Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

wenn er den Boden in der rechten Weise für die Entwickelung und
Thätigkeit der Wurzeln zubereitet hat. Die Wurzel ist nicht nur das
Organ, durch welches die wachsende Pflanze die zu ihrer Zuuahm
— sie ist in
riner anderen, nicht minder wichtigen Function dem Schwungrade
an einer Maichine gleich, welches die Arbeiten derselben regelt und
gleichförmig macht; in ihr speichert sich das Material an, um den
Bedürfnissen der Pflanze, je nach den äußeren Anforderungen der
Wärme und des Lichtes, das zu dem Abschlusse der Lebensacte nöthige
Material zu liefern. “
Ganz in demselben Sinne ist der in Rede stehende Gegenstand
in der „neuen landw- Ztg. von Fühl ing“ erörtert, und wird dorr
gefragt: „Wie kann durch eine sogenannte Samendüngung ein kräf⸗
tigeres Wachsthum der Pflanzen und eine reichere Ernte erzieltk wer—
den?“ Diese Frage ist in folgender Weise beantwortet: „Das junge
Pflänzchen muß in seiner ersten Lebensperiode, bevor seine Ernäh—
rungsorgane, Wurzeln und Blätter, hinlänglich erstarkt und ausge
breitet sind, sich ausschließlich aus dem Samenkorn ernähren, d. h—
es müssen gewisse Theile des Samenkorns in das Pflänzchen über—
gehen, um da zur Bildung von Wurzeln- und Blättern verwendet
zu werden. Nun ist aber der größte Theil der Bestandtheile des
Samens, z. B. das Stärkemehl der Getreidekörner, unlöslich und
daher unfähig, vom Zellgewebe der Blätter und Würzelchen aufge
nommen zu werden. Wir bemerken aber, daß keimende Körner ihren
mehligen Geschmack verlieren und dafür einen süßen Geschmack an—
nehmen, weil das Stärkemehl bei der Keimung in Dertrin und
Zucker verwandelt wird, welche Bestandtheile löslich sind und also
vom jungen Pflänzchen aufgenommen werden können. Sind nun
aber Boden und Witterung der Keimung. ungünstig, fehlt es z. B.
an gehöriger Feuchtigkeit und Wärme, so geht. auch die Verwandlung
des Stärkemehles in lösliche Bestandtheile allzulangsam und unvoll
ständig vor sich, und es fehlt dem jungen Pflänzchen, dessen Ernähr—
ungsorgane noch nicht hinlänglich entwickelt find, an der nöthigen
Nahrung. Es ist nun Erfahrungssache, daß Thiere und Pflanzen,
die in ihrer ersten Lebensperiode kümmerlich ernährt worden, für
ihre ganze Lebensdauer benachtheiligt sind. —
„Wenn wir also durch das Einbeizen oder die sogenannte Sa—
mendüngung die Verwandlung unlöslicher Samenbestandtheile in
lösliche beschleunigen können, so verschaffen wir dadurch ganz einfach
den jungen Pflänzchen reichlichere Nahrung, als sie solche ohne die—
ses Verfahren gefunden hätten, und dies wird ihnen, für ihre ganze
Lebensdauer wohl zu statten kommen. Es ist bekannt, daß Stangen
bdohnen, die man vor der Aussaat einige Augenblicke in siedendes
Wasser eintaucht. und dann wieder gut abtrocknen läßt, nicht nur
weit schneller keimen, als andere, sondern daß sie auch den ganzen
Sommer über weit kräftiger wachsen und reichlicher Früchte tragen.
Das Brühen leistet hier denselben Dienst, wie das Einbeizen beim
Getreide. Wählt man ammoniakalische Beizmittel, z. B. Gülle, wie
es von Wädensweil aus empfohlen wird, so kann dann vielleicht auch
das Ammoniak, wovon der Kern durchdrungen wird, für die Keimung
oerwendet werden.“
Schumacher sagt in Bezug auf Samendünger in seiner „Er—
aährung der Pflanze“: „Bei den Cultnrpflanzen werden wir deshall
für eine reichliche Wurzelentwicklung der jungen Pflanze zu sorger
haben, besonders aber bei Pflanzen, die in ihrem Samen wenig Bil—
dungsstoffe aufgespeichert haben und welche schon sehr früh auf die
Aufnahme von Nährstoffen aus dem Boden und Bildung organischer
Stoffe angewiesen sind. Der Samendünger tritt hier nun hauptsäch
lich an seine richtige Stelle. Es ist dabei aber wohl zu beherzigen
was früher bei dem Samenwechsel gesagt worden ist. Durch Samen
dünger würde man in einem an sich schon reichen Boden eine ir
Stengel und Blättern üppige Pflanze erzeugen, deren Samenentwicke
lung nur unvollkommen sein würde. Auf einem ärmeren Boden
dürfte der Samendünger vielleicht eher in Anwendung zu bringer
sein, weil hier das üppige Wachsthum der jungen Pflanzen nicht se
lange fortdauert, daß Nachtheile für die Samenentwickelung zu be
fürchten sind.“
Nachdem hiernach Schumacher über bezügliche Versuche be
richtet, schließt er: „Der Samendünger verbreitet sich in die nächst
Umgebung des Kornes, die junge Wurzel findet eine reiche Rähr
toffauelle. nimmt schon als Keimpflanze in arößerer Menge Nähr

