ehrliche Probe gegönnt werden, welche darin bestehen muß,
daß man die erstere zu Ende führt. Was unter der Voll
endung zu verstehen, sagt das liberale Blatt nicht, ob zum
Beispiel die unterschiedslose Ausdehnung auf alle Provinzen
Im Uebrigen dauert die Probe, welche den neuen Verwal—
kungsgesetzen bereits gegönnt worden, bekanntlich mehrere
Jahre, bei der Kreisordnung sieben Jahre.
Der vierte Punkt des Programms ist die Aufrechthaltung
einer guten Ordnung in den Staatsfinanzen, welche das
liberale Blatt gefährdet sieht, »weil der heutige Verwalter des
Finanzministeriums nicht die Stellung inne hat, um sich
Maßregeln zu widersetzen, welche ihm die Solidität der Finanz⸗
verwaltung zu bedrohen scheinen. Selbst von Vertrauen oder
Mißtrauen kann dem jetzigen Finanzminister gegenüber nicht
die Rede sein, von dem Niemand wußte, daß er sich für die
—V
leiten soll« So spricht das leitende liberale Blatt von einem
Minister, der nach langjähriger Thätigkeit in der Verwal—
tung von einem der VNinisterstellung nächsthöchsten Posten
durch die Krone an die Spitze der Finanzverwältung
berufen worden. Als ob die' Krone in Preußen ge—
bunden wäre, ihr Vertrauen etwa von parlamentarischen Leistun—
gen abhängig zu machen. Das liberale Blatt scheint überdies
nicht zu wissen, daß in den Ländern der parlamentarischen
Regierung häufig genug höchste Posten an Reulinge verliehen
werden, denen noch gar keine Erprobung zur Seite steht. Das
Blatt fürchtet, weil ihm der Finanzminister nicht bekannt genug
ist, eine »Desorganisation (Zerrüttung) der einst so glänzenden
preußischen Finanzverwaltung durch eine im großen Styl ge—
dachte Maßregel, bei welcher die erforderlichen Kontrolen versäuint
werden.« Unter dieser Maßregel muß wohl die Ersetzung der
direkten Steuern durch indirekte verstanden werden, und die
Aufgabe der liberalen Abgeordneten wäre darin zu sehen, in
die Beseitigung der direkten Steuern nicht vor der Zeit zu willi—
gen. Dann kommt aber ein neuer Punkt, wonach die liberale
Partei »die Mittel, welche die neue Steuerbelastung an die Hand
giebt, benutzen soll, den vorzugsweise belastelen Elementen Er—
leichterung zu verschaffen.« Im Uebrigen erklärt das liberale
Blatt, die Versprechungen, mit welchen die neuen Steuern
vertheidigt wurden, überhaupt für trügerisch Nimmt man dazu
die spätere Aeußerung des Blattes, welche zwar die Form eines
Vorwurfs gegen das Centrum hat, aber eines Vorwurfs, der,
wenn begründet, am meisten die Regierung treffen müßte, worin
die Tarifreform die unbilligste aller wirthschaftlichen Gesetz—
gebungen, welche die neuere Zeit in Deutschland kennt, genanni
wird, indem sie dem Wen habe, der hat, und den, der
nichts hat, mit dem Wort vom sogenannten armen Manne
spöttisch hinweggeschickt — so zeichnet fich die Stellung deutlich
genug, in welcher die liberale Partei bei den Wahlen der Re—
gierung gegenübertritt.
