Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

Vorfahren Riesen gewesen wären, wie man oft liest; nein, im Gegen—
theil, wir sind herangewachsen, wird sind viel größer, kräftiger und
stärker wie unsere Vorfahren. Die Völker der Urzeit sind unbedingt
kleiner gewesen, sämmtliche bis jetzt entdeckte Gerippe der Höhlen
und Pfahlbauten, haben dies unwiderleglich dargethan, ohne sie wäre
der Beweis dafür nicht möglich gewesen. Schon aus vielen Geräth—
schaften für die Hand geht dies deutlich hervor, unsere Hände sind
biel zu groß für die Griffe derselben, also müssen die damaligen
Völker eine kleine zierliche Hand gehabt haben, wie noch heutigen
Tages alle die Menschen, die auf einer niederen Culturstufe stehen,
wie z. B. die Hottentotten, Botokuden, die Schwarzen Australiens,
besonders durch die Kleinheit der Extremitäten vor allen höher civi—
lisirten Menschen sich auszeichnen. Namentlich erwarb sich um die
Fauna der Pfahlbauten der Prof. Rütimeyer in Basel sehr große
Verdienste. Derselbe hat unter andern die Gebeine einer Frau un—
iersucht, sie ziemlich vollständig analysirt und beschrieben; daraus er—
gab sich denn, daß, wenn auch unter mittlerer Größe, doch die da—
maligen Leute ein seltenes Ebenmaß des Körpers besessen haben müs—
sen, was in unserer Zoeit doch einigermaßen verloren gegangen ist
Sonst sind in den Pfahlbauten nur äußerst selten Gebeine von Er
wachsenen, dagegen um so mehr von kleinen Kindern gefunden wor—
den; Herodot hat also gewiß Recht gehabt, wenn er sagte, die
stinder wären angebunden worden, damit sie nicht ins Wasser fielen,
denn eben aus den gefundenen Knochen geht hervor, daß vorzugs
weise Kinder zufällig ins Wasser gefallen und ertrunken sind.
Die Thiere der damaligen Zeit anlangend, so findet man von
ihren Resten eine außerordentliche Auswahl. Messikomer in
Wetzikon, der die Pfahlbauten von Robenhausen sehr genau unter
suchte, hat allein über 100 CEtr. Hirschknochen daraus weggeführt,
und zwar blos aus einem schmalen Striche des Aabachcanals. Man
sieht, daß die Völker der Urzeit anfänglich besonders auf Fleischnah—
eung angewiesen waren, und die Faunga des Urwaldes tritt uns auch
in besonders imposanter Weise entgegen. Zunächst ein Thier, wel—
ches nicht mehr exstirt, der Urochs, in der Größe zwischen Elephant
und Nashorn stehend, der damals noch die Urwälder belebte, aber
mtweder schon selten gewesen sein muß oder nur sehr schwierig er—
legt werden konnte. Wahrscheinlich waren die damaligen Menschen
toch nicht mit den Waffen versehen, um einem so fürchterlichen
Feinde Stand zu halten, er wurde daher in Gruben gefangen. Man
hat übrigens Reste genug von ihm gefunden, und es ist unwiderleg—
bar, daß er dem Pfahlbauvolke zur Nahrung gedient hat. Nächstdem
der Wisent, der noch jetzt, als Auerochs bekannt, im Bialowiczer
Walde und in einzelnen Exemplaren in zoologischen Gärten, wie
„. B. in Dresden, zu finden ist; damals, wie jetzt noch in Amerika
in Rudeln von oft 1000 Stück den ganzen Norden durchstreifend
Das dritte Thier ist der Hirsch, unser jetziger Edelhirsch; der eigent
liche Riesenhirsch ist in dieser Zeit schon ausgestorben; seine Geweihe
ändet man hier und da in zoologischen Sammlungen, sie sind außer—
»rdentlich groß und mächtig, z. B. 10 Fuß und mehr auseinander
stehend. Der damalige Hirsch ist, wie bemerkt, derjenige unserer Zeit,
aber bedeutend größer, nach Rütimeyers Messungen die Rücken—
höhe eines großen Pferdes übertreffend; man hat Geweihe von 60
Enden und noch mehr gefunden. Sein Fleisch scheint die allgemeine
Nahrung gewesen zu sein, indem ungemeine Knochenmengen davon
zefuuden worden sind. Von anderen Thieren wurde z. B. der Fuchs
zegessen. Daß die Thiere gegessen wurden, sieht man daran, daͤß
in den Knochen noch Spuren der Steinwerkzeuge zu sehen sind;
außerdem sieht man, daß die Leute mit großer Sorgfalt alles Eßbare
ich zu eigen gemacht, alle Schädel sind in Stücken gespalten, sehr
venige sind ganz; alte Röhrenknochen der Länge nach gespalten, mit
Steinärten zerbrochen, um das Mark herauszunehmen. Ein eigen—
hümliches Factum ist, daß, während alle übrigen Thiere größer wa
ten als unsere jetzigen, der Fuchs damals bedeutend kleiner war; zahl—
reiche Scelette haben diese Thatsache außer Zweifel gesetzt. Sodann
finden sich der Elch, das jetzt in Masaren, Litthauen?c. vorkommende
Clennthier, die Gemse, der Steinbock, Biber, Luchs, Bären, die eben
jalls gejagt, aber, wie es scheint, nur selten erlegt wurden, denn ihre
Zähne wurden als Schmuck in Korallen getragen und mit großer
Aufmerksamkeit aufbewahrt; dann noch eine Menge anderer Thiere
Die Pfahlbauleute besaßen aber auch Hausthiere; zuerst eine
janz kleine Kuh, die kleiner als die großen Racen der Jetztzeit, die

