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Provinzial⸗Correspondenz. 6 Augus 1878.
Siebzehnter Jahrgang.
Die »Agence Havas« bringt folgende Notiz:
Rom, den 8. August. Migr. Roncetti, Bot⸗
schafter beim Deutschen Hofe, wird sich vor dem
eco. August auf seinen Posten begeben. Er wird
sich sofort mit dem Fürsten Bismarck in Verbindung
setzen. Er ist Träger der Ernennungen der neuen
Bischöfe, welche die mit Tode abgegangenen ersetzen
sollen.
Abgesehen von der vielleicht nur auf Unwissenheit des
Korrespondenten zurückzuführenden Verwechselung des Nuntius
in München mit einem » Botschafter beim Deutschen Hofe«
haben wir zu bemerken, daß alle in neuester Zeit von Rom
aus in Wiener und Pariser Blättern verbreiteten Nachrichten
über die Verhältnisse zwischen der preußischen Regierung und
dem heiligen Stuhle sich mit der wirklichen Sachlage in einem
Grade widersprechen, welcher die Vermuthung absichtlicher
Mystifikation nahe legt.
mittel bei allseitig freier Einfuhr dem kleinen Mann gestatten
würden, billig für die Bestellung der auswartigen Groß—⸗
industrie zu arbeiten. Es sollte wohl auf den ersten Blickklar
iein, daß eine in den Bedingungen ihrer wirthschaftlichen
kxistenz so gestellte Nation nicht ebenbürtig unter den großen
Nationen sich behaupten kann und ihre durch politische Erfolge
zgewonnene Nachtstellung bei solchen Bedingungen des wirth—
schaftlichen Lebens bald wieder verlieren muß.
Unter den aufgezählten Kampfmitteln der Gegner des re—
formirten Tarifs verdient der Vorwurf eine besondere Beleuch⸗
ung: dieser Tarif sei ein Werk eigensüchtiger Interessen, die
unter einander einen schamlosen Handel getrieben hätten, um
die Vortheile desselben sich gegenseifig abzukaufen. Die Verbrei⸗
zung, welche dieser Vorwurf hat 83 können, die Wieder⸗
holung, die ihm sogar aus angesehenem patriotischen Munde
u Theil geworden ist, liefert ein neues Beispiel, wie wider—
sttandslos das öffentliche Urtheil oft lange Zeit hindurch gegen
dreist ausgeworfene Schlagworte ist. Um was handelt es sich
denn überhaupt bei der Wirthschaftspolitik, wenn nicht um ge⸗
werbliche Interessen? Da es uͤnmoͤglich ist, alle Interessen, wie
sie sich im ationalen Wirthschaftsleben vorübergehend entwickeln
mögen und wie sie für das dauernde Wirthschaftsleben der
Nalion keineswegs von gleichem Werth und gleicher Bedeutung
sind, nach einem mechanisch gleichen Maße zu berücksichtigen, so
kommt es in der Wirthschaftspolitik darauf an, die wichtigen
und nachhaltigen Interessen von den minder bedeutenden zu
unterscheiden. Wenn nun die Gegner des Tarifs Klage führen
liber den gefährdeten Durchfuhrhandel, wenn man bei der
Tabackssteuer den Umfang, welchen der Bremische Tabackhandel
erlangt hat, vielfach betont: was sind denn dies alles anders
als Interessen? Warum thut man so spröde gegen das Wort
und gegen die Sache bei einer Staatsthätigkeit wie die Handels—
politik, deren Feld gerade der Schutz der Interessen ist? Oder
meint man, Durchfuhrhandel, Tabäckhandel u. s. w. seien allge—
meine National-Interessen, Landwirthschaft, Eisenindustrie,
Barnspinnerei u. s. w. seien dagegen nur besondere Erwerbs.
zweige. Es bedarf nur des einfachen Ausdrucks solcher Be—
hauptungen, um ihren Werth zu beurtheilen.
Die Bekämpfung des reformirten Tarifs.
