Full text : Kreis-Blatt für den Kreis Saarbrücken

Die Eisenbergwerke, der Eisenhüttenbetrieb und die
Eisenindustrie in Europa.
Mit „Eisen“ pflegt die Sprache des gewöhnlichen Lebeps nicht
das reine Eisen zu bezeichnen, welches, meist kosmischen Ursprungs, sich
als solches nur in Meteorsteinen findet, sondern das gewöhnliche, meh—
oder minder aus verschiedenen Elementen zusammengesetzte Melall, des
sen Hauptbestandtheile außer dem Eisen hauptsächlich Kohle, Kiesel,
Schwefel und Phosphor sind, worunter die Kohle am wichtigsten ist
Denn je nachdem sich diese im Eisen vorfindet, bildet es die drei be—
kannten Arten des Gußeisens, Schmiedetisens und Stahls, währent
Schwefel ein Haupibestandtheil des rothbrüchigen, Phosphor des kalt—
brüchigen Eisens ist. Die Zusammensetzung des Eisens hat einer
großen Einfluß auf die Qualität des Eisens und daher kommt es, daf
die im Handel vorkommenden Eisensorten von so ungleichem Werth
sind. Und neben der inneren Verschiedenheit modificirt auch die mecha—
nische Verarbeitung bedeutend den Werth des Metalls, wie denn bei—
spielsweise das Stabeisen wesentlich von der Verdichtung beim Schmie—
den abhängt.
Das Eisen ist das unschätzbarste Metall, dem Menschen zu tau
sendfachen Zwecken von der Hand einer gütigen Vorsehung gegeben
unendlich werthvoller, weil unendlich verwendbarer, als selbst das Gold,
unsere heutige Cultur beruht auf dem Eisen zu nicht geringem Theile,
ohne Eisen wären die größten Thaten der Geschichte nicht geschehen,
ohne Eisen keine Maschinen vorhanden, ohne dasselbe fehlte uns eint
der mächtigsten wirthschaftlichen Culturinstiutionen der Gegenwart —
die Eisenbahnen.
In Deutschland finden sich hauptsächlich sechs Arten von Eisen
stein: Magneteisenstein, Rotheisenstein, Brauneisenstein, Raseneisenstein,
Thoneisenstein und Spateisenstein, während der für Englands Eisen—
industrie wichtigste „Blackband“ (Kohleneisenstein) sich nur in wenigen
Gangarten vorfindet und in größeren Quantitäten erst vor einigen Jah—
ren in Westphalen gefunden wurde. Gute Qualitäten haben schlesische
Bergwerke und die Habelschwerdrer Gruben. Häufiger ist das Hämathit
gestein („Blutstein“), dessen schon Theophrast aus dem Alterthum er
wähnt. Die weichere Art ist die geschätztere. Diese Roth- und Braun—
eisensteine sinden sich hauptsächlich in der weiten rheinisch-westphälischer
Hügelgegend, im Lahn- und Sieggebiete. Hier sind die reichsten und
ergiebigsten Bergwerke des ganzen Landes, namentlich zu Wieden, denen
die hannöverschen im unteren Harze bei weitem nicht gleichkommen. Ir
Schlefien ist das Ergebniß schon geringer. Am wichtigsten für die
deutsche Fabrikation ist der Spatheisenstein, der seines Mangangehaltes
wegen sich vorzüglich zur Stahlfabrikation eignet. Er findet sich haupt
sächlich in Westphalen und hat hier vorzugsweise zum Reichthum der
Gegend beigetragen, indem das reiche Ergebniß der Gruben zur Ent
wickelung der Stahlfabrikation hinführt.
Oesterreich ist bekanntlich ganz besonders reich gesegnet mit mine
ralischen Bergwerksschätzen. Hämathit findet sich in den krystallinischen
Schiefergebirgen von Böhmen, Mähren, Schlesien und Ungarn, wäh—
rend in der Steinkohlenformation von Steyermark, Kärnihen, Krain
und Tyrol mehr Spatheisenstein vorherrscht. Wie sehr sich der Berg
bau in Oesterreich gehoben hat, ist daraus zu ersehen, daß im Jahre
1860 sich die Produktion auf 4 Mill. Tonnen (à 20 Ctr.) belief, so—
daß nur noch 9000 Tonnen Roheisen eingeführt zu werden brauchten,
während sich ein Jahrzehnt früher das Ergebniß auf kaum der
Production belief, und mehr als dreimal so viel vom Auslande impor—
tirt wurde.
In England sind es zwei Vorzüge, welche den Eisenindustriezweit
zu einem der ergiebigsten im ganzen Lande machen, und zwar einma
die Ausbeute des vorkommenden Erzes, die oft nicht weniger als 56
bis 60 Proc. beträgt (in dem Lahn- und Sieggebiete, unserem ergie
bigsten Districte, durchschnittlich 40 bis 50 Proc, in Schlesien 30 —88
Proc.), sodann aber jener bekannte, vielgeruhmte Vorzug, das Zu
sammentreffen von Kohlen- und Eisengängen, also Erz und unmittel
bar daneben die gebundene Flamme und Gluth, die es schmilzt und si
erst menschlichen Gebrauchszwecken zuführt.
Die hauptsächlichsten Gebiete des englischen Eisens sind für Roth
eisenstein Lancashire und Westmoreland. Auf der letzten Industrie
rsstessunz in London haftte die PMarkside-Minina-Comyvaanie Eisensteir

