Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

Durch das Eindringen der Luft, Wärme und Feuchtigkeit geht die
Ackerklrume in Fäulniß oder Gährung uͤber und nach Vollendung dieses
Prozesses ist der Acker gahr oder er hat seine Gahre erlangt. Damit
st der Zweck der Brache erreicht. Er besteht mithin nicht, wie noch so
Viele glauben, darin, dem Acker, der mehrere Jahre hindurch reichlich
Früchte getragen und nun dieses zu thun verweigere, ein Jahr Ruhe
zu gönnen, sondern darin, denselben von Quecken und andern Unkräu—
ern zu reinigen, die schädlichen Säuern zu zerstören und ihm seine
Bahre zu verschafsen. Dadurch werden die in dem Boden enthaltenen
anlöslichen Bestandtheile in lösliche Pflanzennahrung verwandelt. Ist
der Acker in diesen Zustand gelangt, dann zeigt sich seine Farbe dunk⸗
er, die Schollen verlieren ihre Härte und Zähigkeit, sie werden mürbe
ind zerfallen. Die Erde fühlt sich weniger rauh an, wird fast elastisch,
die Ackerkrume dehnt sich aus, ähnlich wie reifer Brodteig. Die Gahre
entsteht also aus einer Gährung des Bodens; derselbe wird dadurch
zußerlich mürbe und milder, innerlich reicher an Pflanzennahrung. Die
Bedingungen unter denen die Gahre allein stattfinden kann, sind, wie
chon bemerkt, Luft, Wärme und Feuchtigkeit. Den freien Zutritt der
ruft ermöglichen wir dadurch, daß wir den Boden mit Pflug und Egge
auflockern. Die zur Gahre erforderliche Wärme suchen wir dadurch
yjerbeizuführen, daß wir nasse Bodenarten drainiren, magere Acker dün—
gen. Wie aber verschaffen wir ihm die dazu nöthige Feuchtigkeit, da
oft, wie in diesem Jahre, in Monaten kein Regenwetter eintritt?
Diese müssen wir ihm durch die Luft zuführen. Es kommt hierbei
zin für die Landwirthschaft sehr wichtiges Naturgesetz in Betracht. Die
duft hat die eigenthümliche Fähigkeit, gleich dem Badeschwamm, Feuch—
igkeit bis zu einem gewissen Grade in sich aufzunehmen, sich mit
Feuchtigkeit zu fuͤlen und diese wieder unter gewissen Bedingungen von
iich zu geben. Alle Luft enthält mehr oder minder Wasserdampf; ent—
zält sie denselben reichlich, so sagen wir, sie ist feucht; im andern Falle,
äe ist trocken. Die Kälte zieht alle Körper, besonders die luftförmigen,
susammen; sie zwingt dadurch die Luft, einen Theil ihrer Feuchtigkeit
abzusetzen. Bei warmer, trockner Witterung ist auch die Oberfläche
zines Ackers erwärmt; aber je tiefer wir in die Erdschicht eindringen,
desto mehr mindert sich die Wärme und schon bei einer Tiefe von 4
dis 6 Zoll scheint die Wirkung der Sonnenhitze aufzuhören.
Ist nun die Ackerkrume gelockert, so steht dem Einströmen der
duft von außen und ebenso dem Austreten der im Boden befindlichen
fühlern Luft nichts im Wege. Dringt die äußere warme Luft in die
lühlere Bodenschicht, so wird sie dadurch genöthigt, einen Theil ihrer
Feuchtigkeit dort zurückzulassen.
Diese beständige Circulation der Luft erhält mithin immer, selbst
bei der trockensten Witterung, den Boden in den tiefern Schichten feucht,
so daß selbst dann die Gahre, wenn sie in der Oberfläche stockt, dorten
vor sich geht.
Die Gahre des Ackers, die ich durch die Brache erziele, kann auch
durch Beschattung herbeigeführt werden. Können wir dem Acker diese
Beschatiung verschaffen, dann ist in den meisten Fällen die Brache ent⸗
behrlich. Wer hat nicht schon die Erfahrung gemacht, daß er bei Weg—
nahme eines Haufen Stroh, Reisig ꝛc. auf einer vorher ganz ausge
rockneten Stelle diese nun mürbe und feucht fand? Auch wird er ge—
funden haben, daß sich gerade auf dieser Stelle Jahre lang die Früchte
vortheilhaft auszeichneten. Woher ruüͤhrt dies? Hat vielleicht das Stroh
oder Reisig düngende Bestandtheile der Stelle mitgetheilt? Gewiß nicht.
Unter dem Haufen Reisig war es kühler als draußen, die warme Außen
uft strömte unter denselben; dort setzte sie einen Theil ihrer Wasser—
dämpfe ab; die oberen Schichten des Bodens begannen zu gähren
wurden muͤrbe; damit war der Weg zu den tiefern Erdschichten gebahnt
die einströmende Luft führte dem Boden Kohlensäure, Ammoniak,
Sauerstoff zu; er wurde gedüngt und erlangte seine Gahre. Der Hau⸗
fen Stroh, Reisig thaten dasselbe, was die Brache bezweckte. Gerade
auf dieselbe Weise kann ich dem Acker die Gahre durch beschattende
Pflanzen verschaffen. Wenn die beschattenden Blattpflanzen: Klee,
Wickfutter, Runkelrüben ꝛc. geschlossen stehen, so hält sich unter ihnen
Thau, Wärme und Feuchtigkeit länger, als auf einer nackten Stelle;
zie Bläiter derselben hindern den Raub von Bodenbestandtheilen durch
»en Wind, schwächen die Wirkungen des Regenschlags ab, lassen mit—
in keine Kruste enistehen. der Boden bleibht vorös

