suche gleicher Art wies Anna zurück, indem sie antwortete: „Wir
sind mit Köchinnen und Mägden selbst oft gewitzigt und betrogen
worden, so daß wir Bedenken und Scheu tragen, andern Leuten mehr
Gesinde zu fördern.“
Das heutige sächsische Verlangen, „gut, viel und wohlfeil“ zu
essen, ließ sich in jenen glücklicheren Zeiten noch befriedigen. Am
Dresdener Hofe wurden alle Ausgaben für Küche, Keller und Speise
kammer in einem Jahre mit 17,572 Gulden bestritten. Baar ver
ausgabt wurden nur 8117 Gulden, das Uebrige bestand in Natural—
lieferungen. Für jene Summe besetzte Anna die kurfürstliche Tafel
jeden Tag mit 21 Gerichten, von denen immer so viel übrig blieb,
daß die Armen die Reste bekommen konnten. Dabei haben wir bei
ihren Gästen keinen ganz schwachen Appetit vorauszusetzen. Ihrt
Tochter gleiches Ramens schrieb ihrem Bruder Christian, der über
ihre Kochversuche gescherzt hatte: „Ich verhoffe, ob Gott will, nocd
so viel zu kochen, daß ich Deine Liebden damit will sättigen, würde
es gleich nur ein halbes Schock gebratene Kramtsvögel sein.“ An
Sonntagen und bei Festen war die Zahl der Gerichte eine ungleich
größere. Dr. v. Weber theilt die Speisekarte eines fürstlichen Tauf⸗
essens vom Jahre 1565 mit. In vier Gängen wurden 92 Schüsseln
aufgetragen. Wir beschränken uns auf die Gerichte des dritten Gan
ges, der die wenigsten brachte. Da erschienen kalter Schwan, kalte
westphälischer Schinken, geräucherte Zunge, kaltes Hirschwildpret,
Wildpretpastete, Kalecutische Hühnerpastete, Fasanpastete, Schwan—
pastete, Hasenpastete, Kaninchenpastete, Feldhühnerpastete, Reiher
pastete, wilder Schweinskopf, Sausissen de Boulogne, Blanc manger,
Pastete von Schinken und Gelatine von Spanferkeln.
Wenn uns unter den Fischen, die am Dresdener Hofe verspeist
wurden, häufig Seefische nebst Hummern, Krabben und Ausliern be—
gegnen, und wenn wir actenmäßige Belege finden, daß man solches
Seegethier trotz der abscheulichen Wege selbst bei lauem Wetter nach
Dresden abgehen ließ, so dürfen wir nicht vergessen, daß man da
mals gegen haut goũût nicht empfindlich war. Eingemachte Austern,
heutiges Tages ein New-Yorker Leckerbissen, werden mehrmals er
wähnt. Frische Austern wurden auf einem Rost über Kohlen gebra
sen und mit Butter und Pfeffer verzehrt. Sardellen bezog Anna
durch den Alchymisten Sebald Schwärzer. Mit dem Herzog Albrecht
von Baiern betrieb sie ein Tauschgeschäft auf der Grundlage, daß er
Sardellen und sie „Botten“ gab, die er roh mit frischem gesalzenen
Schmalz oder geröstet mit einer säuerlichen Ingwerbrühe verzehren
sollte. Das erste Fäßchen neue Heringe pflegte der Stadtrath zu
deipzig zu verehren; aus derselben Stadt erhielt die Kurfürstin auch
Biberschwänze und die ersten Steinbeißer des Jahres. Forellen wur⸗
den bei Hofe tonnenweise verspeist, theils frisch, theils geräuchert
Drei Arten Fische, von denen zwei in Sachsen nicht mehr vorkom
men, Lachse, Lampreten und Neunaugen, mußten alle in die Hof
küche abgeliefert werden. Fische, deren Namen wenigstens verschwun
den ist, sind die in Anna's Briefen erwähnten rothen Orsen, dürren
Tauben und trocknen Wumpel. Die Schnepell, denen Dr. v. Weber
ein Fragezeichen in Klammern beisetzt, leben unter diesem Namen
noch in der Elbe oberhalb Hamburg bis Tangermünde und werden
geräuchert verschickt.
Von Fruchtsäften und eingemachten Früchten hielt Anna ein
starkes Lager, das sie zu freigebigen Geschenken an fürstliche Höfe
denutzte. Eine einzige Sendung an die Mutter in Dänemark enthielt
zroße zinnerne Ständer und Waldenburger Krüge voll eingemachten
Quitten und Pfirsichen, Kirschmus, Weinbeermus, Kirschsaft, Pfirsich—
saft, Quittensaft und Quittenlatwerge. Von einem Bäumchen Cor-⸗
nelius-Kirschen, das Anna 1576 zum Geschenk erhielt, stammen
wahrscheinlich die heutigen Cornelius-Kirschbäͤume Sachsens. Daß
der „frühe Leipziger“ ein hohes Alter hat, beweist „das neue vom
Jahr, als ein ein wenig reuffe Weintrauben in einer Schachtell ver
warett“, das ein Leipziger Buͤrger 1675 der Kurfürstin am 1. Au—
gust verehrte. Er machte dabei ein gutes Geschäft, denn Anna
schickkte ihm „zu Anzeigung ihres dankbaren Gemüths“ einen frisch
gefangenen Hirsch und ließ bei der nächsten Schweinehatz noch eine
wilde Sau folgen.
