Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

mit einer Spindel oder Spinnwirteln aus Thon, durchbohrte runde
Dinge, oder mit einer doppelkegelförmigen Spindel aus Hirschhorn.
Ferner fand man in allen Pfahlbauten eine außerordentliche Anzahl
von kleinen Kugeln aus gebranntem Thon mit einem Loch darin.
Die Gelehrten zerbrachen sich den Kopf, wozu dieselben gebraucht
worden seien, kein Mensch wußte es; man stellte deshalb die aben—
leuerlichsten Vermuthungen auf. Endlich erschien ein Züricher Sei—
denbandfabrikant, Herr Paur, in dem Locale, wo die Pfahlbau
alterthümer ausgestellt waren und erklärte jene Kugeln sofort für
gettelstrecker am Webstuhle. Er baute auch noch an demselben Tage
inen ganz einfachen Webstuhl aus 6 Stäben, worin sämmtliche Ge⸗
webe der Pfahlbauten genau angefertigt werden konnten.
Manche sind der Meinung gewesen, daß die Pfahlbauleute das
Feuer hätten entbehren müssen; dem ist nicht so. Sie waren im
Besitz des Feuers und wußten es sehr gut anzumachen. Nicht allein
in den älteren Pfahlbauten hat man zubereitete Feuerschwämme ge—
funden, die wahrscheinlich das durch Zusammenschlagen zweier Kie⸗
el erzeugte Feuer auffingen (denn auch Feuerstein auf Feuerstein
gibt Feuer, nicht blos Feuerstein auf Stahl), sondern man hat auch
in Moosseedorf wie in anderen Pfahlbauten eine Anzahl von Holz⸗
stückchen mit kleinen kegelförmigen Vertiefungen. Bekanntlich machen
die Wilden in Südamerika und auf den polynesischen Inseln das
Feuer nicht an durch Reiben von zwei Stückchen Holz, wie im Ro—
dinson Crusoe zu lesen steht, sondern sie bohren in ein Stück Holz
ein Loch, in dieses stecken sie ein Stäbchen und drehen dasselbe zwi—
scchen den Händen so lange herum, bis ein ganz feiner Staub sich
zeigt, und dieser fängt dann durch die Wärmeentwickelung bei dem
Drehen an zu glimmen. Ganz genau solche Hölzer hat man also
auch in den Pfahlbauten gefunden und es ist kein Zweifel, daß das
Arvolk ganz wie die Wilden auf den australischen Inseln und in
Amerika zum Feuer gekommen ist, wie zwischen diesen Völkern auch
in anderen Dingen eine merkwürdige Uebereinstimmung herrscht.
Die Netze der Pfahlbauleute haben z. B. ganz dieselbe Form und
Verknotung, wie noch heutzutage bei uns in der ganzen Welt.
Diese Urmenschen haben wahrscheinlich auch schon einen Cultus,
eine Art Religion gehabt. Man findet nämlich überall eigenthüm—
iche Gebilde, aus Thon geformte Gestalten eines Halbmondes, un—
en auf einem Fuße ruhend und die Spitzen ungefähr 18 Zoll aus
einander, auf der einen Seite roh mit Linien verziert. Man wußte
lange nicht, was man daraus machen sollte, und kam endlich auf die
Hypothese, die Pfahlbauleute hätten den Mond als Gottheit verehrt
uind diese Bilder des Halbmondes als Gegenstände des Cultus in
ihren Wohnungen aufgestellt. Man erinnerte sich daran, daß den
ilten Celten und Galliern der Mond heilig war; bekanntlich holten
die Druiden in einer Mondnacht die Mistel mit der mondförmigen
Sichel vom Eichbaum, nach Plinius war der Mond ihnen heilig,
alle Krankheiten heilend. Indeß ist auf diese Hypothese wenig Werth
zu legen und wird vielleicht in späterer Zeit eine bessere Erklärung
zefunden werden.
Das Volk trieb auch schon Handel, denn, wie früher erwähnt,
befinden sich unter den Fundstücken eine Menge Gegenstände, die
nicht diesen Gegenden angehören, namentlich Steine, Hölzer, Koral⸗
len, Bernstein, Glasfluß ꝛc.; also muß schon damals eine Art Bin⸗
nenhandel existirt haben.
Faßt man den allgemeinen Charakter auf, nach dem, wie die
Zeugnisse vorliegen, so darf man wohl glauben, daß das Pfahlbau⸗
volk ein friedliches Volk gewesen; nirgends findet man Spuren von
Mord und Zerstörung, namentlich nicht an Gebeinen von Menschen,
wvie deren aus den früheren Perioden der Jäger und Höhlenbären
zefunden werden, welche darthun, daß in jenen sinstern Perioden sich
die Menschen noch gegenseitig aufgefressen haben, das Anthropopha—
zgenthum (Menschenfresser) herrschte. Knochen der Menschen findet
man ebenso aufgebrochen, wie diejenigen der Thiere, um das Mark
herauszunehmen, ebensowenig finden sich daran die Spuren von Mes⸗
sern und Streitäxten. Also lebte jedenfalls schon in einer Zeit, in
welche nach Rechnung unserer Kalender die Weltschöpfung verlegt
wird, ein ziemlich civilisirtes Volk, welches auf einer Stufe stand,
die viele Jahrtausende des Uebergangs vor ihm ganz bestimmt be—
dingt, und das sich verhältnißmäßig wohl befunden hat. r
Wie sind aber nun die Pfahldörfer verschwunden, untergegan⸗
.!12 Einestbeils durch Teuer: von sehr vielen weiß man dies genau.

