Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

2) Die Qualität der entlaubten Kartoffeln wird durch das Ver—
veilen derselben im Boden verändert. Die Kartoffeln ver—
ieren Stärkemehl und Trockensubstanz. Ihr spezifisches Ge—
vicht wird kleiner.
Das absolute Gewicht der entlaubten Kartoffeln vermindert sich
bei ihrem Verweilen im Boden (wahrscheinlich durch Wasser—
zufnahme) nicht merklich.
Der Ertrag der Kartoffel wird durch die Entlaubung nur dann
geschmälert wenn das Kraut am Tage der Entlaubung noch
zrün und funktionsfähig ist die Entfernung abgestorbenen Krau—
ses schmälert den Ertrag der Kartoffel dagegen nicht.
Ertragsverminderung, welche durch die Entfernung des funktions—
fähigen Krautes mit Nothwendigkeit herbeigeführt wird, ist um
o größer, je frühzeitiger die Entlaubung in Bezug auf die
Vegetationsdauer einer bestimmten Kartoffelsorte vollzogen wird,
und umgekehrt um so unmerklicher, je später dieselbe in Bezug
auf die Vegetationsdauer der Sorte erfolgt.
Die Erntezeit einer Kartoffelsorte wird durch das Absterben des
Krautes bezeichnet.
Das Belassen der Kartoffeln im Boden nach dem Absterben des
Krautes führt dieselben Nachtheile herbei, welche durch das Ver—
veilen entkrauteter Kartoffeln im Boden entstehen. Die Kar—
offeln werden ärmer an Trockensubstanz und Stärkemehl und in
demselben Verhältniß wasserreicher.
Die Bildung von Kartoffelsubstanz, Stärkemehl ꝛc. ist nur un—
ier Mitwirkung des grünen Krautes möglich.
Diese, im Wesentlichen mit den Resultaten früher mitgetheilter Un—
lersuchungen übereinstimmenden Sätze lehren also, daß
am vollkommene Kartoffeln — also namentlich
Samenkartoffeln — zu erzielen, das Kraut nicht
»entfernt werden darf, bevor die Knollen ihre
dollkommene Reife erllangten,
woran, obgleich eigentlich selbstverständlich, noch passend hinzuzusetzen
ist, daß

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um vollkommene Samenkartoffeln zu erhalten,
nan sdie Knollen nicht vor vollkommener Reife
aus dem Boden nehmen soll.
Schon im Eingange sagte ich, daß es vornehmlich die, mir erst
vetzt bekannt gewordenen, Aeußerungen des Prof. Dr. v. Gohren
waren, welche mich, meil sie mit meinen Auffassungen übereinstim—
nen, ganz besonders zu diesen Zeilen veranlaßten. Diese Auffassungen
lassen sich in Kurzem dahin zusammenfassen, daß die Bedingnisse
für vollkommene Entwickelung der Pflanze bei der Kultur der Kar
offel in physiologischer Hinsicht fortgesetzt mehr oder weniger außer
Acht gelassen und namentlich im Veraleiche mit der chemischen ver
aachlässigt wurden.
Prof. v. Gohren's Ansichten sind folgende:
„Die beiden jetzt herrschenden und sich ziemlich schroff gegenüber
tehenden Ansichten v. Liebig's einerseits und de Bary's, Speer
schneider's u. s. w. andererseits über die Kartoffelkrankheit als
»ekannt voraussetzend, glaube ich, daß man auf der einen Seite,
venn man von einer durch die Bodenerschöpfung allein bedingten
Dispositions-Fähigkeit der Kartoffel für Aufnahme und Entwickelung
der Peronospora infestans ausgeht, etwas zu einseitig den chemischen
—AV Wechselwirkungen festhält;
auf der den Einfluß der Bodenerschöpfung negirenden Seite aber zu
zinseitig die Ursache der Krankheit dem Pilze beimißt. In einer in
der „Zeitschrift für deutsche Landwirthe, 1864, 7. Heft Seite 209“
von mir veröffentlichten Arbeit über dasselbe Thema kam ich zu dem
Schlusse, daß die chemische Zusammensetzung der Kartoffeln keinen
Anhaltspunkt biete, um daraus das größere oder geringere Auftreten
der Kartoffelkrankheit erklären zu können, ebenso berechtigten mich
die am zitirten Orte angeführten Daten zu der Annahme, daß auch
nicht die Bodenarmuth die Ursache der Krankheit sein könne, wei
zerade in den unbestreitbar an mineralischen und assimilirbaren
Pflanzen-Nährstoffen reichsten Parzellen die Krankheit am ausgedehn
lesten auftrat, so daß ich mich sogar der Ueberzeugung nicht entschla.
zen konnte, daß die Bedingungen im Boden, welche eine reiche Ent
wickelung der Kartoffel gestatteten, zugleich auch diejenigen zu sein
scheinen, welche eine üppige Vegetation des Schmarotzerpilzes begün
tigen. Hiermit soll keinesweas in Abrede gestellt merden dak Ru

