Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

Der Beschluß, die inländischen Ausstellungen in dreijährigen Pe
rioden zu wiederholen, wurde nicht ausgeführt, weil vom Jahre 1842
an allgemein deutsche und vom Jahre 1851 an internationale Aus
tellungen abgehalten wurden, bei welchen sich auch das Großherzog—
hum Hessen in hervorragender Weise betheiligt hat. Doch wurden
von den Localvereinen in Mainz, Offenbach und Gießen einige Lo—
alausstellungen veranstaltet. — Da die Erfahrung gelehrt hatte, daß
dandesausstellungen durch die internationalen Ausstellungen keines—
vegs überflüssig und nutzlos geworden sind, wie denn auch in der
seuzeit eine große Zahl solcher Ausstellungen in den verschiedenen
deutschen Staaten abgehalten worden ist, so beschloß der Landesge—
verbeverein im Jahre 1861, zur Feier seines 2öjährigen Bestehens,
vieder eine Gewerbeausstellung, die vierte, in Darmstadt zu veran—
talten. Es betheiligten sich dabei über 400 Aussteller aus dem
Broßherzogthum und haben über 30,000 Versonen die Ausstellung
besucht.
Die zum Zoll- und Handelsvereine verbundenen deutschen Re—
zierungen hatten auf Antrag der Königl. bayr. Regierung bei der
ünften Generalconferenz der Zollvereinsstaaten 1842 in Stuttgart
deschlossen, sich gegenseitig zu unterstützen, damit von Zeit zu Zeit
zffentliche Ausstellungen für die Industrieerzeugnisse des gesammten
Vereins zu Stande kämen. In Folge davon wurde von der Kgl.
Preuß. Regierung eine Gewerbeausstellung im Jahre 1844 für der
Zollverein veranstaltet. Deutsch-Oesterreich war zur Betheiligung
nicht eingeladen. Die erste allgemeine deutsche Ausstellung vom Jahre
1842 in Mainz wurde ignorirt und die Berliner Zollvereins-Aus—
tellung als die „erste“ bezeichnet. Bei dieser Ausstellung wurden ähn—
iche Grundsätze eingehalten, wie bei der Ausstellung in Mainz. Als
Ausstellungslocal diente das Königl. Zeughaug in Berlin. Die Zahl
oer Aussteller betrug ca. 2800. Werke der schönen Künste und Er—
jeuanisse der Landwirthschaft waren ausgeschlossen.
Im Jahre 1850 fand in Leipzig eine Industrieausstellung statt,
zu welcher deutsche Erzeugnisse sowohl aus den Zollvereinsstaaten,
als wie aus Deutsch-Oesterreich zugelassen warem und die, trotz mannig—
acher Hindernisse, durch das Zusammenwirken der sächsischen Regie
rung und der Behörden der Stadt Leipzig sehr gut durchgeführt wurde.
Die Zahl der Aussteller betrug 1440.
Nachdem durch die erste Londoner internationale Ausstellung vom
Jahre 1851 dem Ausstellungstrieb ein neuer, mächtiger Impuls ge—
zgeben worden war, lud die Königl. bayr. Regierung die Industriellen
der Staaten des Zollvereins und von Deutsch-Oesterreich zu einer ge—
neinschaftlichen deutschen Ausstellung für das Jahr 1854 nach Mün—
hen ein. Für diese allgemeine deutsche Ausstellung, die größte his
etzt stattgefundene, ließ die bayr. Regierung einen besonderen Palast
aus Eisen und Glas, nach dem Muster des Glaspalastes im Hyde—
Park, London 1851, errichten, welcher noch vorhanden ist. Die Zahl
der Aussteller betrug etwa 7000. Das Unternehmen wurde von allen
deutschen Regierungen und den Industriellen auf das eifrigste geför—
dert; leider brach die Choleraepidemie in München aus, als die Zu
züge von Besuchern am stärksten waren und beeinträchtigte die Resultate
dieser Ausstellung in empfindlicher Weise.
Endlich hat im vorigen Jahre eine Ausstellung in Stettin statt
zefunden, zu welcher Erzeugnisse aus allen deutschen Staaten zuge—
lassen wurden; dieselbe war aber aus einzelnen Theilen Deutschlande
aur sehr schwach beschickt.
(Fortsesung folat.)

—Aü—

Künstliche Glieder.
Der durch den letzten Krieg auf die Darstellung künstlicher
Glieder gerichtetete amerikanische Erfindungsgeist hat Erfolge be—
wirkt, welche das alte Märchen von Mynherr van Koek, mit dessen
Leichnam nocht immer seine Korkbeine in der Welt umherlaufen
'ollen, zur Wahrheit zu machen scheinen. Die künstlichen Beine,
welche amerikanische Fabrikanten liefern, ersetzen nicht blos an Aus
sehen, sondern auch an Beweglichkeit und Gelenkigkeit die natür—
lichen Glieder fast vollkommen und haben dabei den Vortheil, gegen
Bicht und Hühneraugen gesichert zu sein. Jüngst fand in Newyor

