erschrecken es in dem hohen Grade, daß es sich standhaft weigert, in
die Nähe des Gegenstandes zu gehen. Wir sahen, um nur ein Bei—
spiel anzuführen, daß das Pferd eines Cavallerie-Offiziers in Berlin
auf einer gewissen Stelle des breiten chaussirten Weges am Land—
wehrgraben stutzte und durch keine Kunst des geübten und verständi—
gen Reiters über ein schmales Gerinne hinwegzubringen war. Es
gelang dem Reiter zwar nach vielen Versuchen, das Thier zu ver
mögen, die Furcht einigermaßen zu überwinden, aber immer setzte
dasselbe schließlich über den schmalen dunklen Streifen in einem
ängstlichen Sprunge, als ob ein gewaltiges Hinderniß auf dem Wege
zu überwinden wäre. Aehnliche Fälle kommen sehr häufig vor, und
es hält sehr schwer, den Thieren die Angst und Furcht ganz zu be
nehmen. Hält man die sonstige Klugheit des edlen Pferdes im Auge,
so wird man zu der Meinung gedrängt, daß diese Eigenschaft weni
ger in der Natur des Thieres liegt, als sie ihm vielmehr durch falsche
Behandlung in der Jugend, beigebracht worden ist.
Gern möchten wir hier auch einige Thatfachen für das Vorhan
densein herrlicher geistiger Eigenschaften unseres edlen Pferdes aus
der Eingangs angegebenen Quelle wiedergeben, wir müssen jedoch
davon abstehen, um den Raum für die übrigen Thiergattungen nicht
allzusehr zu beschränken.
Wegen seiner körperlichen Verwandtschaft mit dem Pferde müs—
sen wir dem häufig noch verachteten Esel die zweite Stelle einräu—
men, wenngleich er in geistiger Hinsicht ziemlich tief unter jenem
—
seinen sonstigen, nicht rühmenswerthen Eigenschaften den Anschein
hat. Das Thier ist recht eigentlich zahm geprügelt worden; man
muthet ihm Lasten zu, die es fast erdrücken, und bei der meist äußersft
dürftigen Nahrung — denn für den Esel hält man auch das schlech
teste Futter für gut — ist es nicht zu verwundern, wenn er in ho
hem Grade störrisch und eigensinnig geworden. Seine Vorzüge be
stehen darin, daß er auf unbekannten schwierigen Pfaden sicherer
geht, als das Pferd, und daß er seine sprichwörtlich gewordene Ge—
duld unter keinen Anfechtungen verliert. Er ist nicht so dumm, wie
er aussieht, bisweilen ist er gescheidt genug, sich einer Ueberlast
schlau zu entledigen oder seinen Führer durch passiven Widerstand
in Verzweiflung zu bringen, auch wohl gar Reißaus zu nehmen.Er
lernt schwer, aber gründlich. Er lernt tanzen, sich im Tact bewegen
und andere Kunststücke, hat also so gut Verstand, wie das Pferd, der
Hund, der Elephant, nur geht es mit dem Lernen viel langsamer
In seiner Natur liegt es nun einmal, sich in keiner Weise zu über
nehmen. Wenn man von einem Menschen sagt, daß er „dumm wi—
ein Esel“ sei, so ist dies nicht richtig, denn der Esel handelt auch,
wie viele Beispiele darthun, mit Verstand und Ueberlegung, was
mancher Mensch nicht thut. Er hat eine vorzügliche Witterungsem
pfindung. Wenn sich die Esel wälzen und lustige Sprünge machen,
so deutet dies auf gutes Wetter, gehen sie aber seitwärts und spitzen
die langen Ohren, so kommt Regen. Darum hat es ein Esel schon
einmal bis zum Hof-Astrologen gebracht. Louis XI. nämlich, der
fich darüber ärgerte, daß ihm seine Gelehrten nie das Wetter richtig
prophezeiten, berief einen Esel an den Hof und ertheilte ihm jene
Würde. Also auch aus Eseln kann etwas Ordentliches werden, wenn
sie Glück haben. —
Wir kommen zum Rind. Das Rindvieh ist keineswegs so
stumpfsinnig, wie man gewöhnlich glaubt. Wen erfreut nicht die
stattliche Figur mit ihrer in jedem Korpertheile ausgeprägten Stärke
und dem muthigen, die Kampfbereitschaft ausdrückenden Auge eines
edlen Stieres oder das treuherzige Auge einer schöngestalteten Kuh,
wenn sie in der Heerde gemächlichen Schrittes stolz einhergeht. Nicht
selten werden Kühe von ihren Wärtern oder Hirten zu Verschiedenem
abgerichtet, so daß sie gleichsam jedes Wort verstehen lernen und
ohne Zögern Folge leisten. Die Anhänglichkeit einer Kuh an ihren
Herrn oder Pfleger ist bisweilen so groß, daß sie bei einem frem
den Besitzer durchaus nicht bleiben will und Schläge und Marterr
duldet, um nur in ihr altes Verhältniß zurückzukehren. Es gib—
Beispiele, wo muthige Kühe den Kindern, welche die Heerde hüteten,
bei dem Angriff von Wolfen zu Hilfe geeilt sind, das Raubthier
verjagten und den jungen Hirten retteten. Die Schweizer Alpenküht
bieten manche psychologisch interessante Seite dar. Gewöhnlich wer—
den dort die Kühe kurz vor dem ersten Weidegange mit Schellen und
geschmückten hölzernen Halsbögen behängt. So wie diele Zierde des
Morgens in den Stall gebracht wird, erheben sich die Thiere in lau—
em Jubel, denn sie nehmen wahr, daß nunmehr die Winter⸗Einker—
erung ihr Ende hat und die Sommerfreiheit beginnt. Ihre Freude
ist dann auf dem nächsten Weideplatze eine unbegrenzte; Alles springt,
rauft und tummelt sich im Uebermuthe durcheinander und im Voll⸗
genuß der neuerlangten Freiheit vergessen sie in den ersten Tagen
der Weidezeit sogar Hunger und Durst. Dieses Gebirgsvieh fühlt
auch das Heimweh, wenn es in eine andere Gemeinde oder in einen
anderen Stall versetzt worden ist. Wenn ihnen die Fkucht nach der
Heimath unmöglich gemacht wird, so trauern sie und magern ab,
weil sie das Futter nicht aufnehmen. Bietet sich ihnen Gelegenheit
zum Entwischen dar, so nehmen sie solche mit Schlauheit wahr und
laufen mit Schnelligkeit, oft sogar von den Alpen herab, und wun—
derbar, in unbekannten Gegenden meistens auf dem geradesten Wege
hrer Heimath zu. — Die Stiere sind gewöhnlich böse, trotzige Ge—
sellen, deren Kraft nur“ durch Fesselung und Nasenringe gedämpft
verden kann, wenn man sie von einem Orte zum andern führen will.
