erbittern, daß man ihr einredet, sie habe ungemessene Ver—
sprechungen empfangen. Die Regierung steht diesem Bestreben
mit Bedauern, aber ohne Besorgniß gegenuͤber. Sie vertrauf
auf eine vielbewährte Eigenschaft des deutschen Volkscharakters.
Unser Volk weiß, daß große Verbesserungen und wahre Fortschritte
sich langsam vollziehen und langsam die belohnenden Früchte
igen. Das deutsche und insbesondere das preußische Vollk
hdat die fehhien Proben abgelegt von unerschütterlicher Stand—
haftigkeit in dem Beharren auf dem als heilsam erkannten
Wege, von thätiger Geduld unter schweren Vertͤngnissen bei
langsam auftauchendem Hoffnungsschimmer. Das deutsche
Volk ist weniger wie ein anderes der Lockung zugänglich:
»Von dem, was F heute angefangen, müssen Euch morgen
die Früchte in den Schooß fallen.«
Die Regierung hat die Wirthschaftsreform mit klaret
Ueberzeugung und in fester Zuversicht unternommen, in welchet
sie dürch alle bisherigen Wirkungen nur bestaͤrkt worden ist.
Aber die Regierung weiß vollkonmmen, daß, was sie be—
gonnen, ein Werk ist, zu dem eben nur der Grund gelegt
worden, das nicht vollendet werden kann, ohne den ferneren
einsichtigen und willigen Beiftand der Vertretungen im Reichs—
tag und Landtag, das keine Früchte bringen kann, als durch
die besonnene, von Uebertreibung und Ungebuld freie Aufnahme
und Unterstützung aller Volktsklassen.
In Bezug auf den geschäftlichen Gang, welchen die An⸗
gelegenheit der Simultanisirung der Knabenschulen in Elbing
genommen, ist Folgendes mitzutheilen: Der erledigende Be⸗—
richt der Regierung zu Danzig, datirt vom 24. September d. J.,
traf am 29. September auf dem Kultusminifterium zu Bersin
ein; der gutachtliche Bericht des Ober-Präsidenten von West—
preußen, datirt vom 29. September, ging dem Ministerium
am 3. Oktober zu. Hierauf wurde der Koͤniglichen Regierung
darzig am 7. Oktober durch eine Depesche angezeigt,
aß der Kuͤltusminister sich für das Fortbestehen der kathoͤlischen
Knabenschule entschieden habe, und daß der Magistrat zu Elbing
von dieser Entscheidung in Kenntniß zu setzen sei. In der De—
pesche war eine eesaaene in Aussicht gestellt, welche unter
dem Datum des 8. Oktober an die Regerung zu Danzig er⸗
ging. Als hierauf eine Deputation der Gemeindebehörden von
Elbing bei dem Kultusminister erschienen und mündlich be—
schieden worden war, richtete der Magistrat von Elbing eine
durch die Deputation bereits angezeigte schriftliche Gegenvor⸗
unter dem 13. Oktober an das Ministerium. Diese
orstellung traf am 14. in Berlin ein und wurde durch einen
am 15. an den Magistrat abgesendeten, vom 14. datirten Be—
scheid erledigt.
Der Bescheid des Kultusministers lautet woörtlich:
Dem Magistrat kann ich auf die mir heute zugegangene
gefällige Zuschrift vom gestrigen Tage, betreffend die paritätische
Einrichtung der dortigen Knabenschulen, nur ergebenst erwie—
dern, wie ich weit davon entfernt bin, anzunehmen, daß andere
als sachliche 5 bei den von Wohldemselben in dieser
Beziehung getroffenen Maßnahmen zur Geltung gekommen sind
Ich habe nach Kenntnißnahme der Sachlage in meiner an die
Königliche Regierung zu dapug gerichteten Verfügung, nach
welcher dieselbe unsaüihed escheid dorthin ergehen lassen
sollte, was inzwischen wohl geschehen sein wird, auch nicht um⸗
hin gekonnt, ausdrücklich aͤnzuerkennen, daß der Magistral
Grund gehabt habe sich dem Glauben hinzugeben, es werde nach
der früher gestatteten Ueberführung der dorligen Mädchenschule
in das Simultansystem auch zur darschen Einrichtung der
Knabenschule die höhere Genehmigung nicht versagt werden, und
daß Demselben nicht der Vorwurf hengcht werden könne, im
Hinblick auf die Entwicklung des dortigen Schulwesens und
auf die von der Königlichen Regierung hierzu eingenommenen
Haltung in der kin sdenen Richtung lediglich einseitig vor⸗
gegangen zu sein. Ich muß aber zur Richtigstellung der Sachlagt
doch bemerken, daß von meinem Herrn Amtsvorgänger die
Genehmigung zur Simultanisirung der Knabenschulen nicht
ertheilt worden ist. Die Frage der dortigen paritätischen Schul⸗
einrichtung ist vielmehr erst in Folge eines im Jahre 1877 in
einem öffentlichen Blatte erschienenen Artikels voñn hieraus auf⸗
Verantwortlich: der Herausgeber Dr. ffriedritb Dörr
—V— dann meinerseits in Folge des Protestes katholischer
emeindeglieder Elbings gegen Ende dieses Sommers der näheren
Erörterung unterzogen und eine ministerielle Entscheidung vor
derjenigen vom 8. d. Mts. überhaupt nicht getroffen worden.