Bei Völkern, deren Institutionen und Charakter im öffent—
lichen Leben gereift sind, pflegt, wenn eine große Maßregel
nach angestrengtem Meinungskampfe beschlossen ist, eine Pause
der ruhigen Sammlung und Betrachtung einzutreten. Auch
die Minderheit, welche der Maßregel widerstrebt, stellt ihre
Einwendungen auf einige Zeit ein, um die entscheidende Er—
fahrung abzuwarten, welche den Streit endgültig allein schlich—
ten kann. Ganz anders ist das Schauspiel, welches die öffent
lichen Blätter und andere Kundgebungen bei uns darbieten,
nachdem ein reformirter Tarif beschlossen und zum Reichs—
gesetz erhoben worden ist. Nicht die Erfahrung schickt man
fich an, sprechen zu lassen, sondern man bietet Alles
auf, die heilsamen Wirkungen, welche die Maßregel nach
dem Vertrauen der verbündeten Regierungen und der
Mehrheit des deutschen Volks haben kaͤnn, zu verhindern
oder abzuschwächen. Man bemüht sich, unwillkommene
Nebenwirkungen, welche die Urheber der Maßregel vorausgesehen
haben, in denen aber kein Grund der Unterlassung erblickt
werden konnte, man bemüht sich, solche Wirkungen, anstatt sie
zu mildern und auf zweckmäßige Abhülfe zu denken, zu steigern
und geflissentlich hervorzurufen. Man bemüht sich ferner, die
nicht als ein Werk der Ueberzeugung und des staats
männischen Muthes, sondern als einen von der Eigensucht
materieller Interessen errungenen Triumph hinzustellen. Mit—
telst einer solchen Darstellung gelangt man dazu, die Kreise der
Nation, auf deren Mithülfe und willige Unterstützung für die
Zeit des Uebergangs und zum Ertragen vorübergehender Nach—
da gerechnet werden muß, widerspenstig und unlustig zu
machen.
Wenn aber die gegnerischen Anklagen namentlich den Um—
stand zu benutzen süchen, daß Vertreter der Industrie und
Landwirthschaft gemeinschaftlich für den neuen Tarif gewirkt
haben, während nach der gewöhnlichen Auffassung des Industrie—
Schutzzolls hohe Zölle nur für die industriellen Erzeugnisse,
dagegen billige Rohstoffe und Lebensmittel verlangt werden,
gleichviel wo sie ihren Ursprung haben, so ist gerade diese Auf—
fassung die einseitige und kurzsichtige. Sie faßt nur den ein—
zelnen Industriezweig, nicht die nationale Wirthschaft ins Auge.
Wenn nun die parlamentarischen Verhandlungen zwischen den
hetreffenden Interessenten zum Theil den Eindruck gegenseitiger Zu⸗
geständnisse, nicht immer den der gemeinschaftlichen Erhebung zu
inem das nationale Wirthschaftsleben umfassenden Plan der
Zollpolitik gewähren, so ist der Anstoß, den man hieran nimmt,
doch ein sehr künstlicher und übertriebener. Als in Deutsch—
——
als die Zollpolitik durch eine ihrerseits außerhalb der Inter—
essen stehende einsichtige Verwaltung ausschließlich geleitet wurde,
da hatte man nicht Anklagen genug gegen die »büreaukratische
Weisheitc. Die parlamentarischen Institutionen haben doch
anerkanntermaßen überall unter anderen Zielen auch dieses
Ziel, den loyalen Meinungskampf der Interessen und deren
verständige praktische Ausgleichung unter ihrer eigenen Zustim⸗
mung zu ermöglichen. Eiwas Anderes ist nicht geschehen, und
das Geschrei über Herrschaft der Interessen wird von denjenigen
Interessen erhoben, welche ihre fernere vorwaltende Begünsti-Fung
nicht durchgesetzt haben. Es wäre sonderbar, wenn man
in Punn verlangte, worin keine Vertreter der Interessen
Platz nehmen oder ihren Standpunkt zur Geltung bringen
dürften. Ein solches Verlangen wagt man nicht aus—
88.SgJ3 weil es den Widersinn an der Stirn trüge,
und doch können die Anklagen gegen den Kompromiß der
Unter allen angewendeten Kampfmitteln ist für Digenigen
denen Ihre und, Vaterland am Herzen liegen, jedoch keines so
abstoßend, wie der Ton des Triuͤmphes, in welchem man auf
angeblich bevorstehende oder in der Einleitung begriffene Maß—
regeln des Auslandes hinweist, dahingehend, aus Ursache gewisser
deutscher Zollerhöhungen den bisherigen Durchfuhrhandel durch
Deutschlannd auf andere Wege zu leiten. Es ist unbegreiflich,
wie die Urheber solcher Stimmen nicht fühlen, wie sehr sie g
selbst schlagen und die Nichtigkeit ihres Staͤndpunktes für jedes
Auge erkennbar machen. Wenn es nur einiger administrativer
Maßregeln des Auslandes bedarf in Verbindung mit einigen
Bauten und Anlagen, um den ganzen Windunserch von
Deutschland abzuleiten, so sollte man meinen, müsse der ganzen
Nation in die Augen springen, wie unsicher die Grundlage ist,
auf die man ihre gewerbliche Existenz, ihre Arbeit und Ernäh—
rung stellen will. Deutschland, so sagt man, als Land der
europäischen Mitte, soll sich auf Spedition, Durchfuhrhandel
und Kleinindustrie werfen, auf letztere, weil die billigen Lebens.