stoffe auf; sobald sie in die zweite Periode eingetreten, kann sofor!
die Assimilation eine bedeutendere sein und ihr folgt eine üppige
Ausbildung von Wurzel und Blatt, eine größere Massenproduction
¶Bei der Herstellung des Samendüngers wird man aber den Zwed
der Cultur nicht außer Acht zu lassen haben. Wollte man Cerealien
ziehen, so würde bei einem an stickstoffhaltigen Nährstoffen 'und
Schwefelsäure reichen Boden der blatttreibende Samendünger nur in
sehr geringer Menge gegeben werden dürfen; unter Umständen viel—
leicht ger nicht, da allzu üppige Blattbildung der Körnerbildung
schadet. In einem Boden dagegen, in welchem die Stickstoff-Schwe
felnahrung erschöpft, Phosphorsäure-Nahrung hingegen in größere
Menge zugegen ist, würde ein blatte und wurzeltreibender Samen
dünger am Platze sein. Wahrscheinlich in jedem armen Boden wirt
man den Samendünger in Anwendung bringen dürfen, denn man
erzeugt dadurch eine üppigere Enkiickelung und größere Verbreitun
des Wurzelwerks, man sendet mehr gufnehmende Organe (Wurzeb—
fäden) in den Boden hinein. Der Samendünger kann auch eine
andere Bedeutung in der Pflanzencultur haben. Wenn nämlich cli—
matische Verhältnisse verlangen, daß die junge Pflanze schuell einen
gewissen Grad der Entwickelung erreichen muß, wenn fie z. B. als
stark entwickelte Pflanze in den Winter kommen muß, oder wenn
sonstige Verhältnisse ein schnelles Wachsthum der jungen Pflanzen
wünschenswerth machen, wie bei Raps, Stoppelrüben ꝛc. die Erdflöhe,
so würde der Samendünger mit Erfolg zu benutzen sein. In Ge—
genden, wo dje Erdflöhe dem jungen, Raps, jungen Gemüsepflänzchen
den jungen weißen Rüben schaden, wird man sie durch Samendünger
schnell über jenes Stadium der Entwickelung hinaus bringen, in
velchem ihuen die Insecten schädlich sind. —
„Das Vorstehende mag genügen, um zu zeigen, daß der Samen
»ünger eine große Bedeutung in der Pflanzencultur hat und einer
zrößeren Aufmerksamkeit werth ist, als ihm bisher geschenkt wurde.
Wir wissen bis jetzt noch wenig über seine Anwendung und wöchte
ich ihn deshalb den Landwirthen zum Studium empfehlen. Freilich
darf man nicht an den Samendünger die Forderung stellen, daß er
die gewöhnliche Düngung ersetzen solle, worauf gewoͤhnlich die markt⸗—
chreierischen Aupreisungen des Samendüngers hinauslaufen; er hat
eine Bedeutung nur in der Entwickelung. der jungen Pflauzen und
der vermehrten Erzeugung von Aufnahmeorganen für die Nährstoffe.“
Abweichender Ansicht von dem bisher über den Nutzen einer
Zamendüngung Gesagten ist Dr. Sachs, der überhaupt den Nutzen
einer solchen Düngung nicht einsieht, indem sich ja erst während der
Keimung die Organe bilden sollen, welche später, wenn sie fertig
sind, den Dünger verarbeiten können. Während der Keimung fän—
den nur Veränderungen der schon assimilirten Stoffe statt; die in den
Keim eindringenden Düngerbestandtheile können nur störend wirken
zu einer Zeit, wo noch keine assimilirenden Organe vorhanden seien.
Dagegen müßte, nach der Ansicht von Sachs, zweckmäßige Düngung
in dem Momente, wo die Keimung in die Vegetation übergeht, von
großem Nutzen sein; um diese Zeit habe die junge Pflanze schon
zahlreiche Warzeln, sie habe einige Blätter und alle ihre Stoffe seier
in bleibende Formen gelagert, worin sie einer etwaigen Anregunt
zum Faulen besser widerstehen.
Ein verspätetes Frühjahr kürzt offenbar die Vegetationsdaue—
auf Kosten der vollkommenen Pflanzenausbildung ab. Gelingt es.
ein passendes, wenn auch nur annäherndes, Hülfsmittel gegen diesen
Ausfall durch die kräftigere und beschleunigendere Wurzelausbildung
mittelst Samendünger zu gewinnen, so wird der Landwirth gewiß
den Werth hiervon nicht unterschätzen. Hüten möge er sich aber vor
dem Wahne, daß die Samendüngung ihm die Anwendung anderen
Düngers erspare; im Gegentheile wird die durch den Samendünger
sich kräftiger entwickelnde Wurzel auch weiterhin vollkommene Er⸗
nährung verlangen; die Samendüngung würde offenbar vergeuder
sein, wenn man diesen Umstand zu berücksichtigen versäumen wollte
Hieraus aber ist ganz besonders ersichtlich, wie schwer auch in
diesem Falle es ist, die Frage in Rücksicht von Werth und Prei—
solcher Düngemittel zu beantworten. Oertliche und andere Verhält
nisse werden auch hier nicht außer Betracht bleiben dürfen; deshal
werden auch hier nicht außer Betracht bleiben dürfen; deshalb wen
den Versuche anzustellen und deren Resultate zu berücksichtigen sein
zanz besonders aber geht aus dem Vorangehenden hervor, daß
vesantliche Reaulator für Preis und Werth der Samendüngaer nich
            
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