Full text : Saarbrücker Kreis-Blatt

von mir durchaus gewürdigtes Maß von Vertrauen; ich würde
glauben, demselben nur unvollkommen zu entsprechen, wenn
ich nicht schließlich dem Wunsche und der Hoffnung Aus—
druck geben wollte, daß der Iuseneiig nicht mehr
fern sein möge, wo die veränderte Haltung der
katholisch-kirchlichen Organe gegenüber den Staats—
gesetzen es der Regierung thünlich erscheinen lassen
wird, zur Abstellung der auf dem besprochenen Ge—
biete hervorgetretenen Schwierigkeiten ihrerseits
eine wirksame Initiative zu ergreifen, und wo dann
auch eine ersprießliche Betheiligung der Geistlichkeit bei Lösung
der Aufgaben des öffentlichen Unterrichts wieder eintreten kann
Ewy Hochwürden stelle ich ergebenst anheim, den Inhalt
obiger Erwiderung auf die Zuschrift vom 18. v. M. gefälligst
in geeignet scheinender Weise zur Kenntniß der übrigen Herren
Unterzeichner bringen zu wollen.
v. Puttkamer.

Der Erlaß des neuen Kultusministers wird unzweifelhaft von
erheblicher und, wie man hoffen darf, wohlthuender Wirkung nach
verschiedenen Seiten sein.
Was die katholische Bevölkerung betrifft, so wird dieselbe in der
Antwort des Ministers, ungeachtet der Abweisung des von der west⸗
fälischen Geistlichkeit erhobenen Anspruchs, doch nicht blos ein Ent—
gegenkommen »der Form nach«, sondern in dem warmen Ton und
in dem Geiste, welcher die Kundgebung beseelt, ein ernstes Eingehen
auf das wirkliche Interesse und die unzweifelhafte Aufgabe der Kirche
an der Jugenderzichung und den dringenden Wunsch erkennen, daß
in dieser Beziebung das normale Verhältniß, das der gemeinsamen
Arbeit von Staat und Kirche auf dem Gebiete der Schule, einer
»heilsamen Mitwirkung der Kirche bei dem Unterricht und der sittlich—
religiösen Erziehung der Jugend« bald wieder zu ungetrübter Geltung
gelangen könne.
Daß es auch beim Erlaß des Schulaufsichts-Geseßes nicht in der
Absicht der Regierung lag / diese Gemeinschaft zwischen Staat und
Kirche zu zerreißen, dafür geben die damaligen Aeuserungen des
Ministers Falk selber unzweifelhaftes Zeugniß. Zur Entkräf—
tung jener Meinung wies er darauf hin, daß der Artikel 24
der Verfassung in Kraft bleibe; wonäch nicht bloß bei der
Einrichtung, der, Volksschule die konfessionellen Verhältnisse mög—
lichst zu berücksichtigen seien, sondern den religiösen Unterricht
in der Volksschule auch die betreffenden Religionsgesellschaften
u leiten haben. Es könne daher nicht davon die Rede sein,
daß man die Kirche aus der Schule hinausweisen wolle. Nach den
Ausführungen des Ministers Faltk sollte es sich vor Allem um die
Wahrung des staatlichen Aufsichtsrechts in den katholischen Schulen
polnischer Landestheile gegenüber den deutschfeindlichen Bestrebungen
handeln. Erst durch das Verhalten der Geistlichkeit in dem weiteren
kirchlichen Kampfe sah sich die Regierung zu einer umfassenderen An—
wendung des Schulaufsichtsgesetzes genöthigt, und der Minister von
Puttkamer erinnert daran, »daß es der beinahe einstimmige und
systematische Widerstand der katholischen Geistlichkeit gegen die Staats
gesetze gewesen ist, welcher den Geistlichen an so bielen Orten die
Schulen verschlossen hat.«
Des Ministers Wunsch und zugleich seine bestimmte Hoffnung geht
dahin, daß der Augenblick nicht mehr fern sein mdse wo die ver⸗
änderte Haltung der katholischen Geistlichkeit gegenüber den Geseßen
der Regitrung ẽs thunlich machen werde, zur Abstellung der khat—
sächlich vorhandenen Schwierigkeiten wirksam vorzugehen. Einstweilen
stellt er die Abhülfe in einzelnen dazu angethanen Fällen in Aussicht.
In diesen Aeußerungen des Mimisters ist in der That nicht blos
ein aͤußerliches scheinbares Entgegenkommen zu finden, fondern der
ernste und ticfe Wunsch einer Ausgleichung der Gegensätze, welche
seit Jahren das richtige und heilsame Verbälkniß zwischen dem Staate
und der Kirche getrübt haben/ — und darin wird die Geistlichkeit
eine Bestätigung des Vertrauens finden können, welches sie dem
Minister ausdrücklich entgegengebracht hat.
Wenn freilich als eine »Rückkehr zu den alten bewährten Ueber⸗
lieferungen« die Aufhebung des Schulaufsichtsgesetzes in Aussicht
genommen worden ist, so“ weist der Minister dies als auf iner
irrthümlichen Auffassung beruhend zurück, da das genannte Geseß
gerade einem Grundsaß entspreche, auf welchem die Erfolge des
preußischen Schulwesens von jeber beruhen.
Mitunbedingter Cen suptt vehuhehe nimmt Irt von Puttkamer
 Für den Staat, duch ferner das Recht in Anfpruch, über
Art, Maaß und Umfang der kirchlichen Betheiligungsan
der Pflege der Schule zu bestimmen, — und erklaͤrt, daß
auch von einer Aenderung der Anwendung des Gefeßes im Großen
und Ganzen nicht eher die Rede sein könne, als bisdem Staakte
von Seiten der katholischen Kirche die thatsächliche An—
erkennung seines unveräußerlichen Geseßgebungsrechts
zu Theil werde.
UUnd nicht blos für die Frage des Schulaufsichtsgesetes macht der
Verantwortlich: der Herausgeber Dr. Friedrich Dörr.

