Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

gesehen, die Zweifel oder Bedenken, wenn deren aufsteigen, ob Vater
der Mutter vorzügliche Nutzthiere waren, nicht beantworten können.
Dies gilt mehr oder weniger auch von Rindern. Hier geben die
Zusnon'schen Milchspiegelzeichen allein, und zwar die sicherste Auskunft.
So kam es denn schon oft vor, und trifft heute noch vielfach
ein, daß man von (immer seltener werdenden) recht reichlich milchen
den, sehr flüssigen Kühen, wie der Schweizer sagt, oft eine in dieser
o wichtigen Beziehung weit geringere Nachzucht erhält, und daf
zierin ein einziger Zuchtstier, den etwa eine Gemeinde in bester Ab—
iicht angeschafft und vielleicht sehr hoch bezahlt hat, manchmal sehr
großen erst nach Jahren an den Tag tretenden Schaden verursacht,
der namentlich dem Kleinhäusler und armen Mann recht drückend
werden kann, wenn er, der mit Mühe und Noth das Futter für sein
Stückchen oder ein paar Stückchen und mit einem nachgezogenen
Rind etwa noch zusammen bringt, und nur die Milch als Haupt⸗
nahrung hat, sich in seiner Erwartung getäuscht findet. Auch ist es
eine bekannte Thatsache, daß nur wenige Kühe den Besitzern befrie⸗
digenden Nutzen gewähren, was einen häufigen Wechsel herbeiführt,
und daß weitaus die meisten Kühe ein Viertel, ein Drittel, ja die
dälfte weniger Milch geben, der ganze Jahresbeitrag gerechnet, als
die weniger bessern; daß man also mit demselben Futter, wären alle
sühe „nur gut“, nicht einmal ausgezeichnet, mindestens um die
Hälfte mehr Milch bekommen könnte. Ein Mehr von durchschnittlich
etwa 600 Maß bayerisch per Kopf — etwa 85 fl. oder 10 pr. Thlr
— wie viel Millionen mehr würde das alljährlich nur Bayerns
Viehbesitzern einbringen ohne alle Kosten.
Man sieht leicht, welche empfindliche Lücke hier, ja man könnte
sagen, die letzte in der Landwirthschaft, noch auszufüllen ist. Denn
in der Zucht aller andern derselben nöthigen oder nützlichen Thier⸗
zattungen sind bereits die befriedigendsten Resultate erreicht, wie wir
—V0
rung der Hausthiere neuerer Zeit den landw. Versuchsstationen die
glänzendsten Erfolge verdanken, ähnlich wie der Ackerbau hauptsäch⸗
lich durch die großen Verdienste Liebigs die rationellste Basis zur
Entwicklung steigender Fruchtbarkeit der Felder kür alle Zeit erhal—
en hat.
In der Absicht nun, diese Lücke in der Rindviehzucht resp. für
die Beurtheilung des wirthschaftlichen Werths der einzelnen Thiere,
mit der Zeit zu verringern und ihr gänzliches Verschwinden anzu⸗
hahnen, hat Herr Georg Zöppritz, Fabrikant von Heidenheim, Vater
des durch seine mit dem ersten Preis für Böcke wie Mutterthiere
ausgezeichneten South⸗Down-Schäferei bekannten Gutsbesitzers gleichen
Namens auf dem Ganterhof bei Ravensburg, ein kleines Maiergut,
den Spitalhof bei Kempten, im Herbst 1864 gepachtet, um die Rind—
biehzucht nach Gusnon in rationeller Weise zu betreiben, und dadurch
unter Beihülfe seines Sohnes nach und nach allgemeines Interesse
dafür anzuregen, sowie die hier zur Geltung kommenden Grundsätze
sich ergebenden Erfahrungen immer weiterer Verbreitung zuzu—
ren.
Diese Grundsätze nun bestehen, mit Umgehung der leicht verwir—
renden Klasseneintheilung Guénons, in strenger Beachtung seiner
Milchspiegelzeichen, die er uns durch lithographirte Abbildungen der
mannigfaltigsten Art in seinen Schriften erklärt und verständlich zu
machen gesucht hat. Die letzte sehr umfassende Ausgabe derselben
erschien 1862, ungefähr ein Jahr vor seinem Tod. In Verbindung
damit wird der Körperbau der Thiere genau in Betracht gezogen,
um durch Fütterungsversuche mit Rücksicht auf die Dicke des Horns,
die Elasticität der Haut und die Schwere der einzelnen Thiere, sowie
die durch Messungen festgestellten Dimensionen des Knochengerüstes
derselben, die Futterverwerthung je nach diesen individuellen Ver—
hältnissen und dem resp. Milchspiegel zu ermitteln, und so für die
Beurtheilung des ökonomischen Werths des Viehs durch vergleichende
Berechnungen eine solide Grundlage festzustellen, welche durch pho⸗
tographische Abbildung des Milchspiegels einzelner Thiere zugleich
hre bestimmte Begrenzung erhalten wird. Kurz gesagt, soll genau
ermittelt werden, unter welchen körperlichen Bedingungen der Züch—
iung die Futterverwerthung den höchsten Grad erwarten läßt, um
gewisse Normen für die Auswahl und Zucht von Rindvieh feststellen
zu können, gleichzeitig aber als factischen Beleg tadellos gutes Milch—
vieh zu produciren, resp. unter Garantie hiefür an solche Gutsbesitzer
und landw. Vereine zu veräußern, von welchen anzunehmen ist, daß

ie damit denselben Weg weiter verfolgen, um das Unternehmen in
seinem Hauptzweck, der Verschlechterung unserer Viehracen entgegen—
uarbeiten, sowie auf sorgfältige Zucht hinzuwirken, zu unterstützen
(Schluß folgt.)

