Die Grenzen des Ersindungsgeistes im Transport⸗
wesen.
Von Dr. Engel.
ESchluß.)
Nach dem Mitgetheilten wird es nicht schwer sein, die unlängs
in einer Denkschrift des ehemaligen französischen Finanzministers Magne
über die französischen Finanzen niedergelegten Ansicht, den Werth der
Eisenbahnen in 100 Jahren betrefsend, auf das richtige Maß zurückzu—
führen. Der jetzige Finanzminister, Fould, hatte in seinem Expost
darauf hingewiesen, daß in ca. 100 Jahren der Zeitpunkt gekommen
sei, wo alle Privatbahnen auf dem Wege des Heimfalls in die Hände
des Staats übergehen und dann mithin der Staat um 4 Milliarden
reicher geworden sein, also ein reichliches Aequivalent für seine jetzt den
Bahnen gebrachten Opfer finden werde. Darauf antwortet die Denk
schrift: „..... Wer kann übrigens sagen, wo in 100 Jahren die Ei—
senbahnen sein werden, und ob sie dann nicht durch neue Erfindungen
vollständig entwerthet sind? Was würden die Eisenbahnen werth sein,
wenn man z. B. das Mittel fände, auf den Landstraßen die Dampf
maschinen zu verwenden, um dort mit derselben Kraft und Schnelligkeit
arbeiten zu lassen, wie auf den Eisenbahnen?“
So wenig in Betreff der zukünftigen Erfindungen jemals ein vor—
greifliches Urtheil gerechtfertigt ist, so sehr läßt sich doch behaupten
daß die Ansichten des Herrn Magne falsche und seine Befürchtungen
ungerechtfertigte sind. Ein Blick auf das symbolische Schema genügt
um zu erkennen, daß wenn die Chausseen an die Stelle der Eisenbah
nen treten sollen, sie eben Eisenbahnen werden müssen, fest und wider
standsfähig genug, um die große Last der Züge aufnehmen zu könner
und durch die starke Abnutzung nicht schleunigst zu Grunde zu gehen
Kostet doch die Unterhaltung des Macadam in den nicht gepflasterten
Straßen von Paris poro Quadratfuß jährlich 2 — 21/, Sgr
ohne die Ausgaben zur Beseitigung des Staubes bei trocknem und des
Schmutzes bei nassem Wetter! Hiernach ist leicht zu berechnen, wie vie
das ganze Dampfwagen-Chausseenetz eines Landes wie Frankreich zu
erhalten kosten möchte: das Zehn⸗- bis Hundertfache des gegenwärtigen
Eisenbahnne tzes.
Allein nicht blos vor dieser technischen Betrachtung zerfällt die
Befürchtung der möglichen gärzlichen Entwerthung der Eisenbahnen in
Nichts; noch mehr vor der wissenschaftlichen Betrachtung der Verkehrs
wege und der Verkehrskräfte. Darüber, welche Naturkräfte der Mensch
sich dienstbar zu machen noch im Stande sei, wird sich Niemand ver
messen dürfen, ein bestimmtes Urtheil abzugeben. Wohl aber wird es
gestattet sein, die Frage, ob sich denn schon eine solche Kraft regt, zu
Zeit mit Nein zu beantworten. Es hat bekanntlich über anderthalb
Jahrhunderte gedauert, ehe die große Entdeckung von Salomon de
Caux ihre praktische Würdigung fand; denn sein Buch: „les raisons des
forces mouvantes avec diverses machines ete.,“ worunter auch eint
Dampfmaschine ist, ist im Jahre 1615 erschienen. Erst 215 Jahre
später trat die Dampfmaschine als Locomotive in den Dienst des Ver—
kehrs. Und so sehr an der großen Heerstraße liegen die Naturkräftt
gerade nicht, daß es nur des gluüͤcklichen Zufalls der Entdeckung eine
oder der anderen bedürfte, um dadurch das Eisenbahnwesen über den
Haufen zu stoßen. Weltumgestaltende Einrichtungen solchen Gevräges
reifen nur nach langer Geistesarbeit.