hen-Erschöpfung recht wohl in gewissen Fällen normale Zusammenetzung
 und in Folge dessen Krankheiten der Kulturgewächse hervor—
rufen könne, niemand möchte den Landwirthen die unendliche Trag⸗
weite der Lehre von der Boden-Erschöpfung dringender empfehlen als
ich, aber doch glaube ich, soll man sich trotz der Erkenntniß der Be—
deutung der Boden-Erschöpfungslehre oder vielmehr wegen dieser Er—
kenntniß die Blicke frei halten für die Grenzen und Anwendbarkeit
zieser Lehre. — Findet der Pilz keinen günstigen Boden für sein Ge—
deihen, so kann er, das ist unleugbar, sich nicht üppig entwickeln
Fine in der nach unseren jetzigen Methoden ermittelbaren chemischen
Zusammensetzung begründete Disposition-Fähigkeit der Kartoffel für
den Pilz habe ich negirt und negire ich, da ich nicht widerlegt wurde,
noch heute; noch aber könnte es eine Dispositions-Fähigkeit geben,
die zu bemessen unsere jetzigen Kenntnisse, Methoden und Instrumente
nicht ausreichen, wohl ließe sich eine physiologische Dispositions—
Fähigkeit denken, die zu studiren Aufgabe unserer Pflanzen-Physiolo—
gen wäre. Für das Pflanzenwachsthum sind Licht und Wärme gewiß
zwei dem Boden gleichgewichtige Faktoren. Sie wollen ebenso in
Rechnung gezogen, ebenso nach Quantum und Qualität berücksichtigt
sein, als das Quantum und Qualität der Pflanzen-Nährstoffe im
Boden jetzt allerseits schon Berücksichtigung findet. Jede Kulturpflanze
hat einen Lebenslauf ducchzumachen, dazu verlangt sie eine gewisse
Zeit und ein bestimmtes Maaß von Wärme und Licht, abgesehen von
den substanziellen Nährstoffen, zu deren Verarbeitung eben die beiden
erstgenannten den Anstoß geben. Unterbricht man den Lebenslauf
der Pflanze, bevor sie die erforderliche Menge Wärme und Licht emp—
fangen hat, so wird jeder Unbefangene leicht zugestehen, daß ihre
Beschaffenheit und ihre Zusammensetzung jedenfalls eine etwas andere
sein dürfte, als wenn sie hinlänglich der Einwirkung von Wärme und
Licht ausgesetzt war. Recht gut läßt sich dabei denken, daß die Aschen—
bestandtheile, welche die Pflanze zu ihrem Gedeihen braucht, von ihr
schon fämmtlich aufgenommen worden sind, ohne daß sie schon aller
Orten die rechte Verwendung gefunden hätten (wissen wir ja, daß
dieselben zur Zeit der Reife hin in der Pflanze wandern), wenn auch
die organische und physiologische Zusammensetzung noch nicht dem an—
zestrebten Lebens-Abschnitte vollkommen entspricht, wie sich ja auch
dieselbe z. B. beim sogenannten Nachreifen selbst in den von der
pflanze getrennten einzelnen Organen noch ändert. Werden Jahr
aus Jahr ein die Pflanze und ihre Nachkommen und ein nicht unbe—
deutendes Maaß von Wärme und Licht verkürzt, so muß natürlich
der anormale Zustand (sit venia verbo) sich steigern, wenn es auch
gerade noch nicht nöthig ist, daß wir mit unseren, leider Gottes, noch
biel zu wünschen übrig lassenden chemischen Untersuchungs-Methoden
die Veränderungen wahrnehmen müssen. Oft genug hat man zum
Saatgetreide nur das ausgereifteste zu nehmen empfohlen, bei den
Kartoffeln glaubte man, verstände sich das von selbst; während man
aber bei dem Getreide mit ziemlicher Gewißheit bestimmen kann, wann
es vollkommen ausgereift ist, ist das bei der Kartoffel keineswegs der
Fall, ja ich behaupte, daß die übliche Kartoffelkultur nur in den sel—
tensten Fälle ausgereifte Kartoffeln ernten läßt. Es ist dies der Punkt,
auf welchen ich die Aufmerksamkeit der Pflanzen-Physiologen zu len—
ken mir erlauben möchte. Boussingault hat festgestellt, daß die
Menge der Wärme, welche Kartoffeln zu ihrer Reife in verschiedenen
Begenden bei sehr verschiedener Anzahl von Vegetations-Tagen be—
Rürfen, eine ziemlich gleiche ist. Er erhält diese Wärmemenge durch
Multiplikation der mittleren Tages Temperatur mit der Anzahl der
Vegetationstage. Als Durchschnitts-Wärmemenge von 8 Beohachtun⸗
gen stellte sich nach ihm 3091 Cels. heraus.
„1863 stellte ich einen sehr ausgedehnten Vegetations-Versuch
mit Kartoffeln an. Die Kartoffeln wurden in den ersten Tagen des
Mai ausgelegt und in der ersten Hälite des Oktober geerntet. Be—
kanntlich war der Sommer 1863 ziemlich trocken und warm. Im
Hanzen betrug die Vegetationszeit 134 Tage (9. Mai bis 9. Okto—
ber), die mittlere Tages-Temperatur während dieser Zeit 16 80 0.,
die Wärmemenge stellt sich also auf 2587 heraus, um 504 oder wenn
nan will 30 Vegetationstage weniger als Boussingault fordert.
Daß dieses Defizit nicht ohne Rückwirkung auf die physiologischen
Lorgänge im Pflanzenleben bleiben kann, bedarf keiner Versicherung
Dabei ist noch zu bedenken, daß in dem angeführten Falle die Vege—
tationszeit eine verhältnißmäßig ausgedehnte war, daß man gewöhn—
ich die Kartoffeln nicht so lange in der Erde läßt am weniasten
            
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