Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

ner Weinsorten fanden sich im Lir. Wein 6ÿ58 Gramm, im Anken
also ca. z Pfd. Glycerin. Da in den leichten Weinen kein gährungs
fähiger Zucker existiren kann, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß
die Suͤße und der sog. Körper vergohrener Weine besonders im Glyce—
rin zu suchen sind.
Die Darstellung des Glycerin durch Zerlegung der Fette kann auf
verschiedene Weise geschehen. Mengt man in einem zinnernen Kesse'
9 Th. Oel und 5 Th, reine, fein zerriebene Glätte, die mit ihrem hal
ben Gewichte Wasser angerührt ist und erhitzt den Kessel im Wasser—
bade, so ist die Bildung von Bleipflaster und Glycerin in 2 Tagen
beendet. Aus der klaren wässerigen Glycerinlösung schlägt man durch
Schwefelwasserstoff die kleinen Mengen Bleioxyd nieder. Die vom
Schwefelbleie abfiltrirte Flüssigkeit wird erst im Wasserbade und dann
im luftleeren Raume über Schwefelsäure verdunstet, worauf reines
Glycerin zurückbleibt. Im Großen wird es jetzt als Nebenproduct bei
der Stegrinkerzenfabrikation gewonnen. Entweder verseift man die
Fette mit Kalk, dampft die von der Kalkseife getrennte braune Flüssig
keit ein, loöst den auf 120 — 1300 C. erhitzten Syrup in dem vierfachen
Volum Spiritus, filtrirt, destillirt den Weingeist ab, löst den Rückstant
in Wasser, digerirt mit Bleioxyd, entfernt das Bleioxyd durch Schwe—
felwasserstoff, entfärbt die noch gelbe Flüssigkeit durch Thierkohle und
entfernt das Wasser wie vorher. Oder man behandelt die Fette in
einem Destillationsapparat mit überhitztem Wasserdampfe. Dieselben
werden dadurch unter Aufnahme von Wasser in die fetten Säuren und
in Glycerin zerlegt, welche beide überdestilliren und in der Vorlagt
zwei nicht mischbare Flüssigkeitsschichten bilden, deren untere wässeriges
ziemlich reines Glycerin ist. Zur weitern Reinigung wird es entweden
noch einmal für sich mit überhitztem Wasserdampfe destillirt und durch
Eindampfen im Wasserdampfe concentrirt, oder in Vacuumsapparaten
wie sie in Zuckerfabriken üblich sind, weiter behandelt. Durch die Rei
nigung desselben im Großen ist es jetzt zu äußerst niedrigem Preise im
Handel zu beziehen.
Die Formel des Glycerin ist C6 H,e Osz, HO. Es ist im reiner
Zustande wasserhell, dickflüssig, von blartiger Consistenz ohne fettig zu
sein, ohne Geruch und von süßem Geschmacke. Es ist nicht krystallisir
bar, wird bei — 400 C. gummiartig, läßt sich mit Wasser und Alkoho
in allen Verhältnissen mischen, zieht schon aus der Luft Feuchtigkeit ar
und wird damlt dünnflüssiger. In Fetten, ätherischen Oelen und Aether
ist es unlöslich. Das spec. Gewicht des reinen Körpers ist 18; e
ist schwer flüchtig und beginnt erst bei 27200 C. unverändert überzu
destilliren. Stärker erhitzt wird er zersetzt unter Bildung von Aerolin
(Cz Hsg O, HO) dessen Dampf die Augen stark zu Thränen reizt und
einen kratzend brennenden Geschmack hat, und läßt sich daher nur im
luftleeren Raume überdestilliren. Wenn man eine verdünnte wässerige
Lösung von Glycerin mit gut gewaschener Hefe in einem offenen Ge
fäße mehrere Monate lang bei einer Temperatur von 20—300 C. unte,
Ersetzung des verdunstenden Wassers sich überläßt, so bildet sich ohn
Gasentwickelung aus demselben Propionsäure (Oz; He O,) neben etwas
Essigsäure und Ameisensäure. Läßt man es dagegen mit Wasser, Kreid
und Käse einige Wochen der Temperatur von 400 C. ausgesetzt, se—
entstehen als Gährungsproducte Weingeist (ca. 10 pCt. des Glyeerim
und etwas Buttersäure. Durch ein Gemisch von rauchender Salpeter—
säure und Schwefelsäurehydrat wird es in Nitroglycerin übergeführt
welches durch Erhitzen und durch einen Schlag detonirt. Entsprechent
den Alkoholen bildet das Glycerin Aether, zusammengesetzte Aethe—
und salzähnliche Verbindungen mit den Säuren, unter denen die Feitt
eben die wichtigsten sinv. In seinen wässerigen Lösungen besitzt es im
Ganzen nur schwach reducirende Eigenschaften; insbesondere wird eint
alkalische Lösung von weinsaurem Kupferoxyd nicht reducirt.
Im Handel kommt das Glycerin in den verschiedensten Stärke
gͤraden bis zu 3Z20 Beaumé — LUezꝛg spec. Gew., und in sehr verschie—
denen Graden der Reinheit vor. Das rohe Glyeerin ist gewöhnlich
bräunlich gefürdt und trübe. Ein farbloses Glycerin kann jedoch immen
noch sehr unrein sein. Es enthält oft Chlorcalcium und schwefel
sauren Kalk. Noch häufiger ist es mit Kartoffelzuckersyrup absicht
lich verfälscht, der aber gerade für die meisten Verwendungen sehr schäd
lich ist.
In der Medicin und Chlfrurgaie wird das Glegcerin schon viel

