Rede, in welcher er laut verkündete: »Seien Sie außer Sorge, nach
Kanossa gehen wir nicht«, — alsbald hinzufügte: »die Regie—
rungen des Deutschen Reiches suchen emsig, suchen mit der
ganzen Sorgfalt, die sie ihren katholischen, wie ihren evange—
schen Unterthanen schulden, nach den Mitteln, um in einer
moͤglichst friedlichen Weise aus dem jetzigen Zustand in einen
annehmlicheren zu gelangen, — die Regierung schuldet
unseren katholischen Mitbürgern, daß sie nicht müde
werde, die Wege aufzusuchen, auf denen die Rege—
lung der Grenze zwischen der geistlichen und welt—
lichen Macht, der wir im Interesse unseres in—
nern Friedens absolut bedürfen, in der schonend—
sten und konfessionell am wenigsten verstim—
menden Weise gefunden werden könne,« — —
daß der Kanzler endlich kurz darauf, unter Hinweis auf die
Nothwendigkeit, zuvörderst gewisse Lücken unserer Gesetzgebung
auszufüllen und auf die Möglichkeit, daß demnächst ein fried⸗
licher Papst an die Regierung gelange, der Hoffnung Aus—
druck gab, mit Gottes Hülfe den Frieden zu finden, densel⸗
ben Frieden, unter dem unsere Väter Jahrhunderte
lang in einem starken Staate und, gestützt durch
unsere Dynastie mit einander in konfessioneller
Einigkeit gelebt haben.
Der von dem Kanzler in Aussicht genommene Fall ist in—
zwischen eingetreten: der Papst Leo hat seine friedliebende Ge—
finnung vieifach bekundet, und damit war nicht blos die Ge—
legenheit für die Regierung erwachsen, sondern die Pflicht, der
Frage näher zu trelen, ob sich jetzt durch Exörterungen eine
Grundlage für den Frieden gewinnen ließe. Die Natur dieser
Grundlage war eine gegebene, sie hat ihren Ausdruck in dem
bekannten Schreiben des Kronprinzen an den Papst gefunden.
Dort ist als Grundlage für den Frieden bezeichnet worden die
Wegweisung der prinzipiellen Fragen, die zu prinzipiellen
Gegensätzen führten, aus den Erörterungen heraus, die Ver—
weisung auf den Boden thatsächlicher Entwickelung. Man
braucht nur daran zu erinnern, wie viele und empfindliche Be—
stimmiungen der sogenannten Maigesetze sofort unanwendbar
werden, wenn nur ein Weniges geschieht.
Wenn nun dem so ist, wenn auf beiden Seiten der red⸗
liche Wille besteht, zu einem Frieden zu gelangen, wenn das
ganze Verhalten des Fürsten Bismarck in dieser Frage bisher
stets von dem Vertrauen des preußischen und des deutschen
Volkes getragen war, wie sohllte man glauben, daß es
irgend'gFemand gelingen könnte, dürch einen ohne
Begründung hingeworfenen Zweifel dieses Ver—
trauen erschüttern und den Kanzler, der im eminen—
testen Sinne der geistige und politische Führer in
dem langjährigen Kampfe gewesen ist, in den Ver—
dacht zu bringen, von seinem eigenen Streben ab—
zufallen.
Diejenigen freilich, welche in dem kirchlichen Kampfe von
vornherein nicht blos den Zweck der Sicherung der Staatssouveränität
gegen kirchliche Üebergriffe erblickten, vielmehr mit
der Fortschrittspartei einen grundsäßlichen Kampf gegen die katho
lische Kirche als solche erstrebten, — diese werden in jeder Ver—
ständigung ein »Kanossa« für den Fürsten Bismarck zu finden
wissen; aber ihre Verdächtigungen werden ebenso verhallen, wie
alle die Schmäbungen, welche sie bei jedem Abschnitte der groß—
artigen Wirksamkeit des Kanzlers Vi ihn gehäuft haben, ohne
das Gesammturtheil der Nation an ihm irre machen zu können
Wie sollte das gesammte Volk nicht gerade in diesem Augen
blicke mit noch ersöhetem Vertrauen auf den Mann blicken,
welcher so eben auf's Neue behgiigt hat, daß sein
unermüdliches Streben nur der röße und dem
Glücke des Vaterlandes und der Sicherung eines
gedeihlichen Friedens gilt, — welcher um dieses
Strebens willen Ansehen und Vertrauen weit über
unser Vaterland hinaus genießt, — dessen ganze
Stellung in Europa unserem nationalen Ansehen
und der Förderung unserer Interessen zum höchsten
Vortheil gereicht.