hei Gelegenheit einer laudwirthschaftlichen Ausstellung ein Wettlau—
en von Invaliden statt; dabei legte ein Mann, dem beide Beine
im Knie abgeschossen und durch künstliche ersetzt waren, ohne Stock
eine halbe englische Meile in 9 Minuten (gleich 1 Stunde 24 Mi—
iuten für eine geographische Meile) zurück. Sein Aussehen, seine
daltung und seine Bewegungen waren so vollkommen die eines
Mannes mit gesunden Gliedmaßen, daß er nach voll brachtem Marsch
ich die Beine abschnallen mußte, um das Publicum davon zu über—
jeugen, daß sie künstlich seien.
Die Erfindung (denn so muß man die überaus sianreichen Con—
tructionen künstlicher Gelenke wohl nennen) hat auch ihren volks—
wirthschaftlichen Werth, da sie die Arbeitskraft von Tausenden wäh⸗
rend des Krieges verkrüppelter Menschen verwendbar macht. Dies
theilte jüngst das Correspondenzbl. der Aerzte in Nassau mit.
Nach dem amtlichen Berichte wurden in den ersten 2 Jahren
des Ver. Staaten-Krieges 97056 Amputationen an verwundeten Sol—
daten vorgenommen. Von 100 Patienten starben überhaupt nach
der Amputation oberer Gliedmaßen 18,7 Proc., nach der unterer
Gliedmaßen 34,55 Proc. Nach Amputation oberer Gliedmaßen star—
ben die meisten nach Abnahme des Vorderarms (16,52 Proc.), des
zanzen Armes (21,14 Proc.), des Schultergelenkes (39,24 Proc.) Nach
Amputation unterer Gliedmaßen starben die meisten nach Abnahme
des Beines (23,02 Proc.), des Kniegelenkes (55,17 Proc.), des Ober—
ichenkels (64,93 Proc.), des Hüftengelenkes (85,71 Proc.)
Einem anderen Berichte zufolge, der dem Congreß vorlag, hat
die amerikanische Regierung für die Armee im Ganzen 3784 künst—⸗
liche Beine, 2134 künstliche Arme, 44 künstliche Hände und 9 künst—
liche Füße anfertigen lassen, die 387,000 Dollars gekostet haben und
von 23verschiedenen Werkstätten geliefert wurden.

Vermischtes.
Von der Saar, 14. August. Jetzt, nachdem Korn und Wei—
zen eingescheuert, läßt sich ein sicheres Urtheil über die diesjährige
Erndte fällen. Im Allgemeinen wäre der Ertrag des Roggens nach
Zahl der Garben ein befriedigender, jedoch befriedigt der Ausdrusch
hesonders im leichten Boden so wenig, daß wir für diese Getreide—
Art eine geringe Mittel-Erndte berechnen. Schlechter noch sieht es
mit dem Weizen aus. Die kalten Regentage Anfangs Juli haben
denselben in der Blüthe beschädigt, und so sahen wir nur einzelne
Felder, besonders solche, die frühe in die Blüthe gingen, welche be—
riedigen. Gleiche Nachrichten erhalten wir aus Frankreich, im Mo—
eldepartement, wo, besonders am Niedthale, der fruchtbarste Kalk—
»oden sich ausbreitet. Auch dort wird die Weizenerndte als eine sehr
nangelhafte angesehem. Auch gut stehende Gerstenfelder gehören zur
Zeltenheit, und hat auch diese Frucht durch gleiche Ursache gelitten.
Der Hafer scheint indessen mehr Ertrag zu liefern, als im vorigen
Jahre, wo nicht die Engerlinge oder Maikäfer denselben beschädigt
haben. Diese Landplage tritt in diesem Jahre wieder auf eine Weise
ein, wie noch nie zuvor, und während früher nur der leichte
Sandboden darunter gelitten, tritt diese verherrende Meute nun
auch in schwerem Boden auf. Viele Kartoffelfelder sind rein ausge—
fressen, eben so Kohl- und Runkelrüben, und ganze Flächen der
schönsten Saarwiesen sind der Art ausgefressen, daß der lose Rasen
rotz der günstigen feuchten Witterung mit dem Fuße weggehoben
werden kann. Bei der Großartigkeit, womit diese Landplage auf—
tritt; ist es schwer, ein wirksames Mittel dagegen zu finden. Die
Obsterndte scheint im Allgemeinen eine reichliche zu werden, während
die Cholerafurcht den Genuß sehr beschränkt. Trotz des vielen Re—
gens und der kalten Nächte ist der Weinstock bedeutend vorgegangen
und sieht man schon in den Bergen rothe Trauben, welche färben.
Bei einem trockenen und warmen Herbste ist noch gute Aussicht auf
eine reichliche und gute Weinlese. Der junge Klee steht zum Theil
sehr schön und bringt die feuchte Witterung reichliches Herbstfutter.
In Folge dessen sind Rindvieh und Schweine auf den letzten Märk⸗
ten bedeutend gestiegen und haben wir für den Winter theures Fleisch
in Aussicht.
            
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