Es ist daher ein gänzlich verkehrtes Verfahren, und man sollte ⸗
nie ohne zwingende Noth vornehmen, Runkelrüben zu blatten; dami
hindere ich vollständig den Eintritt der Gahre. Ebenso nachtheilig if
es wiederum, einen Acker nach Wegnahme der Blattpflanzen längert
Zeit unbestellt zu lassen. Bleibt ein Feld längere Zeit unbestellt, s
verhärtet sich die Oberfläche wieder und die durch die Beschattung ge
wonnene Gahre geht zum Theil wieder verloren.
Jeder Landwirth hat schon oft Gelegenheit gehabt, sich die Ueber
zeugung zu verschaffen, wie durch die von Beschattung durch Blattpflan—
zen herbeigeführte Gahre eine viel sichere Ernte erzielt wird, als durt
die kräftigste Düngung.
Ich habe zwei Felder von ganz gleicher Bodenbeschaffenheit; sie
stehen in gleicher Dungkraft; beide sind mit dreijährigem Klee bestell.
In dem Felde A. ist derselbe vorzüglich gerathen; es lieferte mir gar
einen dritten Schnitt. Der Klee mußte, da er so üppig stand, den
Felde eine nicht unbeträchtliche Menge Nährstoffe entzogen haben.
In meinem Felde B. hat mir der Erdfloh die junge Kleesaat gelichten
er steht zu dünn; es liefert mir beim ersten Schnitt wenig; der zwein
ind drilte Schnitt geben einen noch geringeren Ertrag. Der Klee hat
iesem Felde sehr wenig Dungkräfte entzogen. Beide Felder bestelle ich
iun gleichzeitig unter gleicher Behandlung, unter gleichen Witterungs
erhältnissen mit Weizen und ist wohl die Beantwortung der Frage,
velches dieser beiden Felder mir eine sichere Weizenernte in Aussicht
tellt, unschwer zu treffen. Bei dem Felde A. konnte durch die starke
Beschattung die Gahre vollständig eintreten; sie bewirkt nun, trotzdem
)iesem Felde mehr Dungstoffe als dem andern entzogen wurden, eine
'ast sichere Aussicht auf das Gedeihen der Nachfrüchte. Damit ich je—
doch die Blattfrüchte zu diesem üppigen Stand, der mir die Gahre er⸗
eugen soll, bringen kann, ist es natürlich, daß mein Feld in besser
Dungkraft stehe.
„Was mag nur diesem Acker fehlen!“ hörte ich kürzlich einen
hiesigen strebsamen jungen Ackersmann klagen. „Ich habe denselben
mehrmals nach einander kräftig gedüngt, ihn auch sonst mit aller Sorg⸗
Falt bebaut, und dennoch kann ich es nicht ermöglichen, so reichliche
Ernten darauf zu erzielen, wie meine Nachbarn! Ich muß denselben
über Sommer bauen.“ Dem Adcäfer fehlt nach meiner Ueberzeugung eint
vollständige Gahre und um diese zu erzielen, ist seine Absicht, ihn u
»rachen, eine ganz richtige. Der Acker wurde vielleicht schon vor Jah
cen bei sehr nassem Wetter gepflügt, wodurch sich die Erde verkleisterte,
die Poren sich schlossen. Derselbe muß nun gewissermaßen einer Kur,
der Brache, die ihn wieder gahr macht, unterworfen werden. Würde
ich ihn mit Blattfrüchten bestellen, so würden auch diese bei seinen
rankhaften Zustande nur kümmerlich gedeihen und ihn nicht in einen
Jährenden Zustand versetzen konnen. Es können also, wie aus dem
angeführten Beispiel hervorgeht, Fälle eintreten, in denen die Bracht
nicht zu entbehren ist.
Wie oft sind wir nicht genbthigt, bei nassem Wetter zu pflügen.
»bwohl wir im Voraus überzeugt sind, daß wir das Feld auf lange
Zeit verderben. Wie oft tritt nicht unmittelbar nach der Bestellung
ꝛines Feldes ein starker Regenschauer ein, verschließt die Poren, ver—
arsacht eine undurchdringliche Kruste und wird eine Mißernte zur Folge
»aben. Hier ist die Brache das fast einzige Mittel, den durch nast
pflugarbeit hart gewordenen Acker wieder mürbe zu machen, die sid
zildenden schädlichen Säuern zu zerstören, ihn wieder in den Normol
ustand zu versetzen.
Aus dem Gesagten ergeben sich für die Praxis folgende beach
enswerthe Regeln:
1) Man wechsele, so oft es thunlich, mit Halm⸗ oder Körnerfrüch—
en und beschattenden Blatt- oder Futtergewächsen. Zu letzteren rechnet
nan besonders Klee, Wickfutter, Erbsen, Runkelrüben, Kohl ꝛc. Dann
orge man, daß diese dicht stehen, uippig gedeihen, was durch reichliche
Aussaat und Düngerkraft in den meisten Fällen erstrebt werden kann
2) Unmittelbar nach der Ernte der Blattfrüchte lasse man der
pflug folgen, damit die Vortheile der erlangten Gahre nicht wiede
»erloren gehen.
3) Einen in der Gährung begriffenen Acker störe man in diesem
Stadium nicht durch nochmaliges Pflügen. Man würde die Gährunc
niterhrechen und mehr schaden als ützen
            
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