Wenn ich nun aber auch das Vorgehen des Magistrats
bis zu einem gewissen Punkte formell als berechtigt haͤbe an⸗
erkennen müssen, so kann doch in dem bloßen Gewährenlassen
der zunächst igehin Behörde für mich kein Grund liegen,
die allgemeinen Gesichtspunkte, welche ich in der Simultan—
chulfraͤge als maßgebend festzuhalten habe, unbeachtet zu
lassen, und dies um so weniger, als ich im vorliegenden Falle
zuch die von dem Magistrat für die Simultanisirung der
Knabenschulen im Besondern geltend gemachten Gründe nicht
für ausschläggebend zu erachten vernag.
Was nper die in der gefälligen Zuschrift mit beson⸗
derem Nachdruck als hauptsächlicher Beweggrund für die dort—
eits beabsichtigte Maßregel betonten weiten Entfernungen an⸗
langt, welche die katholischen Knaben zurückzulegen haben, wenn
sie die für sie bestimmte Schule besuchen sollen, so ist dem⸗
aree darauf hinzuweisen, daß 9 die zunächst betheiligten
atholischen Hausvaäter darüber nicht beschwert haben, und daß
chon jetzt 58— unter ihznen, welche den Vortheil eines
kurzen Schulweges höher anschlagen als den erziehlichen Nutzen,
der darin zu finden ist, daß ihre Kinder in einevr konfessionell
eingerichteten Schule uͤnterrichtet werden, dieselben in die evan⸗
— geschickt haben und fernerhin werden schicken können.
Ebensowenig kann ich den zweiten, bis jetzt übrigens in
den gesammten Verhandlungen nicht zur Sprache gebrachten
Gesichtspunkt, der fich auf die Ueberfüllung der unteren Klassen
in den evangelischen Knabenschulen bezieht, ein Uebelstand, dem
durch die Vereinigung derselben mit der katholischen Schule
abgeholfen werden soll, für durchgreifend halten. Die drei
ewangelischen Schulen mit ihren 15 Klassen zählen 1301 Schüler—
die katholische Schule mit ihren 5. Klassen deren 310. Der
Vortheil, welcher die verhältnißmäßig günstiger gestellte katho⸗
lische Schule in der Vereinigung mit den weniger günstig
stellten evangelischen Schulen dem Ganzen zuführen würdbde,
ist, wenn uüͤberhaupt vorhanden, doch jedenfalls so unerheblich,
daß dies keinen zureichenden Grund 8 die Simultanisirung
dieser Schulen abgeben kann, namentlich gegenüber der auch
von dem Magistrate nicht in Fere gestellten Thatsache, daß
die katholische Knabenschule mit ihrer Gliederung in fünf auf
steigende Klassen vollkommen im Stande ist, das der Volfs
chule gesteckte Lehrziel in befriedigender Weise zu erreichen.
Indem ich sonach bedauere, den Wünschen des Magistrats
nicht entgegen kommen zu können, gebe ich mich zugleich der
— hin, daß Wohlderselbe den in ihrer bisherigen Ver⸗
assung verbleibenden Schulen seine Fürsorge wie bisher so auch
fernerbsin bewahren wird.
Unser Kaiser hatte seine Ruckkehr nach Berlin um zwei
Tage verschoben. Die Abreise von Baden⸗Baden ist nunmehr
Idry Abend exfolgt, und der Kaiser ist heute Vormittag in
Berlin eingetroffen.
Der Kaiser und das Deutsche Reich haben einen treuen
und ausgezeichneten Diener verloren. Der Staatssekretär im
rn Amt, Staatsminister von Bülow, ist am Mon—
tag, den 20. Oktober, zu Frankfurt a. M. auf der Reise nach
Cannes im südlichen Frankreich, von einem Schlag getroffen
worden und den Folgen desselben an dem nämlichen Tage
erlegen. Den verstorbenen Minister zeichneten eine seltene
Arbeitskraft, ein edler, zuverlässiger Charalter und eine viel—
seitige geistige h aus. Dem Fürsten Reichskanzler war
er seit dem Jahre 1873, wo der Verstorbene den Posten des
Staatssekretrs im Auswärtigen Amte antrat, ein bewährter
Gehülfe. Die Liebenswürdigkeit seines Amgange haben die
Vertreter der fremden Regierungen nicht minder wie alle Ein⸗
heimischen, die mit ihm in persönliche Berührung kamen, zu
erfahren Gelegenheit gehabt.
Gedruckt Berlin in der Reichedruckerei.