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M 6G.
Sonnabend den 14. Jannar
1865.
Allgemeiner Ueberblick der Geschichte des Handels.
Die Geschichte des Handels ist gewissermaßen die Geschichte der
Tivilisation, sie steht in intimer Verbindung mit den meisten Umwäl—
zungen und Fortschritten, welche im Laufe von Jahrhunderten auf das
Gemeingut, Politik, die Künste und Wissenschaften gewirkt hat. —
Denker und Schriftsteller, wie Montesqieu, Raynal und Heeren haben
in verschiedenen Zeitabschnitten über die wichtigsten Theile dieses reichen
und interessanten Gegenstandes gewaltig Licht verbreitet.
In dem Folgenden beschränken wir uns nur, die bemerkbarsten
Spuren und das Charakteristische der Phasen des Handels, sowie dessen
Wandelbarkeit auf die verschiedenen Perioden seiner Geschichte zurück—
uführen.
1) Das Alterthum. Wenn man bei dem Worte Handel nur
den Begriff Tausch vorerst in's Auge faßt, so müssen wir ihn auf die
ersten Menschen zurückführen, indessen kann seine Geschichte nur von
der Zeit ab ein Interesse bieten, wo er einen bestimmten Charakter,
wie z. B. den Zweig der National-Oekonomie einnimmt und indem er
ich über eine größere Anzahl von Gegenständen ausdehnt, anfängt sich
gleichzeitig über verschiedene Länder auszubreiten und durch ein Band
die Volker zu vereinen. Allein dieser Augenblick hlillt sich in das Dun—
kel der Vergangenheit und die einzige Muthmaßung, die wir über den
ursprünglichen Mittelpunkt des internationalen Handels aufstellen kön—
nen, ist sein wahrscheinliches Zusammenfallen mit den ältesten Herden
der Civilisation, da der Austausch von Waaren (wie der berühmte
Zeeren sehr richtig sagh stets einen Austausch der Ideen erzeugt.
Als eins der ersten Länder, dessen Producte einen großen Handels—
artikel bildeten, ist Indien zu nennen, da dessen Bewohner jedoch stets
an der Isolirung des Kastengeistes festhielten, konnte sich bei ihnen
veder der Handel noch die Civilisation frei entwickeln. — Bis gegen
das Ende des Abendländischen Reiches waren Gold, Edelsteine, Zim—
met und Gewürze, sowie Seiden- und Baumwollengewebe, in deren
Fabrikation sich Indien schon damals hervorthat, sehr gesuchte Ariikel,
zumal fie anderweit nicht zu finden waren.
Jahrhunderte vergingen nun trotz des Alters und der Ausdehnung
des Handels, durch den man sich die genannten Artikel verschaffte, ehe
sich eine directe Verbindung zwischen Europa und dem erzeugenden
Lande Indien herstellte.
Da diese kostbaren Waaren gewöhnlich durch Karawanen trans—
bortirt wurden, gelangten erstere erst dann an ihren Bestimmungsort,
nachdem sie durch die Hände verschiedener Zwischenhändler (Mittels—
zersonen) gegangen waren. Die Phönizier allein scheinen in grauer
Vorzeit einige Expeditionen bis an das Gestade Indiens unternommen
zu haben und zwar durch den Persischen Golf oder durch Vermittelung
der Araber. Ueber den Handel dieses Landes hatte man indessen nur
sehr unzusammenhängende und oberflächliche Aufzeichnungen.
Zwei andere ebenfalls durch ihre alte Civilisation blühenden Län—
der, Babylonien und Aegypten, deren politische Rolle mit ihrer Unter—
jochung und der Herrschaft der Perser endete, sind es, deren geographi⸗—
sche Lage des einen und deren Institutionen des andern, lange Zeit auf
ähnliche Weise isolirt blieben. Beide machten sich erst durch die Er—
oberungen Alexanders davon frei, der beide dem Einflusse des griechi—
schen Genies unterwarf.
