Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

gehen können. Natürlich kann nach Bedürsniß durch entsprechende
Hermehrung obiger Futtermittel die abgerahmte Milch schon früher
ntbehrt werden.
Das Leinsamenschrot, welches z. B. in England sehr häufig der
Sauermilch beigemischt wird, ist darum ein vorzügliches Hilfsmittel
bei der Kälberaufzucht, weil nichts so vollkommen bei der abgerahm—
en Milch den für die kräftige Entwickelung des Thieres so nothwen—
zigen Fettgehalt ersetzt, als eben Leinsamen. (Ein günstiges Verhält⸗
niß des Fettes zu den Kohlenhydraten erhöht bei jungen Thieren sehr
bedeutend die Nährwirkung. Versuch von Crusius.)
Die fernere Fütterung des halbjährigen Jungrindes besteht bis
zum Alter von einem Jahre am zweckmäßigsten aus genügenden Men—
jen guten Dürr- und Grünfutters. Doch sollte bei Grünfütterung
stets auch etwas Dürrfutter gereicht werden. Diese Futtermittel ent⸗
iprechen in dieser Lebensperiode darum am meisten den Anforderungen
an eine gesunde Ernährung, weil sie die zum raschen Wachsthum
nothwendigen Nährstoffe in richtigem Verhältnisse enthalten und voll
kommen dem Hauptgrundsatze bei der Rindernährung genügen, daß
die Thiere rasch wachsen, aber nicht fett werden sollen.
Zur sicheren Erreichung dieses Zieles ist freilich die sachgemäße
Fütterung allein nicht ausreichend. Eben so nothwendig ist viele Be
vegung der jungen Thiere im Freien, auf Weiden oder in deren Er
nanglung auf Tummelplätzen.
Das fortwährende Stehen in warmer Stallluft begünstigt be—
einigermaßen guter Ernährung in hohem Grade eine übergroße Fett
bildung, die in Verbindung mit der allgemeinen Verweichlichung eint
olche Frühreife zur Folge hat, daß die Thiere bereits im Alter von
noch nicht 24, Jahren wiederholt rindern, ehe noch der Körper die
zur Begattung nöthige Reife und Größe erlangt. Abgesehen von
dieser unzeitigen Fettbildung und Frühreife erzeugt der Mangel jeg
licher Bewegung einen fehlerhaften Körperbau. Auch der
chönste Viehstamm geht bei reiner Stallhaltung zurück, wenn nicht
wenigstens dem Jungvieh reichlich Bewegung gewährt wird; es bil
den sich allmälig Schwäche der Wirbelsäule, Senkrückigkeit, enge Brust,
aberbautes Hintertheil, schlecht gestellte und besonders an den obern
Partien schwache und gebundene Beine, allgemeine Schwäche und
Empfindlichkeit — Aufforderung genug, den jungen Thieren, wenn
rgend möglich, hinlängliche Bewegung zu gönnen. Wenn auch Rin—
der, die später zur Mast bestimmt sind, die Bewegung an Weiden
und Tummelplätzen am leichtesten entbehren können, so ist sie doch
ür Zucht- und Zugthiere nothwendig, denn sie erzeugt Thiere von
dauerhafter Kraft, größerer Lebensenergie und Fruchtbarkeit.
Auch im zweiten Lebensjahre ist hinsichtlich der Quantität eine
ceichliche Ernährung der Rinder nothwendig, damit der fortwährend
tark wachsende Körper alle zu seiner Ausbildung erforderlichen Nähr—
toffe erhalte. Während im ersten Jahre die Rinder mehr in die
döhe wachsen, wachsen sie im zweiten und dritten Jahre vorzüglich
in die Breite und Tiefe, daher reichliches Futter in dieser Periode
chöne, vollkommene Formen begünstigt. J
Die kräftige Verdauungsthätigkeit des nunmehr erstarkten Rin—
des erlaubt nun aber bezüglich der Qualität ein umfangreicheres,
chwerer verdauliches und weniger werthvolles Futter, wodurch die
dosten der Aufzucht sich nicht unerheblich verringern. Neben Her
und Grünfutter kann also jetzt Wurzelwerk, Spreu, Repsschoten ꝛc.
zerfüttert werden. (Nährstoffverhältniß 1:6 bis 6,8.) Dagegen sind
Abfälle aus landwirthschaftlichen Gewerben, Schlempe, Preßlinge,
Treber beim Jungvieh zu vermeiden, weil sie, abgesehen von mancher
andern Unzuträglichkeiten, die zum raschen Wachsthum erforderlichen
mochenbildenden Nährstoffe in zu geringem Grade enthalten. Starke
Bewegung im Freien, selbst bei rauher, unfreundlicher Witterung ist
auch im zweiten Jahre Bedingung naturgemäßer, kräftiger Entwicke
nn und das beste Mittel der Verhinderung allzufrühen Geschlechtsriebs.