die Pfähle, sind bis auf die Stümpfe verbrannt und oben verkohlt.
In Robenhausen ist die ganze Pfahlstadt durch einen der in der
Schweiz so gefährlichen Föhnstürme zu Grunde gegangen, weil in
der Richtung von.Süd nach Nord Kohlen, Asche, angebranntes Stroh,
Rindenstücke weithin über einen Torfmoor geweht sind, mit Kohlen,
Asche und anderen Brandüberresten, welche nur der Sturm dahin
geweht haben kann, angefüllt findet. Aber es ist nicht anzunehmen,
daß durch Krieg oder Gewalt diese Dörfer zu Grunde gegangen
vären, sondern man glaubt eher, daß sie durch Zufall abgebrannt
ind und nicht wieder erbaut wurden; sehr viele scheinen sogar frei—
villig von ihren Bewohnern verlassen worden zu sein; das beweist,
daß sie zerfallen sind, die Stämme auseinander gebrochen noch im
See liegen. Und auch das spricht dafür, daß in denen, die freiwillig
verlassen worden, so wenig Werthvolles sich findet. Die Leute, welche
ortzogen, weil sie des unbequemen Wohnens müde waren, nahmen,
pas sie brauchten, natürlich mit, und nur die Dinge sind im See—
chlamm noch zu finden, welche sie nicht mehr brauchten oder die
zerloren gegangen, in den See gefallen waren. Ebenso ist anzu—
gehmen, daß die Bewohner auf die Brandstätten zurückkehrten und
joch aus dem Wasser fischten, was möglich war. Dazu halfen ihnen
vohl ihre Kähne, denn sie besaßen Fahrzeuge aus einem starken
kichenstamme, sie waren klein, muldenförmig und faßten höchstens zwei
Personen; sie wurden vielfach gefunden. Bekanntlich hat man auch
nn Irland in den Torfmooren, ebenso in Schleswig derartige Kähne,
ogenannte Einbäume, ausgegraben. Sie werden noch heute auf dem
— D gebraucht.
das waren die stärksten Bäume, an die sich die Pfahlleute wagten,
zus welchen sie die Kähne machten; diejenigen, aus welchen sie sich
zie Pfähle im See zurichteten, waren schwächer, und zwar blos ihrer
nangelhaften Werkzeuge halber. Sie mußten den ganzen Stamm
nit einer in Holz gefaßten Säge aus Feuerstein, die nicht größer
par als eine Spanne lang, rundum einsägen, dann hingen sie sich
zben an und brachen die Bäume um. Auf andere Weise war die
rällung nicht gut möglich, man sieht auch noch heute an den Pfäh—
en, die uns erhalten sind, daß sie so und nicht anders geschah.
In vielen dieser Pfahlbauten finden sich außer den steinernen
uch Bronce- und Eisenwerkzeuge, wie schon früher bemerkt. Man
at daraus schließen wollen, daß eine Zeit die andere verdrängt habe,
jaß also über das Steinvolk ein Broncevolk hergefallen sei, es ver⸗
silgt, über das Broncevolk aber das des Eisens gekommen sei und
duch dieses weggefegt habe; das ist aber schwerlich der Fall. Wahr⸗
cheinlich hat sich der Uebergang in friedlicher Weise vollzogen, wie
zoch heute bei uncivilisirten Nationen nach und nach das Metall,
zronce und Eisen, auf den Stein folgt; auch sieht man, daß die
Zroncewerkzeuge im Anfange noch genaue Nachahmungen der Stein⸗
verkzeuge aus Asien, aus der Urzeit sind. Erst zuletzt ist ein Volk
sekommen, das allerdings mit Eisen, mit dem Schwert in der Hand,
zie friedlichen Pfahlbauleute weggejagt oder theilweise in sich aufge—
fommen hat, das waren die aus Germanien eindringenden Helvetier.
Allein in der Schweiz sind jetzt schon über 220 Pfahldörfer ent⸗
pe und theilweise ausgeforscht worden; so im Neuburger See nicht
beniger als 48, darunter sehr große, oft ganz verschieden von ein—
inder. Ebenso im Bodensee, Genfer See, Bieler See, Murtener,
Zuger See, ferner in Oberitalien im Gardasee, im Lago maggiore,
nn Savoyen, in Frankreich in den Torfmooren von Abbeville, in
Dänemark, in Mähren ꝛc., in Bayern im Stahrenberger See; an der
stoseninsel desselben wurden ebenfalls zwei Pfahlbauten entdeckt und
war mit Hülfe eines Mannes, der sich den Ruf eines Pfahlbau—
ischers in der Schweiz erworben hat, ein gewöhnlicher Fischer, Na—
nens Hansli in Biel. Dieser Mann wird überall geholt, wo man so
olche Pfahlbauten zu finden hofft, da er eine wunderbare Geschickea
ichkeit in der Auffindung derselben durch viele Uebung erlangt hat.
Man gräbt die Pfahlbauten unter Wasser auf gewöhnliche Weise
ius, entweder durch eine sogenannte Baggermaschine, die durch ein
stad getrieben wird, wie man sie gebraucht, um den Schlamm und
Zand aus den Flüssen zu schaffen, oder man benutzt eine sogenanntete
Pfahlbauscheere, ein eigenthümliches Instrument, welches an einem
Zug eine Scheere unterhalb bewegt, die Alles, was sie Hartes findetE
backt und heraufführt.
Besuchern der Schweiz, die sich für Alterthümer interessiren, wir
gerathen. das Museum des Ohersten Friedrich Schwab in Bie
            
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