Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

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für

den Kreis Saarbrücken.

As G.

Sonnabend den 13. Januar

1866.

Ueber die Pfahlbauten und die Industrie der Urzeit.
Vortrag von Dr. W. Hamm
in einer öffentlichen Sitzung der Leipziger polytechnischen Gesellschaft.
In dem Winter 1853/54 trat an dem Züricher See in der
Schweiz ein so niedriger Wasserstand ein, daß man den Stein bei
Stäfa, der Pegel genannt, erblicken konnte, welcher zum Andenken an
den niedrigsten Wasserstand im Jahre 1674 errichtet wurde. Der
See fiel sogar noch 1 Fuß tiefer. Dieses außerordentliche Natur
ereigniß benutzten die Umwohner, um auf alle mögliche Weise Land
zu gewinnen; sie dämmten Stücke Landes ein und erwarben so ein
sehr schätzbares Gelände. So auch im großen Dorfe Meilen am
nördöstlichen Ufer des Züricher Sees. Als dort ein Stück Land ein—
gedämmt wurde, kamen bei den Grabenarbeiten sonderbare Steine,
eigenthümlich geformte Werkzeuge und endlich eine ganze Menge von
Pfählen zum Vorschein. Diese, welche noch ihre Rinde besaßen,
varen von Eichenholz, aber allerdings so weich und vermorscht, daß
sie mit dem Spaten durchstochen werden konnten. Glücklicher
Weise hatte ein Lehrer des Ortes so viel Sinn für Alterthümer,
daß er einen Boten nach Zürich sandte, um den Fund zu melden.
Es begab sich hierauf Prof. F. Keller, der eigentliche Entdecker
der Pfahlbauten, nach Meilen, und bald wurde ihm klar, daß sich
hier eine vor undenklichen Zeiten gegründete Pfahlbaucolonie mitten
m See befände. Die ferneren Ausgrabungen ergaben eine Menge
von Gegenständen, die um der Eigenthümlichkeit ihres Materials
und ihrer Form willen in eine weit hinter uns liegende Zeit ver
wiesen werden mußten. Der Eifer nach ähnlichen Forschungen wurde
dadurch mächtig angeregt, alle Zeitungen brachten Berichte, und in
ganz kurzer Zeit waren in allen Schweizer Seen, fast ohne Aus
nahme, ähnliche Bauten entdecktt; die Pfahlbauten wurden eine That
sache nicht nur in der Schweiz, sondern in fast ganz Europa. Es
wurde auf diese Weise auf einmal der Vorhang weggezogen von einer
Vergangenheit, von der uns bis jetzt noch gar keine Kunde gewor
den war, und von dieser Vergangenheit will eben der Herr Vortra
gende das Nothwendigste berichten.
Denke man sich den Spiegel eines Sees mitten im Urwalde, wo
rine geschützte sonnige Bucht sich befindet, die vielleicht begrenzt wird
auf der einen Seite von Wiesen, auf der andern von einem freien
Stück Landes; da erhebt sich mitten im See Etwas, ungefähr wie eine
Festung von fern aussehend, ein ganz schmaler Steg führt dahin
Das ist ein Pfahldorf, eine Ansiedelung des Urvolkes von Europa
Es sind die Pfähle gewöhnlich senkrecht in den Boden angeschlagen,
sie sind niemals stärker als 8 Zoll oder 1I Fuß Ungefähr 3 bis 6
Fuß tief in den Grund des Sees eingerammt, stehen oft wenige
Pfähle beisammen und dann befand sich blos eine Wohnung darauf,
oft auch viele hunderttausend, und man sieht, daß da ein großes
Dorf, vielleicht eine Stadt der Urzeit gestanden. Diese Pfähle sind
oben verbunden durch gerissene Bretter, die aus in der Mitte von
einander gespalteten Stämmen bestehen und mit Holzstiften aufge—
nagelt sind. Nach der Seeseite ist ein Flechtwerk von Haseln und
Weiden angebracht, damit die Fluthen die Pfähle nicht unterwaschen
Auf dieser Plattform erhoben sich die Hütten. Der Zugang bestand
aus einem ganz schmalen, kaum 2 bis 3 Fuß breiten Stege, der
ebenfalls auf einer Doppelreihe von Pfählen in den See reichte
manchmal nur 20 Fuß, manchmal auch 2⸗ bis 3000 Schritte weit
ragt dieser Steg ins Wasser hinein. Man weiß ganz genau, wie die
Hütten darauf ausgesehen haben, denn man hat noch ziemlich vol