nvon 95 Proc. Eisenoxydgehalt ausgestellt! Brauneisenstein komm—
hauptsächlich aus Devonshire, Cornwallis und Suüdwales, Spatheisenstein
aus den Minen von Brendonhills, Thoneisenstein bildet den Haupt⸗
reichthum der schottischen Bergwerke, die auch die vorzüglichsten Kohlen
minen haben. Was die Colonien anlangt, so sind seit 1842 in Ca—
nada reiche Lager des vorzüglichsten Magneteisensteins aufgedeckt. Indien
war schon im Alterthum wegen seines Eisenreichthums bekannt, nur iß
der Betrieb der Werke noch ein wenig rationeller. Die bedeutendt
Entwickelung des indischen Eisenbahnnetzes wird aber die Zufuhr vor
Kohle erleichtern und so bald einen Umschwung herbeiführen helfen.
Fuͤr die deutsche Eisenindustrie am wichtigsten ist die schwedisch
Eisenproduction. Schweden hat in diesem Mineral einen unschätzbarer
Schatz. Besonders reich ist das Land an Magneteisenstein, berlihm
sind die Gruben in Damremor. Sie liefern den besten Stahl. In
teressant ist aus neuerer Zeit eine Art Raseneisenstein, in Gestalt vo
kleinen platten Kuchen auf dem Grunde der Seen gefunden. (Er br
steht hauptsächlich aus einem leichtflüssigen Rotheisenstein, der zu seiner
Guß verwandt wird.) Man sammelt ihn im Winter in ziemlich an
sehnlichen Quantitäten. Im Jahre 1860 wurden nicht weniger a
22,000 Tonnen gefunden.
Frankreich ist sehr reich an Lagerstätten, namentlich von vorzüglicher
Brauneifenstein in dem Oolith des französischen Jura und der 06
d'or, und ebenso sind reiche Minen in der Umgegend von Caẽn, weite
von sehr gutem Spatheisenstein in den Nordabhängen der Pyrenäen
In Belgien gewährt die Steinkohlenformation des Landes ei
überaus reiche Ausbeute an Eisen, namentlich an Brauneisenstein, wäl
rend die Werke von Vezin bei Lüttich ein vorzügliches Rotheisengesten
enthalten. Das beste Zeugniß für die hohe Entwicklung der belgische
Eisenindustrie ist die Thatsache, daß fast alle Producte der Minen *
Lande verbraucht werden.
Die Eisenindustrie hat im Laufe der letzten Jahrzehnte in alle
Ländern einen ungeheuren Aufschwung genommen. Im Ganzen wir'
jetzt in Europa siebenmal so viel Eisen erzeugt, als im Beginne di
Jahrhunderts. Es findet seine Verwendung an Stelle des Holzes un—
Steins immer weitere Ausdehnung. Früher fast ausschließlich *
Werkzeugen verwendet, dient es jetzt der Architectur, dem Straßen— u—
Brückenbau. Die Eisenbahnen und neuerdings die Schiffspanzerur
haben auf die Dimenfionen der Industrie einen gewaltigen Einflr
geübt.
Den größten Aufschwung hat die Stahlfabrikation genommern
Die ganze Entwicklung unserer deutschen Eisenindustrie aber ist ga
wesentlich unterstützt worden durch den unverhältnißmäßigen Schutzze
auf vom Auslande eingehendes Eisen, ja eine große Reihe von Eise
werken fristet nur durch die Erschwerung der Einfuhr fremden Eisen
ihr Dasein. Dies gilt namentlich von den oberschlesischeu Hüttenwe
ken, während die westphälischen, nassauischen und württembergisch
EKisenindustrien dem Auslande mit Erfolg Concurrenz bieten. Das b
Roheisen liefern die Siegener Hüttenwerke, namentlich das zur Sta
bereitung vorzügliche Spiegeleisen; hierzu trug vornehmlich der Ho
reichthum der Gegend bei. Holzkohle und neuerdings Coaks spiele
bei Herstellung des Eisens eine große Rolle. Wie weit übrigens
Fabrikation gediehen ist, kann man daraus sehen, daß einzelne Werb
wie Schelderhütte, täglich 400 Ctr. Eisen fabriciren! Das Product dt
schlesifchen Hütten ist viel geringer, sie liefern fast durchgängig m
Graneisen, welches zur Stahlfabrikation nicht gut genug ist. Das G
sammtproduct des größten Hüttenwerkes, der Königshütte, lieferte
Jahre 1860 aus sechs Hohöfen 273,029 CEtr., also nicht halb so v
als der einzige Hohofen von Schelderhütte. Die mittelschlesischen Er
aus der Simianowitzer Hütte sind besser.
Im Schmiedeeisen leisten die westphälischen Hütten bei weitem“
Bedeutendste. Die Stahlfabrikation hat sich namentlich in den rhein'd
westphälischen Distrikten außerordentlich gehoben und kann die Co
currenz mit dem Auslande vollständig bestehen. Die Ausfuhr ist scho
jetzt bedeutend. Vorzüglich verdienen hier die großen Gußstahlfabrikt
— — da sie das Vortrefflichste leisten, was die moderne ẽe
brikation hervorbringt. Die unumwundene Anerkennung der Englände
in dieser Abtheilung der letzten Londoner Ausstellung ist bekannt. J
Inderen Staaten sins hier durch deutsche Leistungen fihertroffen word
            
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