Untergang des Dampfschiffes „London“.
Es benimmt der schrecklichen Katastrophe, welcher vor wenigen
Tagen das Dampfschiff „London“ in dem Meerbusen von Biscaya,
dem Grabe so vieler Seefahrer, zum Opfer gefallen ist, nur ein Ge—
ringes von ihrer Furchtbarkeit, wenn man später erfährt, daß nicht
270 Menschen, sondern wenige über 200 mit dem Schiffe versunken
sind. Der Untergang dieses Dampfers ist an sich schon ein Beweis
für die beispiellose Wuth, womit die Stürme gerast haben müssen;
denn der „London“, noch nicht 2 Jahre alt, hatte einen großen
Ruf als Passagierschiff, der durch die Schnelligkeit seiner letzten Reise
aach Ausstralien (in 59 Tagen) nur gestiegen war, und sowohl die
SFigenthümer als die Seeassecuranzen bauten unbedingt auf seine
deistungs- und Widerstandsfähigkeit bei allen möglichen Vorkomm
aissen.
Unter dem Commando des Capitän's Martin, eines australischen
Seefahrers von geprüfter Erfahrung, lief der Dampfer am 28. Dez
bon den ostindischen Docks in London auf seine Unglücksreise aus.
Vor Gravesend warf er Anker und wegen der stürmischen Witterung
rat er erst am Montag den 1. Jan. seine Weiterfahrt an. Bei der
Insel Wight mußte nochmals Halt gemacht werden, und am 4. Jan.
rxreichte das Schiff, nachdem es gegen starken Sturm und schwere
Zee angekämpft, den Hafen von Plymouth. Schon hier schien ein
Vorbote des bevorstehenden Unglückes sich einzustellen; der Lootse,
velcher zu dem „London“ herankam, ertrank, indem sein Kahn gerade
bor dem Schiffe umstürzte. In Plymouth nahm das Schiff noch
eine Anzahl von Passagieren an Bord; um Freitag Mitternacht lief
es auf die hohe See aus, anfangs nur mit einem schwachen Winde
ämpfend, der aber in den folgenden Tagen anschwoll, bis am Dinstag
den 9.) Morgen, während der Capitän mit Hülfe der Schraube das
Schiff noch in Curs hielt, die Gewalt des Sturmes den Klüverbaum,
die Vorstenge, die Bramstenge und die Oberbramstenge in einem
Anstoße wegriß; wenige Stunden später fiel auch die große Oberbram—
tenge. Capitän Martin, der seit Sonntag nicht mehr zu Bette ge—
jangen war, verlor den Muth noch nicht, als der Sturm aber im—
ner höher anwuchs und die See berghoch ging, ließ sich der Gedanke
an Gefahr nicht länger unterdrücken.
Am Dinstag Nachmittag spülte eine Sturzwoge das Backbord⸗
Rettungsboot spurlos von der Jütte weg. Der Capitän berieth sich
in der Nacht mit seinem ersten Ingenieur, J. Greenhill, und es
vurde beschlossen, den Cours nach Plymouth zurückzunehmen. Es
zeschah sofort. Kurz nachher aber erhielt das Schiff wieder einen
zewaltigen Stoß und verlor das Steuerbord-Rettungsboot, während
dieselbe Woge den Steuerbord-Kutter einstieß. Die Position war
im Mittwoch Mittag 460 48' nördliche Breite und 807 westl. Länge—
Zrade (90 32“ östl. Länge von Ferro). Am Abend erhob sich der
Südwestwind zu einem furchtbaren Sturm; ein Wasserberg stürzte
iber das Schiff zusammen und ließ seine vernichtende Gewalt an der
zum Maschinenraum führenden Luke aus, die massive Construction
von 12 zu 8 Fuß zertrümmernd. Unverzüglich wurden Anstrengun—
zen gemacht, die Luke wieder in Stand zu bringen; alle überflüssü
jen Segel, selbst Matratzen und Leintücher, wurden über die Oeff—
uung gedeckt; doch jede folgende Woge raubte wieder den schwachen
Schutz des Augenblickes. Das Wasser stieg in dem Schiffsraume; et
tieg über die Feuerstätte, es stieg den Heizern und dem ersten In
zenieur bis zur Brust hinan, und der letztere mußte hinaufsteigen
im dem Capitän anzuzeigen, daß die Maschine nicht mehr arbeiten
önne. »Alle Pumpen wurden in Thätigkeit gesetzt, und die Passagier
egten mit der Mannschaft überall Hand an. Aber das eindringend.
Wasser gewann die Oberhand über die Pumpen; der Sturm wüthet
fort und zerriß das große Marssegel, durch welches der Capitär
den in der Dampfkraft erlittenen Verlust einigermaßen ersetzen wollte
in einem Augenblicke zu tausend Fetzen. Das Schiff gehorchte der
Wogenhebung nicht mehr; schwere Kreuzseen stürzten über es hin.
            
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