Der »Reichss- und Saetgeeepe berichtet: An Einnah⸗
men (enschließlich der kreditirten Beträge) aus Zöllen und ge—
meinschaftlichen Verbrauchssteuern sind im Reiche für die ze
vom 1. April 1879 bis zum Schlusse des Monats Juni 1879
—— — — — — — —
Verantwortlich: der Herausgeber Dr. Friedtich Drr
verglichen mit der Einnahme in demselben Zeitraum dee
Vorjahres) zur Anschreibung gelangt: Zölle 45059,798 Mk
— —
Mk), Salzsteuer 7,171,638 Mk. (4 162,791 Mtk.), Tabäkssteuer
329,054 Mk. (4 40,694 Mk.), Branntweinsteuer 9,878,782 Mk
169,320).. Uebergangsabgaben von Branntwein 22480 Mi
— 1438 Mk), Brausteuer 4,942,165 Mt. — 17,232 Mk)
Uebergangsabgaben von Bier 228,052 Mk. 4 10000 Mk)
Summe 70792,338 Mk. (4 2415,937 Mk), Spielkarten
stempel 17609093 Mk. (4 176,993 Mk). Die zur Reichskass—
zelangte Ist-Einnahme abzüglich der Bonifikationen und Ver—
waltungskosten beträgt bis Ende Juni 1879: Zu 41,254, 155
Mk. (4. 17394 122 Mk.), Rübenzuckersteuer 86,391,991 Mk
. 3,112,742 Mk.), Salzsteuer 8,000,376 Mk. ( 87,835 Mtk.)
Tabackssteuer 264,875 Mtk. (4 35,596 Mk.), Branntweinsteuei
und Uebergangsabgabe von Branntwein 10,849,543 Mk
— 253,142 Mk), Brausteuer und Uebergangsabgabe von
Bier 3,623,0805 Mk. (4 23,174 Mk.), Summe 100,392,525 Mk
20,400,327 Mt. Spielkartenstempel (einschließlich der Nach
steuer) 356,192 Mk. (4 356,192 Mk).
Diese Zahlen zeigen eine Mehreinfuhr hauptsächlich solcher
Artikel an, für welche der Einfuhrzoll durch den neuen Zolltari'
erhöht worden. Taback, Wein, Thee, Kaffee sind die Artikel
welche die größte, jedenfalls nur vorübergehende Zunahme der
kinfuhr aufweisen. Es wird sich nun zeigen, inwieweit der zu
den bisherigen geringen Zollsätzen eingeführte Vorrath eine ent
sprechende Wirkung auf die Haͤltung der Preise äußert.
Unser Kaiser hat seit dem 3. August den Gebrauch der
Kur in Gastein mit dem günstigsten Erfolge fortgesetzt, Spazier
zgänge und Ausfahrten unternommen und die regelmäßigest
Vorträge empfangen.
Am Sonnabend, 9. August, traf der Kaiser Franz Joseph
in Gastein ein, um denh erhaͤbenen Gast, der auf dem Boden
seines Reiches Erholung und Stärkung sucht, in gewohnter
Freundschaft zu begrüßen. Der Kaiser Franz Joseph, von der
Bevölkerung jubelnd aufgenommen, war in der Villa Meran
abgestiegen, als er sofort den Besuͤch unseres Kaisers erhielt
Hierauf begaben die beiden Majestäten sich zusammen nach dem
Badeschloß, woselbst unser Kaiser seinen erhabenen Freund als
Gast beim Mittagmahl empfing. Am Abend fand eine festliche
Beleuchtung des Kurorts und der umliegenden Berge statt.
Am Sonntag Vormittag stattete der Kaiser Franz Joseph
dem Kaiser Wilhelm den Besuͤch zum Abschied ab, welchen unser
Kaiser sogleich erwiederte. Gegen 11 Uhr verließ der Kaiser
Franz Ws Gastein.
Unser Kaiser nahm am Sonntag wiederum an dem Gottes
dienst in der Waneen Kapelle Theil.
Gestern, am Vienstag, hat der Kaiser Gastein um 2 Uhr
Nachmittags unter den herzlichsten Ehrenbezeugungen der Be—
völkerung und der deutschen Kurgäste verlassen, um die Rück—
reise nach Babelsberg anzutreten. Nachdem das Rachtquartier
in Salzburg genommen worden, wird von dort die Weiterreise
zunächst nach Eger heute erfolgen.
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Gedruckt Berlin in der Reichsbruckerel