Full text : Saarbrücker Kreis-Blatt

M 42.

Provinzial-Correspondenz. orcber Iscs.
Siebzehnter Jahrgang.

Die Beurtheilung der Wahlen vom 73. Oktober.
Nachdem das Ergebniß der Wahl vom 7. Oktober über—
sehen werden kann, liegen die Urtheile der Presse nicht blos
Deutschlands, sondern auch des Auslandes in ungewöhnlich
großer Zahl vor. Seit lange nicht war die allgemeine Auf—⸗
merksamkeit in gleichem Maße auf einen inneren preußischen
Vorgang gerichtet, wie nach dieser Wahl, deren Ausfall das
Interesse der Erwartung mehr gesteigert als beschwichtigt hat.
Die letztere Erscheinung giebt sich darin kund, daß das Urtheil
sich mit dee Emsigkeit auf die Ursachen, wie auf die
Folgen des Wahlergebnisses richtet.
Was die Ursachen betrifft, so suchte man dieselben in
den ersten Tagen von solchen Seiten, wo man uͤber den
Ausgang keine Befriedigung empfindet, in der Lässigkeit der
Wähler, von denen viele die dede versäumt, und
in der Entfaltung des Regierungseinflusses. Daß mit der
letzteren Behauptung eine ganz leere Beschuldigung ausge⸗
prochen worden, haͤben indeß liberale Stimmen selbst als⸗
bald anzuerkennen die Ehrlichteit gehabt. Auch die Berufung
auf die Lässigkeit der Wähler hat, man bald fallen gelassen.
Dieselbe wuͤrde eine Erklärung des Wahlausfalls doch nur dann
enthalten, wenn die ausgebliebenen Wähler nur den unterlegenen
Parteien zugerechnet werden müßten. Eine solche Annahme ist
ber nicht nur unbeweisbar und völlig unwahrscheinlich, sie
wurde auch, ihre Giltigkeit vorausgeseßt, umsomehr die Ab—
wvendung der Saͤumigen von dem bisher von ihnen vertheidigten
Lager, aͤlso die Umstimmung eines grehen Theiles der Wähler
deweisen. Diese Umstimmung wird denn auch mehr und mehr
von liberalen Stimmen d „nur werden ihre Gründe
nicht gesucht in einem wachsenden Vertrauen auf die Regierung,
sondern lebiglich in dem Zweifel an dem Erfolg der eigenen
Sache. Mañ spricht von Ueberdruß am politischen Leben, weil
alle Anstrengungen vergeblich seien u. dgl. Allein, weil es doch
gar zu unhaältbaͤr ist, die Stimmung des Landes als die einer
allgemeinen Hoffnungslosigkeit zu schildern, so ist auch diese
Ark zu urtheilen bereits verlassen worden. Man entschließt
ich, eine Reaktion von unten anzuerkennen, das Vorhanden⸗
sein verschiedener reaktionärer Stroͤmungen im Volke, die sich
unler Fuüͤhrung der Regierung zu einer großen Wirkung ver.
einigt hätten. Hier wird also anerkannt, daß das Wahlergeb—⸗
niß ebensowenig ein künstlich gemachtes, als ein der ungewöhn⸗
lichen Passivitaͤt der Wähler, die sich nicht nachweisen läßt,
zuzuschreibendes ist. Diese Ansicht über die Ursachen führt auf die
Foͤlgen der Wahl; denn wenn eine reaktionäre Strömung,
unterstützt von der Regierung, die Wahlen bewirkt hat, so ist
auch anzunehmen, daß dieseibe Strömung die nächste Periode
der Gesetzgebung beherrschen wird.
Das Wort Reaktion, das seiner ursprünglichen Bedeutung
nach mit Gegenwirkung zu übersetzen ist, hät im politischen
Leben eine engere Bedeutung erhalten. Hier versteht man
darunter die gewaltsame oder jedenfalls die willkürliche Wieder⸗
herstellung beseitigter Einrichtungen und Zustände. Eine solche
Reaktion sucht die fortschrittliche und ein Theil der liberalen
Tagespresse als herankommend, als sicher und unvermeidlich
ihren Lesern vorzumalen.
Was in Fortschrittsblättern auf eine nicht wiederzugebende
Weise gesagt ist, das wiederholen in weniger krassen Bildern
und in einer anständigen Sprache, aber immerhin mit einer
kaum begreiflichen Phantasie, auch angesehene liberale Zeitun—
gen. Eine derselben ist unermüdlich, seitdem sie das Wahl.
ergebniß kennt, ihre Freunde auf den angeblichen reaktionären
Sturm vorzubereiten, wobei der Trost, den sie nicht zu spenden
unterläßt, daß an der Macht der Dinge doch alle Reaktion
scheitern müsse, ihr nur dazu dient, die Heftigkeit des Ver.
suches für die Phantasie ihrer Leser um so eindringlicher zu
machen. Eine andere Zeitung vergleicht das neue Abgeordneten.
haus mit der unfindbaren Kamnier zur Zeit Ludwigs XVIII
in Frankreich. So wie damals das Ministerium immer nock