Die beiden interessantesten Handelsvölker des Alterihums waren
anfangs die Phönizier bis zur Zerstörung von Tyrus im Jahre 332
v. u. Zeitrechnung, dann bis zum Jahre 146 die Karthager, welche
bekanntlich einer phönizischen Colonie entstammten. Wie berühmt auch
ihr Handel gewesen sein mag, so sind ihre Unternehmungen doch nur
sehr mangelhaft bekannt. Es ist hingegen gewiß, daß die Einen oder
die Anderen an der Nordküste Afrikas und Spaniens zahlreiche Colo—
aien gegründet haben, daß sie frühzeitig die Silberminen dieses Landes
ausbeuteten (das Peru der Alten) und daß sie sich auf geheimnißvolle
Weise einiger Producte des nördlichen Europas, die schon zu der Zeit
sehr geschätzt, zu verschaffen wußten; so z. B. den Bernstein und das
Zinn.
2) Das Mittelalter. Wir kommen hier zu einer Uebergangs—
periode in der Geschichte des Handels, wo die Herrschaft der Handels—
hätigkeit im Norden Europas an Ausdehnung gewinnt, aber auf die
Grenzen der alten Welt beschränkt bleibt. — Durch den Charakter die⸗
ser Thätigkeit schließt sich das Mittelalter gleichsam an das Alterthum
an, indessen enthält das Erstere die Keime der modernen Civilisation
in seinem Schooße und Alles bereitet sich auf die große Umwälzung in
den Handelsbeziehungen vor, die sobald stattfinden mußten, als die
europäischen Schiffe dahin gelangten den Ocean zu kreuzen und Afrika
zu berühren, den Boden Amerikas zu betreten und die Küsten Indiens
zu umsegeln.
Der Einfall der Barbaren, der mit der römischen Macht fast die
ganze alte Civilisation zerstörte, traf auch mit einem tödtlichen Schlage
den Handel zugleich. Tiefe Nacht verbreitete sich über Italien und den
ganzen Occident; die Segnungen des Handels und die Künste ver—
kümmerten. So hatte es die Vorsehung gewollt. Damit das Christen⸗
chum das menschliche Geschlecht regeneriren konnte, war es vor Allem
nothwendig, den Boden vorzubereiten, um den Samen zu empfangen,
die Energie einer entnervten Welt aufzufrischen und bis dahin unge—
löste Probleme aufzuklären.
3) Die Neuere Zeit. In dem Laufe dreier Jahrhunderte, die
seit der Entdeckung Amerikas verflossen, dienten fast gleichzeitig die
Seewege, die nach Ost- und West-Indien, sowie den Vereinigten Staa⸗
len Nordamerikas führten, ja alle Länder und Meere des Erdballs dazu,
das Gemeingut der Handelsthätigkeit zu vergrößern. Die Eroberun⸗
gen eines Cortez folgten auf die Reisen eines Columbus. Während
die Spanier sich Mexikos und der größeren Hälfte Südamerikas be—
nächtigten, verfolgten die Portugiesen ihrerseits den von Vasco de
Gama gezeichneten Weg, dehnten sich mehr und mehr über die Indischen
Bewässer aus und begründeten ihre Herrschaft in dieser Gegend, sowie
auch an den Küsten Afrikas. Nachdem 1520 Magellan die erste Reise
um die Welt beendet und die Philippinen ensdeckt, war auch der See—
veg Indiens im Westen zugleich gefunden. Die Holländer und Eng—
änder, anfangs von dem Gedanken beherrscht, sich einen Weg nach der⸗
elben Gegend durch die Polarregionen zu öffnen, machten von da aus
zahlreiche Versuche, welche die Entdeckung des weißen Meeres und Spitz⸗
zergens herbeiführten. Nachdem die Ersteren im 17. Jahrhundert die
portugiesische Macht in Indien verdrängt und ihre Colonialherrschaft
im Archipel gegründet hatten, die sie noch heut besitzen, entdeckten sie
hald darauf Neu-Holland und einen Theil der Inseln des stillen Mee⸗
res, deren Untersuchungen durch mehrcre englische und französische See—
fahrer, besonders Cook und Forster, verfolgt und vollendet wurden.
Keine Revolution hat einen so nachhaltigen und bedeutenden Ein—