Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

Die ausgedehntesten Vorsichtsmaßregeln uns Baändigungsémittel
ind nothig bei den Farren. Schon ein kleiner Muthwillen von ihrer
Seite bedroht den Menschen mit dem Tode, denn mit ihrer Wucht und
graft zerdrücken fie die Knochen des Menschen wie dünne Aeste.
Das einzige Mittel nun, das fast flͤr alle Fälle ausreichend, am
infachsten und billigsten ist, und am wenigsten zu einer rohen Behand—
ung veranlaßt, ist der Nasenring. Durch eigene Erfahrung bin ich
n meiner Ansicht, daß die Bändigung mit Hülfe der Nasenringe bei
Farren überall empfohlen werden solle, so fest, daß ich allen Einwen—
zungen nur den einfachen Satz entgegenstelle: 1 Loth Beispiel ist mehr
verih, als 100 Loth Worte. Den weichherzigen Gemüthern, die da—
über seufzen, wenn sie beim Führen der Farren am Nasenring zu—
veilen einige Tropfen Blut auf der Nasenschleimhaut wahrnehmen,
nöchte ich die in Folge des Niederfällens mit den Wurfseilen bluten—
»en, angeschwollenen Kniegelenke der bei Volksfesten vorgeführten Far⸗
en zeigen und einige Tage nach dem Feste die durch die fest angeleg—
en Stränge angelaufenen Beine. Ich erinnere ferner an die angstvollen
Momente, wo ein Farren 6—8 Mann niederwirft, oder mit einem
Riß sich ihnen entwindet und in wilder Flucht auf dem Platze herum—
»ennt und das Publikum in Schrecken setzt. Man kann auch sehen,
vie Farren durch die Zwangsmittel abgemattet, sich geradezu niederlegen,
and vorerst nicht mehr weiter zu bringen sind.
Diesem Bilde gegenüber stelle ich die großartigen Ausstellungen
in Paris und Wien, wo kein Farren ohne Nasenring zugelassen wird,
vo in den Tagen vor und nach der Ausstellung jeden Augenblick die
Farren der verschiedensten Raçgen und Altersklassen zwischen den Park—
inlagen und Blumenbeeten der herrlichen Ausstellungslokale je nur
durch einen Mann hin- und hergeführt werden. In Wien werden
die prämirten Farren öffentlich vorgeführt und in Paris sah ich nach
der Ausstellung die prämirten Farren aller Länder in die photographi—
chen Anstalten der Reihe nach vorführen und aufstellen und das alles
hne Aufsehen und Kraftaufwand mit Hülfe der Nasenringe.

In England habe ich manches Dutzend Farren auf dem Lande
zemustert, aber nicht im Stalle. Ein ordentlicher englischer Viehzüchter
vält es oft für unhöflich, jemanden, der sich für seine Viehzucht inte—
ressirt, seine Thiere nur im Stalle zu zeigen, sondern wie man die
Pferde am Zaume vorführen läßt, um sie dem Gaste zu zeigen, so wer—
den die Farren am Nasenringe herausgeführt und nicht bloß im Ste—
yen, sondern auch im Gehen gezeigt.
Ganz abgesehen von den Vortheilen für den Transpoit, ist noch
vohl zu beachten, daß man mit Hilfe der Nasenringe die Farren leicht
ꝛinfahren, also zur Zucht länger erhalten und wohlfeiler unterhalten
ann, weil sie durch ihre Arbeit ihr Futter verdienen.
Auf den Königlichen Privatdomänen, namentlich auf den Rosen—
jein, wird auch in dieser letztern Beziehung ein leider nicht nachgeahm—
es Beispiel gegeben, denn dort arbeiten die meisten Farren und erhal—
en dadurch sich erfahrungsgemäß viel länger sprungtüchtig und fruchtbar.
Durch die Nasenringe werden viele durch Bösarligkeit als Zuchtstiere
verthlos gewordene Farren leicht so gebändigt, daß sie bald wieder zum
rüheren Werth gebracht sind.
Nach all dem muß die Frage nahe liegen: Wie kommt es denn,
daß in Württemberg diese Nasenringe bisher so wenig Verbreitung ge—
unden haben.

Ich will die Antwort in mildester Beurtheilung geben und sagen:
s ist die Unbekanntschast mit den Vortheilen dieser Ringe und ein
Vorurtheil in Betreff der Nachtheile und üblen Folgen. Allein der
Nutzen des Einziehens von Nasenringen ist, wie bereits angedeutet,
inverkennbar. Zuchtstiere, welche mit Nasenringen verseben sind, können
m Stalle und auf der Straße selbst an wenig festen Gegenständen
ingebunden und mit Leichtigkeit geführt werden; man erspart bei dem
Transport viele Leute, Stränge und Gurten, und dami Gelv. An
einem Nascnring kann ein sonst gutartiger Stier ohne Muͤhe durch
ꝛinen Mann oder Knaben geführt werden, bei einem bösartigen genü—
gen jedenfalls zwei Personen zur sichern Führung und hat man dabe
nicht die bei Anwendung von Fallstricken unausbleiblichen üblen Folgen