Die Gemüse, die Anna aus dem Auslande bezog, waren die
aoch heute berühmten Artischocken aus Baiern, Teltower Rübchen
aus der Mark und Bortfelder Rüben aus Braunschweig. Mit feinen
Bemüsen konnte Anna Geschenke dieser Art nicht erwidern, aber fie
dankte mit Sauerkraut und besonders mit Knackwürsten und Schin⸗
ken. Sie konnte davon wohl abgeben, denn sie hatte geräucherte
Sachen im Ueberfluß. In einem ihrer Briefe spricht sie von g0
Wagen voll Speck und Schinken, die sie zur Aufbewahrung nach
Annaberg schickte, weil es dort kühl und lustig sei. Elisabeth von
Brandenburg bat sie einmal um Schinken, weil sie nicht einen mehr
habe und auch keinen habe räuchern lassen, denn es sei „so ein Ver
rath“ unter dem Vieh umgegangen, daß schier alles gestorben sei.
Ob unter dem Verrath etwa Trichinen verstanden werden müßten?
fragt Dr. v. Weber.
Mit der Herzogin von Weimar führte sie einen geheimen Brief—
wechsel, der den Käse betraf. Die Herzogin muß sich bei ihrem Ge⸗
mahl für eine große Käsemacherin ausgegeben und gefühlt haben,
daß ihre Kunst vor seiner Kennerzunge nicht bestehen werde. Sie
bittet also die Kurfürstin um Käse, aber das müßte ja ein Geheim—
niß bleiben, damit der Herzog nichts erfahre. Anna spendet ihr
mitleidig erst einen kleinen Kober, dann eine ganze Tonne mit Kä—
sen. Unsre vornehmen Emmenthaler, Stracchino, Chester und Stil—
ton werden nicht erwähnt, wohl aber Quarkkäse, Schafkäse und
Kümmelkäse. Herzoginnen und Prinzessinnen schicken sich diese Bauer—
waare, wie wir heute sagen würden, und rühmen sich ihrer eignen
Thätigkeit dabei. „Ich will Ew. Liebden nicht vorenthalten,“ schreibt
eine Herzogin, „daß nunmehr das Käsemachen wird angehen, dieweil
sich Ew. Liebden die Käse selbst machen, daß Ew. Liebden sehen,
was ich für eine Hauswirthin bin.“
Gute Hausfrauen jener Zeit sorgten nicht bloß für die Küche,
sondern auch für die Hausapotheke. Die Hausmittel, die man heute
auf dem Lande hat, wurden an Fürstenhöfen sehr geschätzt und von
den fürstlichen Damen gewöhnlich selbst bereitet. In dieser Bezie—
hung war Anna die berühmteste Frau ihres Standes. Ihr großes
Mittel, Mutter Anna's Magenelixir genannt, war Aquavit, unter
dem aber kein gewöhnlicher Branntwein zu verstehen ist, der zu ihrer
Zeit bereits so im Uebermaß getrunken wurde, daß man in Dres—⸗
den die Branntweinschenken durch Verbote beschränken mußte. Anna
hrannte ihren Aquavit zu Annaberg in einem Destillirhause, das
festungsartig von Wall und Wassergraben eingefaßt war, 200 Schritte
in's Geviert hatte und vier große Oefen besaß. Destillirkolben und
Helme bezog sie aus hessischen Glashütten, die viereckigen Gläser, in
denen die Magenelixire aufbewahrt wurden, eben daher oder aus
Braunschweig. Sie verschickte ihre Aquavite gern, aber die geleerten
Flaschen verlangte sie zurück. Sie brannte 181 Sorten und hielt
alle ihre Recepte geheim. Bitten um Mittheilung derselben schlug
sie ab, „weil sie der alten Gräfin Mansfeld ganz hoch zugesagt,
olches nicht wegzulernen, noch von sich kommen zu lassen, zudem
hrei ganzer Jahre dazu gehörten, ehe er fertig werde.“ Daß Anna
hrem Lebenswasser selbst zugesprochen habe, darauf deutet ein zier—
licher Muschelbecher, den ihr Schreibtisch im historischen Museum ent—⸗
hält. Verschiedene fürstliche Familien bekamen von ihr ein jährliches
Aquavit-Deputat, mit dem einige, namentlich die Braunschweiger,
nie auskamen und dann weiter versorgt wurden. Im Inlande ver—⸗
heilte Anna ihr Lebenswasser unter geistliche und weltliche, arme und
reiche, vornehme und geringe Personen.
Der gute Schlehwein, den die Kurfürstin von Schlehen bereitete,
welche sie scheffelweise sammeln ließ, gehörte nicht, wie Dr. v. Weber
meint, zu den Heilmitteln. Im nördlichen Deutschland wurde solcher
Wein noch vor kurzem bereitet und fand seine Liebhaber. Auch Jo—
hannisbeerwein, Himbeerwein und Apfelwein bereitete Mutter Anna
und Nelkenwein erhielt sie vom Meißener Rathskeller. Das Hofge—
sinde erhielt zum Trunke Böhmischen Landwein und vertilgte im
Jahre 1666 davon 100 Faß. Der Kötzschembrodaer Wein, jetzt Löß⸗
aitzer genannt, war die Labung der Herrschaft und erfreute sich trotz
eines Sächsischen Ursprungs im Auslande des besten Rufes. Aus—
värtige Fürsten erbaten sich solchen Wein, die Aebtissin von Oued⸗
lingburg auf einmal drei Fuder, „weil sie mit großer Schwachheit
beladen und auch eines guten Alters sei, so daß sie eines guten Trun⸗
kes Wein zu ihrer Erquickuug und Labung bedürfe.“ Die Kehle
der Aebtissin ist von Alter und Schwachheit offenbar verschont ge⸗
blieben; drei Fuder sind 86 Eimer oder etwas über 2000 heutige
Flaschen.
Dänischer Meth von Fühnen und Böhmischer Meth aus Eger
wird gelegentlich erwäͤhnt. Bier wurde in großen Mengen getrun⸗