Full text : Saarbrücker Kreis-Blatt

M ALl.

Provinzial-Correspondenz. 2 Ottbber Is⸗o
Siebzehnter Jahrgang.

Das Ergebniß der Wahlen.
Durch die am Dienstag (7.) abgehaltenen Wahlen zum
Abgeordnetenhause ist die Zusammensetzung desselben sehr
wesentlich veraͤndert worden. Eine Uebersicht über die Stärke
der einzelnen Parteien im früheren und im künftigen Hause
ergiebt Folgendes:

der konservativen Elemente des Landes durchaus wünschens⸗
werth und ein Zurücktreten derselben auf die Dauer nicht ohne
schweren Rachtheil für die Gesammtinteressen des Staatswesens
bleiben würde.
Am Schlusse der damaligen Betrachtung hieß es:
»Die konservative Partei kann und wird nicht unter—
gehen: um den alten festen Mittelpunkt des preußischen König⸗
huͤms werden alle wahrhaft konservativen Elemente des Landes
 sich aufs Neue sammmeln, um die Aufgaben, welche eine ge—
waltige Zeit unserem Staate gestellt hat, unter Hochhaltung
der glorreichen preußischen Ueberlieferungen erfüllen zu helfen.
Die neue Landesvertretung ist überwiegend aus den
iberalen Parteien gewaͤhlt; aber je zuversichtlicher die Regie—
rung erwarten darf, in derselben eine kräftige Stütze für die
Durchfuͤhrung ihrer nächsten großen Aufgaben zu finden, desto
mehr ist auch zu hoffen, daß under dem Einflusse des gemein—
amen praktischen Wirkens und Schaffens für das Landeswohl
mnnerhalb der liberalen Mehrheit ernst-konservative Gesichts—
punkte immer entschiedener zur Geltung und Herrschaft gelan—
gen, und daß aus alten und neuen Elementen all—
maälig wieder eine umfassende, wahrhaft konserva—
live Und darum auch wahrhaft freisinnige Partei
erwachsen werde.«
Die Wahlen von 1876 konnten unter der Fortdauer der
vorherigen Strömungen keine wesentliche Aenderung zu Gunsten
der konservativen Partei herbeiführen, umsoweniger, als die
nationalliberale Paͤrtei bis dahin ihr Streben überwiegend
auf das praktische Zusammenwirken mit der Regierung ge—
richtet hatte.
Als aber bei den vorjährigen Reichstagswahlen Fragen
von größter politischer und sozialer Bedeutung und zugleich
die hochsten wirthschaftlichen Fragen in den Vordergrund traten,
wurde einerseits die Unterstüßung der Regierung durch die libe—
ralen Parteien immer mehr zweifelhaft, andererseits traten die
konservativen Parteien wieder mit voller Entschiedenheit an
die Seite der Regierung. Seitdem ist ihr Ansehen und ihr
Einfluß innerhalb der Bevölkerung sichtlich wieder gewachsen:
die jetigen Wahlen legen davon eñtschieden Zeugniß ab. Die
Alt⸗Konservativen und Neu-Konservativen, welche grundsätz—
lich auf gleichem Boden stehen, werden in ihrer voraussicht—
lichen Vereinigung mit 115 Mitgliedern die stärkste Gruppe
in dem neuen Hause bilden, mit ihnen gewiß in allem Wesent—
lichen einig die 50 Freikonservativen.
Die liberalen Parteien haben in demselben Maße
Verluste erlitten, in welchem die konservativen Parteien gestärkt
worden sind. Die nationalliberale und die Fortschrittspartei
hatten das Anwachsen ihrer Stellung seit 1873 denselben Stim—
nungen zu verdanken, durch welche die Konservativen damals
herabsanken. Die liberalen Parteien errangen ihre Erfolge
zusschließlich durch die Entschiedenheit, mit welcher sie die Unter⸗
fützung der Regierung in dem Kampfe gegen den Altramon—
an smus auf ihre Fahne geschrieben hatten, Dieses Losungs—
wort wirkte in der ländlichen Bevölkering einzelner Provinzen
mit überwältigender Kraft, — und, die beiden liberalen Par—
seien gelangten dadurch zu einer Starke, daß sie in ihrer Ver—
einigung schon die Mehrheit des Abgeordnetenhauses bildeten
Ebenso aber konnten die Rationalliberalen in Verbindung mit
dem Rest der konservativen Partei, welcher zu aufrichtiger
Merfichumg der Regierungspolitik bereit war, eine Mebhrbeit
—W
Bei der nationalliberalen Partei lag die Entscheidung,
ob die vorhin bezeichnete Hoffnung der Regierung in Erfüllung
gehen sollte, die 8 daß unter dem Einflusse des gemein—
aumen praktischen Wirkens und Schaffens für das Landeswohl
nnerhalb der liberalen Mehrheit ernst-konservative Gesichts—
punkte immer entschiedener zur Geltung und Herrschaft gelangen,
und daß aus alten und neuen Elementen allmälig wieder eine
umfassende, wahrhaft konservative und darum auch wahrhaft
freisinnige Partei erwachsen werde.
Die Regierung hatte an dieser Hoffnung eirbaen anr
derselben immer wieder Ausdruck gegeben, bis sie sich über