Auf vorstehende Weise erzogene Rinder werden bereits mit I,
Jahren derart ausgebildet sein, daß sie bei erwachendem Geschlechtscriebe
 unbedenklich zum Stiere gelassen werden und daß man mit
Sicherheit auf Befruchtung und tüchtige Nachzucht wird rechnen können
Sobald die jungen Thiere ihrem eigentlichen Zwecke, der Zucht,
dem Zuge oder der Mastung überlassen werden können, ist die Auf—
ucht beendet und es beginnt die besondere diesen Nutzungszwecken

ingemessene Behandlung und Fütterung, welche jedoch nicht mehr in
den Bereich unserer Aufgabe gehören.
Es ist natürlich, daß vorstehende Darstellung den Aufgaben die—
ses Blattes gemäß keine erschöpfende sein konnte, unsere Absicht war
aur, alle Gesichtspunkte, welche bei der Aufzucht des Jungviehes in
Betracht kommen, möglichst vollständig aufzuführen, um so die Schwie
rigkeit und Bedeutung dieses Theiles unserer Thierzucht darzuthun
Freilich verhehlen wir uns nicht, daß bei den wirthschaftlichen Ver—
hältnissen unseres Grundbesitzes ünsere Arbeit eine ziemlich fruchtlose
sein dürfte, wenn dieser Gegenstand nicht durch mündliche Erläute
ungen, durch landwirthliche Besprechungen dem Verständnisse und
Interesse unserer ländlichen Bevölkerung näher gebracht wird, und
würden wir unsern Zweck als vollkommen erreicht betrachten, fall⸗
diese Dvrstellung als Anregung und vielleicht auch als Grundlagt
landwirthschaftlicher Besprechungen über Jungviehzucht, welche wir
den Vereinen angelegentlich empfehlen, dienen könnte. Es würder
sich dann in den Berichten über diese Besprechungen an vorstehend
Mittheilungen weitere Erfahrungen, Berichtigungen und Schilderun
gen unserer heimathlichen Viehzuchtverhältnisse knüpfen, und wir
Alle würden das belohnende Bewußtsein haben, etwas zur Hebunst
zieses wichtigen Zweiges unserer Landwirthschaft beigetragen 3
raben. (L. Wbl. aus Baden.)

Ueber secundaire Eisenbahnen.
„Schwabe über Anlage secundärer Eisenbahnen in Preußen“ lau
et ein bei Ernst u. Korn in Berlin vor Kurzem publizirtes Werkchen
velches neben einer lehrreichen und umsichtlichen Erörterung des The
nas vor allem das Verdienst hat, zur rechten Zeit erschienen zu sein
— Es gibt kaum einen populäreren Gegenstand heut zu Tage, als die
Eisenbahnfrage. In jedem Städtchen sinnt und kombinirt man, wi—
es wohl zu erreichen sein möchte, eine Eisenstraße am liebsten un
mittelbar daran vorbeiführend oder doch mindestens in die Nähe »
hekommen. —
Nicht selten treten hierbei die wunderlichsten Combinationen
Tage, oder es werden die weitgehendsten Ansinnen an die bestehender
Eisenbahn-Gesellschaften gestellt. Was thut ein Umweg von ?/ Meile
wird gar oft deduzirt, wenn es sich darum handelt, den berechtigten
Tommunications-Interessen des Städtchens Rechnung zu tragen, für
für welche der Besitz der Eisenbahn natürlich eine Lebensfrage ist
Leider kann in sehr vielen Fällen nicht geholfen werden. Noch sind
die Maschen des Bahnnetzes zu weit und in vielen Distrikten nod
nicht die Linien erster Ordnung, schweige denn die Linien zweiter und
dritter Ordnung ausgeführt; auch sind die Baukosten gar zu hoch, um'
zur Rentabilität gehört eine allzu beträchtliche Einnahme. Von Um—
wegen auf Hauptrouten will aber Niemand mehr etwas wissen. Ja
man betrachtet die vorhandenen als Fehler in der Anlage und beginw
dieselben auszumerzen. Welch ungerechtfertigtes Verlangen, sagt mi
Recht das Publikum, daß von allen eine Bahn passirenden Personen
und Sachen den Bewohnern eines Städchens wegen Jahr aus Jah
rin in Folge des Umwegs eine Abgabe erhoben wird. Kapitalisir
iese Abgabe und Ihr werdet zurückschrecken vor der Größe des Opfers
velches Ihr der Gesammtheit zu Euren Gunsten angesonnen habt
oerlangt nicht, daß die große Route zu Euch komme, sucht sie viel
mehr auf, schließt Euch an mit einer secundairen Bahn nach den Vor
chlägen des Herrn Schwabe, welcher die Mittel an die Hand gibt
wie Euch geholfen werden kann, ohne daß Andere darunter leiden
— Derselbe verlangt allerdings, daß Ihr das Interesse an dem Zu
standekommen der Bahn thatsächlich bekundet, sei es durch ein
unentgeltliche Hergabe des Grund und Bodens für den Bahnkörper
sei es durch Naturalleistungen oder durch Uebernahme theilweiser Zins
garantie, Actienzeichnungen ꝛc. Ihr sollt ferner billig bauen, ohn
allen Lurus, Euch mit einem Geleise, einer Fahrgeschwindigkeit von
2 bis 3 Meilen in der Stunde begnügen und zufrieden sein, wen'
Ihr 2 oder 3 mal täglich Fahrgelegenheit habt. Stärkere Steigun
gen und schärfere Kurven, als bei der Hauptbahn üblich, sollen de
Planumsarbeiten verringern, leichterer Oberbau und entsprecheni
Lokomotiven, am besten in ihren 2 oder 3 Achsen gekuppelte Tende
maschinen, die Anlagekosten vermindern.
            
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