Minister diesen Standpunkt geltend, sondern zugleich für die Rege—
lung, der gesammten rechtlichen Beziehungen zwischen
Staat und Kirche.
Es ist derselbe Standpunkt, welchen Fürst Bismarck seit An—
beginn des kirchlichen Streites als die unausweichliche Vorbedingung
des Friedens bezeichnet hat.
Durch diese klare Kundgebung des Kultusministers
wird all dem Gexrede von kirchlicher Reaktion, welches
seit Wochen den Mittelpunkt der liberalen Wahlagita—
kion bildet ‚,der Boden entzogen: je weniger man dosu
konnte, dem Fürsten Bismarck auf dem Gebiete der praktischen
Fragen, um deren Lösung es sich zunächst handelt, erfolgreich ent⸗
gegenzutreten, um so beflissener suchte man den jüngsten Minister—
wechsel zu benutzen, um den Wählern das Schreckbild einer rück—
shreitenden Bewegung und namentlich von einer Preisgebung der
Rechte des Staats in kirchlichen Dingen vorzuspiegeln, welches in
den Thatsachen keine Begründung hat.
Die jetzigen Aeußerungen des Ministers werden diesem Treiben
hoffentlich ein Ziel seßen: man wird der Regierung, an deren Spiße
nach wie vor Fürst Bismarck steht/ das Vertrauen schenken daß
sie unser Schulwesen in Wahrheit auf dem, Boden der alten
bewährten Ueberlieferungen fortzuentwickeln entschlossen ist/ — zu—
gleich aber wird man in weiten Kreisen des Bürgerlhums / wie der
ländlichen Bevölkerung der Ueberzeugung des Ministers zuͤstimmen,
»daß mit dem Tage, wo wir aufhören würden, für den
Volksunterricht aus dem unversieglichen Heilsbrunnen
des Evangeliums zu schöpfen, der Niedergang unseres
gesammten nationalen Kulturlebens besiegelt'wäre«