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kommene Ueberreste derselben im Wauwyler-, Niederwyler- und Pfäffi—
konsee entdeckt. Diejenigen Pfähle, welche die Eckstreben der Hütten
bilden sollen, stiegen höher aus dem See und waren verbunden eben—
falls durch ein Flechtwerk; die Wände waren auf der innern Seite
mit Lehm bestrichen, mit Lehm überkleidet, darüber erhob sich ein
kuppelförmiges Dach, mit Stroh, Schilf oder Baumrinde gedeckt.
Die Hütte war nicht sehr geräumig, gewöhnlich 12 Fuß breit und
15 bis 12 Fuß lang. In einer Ecke lag eine große Steinplatte,
worauf das Feuer angemacht wurde. Allein nicht alle Pfahlbauten
wurden auf die eben beschriebene Weise errichtet, manchmal versuchte
jenes Urvolk der Pfahlbauleute die Pfähle in den schlammigen See—
grund einzutreiben, aber ohne Erfolg, der Grund hatte keinen festen
Bestand. Sie richteten es daher anders ein und bauten auf soge—
nanntes Packwerk; sie construirten ein Floß von parallelen Stauen,
verbanden diese mit einander und beluden es so lange mit Sand,
Kies, Rasen ꝛc., bis es sank; darauf nahmen sie ein zweites Floß,
machten es ebenso und so lange fort, bis sie eine solide Insel mitten
im See gebildet; dies ist die zweite Art, die an verschiedenen Stellen
vollkommen deutlich zu Tage tritt. Eine dritte Art ist, daß sie einen
sogenannten Steinberg bauten. Mit vieler Mühe und Noth schafften
die Leute lose Steine mitten in den See, so viele Ladungen davon,
bis sich ein Berg bildete, der oben ein hinreichendes Plateau hergab,
um Hütten darauf zu errichten. Derartige Bauten sind im Bieler,
Neuenburger, Murtener See ꝛc. zu finden. Wie schon bemerkt, war
der Umfang dieser Pfahldörfer ein sehr verschiedener, manchmal blos
eine Hütte, öfters 2 bis 3 Hütten, manchmal aber auch waren weit
gedehnte große Anftedelungen vorhanden, welche aber alle vollkommen
qgleichmäßig den Charakter der ältesten Zeit an sich tragen.
Die älteste Ansiedelung, welche man in der Schweiz gefunden,
st diejenige von Moosseedorf, sie liegt in einem kleinen See bei
Münchenbuchssee und Hofwyl, letzterem Ort am nächsten. Der See
ist nicht groß, kaum “/ Meile lang und nicht so breit, aber darin
hat man das älteste Pfahldorf gefunden und aus der Schichtungs⸗
mächtigkeit des darüber stehenden Torfes sogar das Alter desselben
genau zu schätzen gewußt; es bestand höchstens aus 2 bis 3 Hütten.
Dagegen war die Ansiedelung von Robenhausen im See von Pfäffi—
kon so weit gedehnt, daß schon über 200,000 Pfähle gezählt worden,
ohne die Gesammtheit bis jetzt aufzudecken; es müssen da Tausende
von Menschen gewohnt haben. Eine dritte, ebenfalls sehr große An⸗
siedelung war die von Wangen im Untersee, an der badenschen Küste
des Bodensees, in welcher eine Menge der schätzbarsten Entdeckungen
gemacht worden sind. Auch im Genfer See längs des ganzen nörd⸗
lichen und nordwestlichen Ufers finden fich Pfahlbauten dicht bei⸗
einander. Dort reichen die Ansiedelungen auch am tiefsten in den
See; während früher aufgefundene Bauten nur 6 bis 7, höchstens
8 Fuß tief in dem See stehen, gehen die des Genfer Sees bis zu
einer Tiefe von 20 bis 30 Fuß. Angesichts dieser Bauten erscheint
es bewunderungswürdig, wie es jenen Leuten gelungen ist, ihre
Pfähle so tief in den Grund zu rammen mit den schwachen und nach
unserer Ansicht ganz unzureichenden Hülfsmitteln, die ihnen damals
zu Gebote standen.
Zunächst wird die Frage unfer Interesse erregen, wie groß ist
das Alter dieser Bauten, wie lange bestehen sie schon, oder wann
haben sie bestanden? Darauf kann Antwort geben zuerst die Geols⸗
zie, indem fie die Schichtenverhältniffe berücssichtigt und berechnet,
velche Zeit es gebraucht. bis die verschiedenen Schichten. welche ge⸗
            
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