Bevölkerung
zu Erhebende mit jenen Zwecken, so erkennt man sofort,
daß aus Ermittelungen solcher Art sehr wohl schon an und
für sich zutreffende Schlüsse auf den Volkswohlstand ge—
zogen werden können, noch weit sicherere aber dann, wenn