Unser Kaiser ist von der vierzehntägigen Reise durch
Ost und Westpreußen und Pommern, welche dem Monarchen
täglich erneute Anstrengungen, aber auch täglich neue erhebende
Eindrücke brachte, wohlbehalten und in erfreulicher Frische in
Berlin wieder eingetroffen.
In Danzig, wo Se. Majestät am Mittwoch (10.) eintraf,
wurde er mit gleicher Begeisterung / wie vorher in Königsberg empfan—
gen. Bei einem von der Provinz Westpreußen gegebenen Istuiah
srag der Kaiser seine Freude darüber aus, daß er, den Wünschen
er Provinz entsprechend, derselben die alte Selbstständigkeit habe
wiedergeben können. Mit Bezug auf einen Hinweis auf die großen
Thaten, welche der Kaiser vollbracht habe, erwiderte er: daß das
Alles nur Gottes Werk und er nur dessen Werkzeug zur Ausfüh—
rung gewesen sei.
Am Donnerstag (11.) erfolgte die Weiterreise und am Nachmittag
die Ankunft in Stettin. Auf der ganzen Fahrt durch Pommern
und bei dem Einzuge in Stettin fand die altbewährte pommersche
Treue und Hingebung an das Königshaus den allseitig freudigsten
und begeistertsten Ausdruck.
Am Freitag (12.) fand die große Parade des V. Armee-Corps bei
Stettin statt. Bei dem darauf folgenden Festmahl brachte der Kaiser
olgenden Trinkspruch auf das Armee-Corps aus:
»Ich trinke auf das Wohl des II. Armee-Corps. Es
hat sich heute von Neuem Meine vollkommenste Zufrieden—
heit erworben. Hierbei aber schließe Ich vorzugsweise das
Regiment des Hochseligen Königs mit ein, welches der Ver—
ewigte das zweite in der Armee, aber stets das erste vor dem
Feind genannt hat. Das II. Armee-Corps hoch!«
Vom ESonnabend (13.) bis Dienstag (16.) wurden die Corps-—
manöver in der Nähe von Stettin abgehalten, welche zu höchster
Vesrgoipen verliefen.
Ueberhaupt machten die Uebungen im Bereiche der
beiden Armee-Corps den günstigsten Eindruck und bestä—
tigten nach allseitigem Zeugniß die exrfreuliche Ueber—
zeuügung von der ssitetig fortschreitenden Ausbildung
unserer, Armee. JI⸗
Nach einer nur eintägigen Rast gedenkt, der unermüdlich
thätige Kaiserliche Krieggherr am Mittwoch (17.) Abends zu
gleichen Truppenmusterungen nach den Reichslanden Elsaß—
Lothringen abzureisen und am Donnerstag (18.) schon über
Karlsruhe in Straßburg einzutreffen, wo amm Freitag (19.) die
große Parade des XV. Armee Corps, vom 20. bis 23.
Korps- und Feldmanöver stattfinden sollen, dann am 23. die
Reise nach Metz, am 24. die Parade der dortigen 16. Division,
am 25. Besichtigung der Schlachtfelder von Vionville und
Mars la Tour, am 26. die Abreise von Metz.
Das Abgeordnetenhaus, dessen Mandat in Kurzem ablief,
ist, um nicht durch die Reuwahlen die bevorstehende Session unter⸗
brechen zu lassen/ durch Allerhöchste Verordnung vom 15. d. M.
aufgeloͤst worden. Die Wahlen sind für die Wahlmänner auf den
30. September, für die Abgeordneten auf den 7. Oktober festgesetzt.
Die Berufung des Landtags ist etwa für den 28. Oktober in
Aussicht genommen

Gedruckt Berlin in der Reichsdruckerei.
            
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