rür die Thiere zu gewärtigen; die Thiere kommen nicht in Aufregung
se maiten nicht ab und bleiben deßhalb nicht, wie man dies beim Trans⸗
zort von Farren mit Fallstricken sehr häufig bemerken kann, aus Ver—⸗
zweiflung und Schwäche liegen; junge Thiere werden nicht bösartig,
und bereits bösartig gewordene werden durch die Anlegung des Nasen—
ringes meist wieder gezähmt; endlich ist bei Beobachtung dieser Vor—
icht auch jede Gefahr für die Menschen von dieser Seite beseigt.
In England und Frankreich werden den Bullen diese Nasenringt
eingezogen, wenn sie sechs Monate bis ein Jahr alt sind.
Wenn man sich des von Herrn Prof. Dr. Rueff in Hohenheim
construirten Nasenringes bedient, so bedarf man beim Anlegen desselben
zar keines besonderen Instrumentes. Die Enden dieses Nasenringes
sind nämlich zugeschärft, so daß er sich durch die Nasenscheidewand hin⸗
durchstoßen läßt, ohne daß man vorher eine Oeffnung zu machen braucht.
Ist die am Nasenringe angebrachte kleine Flügelschraube herausgenom—
nen, so läßt sich der Ring an der schräg durchschnittenen Stelle seitlich
auseinander schieben. Zu diesem Zwecke greife man nicht mit beiden
Händen in den Ring ein, weil man sich beim Aufgehen desselben leicht
zerletzen könnte; sondern man drücke zwischen dem Daumen und dem
Zeigfinger die beiden scharfen und zugespitzten Enden nach rechts und
links auseinander.
Das Einstechen des Ringes geschieht, nachdem man den Kopf des
Thieres mit Hilfe zweier um die Hörner gelegten, guten Stränge, im
Stalle etwa an eine feststehende Säule, im Freien an einen Baum
traff befestigt hat. Um auch die Nase fest zu stellen, legt man noch
zwei gute Stränge nach Art eincs Halfters so an, daß die Spitze des
einen Stranges an der linken Backe, die des andern an der rechten
ausläuft. Auf diese Weise kann auch die Nase entweder an der Säule
oder mit Hilfe von Leuten so gestellt werden, wie es zur bequemeren
Ausführung der Operation nötihig ist.

Der Ring soll seine Lage hinter dem dicken Flozmaul (Spiegel,
in der Nasenscheidewand bekommen. Man sticht diejenige Spitze des
Ringes ein, welche am geschlossenen Ring nach oben und außen liegt,
Das Durchstechen erfordert eine ziemliche Gewalt, daher wohl Acht zu
geben ist, daß der Ring nicht in seinem Schraubengewinde, das die
beiden Hälften des Ringes auf der der Flügelschraube entgegengesetzten
Seite verbindet, abgebrochen wird, was geschehen kann, wenn man die
iußere Ringhälfte beim Durchdrücken der Ringspitze durch die Nasen—
scheidewand allzufest anfaßt.
Bietet die Schleimhaut dieser Scheidewand durch ihre Zähigkeit
ein etwas lästiges Hinderniß beim Durchstoßen, wie dies bei alten Sim—
menthaler Farren zuweilen vorkommt, so schneide man mit einem Mes—⸗
ser dem Ring entgegen, oder man drücke mit einem Stäbchen von
veichem Holz, das gleichsam als Auflagestock dient, gegen die Spitze,
so daß diese eher zum Durchbruch durch die zähe Haut kommt. Alles
dieses ist jedoch überflüssig, wenn die Ringspitze scharf schneidend ist,
und wenn etwaige Fehler hiebei vor der Operation beseitigt werden.
Hat der Ring die Nasenscheidewand durchbohrt, so werden die beiden
Enden wieder über einander geschoben, so daß die zwei Schrauben⸗
öcher genau auf einander passen; darauf wird die kleine Flügelschraube
eingedreht und an der Kerbe, die tief genug sein soll, um nicht zu viel
Widerstand zu bieten, abgebrochen. Die kleine an der Bruchstelle sich
ergebende Rauhigkeit wird mit einer Feile oder einem rauhen Sand⸗
ttein eben gemacht, bei welchem Geschäft Sorgfalt anzuempfehlen ist,
da die Bruchstelle, wie der ganze Ring, glatt sein soll, um Reizungen
zu verhüten. Hiemit ist die Operation beendigt. Eine Blutung ist
entweder kaum zu bemerken, oder sie ist so unbedeutend, daß sie keine
Beachtung verdient; sie hört stets in kürzester Zeit von selbst auf.
Jedermann kann bei einiger Geschicklichteit den Nasenring ohne irgend
eine Hilfe und ohne Justrumente rasch und ohne viele Schmerzen flͤr
das Thier einziehen.

(Schluß folgt.)
            
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