Früher: Jetzt:
Konservativen 42. 1IK, also 73 mehr,
Freikonservative 15 meht,
Tentrum .... 7 mehr,
Nationalliberan 63 weniger,
Fortschrittler. 29 weniger,
Pdlen We 4mehr,
einer Fraktion angehörig 7 weniger.
Gu den 14 gehören 3 frühere Minister, 1 voraussichtlich
Freikonservativer, J Centrumsmann, 2 Dänen und 7 Liberale
von der Gruppe Löwe.)
Nach den einzelnen Propinzen stellen sich die Ver—
änderungen wie folgt (die Zahl in Parenthese bezeichnet die
frühere Stärke):

*18

—2 5
5 * 383 —
— 31 5 322 —— 8 8 —
F 2 3— 5 — 5
8 55 — —A— — 235
F — 8 —— 3 33
S 5 — — 5 *—7
5 A *2*28
E — —

4

Ostpreußen.. .....
Westpreußen .....
Brandenburg...
Pommern .......
Schlesien ........
Posen............
Sachsen ..........
Wesifalen ........
Rheinprovinz . ...
Hohenzollern .....
Hessen-Nassau...
Hannover 5
Schlesw.«Holstein 126,

1041)
X
2⸗
2*
2

5*
F

23062

Die entscheidende Thatsache in dem Wahlergebnisse ist die
bedeutende Vermehrung, welche die konservative Partei wieder
errungen hat, und die entsprechende Verminderung der liberalen
Abgeordneten.
Die konservative Partei wird mit ihren etwa 165 Stim⸗
men vollauf in die Stellung wieder einrücken, welche sie bis
sam Jahre 1873 behauptet hatte und welche ihr damals, unter
em ausschließlich maßgebenden Einflusse der Gesichtspunkte des
kirchenpolitischen Kampfes verloren ging. Die damalige ge—
sammte Wahlbewegung hatte sich nicht nach den sonstigen alten
Parteiprogrammen ine ondern auf die eine praktische Frage
ugepint, wie sich die Wähler und die, zu Wählenden in dem
anpfe zwischen Staat und Kirche stellen wollten, inwieweil
sie der Regierung die erforderliche Unterstützung dabei gewähren
wollten. Die Haltung eines Theils der konservativen Partei
aber, welche der kirchlichen Politik der Regierung entschieden
entgegentrat, hatte in weiten Kreisen der evangelischen Bevölke.
rung ein Mißtrauen gegen die konservative Partei überhaupt
en „und dieses Mißtrauen zog alle Fraktionen der
artei in die damalige Niederlage hinein.
Die Regierung haͤt niemals ein Hehl daraus gemacht, daß
sie dieses fast gänzliche Verschwinden des Einflusses der konser—
vativen Parteien im Abgeordnetenhause beklagte. Unmittel-⸗
bar nach den Wahlen wurde an dieser Stelle ausdrücklich
ßesagh »ein überaus bedauerliches Ergebniß der Wahlen ist
ie erhebliche Schwächung der konservativen Partei im Landtage
und grgr in allen ihren Theilen«.
Kurz darauf wurde dieses Bedauern näher begründet und
dabei ausgesprochen, daß vom Standpunkte einer stetigen und
normalen politischen Entwickelung eine entsprechende Vertretung
            
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