liberaler gewesen, als die Kammer, aber dennoch von der—
selden wener fortgezogen worden, als es gewollt, so sei beute
das Verhältniß in Preußen.
»Im Ministerium würde man sicherlich nicht Einen finden,
der wunschen möchte, die Schraube hinter das, Jahr 1806 zurück⸗
zudrehen. Unter den Ultras der Kammer würde gar Mancher
zuch noch die fridericianische Zeit, auslöschen en absolute
Monarchie mit einem privilegirten alle böheren Aemlter monopoli⸗
sircnden Adel und einer mit weltlichen Zuchtmitteln ausgestatteten,
Wissenschaft, Schule und Literatur bevormundenden Kirche — so
ungefähr würde das Ideal derjenigen aussehen , welche den äußer⸗
sten Flügel der neuen Majorität bilden.«
Die Zeitung glaubt selbst nicht an die Verwirklichung
solcher Gedanken, obwohl sie meint, es seien in diesem Jahr
Dinge geschehen, die man noch im vorigen für unmoͤglich
dehalten. Aber wenn das Blatt kein Bedürfniß fühlt, »die
dage schwärzer zu malen als sie ist«, so mahnt es doch,
aule Kraͤffe, guch die des Fanatismus, aus denen die Partei
der in den Wahlen sich kundgebenden Bewegung besteht, in
Anschlag zu bringen. Ganz, ohne Besorgniß vor Versuchen,
das zu“ unternehmen, was sie selbst für AUngeheuerlichlkeiten
hält, ist also diese Zeitung doch nicht.
Wer sich einige Ruhe des Urtheils bewahrt, der kann, wo
er auch sonst stehen mag, das Erstaunen nur auf die Un—
geheuerlichkeiten der liberaͤlen Presse, auch der sonst besonnenen,
lichten. Die Beschwörung solcher Phantasiebilder läßt eine Er—⸗
klaͤrung in der That nür durch die Ueberraschung und Be—⸗
stürzung zu, in welche das Wahlergebniß die liberalen Zeitun—
Jen verseßt hat. Die Ueberraschung mag weit größer gewesen
ein, als sie eingestanden wird, wenn man sich erinnert, welche
Hoffnungen noch der Ausfall der lauenburger Reichstagswahl
Aweckle,und wie eine Zeit lang täglich wiederholt wurde, der
Verfuch der Regierung, die Zustimmung zu ihrer Wirthschafts⸗
politik zum Gefichtspünkt der Wahlen zu machen, sei gänzlich
zu Boden gefallen.

Wie man im Auslande über die Grundlosigkeit der Be—
fürchtungen urtheilt, welche die liberale Presse in Deutschland
zur Schau trägt oder in ihrer Bestürzung wirklich hegt, davon
moͤge eines der angesehensten Blätter des Auslandes, das
„FJournal des Debats«, Zeugniß geben. Dasselbe sagt:
„Fürst Bismarck ist nicht der Mann der Reaktionen auf's
Aeußerfte / wie sie durch die Rache und nicht durch die Berechnung
Ind! die Voraussicht eingegeben werden; Ner zerschlägt nicht bis
auf's Kleinste, was er kinees Tages noch gebrauchen kann; er
unterdruͤckt ganz und gar nicht eine Partei, um, unter die Herr⸗
schaft einer anderen zu fallen; er hat andere Schlachten als Wabl⸗
schlachten gewonnen/ und diese werden ihm den Kopf nicht mebhr
verwirren als die anderen«

Die Zurückweisung jener Schreckbilder ist kaum in einer
ernsten Sprache möglich und wäre vielleicht der Würde der
Regierung nicht angeniessen. In wenigen Wochen tritt der
andtag zusammen und vor der Sprache der Thatsachen werden
diese hoͤhlen Uebertreibungen versinken, wenn sie nicht schon
vorher verscheucht werden, indem diejenigen Ddenen man sie
malt, den Blick bestimmt darauf richten. Man könnte sich
freuen uͤber Gegner, die sich so zahlreiche Zeugnisse ihrer
Urtheilslosigkeit ausstellen. Man könnte diese — sam⸗
melun und im richtigen Augenblick ihre Sprache verwerthen,
die so lange nicht unwirksam werden kann, als die heutigen
Parteien existiren. Allein neben ihrer nichtigen Seite hat die
Ausstreuung dieser Befürchtungen doch auch eine ernste und
dedentliche Wirkung oder bringt wenigstens die Gefahr einer
olchen mit sich.
Die öffentliche Meinung wird sich von dem Schrecken bald
erholen, aber der Theil der nationalliberalen Partei, welcher
war in verminderter, aber doch noch in recht erheblicher Zahl
n das Abgeordnetenhaus zurückgekehrt ist, dieser Theil, der
gerade aus den besonnensten Elementen überwiegend zusammen—
esetzt ist, kann in den künstlich erregten Befürchtungen ein
shweres Hinderniß finden, den richtigen und heilsamen Weg
            
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