setzlich einen Posten schrieb, der zur Erleichterung der nothleidenden
Einzelstaaten bestinmmt war und denen die Mittel gab, diese Mehr—
umlagen zu leisten. Dann bleibt eben, das Heft der Finanz—
verwaltung'in den Händen des Reichstages.
Ich bin ja seit lange gewohnt, daß man, wenn die Gründe aus
der Gegenwart nicht reichen, mit der Verdächtigung meiner Absichten
für die, Zukunft mich bekämpft. Ich erinnere Sie daran, daß lange
ahre steis gesagt worden ist ich strebte nach Krieg zu irgen welchen
wecken. Es haͤt das erst ein Ende genommen, seitdem die Stellung
Deutschlands zur orientalischen Frage, seitdem die Stellung Oeutsch
lands auf dem Kongreß zu Berlin, der gerade vor einem Jahre uns
auch zu einer Sommersitzung, mich wenigstens, nöthigte, — seitdem
die den unwiderleglichen Beweis geliefert haben, daß alle jene Insi
nuationen Lügen und, Verleumdungen waren, die zum geringsten
Theil in Deutschland ihren Ursprung hatten. Seitdem ist es Sitte
geworden, seit ungefähr Jahr und Tag Reaktion zu schreien
und auf diese Weise vielleicht den Teufel an die Wand zu malen.
Durch das Verdächtigen der Reaktion, durch das Anschuldigen können
Sie unter Umständen einen Minister, der schüchterner ist, als ich bin,
peranlassen, daß er gerade, um sich der Feindschaft zu erwehren, in
den ihn der Verdacht der Reaktion bringt, bewußt oder unbewußt /
u den Mitteln der Reaktion greift und Anlehnung da sucht, wo er
ir den Augenblick wenger Feindschaft findet. In der Lage bin ich
nicht. Ich bin dem Ende meiner Laufbahn zu naͤhe, um
zu Gunsten irgend einer Zukunft noch meine Gegenwart
zu verderben.
[Fürst Bismarck und die liberale Partei.J Seit einem
Jahre, seit etwas länger als einem Jahre habe ich in dem Wohl⸗
wollen, welches mir fruͤher von liberaler Seite zu Theil wurde,
eine merkliche Abkühlung gefunden. Sie gab sich kund durch
eine fühlbare Zurückhaltung, duͤrch Reserve, durch eine kühle Hoheit,
die andeutete, ich müßte ihnen kommen. Ich hatte das Gefühl, daf
sie von mir Dinge verlangen wollten, die ich nicht leisten könnte
Eine Fraktion kann sehr wohl die Regierung unter—
stützen, und, dafür einen Einfluß auf, sie gewinnen, aber
wenn sie die Regierung regieren will, dann zwingt sie
die Regierung, ihrerseits dagegen zu reagiren. Ich habe
mich/ wenn audh nicht angegriffen, so doch verlassen und isolirt ge—
fühlt, ich habe das noch mehr gefühlt bei der ersten sozialdemokrati—
schen Vorlage, und ich habe damals gehofft, daß die sehr ver—
schiedenartigen Elemente, die in einer großen und dem
Namen nach die Regierung unterstützenden Fraktion ver—
einigt waren, sich sondern würden. Es ist das nicht ge—
lungen, und so lange das nicht gelingt, werden Sieé jede
Regierung, namenthich aber die verbündeten Regierun—
gen, immer vorsichtig in ihrer Anlehnung finden und
Rkicht so vertrauensvoll, als dies früher der Fall ge—
wesen ist.