Den Stieren ist es eigenthümlich, daß sie oft nur durch weibliche
Zusprache gebändigt werden können. Man hat davon die merkwür—
digsten Beispiele.
Von der Seelenthätigkeit unseres Schafes läßt sich nichts Er⸗
zötzliches sagen. Es ist und bleibt dumm und seine Geduld und
Sanftmuth sind wohl nur Ausfluß seiner geistigen Stumpfheit.
Blindlings zieht es dem Hirten, dem Leithammel, dem Hunde nach;
ein kleiner Schäferhund hält Hunderte von Schafen in Ordnung;
oerfolgt, drängen sie sich in geschlossenen Haufen bis zum Ersticken
zusammen. Jedes ungewöhnliche Geräusch raubt ihnen die Fassung;
bei einer Feuersbrunst stürzen sie sich blindlings in die Flammen,
während jedes andere Thier einen Ausweg zur Flucht sucht und be—
autzt. Schon sein furchtsamer Blick zeugt von seiner gänzlichen Muthosigkeit.
Mehr Muth haben die Widder, deren Kampf untereinander
mit wahrer Todesverachtung geführt wird. Nicht selten kommt es
vor, daß sie mit ihrem dicken behörnten Schädel auf fremde Menschen
losgehen, und sie besitzen oft Tücke genug, um den Angriff von hin
ten unversehens auszuführen. In größerer Freiheit auf weiten Berg⸗
triften vereinigen sich die Widder bei großer Gefahr, nehmen die
Weibchen und die Jungen in die Mitte des Kreises und schützen sie
so dichtgeschlossen gegen den Feind.
Verständiger ist unsere Ziege. Sie ist ein sonderbares launi—
ges Thier und vereinigt die entgegengesetztesten Eigenschaften in sich:
sie ist sanftmüthig und still, dann aber wieder muthwillig und eigen—
innig. Verfolgt sie ein Hund oder ein anderes Thier, so sucht sie
»ei dem Menschen Schutz. Noch sonderbarer ist der Bock in seinem
Bebahren. In Geberden und Grimassen ist er wohlbewandert und
dürfte sich darin manchem flachem Höfling an die Seite stellen. Ihm
iehlt aber nicht Muth und Kraft. Die Ziege ist gewandt, von leb—
hafteni Auge, raschen Bewegungen und angenehmem Gange. Sie
st kühn, scheint keine Gefahr zu ahnen und läßt sich nicht so leicht
erschrecken. Ihre Neugierde ist sprichwörtlich; es kommt vor, daß
pon einer durch eine Ortschaft getriebenen Ziegenherde die eine oder
die andere in ein Haus geht, alles Ersteigbare neugierig besteigt und
ansieht und ihre Heerde unbekümmert weiter ziehen läßt. Hat sie
ich bei ihren Recognoscirungen verirrt oder ist in eine andere Heerde
zekommen, so kennt sie nach Jahren noch ihr Haus und ihren Stall
vieder, meckert und springt ihm freudig zu und beweist ein vortreff⸗
iches Ortsgedächtniß. Gebahnte Wege sind ihr zuwider; sie ist einem
umherschweifenden Leben ergeben. Klüger als die Schafe, wollen sie
aicht verbrennen, sondern retten sich selbst und machen sich, wenn
Deffnungen vorhanden, unverweilt zum Stalle hinaus. Zu den Ei—
genthümlichkeiten der Ziegen gehört noch, daß sie Thiere anderer
Gattungen mit der größten Bereitwilligkeit an ihren Brüsten saugen
sassen; sie sind daher gute Säugammen für Kinder, denen die Mut—⸗
lermilch fehlt, und man hat Beispiele, daß sie auch Pferdefüllen und
iunge Steinböcke gesäugt haben.
Den Beschluß macht das überall nützliche zahme Schwein.
ẽ8 hat noch nicht viel durch menschlichen Umgang gewonnen und
eine ursprünglich schmutzige Natur beibehalten, zeigt dessenungeachtet
iber eine gewisse Anhänglichkeit an den Menschen und läßt sich trotz
der Stumpfheit seiner Sinne zu Kunststücken abrichten. In Frank—
reich lehrte man Schweine tanzen, in London hat man sogar ein gee—⸗
lehrtes Schwein gesehen, welches Wörter aus einem Alphabete mit