ogenannte Torfkuh, welche ihren zoologischen Namen daher hat, daß
hre Gebeine in Torfmooren eingebettet gefunden werden; daneben
die Ziege, später Schaf und Schwein; erst in den allerspätesten Zei—
ten kam das Pferd dazu.
Wie schon oben erwähnt, stand das Volk der Pfahlbauten auf
der ersten Stufe der Civilisation, es hatte sich dem Ackerbau zuge—
wendet, betrieb ihn freilich nur sehr im Kleinen, vielleicht auf einem
geklärten und gartenähnlich eingefricdigten Stück Land zunächst dem
See. Es wurden die heutigen Früchte schon damals gebaut: Weizen
und Gerste, das übrige Getreide war noch nicht bekannt; allein der
Weizen und die Gerste von vor 7000 Jahren sind noch vollkommen
so gestaltet wie heute; die Ueberbleibsel davon sind scheffelweise ge—
ammelt worden, daher ganz genau bekannt. Die dritte Culturpflanze
war der Lein oder Flachs.
Als Waffen dienten den Pfahlbaumännern Pfeil und Bogen,
letztere von Ebenholz (dem Taxusbaume).' Die Pfeilschäfte von Rohr
mit Feuersteinspitzen, mit Bast daran gebunden; ferner trugen sie
einen Speer oder eine Lanze mit einer Spitze aus Kuhhorn und ein
Beil aus Serpentinstein in ein Stück von dem Geweih eines Hirsches
ingeklemmt, eine Schleuder im Gürtel (man hat vollständige Exem—
plare aufgefunden) und scheibenförmig geschliffene Schleudersteine in
einer Tasche. Ihre Gefäße bestanden aus rohem Thon mit vielem
Quarz eingemischt: im Anfange waren sie ungebrannt; allein es ist
bekannt, daß durch das Brennen selbst in gewissen Thonarten eine
Glasur erzeugt wird, so daß diejenigen, welche zuerst unglasirte Ge—
fäße haben, von selbst darauf kommen müssen, sich der Glasur zu
bedienen. Als letzter Fundgegenstand werden noch die vielen Schmuck—
achen erwähnt, deren wahrscheinlich die Frauen sich bedienten, be—
tehend aus Bärenzähnen, durchbohrten bunten Steinchen, Koralleu
aus Hirschhorn u. dgl. Ganz selten nur zeugen hier und da auch
ein eigenthümlich gefaßtes Stückchen Glasfluß oder Bernsteinperlen
davon, daß in späterer Zeit, vielleicht im zweiten Jahrtausend vor
Christo, der Handel der Phönizier, der durch die Säulen des Her—
cules und bis in die Ostsee vordrang, sich in der damaligen Zeit
auch wahrscheinlich in das Binnenland Europas erstreckte.
Von diesen Fundstücken der Pfahlbauten sind außerordentliche
Mengen entdeckt und gesammelt worden, zugleich aber haben diesel—
ben in der Schweiz eine ganz neue Industrie wachgerufen, nämlich
die Pfahlbaualterthümer-Fabriken, davon eine beträchtliche Anzah
hesteht oder bestand, zum Beispiel zu Yverdun, Cortaillod, Lausanne,
Genf ꝛc. Zwar haben die Regierungen der Cantone mit energischer
und sehr dankenswerther Strenge das Handwerk zu legen gesucht,
indeß nichtsdestoweniger weiß man aus authentischen Mittheilungen,
daß in England große Pfahlbauten-Museen bestehen, sehr reich aus—
gestattet und vollständig besetzt mit Alterthümern, von welchen nich
ein einziges Stück echt ist.
Auf die Frage: Warum jene Leute in das Wasser gebaut, warum
le sich in den See geflücht, da doch so viel Land ringum lag und
vahrscheinlich gleichzeitig auch auf dem Lande Ansiedlungen desselben
Volkes bestanden, darauf ist die Antwort schwer. Wahrscheinlich ha—
ben sie es zunächst gethan, weil sie aus ihrem Stammsitze, Asien,
die Gewohuheit mitgebracht hatten, in Seen zu bauen. Zweitens
wimmelten damals allerdings die Wälder von reißenden Thieren und
elbst Mensch gegen Mensch stand immer in der Wehre; es wäre also
ebenso gut möglich, daß sie der Sicherheit wegen sich da angesiedelt,
da blos ein schmaler Steg zu den Wohnungen führte und sie durch
Abwerfen desselben geschützt waren, wenn der Feind, was in damali—
ger Zeit unwahrscheinlich ist, nicht Kähne hatte. Endlich ist man noch
der Ansicht, daß vielleicht, da bei dem damaligen Fischreichthum der
Seen die Fische eine Hauptnahrung ausmachten und auf den Pfahl—
bauten in sehr bequemer Weise, wie schon Herodot erzählt, zu erlan—
gen waren, sich jene Völker auch aus diesem Grunde mitten im See
angesiedelt haben. Man hat behauptet es seien diese Seehütten blos
als Zufluchtsstätten betrachtet worden, sie seien also nicht die bestän—
digen Wohnsitze eines Volkes gewesen; denn, sagte man, im Winten
rieren ja diese Seen meist zu, es ist also dann der Zweck der Sicher
heit durch die Eisdecke vereitelt; dies ist auch ganz richtig. Die Tem
»eratur ist damals keineswegs eine wärmere gewesen, man weiß viel
nehr mit Sicherheit, daß die Seeen noch viel häufiger zufroren al
heute; es beweisen dies die vielen aufgefundenen Gebeine des wild—
Schwanes, der niemals in die Schweiz kommt, wenn die Seen nid
            
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