Welcher Patriot sollte es verantworten mögen, eine Re—
gierung, die so Großes für Preußen erreicht hat und gleich hohe
Ziele weiter verfolgt, durch Ermuthigung und Stärkung der
systematischen Opposition zu lähmen. Die Regierung hat mit
der That erwiesen, daß ihr das Gemeinwohl nicht blos »hoch
Vefantwortlich: der Herausgebet Dr Friedrich Doörrt.
über den Sonder-Interessen«, sondern auch hoch über den
Partei-Interessen steht. Auch im bevorstehenden Landtage
wünscht fie, wie neulich ausgeführt worden, wichtige Maßregeln
für das Gemeinwohl zur Durchführung zu bringen.
Wohlan denn, mögen die Wahlmänner der Re—
gierung bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgaben
zur Seite stehen, indem sie in den Landtag nicht
mißmüthige und mißtrauische Tadler, und Kritiker,
sondern ernste und, gewissenhafte, aber zum Ver—
trauen und zu fruchtbringender Mitarbeit willige
Helfer entsenden.
Unser Kaiser hat nach den legen Truppenübungen in
Elsaß-⸗Lothringen in einem Erlaß an den kommandirenden Ge—
neral von Fransecky der hohen Befriedigung Ausdruck ge—
geben, daß dort ein Corps aus den verschiedensten deutschen
Truppen zusammengesetzt, mit einem Sinn und einem
Streben, ein würdiges Bild für die Vereinigung
des deutschen Vaterlandes geschaffen worden, welches
sich seiner gewichtigen 40 in jeder Beziehung
gewachsen und würdig erweise.
Se. Majestät sprach im Anschluß an dieses Schreiben auch
dem Großherzog von Baden seinen besonderen Dank für
den Eifer und die Sachkenntniß aus, welche derselbe als Gene—
ral⸗Inspekteur der V. Armee⸗Inspektion den Truppen gewidmet
habe mit derselben Sorgfalt, welche der Großherzog äls regie—
Fürst im Deutschen Reiche seinen eigenen Truppen zu—
wende.
Beim Abschied von Elsaß-Lothringen richtete der
Kaiser durch einen Erlaß an den bisherigen Ober⸗Präsidenten
von Moeller folgende Worte des Dankes an die Bevölkerung!
Die Eindrücke Meiner diesmaligen Anwesenheit in Elsaß—
Lothringen haben Mir zu meiner lebhaften Genugthuung
und Freude bestätigt, daß der innere Wiederanschluß dieses
Landes an das deutsche Vaterland in erfreulichem Fortschrit!
begriffen ist. Es ist Mir und der Kaiserin und Königin,
Meiner Gemahlin, überall ein Empfang bereitet worden,
welcher Unsere Erwartungen weit übertroffen hat und welcher
durch die sichtbare weitere Betheiligung in sehr wohlthuender
Weise Zeugniß von der freudigen Bewegung der Bevölkerung
ablegte. Ich ersuche Sie, Meinen Dank zur allgemeinen
Kenntniß zu bringen, dem Ich gern auch den Ausdruck
Meiner Befriedigung für die allgemein entgegenkommende
und gute Aufnahme der Truppen während der Uebungen
Ich verlasse Elsaß-Lothringen heute mit dem
herzlichen Wunsche für das fernere Gedeihen dieses
schönen Landes und mit der erhöhten Zuversicht,
daß einsfichtsvolles Streben der Regierung und
wachsendes Vertrauen der Bevölkerung beide bald
mit einem festen Bande vereinigen werde.
Wilhelm.
Die Rückkehr nach Baden-Baden erfolgte am Freitag (26.)
Den Geburtstag Ihrer Majestät der Kaiserin und
Königin feierte das Kaiserpaar mit den Großherzoglich
Badenschen Herrschaften, dem Kronprinzen und dem
Prinzen Wilhelm, sowie dem Großherzog von Weimar
durch eine Landpartie nach Breisach und Oberkirch.
Die Staͤtthalterschaft, für Elsaß-Lothringen ist am
Mittwoch, 1. Oktober, in Wirksamkeit getreten.
Der Gencral⸗Feldmarschall Frhr.v. Manteuffel hat sein Amt
mit solgender Ansprache an die Bewohner von Elsaß-Lothringen über
nommen:
„Ich trete das Amt als Kaiserlicher Statthalter in den Reichs—
landen, das Se. Majestät mir zu übertragen Allergnädigst geruht
haben mit dem heutigen Tage an und bitte Gott um Kraft, dässelbe
zum Ruhme des Reiches und zum Wohle von Elfaß—
Lothringen zu üben.«
Der Reichskanzler Fürst Bismarck ist am Don—
nerstag (25. September) Mittags in Berlin wieder eingetroffen
und hat sich hier der Erledigung vielfacher dringender Regie—
runasaufgaben gewidmet.
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SGedruct Berlin in der Reichsdrucerei.