Ich habe, seit ich Minister bin, nie einer Fraktion ange—
hörfh auch nicht angehören können, ich bin nach einander von
allen gehaßt, von einigen geliebt worden. Es ist das à tour
de rôle (mit wechselnden Rollen) herumgegangen. Als ich zuerst im
Jahre 1862 das preußische Minister-Präsidium übernahm, da ist in
Aller Angedenken, bis zu welcher — ich kann wohl sagen — vater—
landsfeindlichen Höhe ah der Haß mir gegenüber verkörperte und
bis zu gewissem Maße auch gegen die höheren Einflüsse, die mich guf
dem Posten erhielten. Ich habe mich dadurch nicht beirren lassen
und, habe auch nie versücht, mich dafür zu rächen, ich habe von
Anfang meiner Carriere an nur den einen Leitftern ge—
habt: durch welche Mittel und auf welchem Wege kaun
ich Deutschland zu einer Einigung bringen und, so weit
dies erreicht ist, wie kann ich diese ee sen
fördern und so ee daß sie aus freiem Willen aller
Mitwirkenden dauernd erhalten wird. Zu diefsen Mit—
wirkenden rechne ich aber auch die Regierungen, und
halte es für Oeutschland für einen ganz außerordentlich
großen Vorzug im Vergleich mit anderen Ländern
unitarischer (einheitlicher) Verfassung, daß das dyna⸗
stische Element auch außerhalb Preußens noch eine Ge—
walt hat, die zu den Stütßzen der Ordnung gezählt wer—
den muß, und die wir wenn wir deren Bandunitarisch
zerreißen wollten, durch keine andere gleich starke Bindes
kraft würden ersetzen können.
Als wir aus dem Kriege 1866 zurückkamen, wäre es ja für mich
in der Stellung, die ich damals, in kleineren Kreise einflußreicher
wie heute, einnahm sehr leicht gewesen ja ich habe sogar mit Puühe
mich dessen zu erwehren gehabt, zu sagen: jetzt ist Preußen gröfer
geworden, die Verfassung ist, dafür nicht berechnet, wir, müssen
ge neu vereinbaren, kurz, die kühnste und einschneidendste
Reaktionspolitik mit dem Erfolg, der noch von König—
grätz an den Dingen klebten, mit vollen Segeln zu freiben. Sie
wissen; daß ich das,Gegentheil gethan habe; und daß ich mir
dadurch zuerst die Abneigung eines großen Theils meiner älteren
politischen Freunde zugezogen habe, und es hat mich schwere Kaͤmpfe
————
stitutionellen Systems durchzuführen. Habe ich das aus Liebe zum
konstitutienellen Systen gethan? Meine Herren, ich ‚will mich
nicht besser machen, als ich bin, ich muß das ganz bestimmt ver⸗
neinen. Ich bin kein Gegner des konstitutionellen Systems, im
Gegentheil, ich halte es für die einzig mögliche Regierungsforin —
aber wenn ich geglaubt hätte, daß eine Diftatur in Preüßen, daß
der Absolutismus in Preußen der Förderung,t des deutschen Einigungs—
werkes nützlicher gewesen wäre / so würde ich ganz unbedingt zuͤm
Absolutismus gerathen haben. Aber ich habe mich nach sorgfältigem
Nachdenken, — und ich habe schwere und, mir theure, nahestehende
Einflüsse zu bekämpfen gehabt, — dafür entschieden: nein, wir
müssen auf der Bahn des Verfassungsrechts weiter gehen/ was
außerdem meinen inneren Empfindungen und meiner Ueberzeugung
von der Gesammtmöglichkeit unserer Politik entspricht.
Es entstand dann für mich, thatsächlich aus den Wsehunnen
der kirchlichen Irnfr zur polnischen, der Konflikt über die
kirchlichen Angelegenheiten. Dieser Kampf beraubte mich der
natürlichen Unterstützung der konservativen Partei, auf die ich hätte
ckechnen können, und die Wege, die ich, um die Verfassung des
Deutschen Reichs auszubauen uünd in Wirksamkeit zu seßen, um ihr
durch praktische Belebuing eine Bürgschaft der Dauer zu gewähren, —
die Wege, die ich dagu gehen mußte, wären wahrscheinlich
andere geworden, wenn die konservative I mich
nicht damals im Stich gelassen hätte. Es kam dn der
schwere Kampf, den ein augenblickliches Hochglühen der tausendjähri—
gen Streitfrage zwischen Stäat und Kirche, zwischen Kaiser und Papst