fach benutzt, wegen seiner Eigenschaft, ölartig zu sein und nicht ein—
zutrocknen, ohne doch fettig zu sein. In der Centralapotheke der
Pariser Hospitäler sollen 1861 schon 28,700 Centner verwendet wor
den sein.
Ein kleiner Zusatz zum Collodium macht letzteres nach dem Ver—
dunsten des Aethers geschmeidig, so daß das schmerzhafte und unange—
nehme Zusammengezogenwerden der Haut nicht mehr eintritt. Ueber—
haupt ist das Glycerin das beste Mittel gegen sprbde aufgerissene
Hände, gegen aufgesprungene Lippen ꝛc.; und wahrscheinlich wird auch
die Glycerinsalbe, welche in den Apotheken durch Kochen mit etwas
Stärkemehl und Glycerin bereitet wird, vor den fetten Salben den
Vorzug erhalten, sobald ganz reines Glycerin durch den Handel billig
genug zu beziehen sein wird. Es macht die Haare geschmeidig und
glänzend, wie Oel und bietet den Vortheil, daß es durch Wasser stets
wieder entfernt werden kann. Ein Hauptnachtheil besteht aber hiebe—
darin, daß das Glycerin ätherische Oele nicht auflöst, also durch die—
selben nicht wie fettes Oel wohlriechend gemacht werden kann. Viel
bedeutsamer erscheint die Anwendung des Glycerin zur Darstellung fei—
ner durchscheinender Toiletteseife. Es wird dabei ein Gemenge von
fein zertheilter Seife und annähernd gleichen Theilen Wasser und Al—
kohol im Wasserbade erhitzt und der blartigen Seifenlösung, nachdem
der Alkohol größtentheils verflüchtigt ist, die entsprechende Menge Glo
cerin zugesetzt, gut umgerührt und langsam abgekühlt.
Ebenso wie auf die lebende Haut wirkt das Glycerin auf Felle
Leder, Futter, Wolle, Baumwolle und Charpie, welche dadurch weich
und geschmeidig erhalten werden. Nach Dr. Elsner sollen sogar
schwach lohgar gegerbte Treibriemen, wenn sie circa 24 Stunden in
Glycerin gelegen, dem Brechen nicht mehr unterworfen sein. Daß Le—
der, welches dem Wasser Widerstand leisten soll, nicht mit Glycerin prä⸗
parirt sein darf, versteht sich von selbst, da das Wasser dasselbe aus—
laugen würde. Sehr mannigfaltige Anwendung hat das Glycerin wegep
seiner Eigenschaft immer feucht zu bleiben, zum Copiren von Schriften
gefunden, wobei man es entweder zur Bereitung der Tinte oder des
Papieres benutzen kann, auch dient es, den Thon für das Modelliren
zehörig feucht zu erhalten, um Kleister, Cemente und Mörtel zum täg
lichen Gebrauche sowohl vor dem Austrocknen als auch vor dem Frostt
zu schützen. Mehrfach haben wir auch die Mardat'sche Glorerin—
schlichte erwähnt, welche, namentlich für Musselin angewendet, das Zeut
dauernd feucht erhält und aus 12 Th. Glycerin, 5 Th. Dextrin untd
1Th. schwefelsaurer Thonerde nebst 30 Th. Wasser zusammengeseht ist
Ebenso dürfte sich das Glycerin häufig zur Aufbewahrurg von Spei—
sen und Genußmitteln, die das Austrocknen nicht vertragen, empfetlen.
so für Senf, manche Conditorwaaren, namentlich Marzipan, eingenachtt
Früchte, Chocolade u. s. w, sowie auch für Schnupf- und Kar:abak
zu deren Verpackung sehr viel Zinn- resp. Bleifolie verbraucht wird
Bei der gewöhnlichen Bereitungsweise fligt man dem Kautabak rinen
versüßenden Stoff, entweder Rohzucker oder Melasse bei. Diese Süßig—
keiten eignen sich aber nicht gut als Zusatz, weil sie leicht in Gäbrung
übergehen und die Masse dann sauer wird. Daher wendet man stat
ihrer häüfig Süßholzauszug oder eine Auflösuug von Lakrizen an; aber
dieses Mittel erhält den Tabak nicht gehörig feucht; daher verwaundelt
man denselben, um das Austrocknen zu verhliten, durch Pressen in eine
dichte Masse und wickelt diese dann in Zinnfolie. Durch Zusatz von
Glycerin zum Kautabak lassen sich beide Zwecke, Süßigkeit und Feuch
tigkeit, leicht und sicher erreichen. Für die Verpackung des Schnupf—
tabaks, der sehr leicht austrocknet, ist reine Zinnfolie zu theuer, wesbalb
man allgemein zu Bleifolien oder zu verzinntem Bleie seine Zuflucht
genommen hat, während doch unbestreitbar Bleifolien den Tabak stark
bleihaltig machen können. Auch hier würde ein geringer Glycerinzusaß
Abhülfe gewähren. Bemerkenswerth ist auch, daß erwärmte wäserige
Lösungen von Glycerin sowohl Arabisches Gummi und Dextrin als
auch Eiweiß in jedem Berhältniß auflösen, und daß eine solche Lösung
sich viele Wochen lang unversehrt ohne jede Veränderung aufbewahren
läßt. So dürfte hierdurch z. B. das Schimmeln der Tinte vermitden
werden, ohne irgend eine den Stahlfedern nachtheilige Substanz anzu—
wenden. Bei einer Temperatur von 75—800 C. löst das Glycerin
auch Anilinviolett besser als Alkohol und Essigsäure. Zur Anwendung
als Schmiermaterial empfiehlt sich das Glycerin durch seine hliage Con—
            
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