veranlaßte , der Streitfrage, die in unserer Geschichte seit 1000 Jahren
jederzeit gelegen hat zeitweise ist sie lebhafter geworden, zeitweise
stiller. Ich habe in diesem Konflikt gekämpft mit der Lebhaftigkeit,
die mir, wie ich hoffe; in allen Sachen, wo es sich meinem Bewußtsein
nach um das Wohl meines Vaterlandes und um die Rechte
meines Königs handelt, so lange ich lebe, eigenthümlich bleiben wird,
aber ich muß auch hier sagen: ich halte Konflikte wohl unter
Umständen für kapfer durchzüukämpfen, saber nie für eine
auf die Dauer zu erstrebende Institution, und wenn sich
Mittel und Wege bieten, die Schärfe der Gegensätze zu
mildern, ohne daß man an die Prinzipien der eigentlichen
Streitfrage rührt, wenn man sich gegenseitig ken—
nen und durch gemeinsames Arbeiten an einem gemein—
samen und hohen Zweck sich gegenseitig achten lernt, —
ja, so liegt es doch wahrlich nicht in meiner Berechtigung
als Minister, solche Wege zu verschlieken und von der
Hand zu weisen. ——
Wenn ich nach 1871 durch diese von mir nicht abhängigen Er—
scheinungen uͤnd, Kämpfe enger an die, liberale Fraktion gedrängt
wurde, als es für den Minister und für den Reichskanzler guf die
Dauer vielleicht haltbar ist, wenigstens gerade so weit, wie es möglich
war, so habe ich dadurch die Beziehungen zu den übrigen Kreisen
des Reichs und der Bevölkerung doch unniöglich für immer aufgeben
können. Ich habe geglaubf und habe das in der Sozia—
listendebatte noch entwickelt, wir, würden, vom rechten
Flügel ab gezählt, in drei Bataillonenz pielleicht, ge⸗
ktrennt, marschiren und, vereint fechten können. Diese
meine Vorausberechnung hat sich leider nicht bestätigt, und die
Amstände,, nicht mein Wille, haben es so gedreht, daß die Herren,
die mich früher häufig und nach ihrer Weise unterstützten, die
Kämpfe nicht ausschloß, daß die mir gegenüber in ihrer Presse, in
hrer angesehensten und anerkanntesten Presse, in einen Zorn und
in eine Sprachweise verfallen sind, die mich vollständig degoutiren
und abwendig machen mußte. Es haben ähnliche Vorfälle auch vor
versammeltem Fuichage stattgefunden/ daß durch einzelne hervor⸗
ragende Mitglieder der Reichskanzler in einer Weise 3 wor⸗
den ist/ kann ich wohl, sagen — öffentlich, wie es ein Mitglied einer
befreundeten Fraktion wohl niemals ohne Mißbilligung der
Fraktion gethan haben würde.
Alles das sind Gründe, die mich gegenüber diesen meinen
früheren — ich hoffe auch wieder zukünftigen — Kampfgenossen in
dieselbe Stimmung setzen, die sie mir gegenüber bekundet und öffent⸗
lich ausgesprochen haben, kühl bis, ans Herz hinan. Ich kann
die Regierung kann doch den einzelnen Fraktionen nicht nach⸗
laufen/ fondern sie muß ihre eigenen Wege gehen, die sie für richtig
erkennt; in diesen Wegen wird sie bexichtigt werden durch die Be—
schluͤsse des Reichstags,“ sie wird der Unterstützung, der Frak—
ronen bedürfen, aber der Herrschaft einer Fräktion wird
sie sich niemals unterwerfen können!
[Die Finanzreform und der Franckensteinsche Autrag.J
Unter diesen Umständen bin ich dazu gekommen, nachdem die Liscke,
die das Ausscheiden meines Herrn Kollegen Delbrück im Reichskanzlex⸗
amt ließ / mich nöthigte, mich enger, näher als bisher mit den wirth⸗
schaftlichen Fragen zu befasfein — bin ich zu Ueberzeugungen gekoni⸗
nien, an deren Durchführung ich von dem Augenblick, wo sie bei mir
feststanden, die ganze Kraft, des Einflusses, der mir amtlich vertraut
ist, gefetzt habe.“ Ob ich, auf der Bahn Nicderlagen erleiden mag, ob
ich wieder von vorn anfangen muß — ja so Jange ich Min ister bleihe
werde ich in diesen Bestrebungen nicht v en mein Vorbild ist
darin Robert Bruce in seiner Geschichte mit, der Spinne, an deren
tetem Wiederaufklimmen nach dem Herunterfallen er sich ermuthigte