Befähigten die vorstehenden Entwickelungen zu der eben ertheilten
Antwort auf die in der Denkschrift des Herrn Magne aufgeworfene
Frage, so befähigen sie nicht minder zum Nachweis der Wirkungen des
natürlichen Verkehrsgesetzes in den großen volkreichen Städten. Hier
treten dieselben Erscheinungen auf, wie in dem Verkehr von Ort zu
Ort, von Land zu Land, nur mit der Verstärkung, daß, je größer eine
Stadt wird, desto mehr ihr innerer Verkehr wachsen muß, was von
dem Verkehr der Länder nicht gilt. Die Größe der Stadt beding
das Verkehrsbedürfniß insofern, als die größere gewöhnlich dichter be—
völkert ist, wie eine minder große, mithin einen größeren Markt dar
bietet und darum auch eine größere Arbeitstheilung gestattet. Je größer
aber dieselbe, desto stärker ist die Nothwendigkeit für den Consumenter
und für den Mittelsmann zwischen Producenten und Consumenten, die
einzelnen Theile der Consumtion zusammen zu tragen. Von einer ge
wissen Grenze ab wächst dieses Neßkehrshedürfniß riesenhaft Uund ve
Naturgesetz des Verkehrs wirkt in diesem Falle so mächtig, daß
venn es behindert wird, sich geltend zu machen, alle Schranken dun
bricht. Hierfür bietet London ein lehrreiches Beispiel.
Die belebtesten Straßen von London wurden nicht früher als 14
gepflastert. Vorher war kein großer Verkehr möglich, war auch ni
vorhanden. Der Personenverkehr zu Wagen war sogar als ein E
griff in die Prärogative der Krone und des höchsten Adels untersa
Der niedere Adel ritt, die Bürger u. s. w. gingen stolz zu Fuß d
auf Stelzen, wenn der Straßenschmutz das damals erlaubte hohe M
überstieg. Bald nach dem Pflastern der Straßen wurden sie auch
offentliche Kosten bei einbrechender Dunkelheit beleuchtet. Dies gesch
in regelmäßiger Weise freilich erst in den Jahren 1736 — 17394
sich die Stadt immer weiter ausdehnte, ward das Bedürfniß,n
großen Entfernungen ohne körperliche Ermüdung zurücklegen zu khrm
von Tage zu Tage auch für Dicjenigen fühlbarer, die sich keine ku
schen anschaffen konnten. Der Weg war da, das Fahrzeug trat hi
Es entstanden die Miethkutschen. Sie genügten auch für lange;
das zunehmende Wachsthum der Stadt lenkte nothwendig eine grös
Menge von Menschen auf äußerlich gemeinsame Wege. Damit
der Anstoß für die Omnibus gegeben, die bekanntlich nur auf bestim
nen, nicht aber beliebigen Strecken, wie die Miethkutschen, fahren.
ungeschlachten Gestalten bewegten sich haufenweise in den engen S
ßen. Das entsetzliche Geräusch der rollenden Wagen aller Artn
täubte jedes Wort selbst innerhalb der Häuser, es raubte den Bew
nern derselhen jedwede Ruhe bei Tag und bei Nacht. Man pflaft
die Straßen mit breiten Steinen, man chaussirte sie, man asphaltirte
und erreichte mit dieser theils aus akustischen Rücksichten unternom
nen Wegverbesserung zugleich den der Beschleunigung der Circulaun
Die Hansom Cabs, eine wesenliche Verbesserung der Fahrzeuge
der Kraft, nutzten jene Vervollkommnung zum Besten aller Derer
die sich ihrer bedienten. Als noch mehr Personen den gleichen —
zu fahren Veranlassung fanden, hatte die Stunde für Errichtung
Pferde⸗Eisenbahn geschlagen. Allein die Straßen waren so eng, dit
selben nicht blos mit den Kutschen und Personenwagen, sondern w
mit Wagen für Güter schon so überfüllt, daß lediglich der Raumm
gel in London die Entstehung und Entwickelung der an und fuͤr
nur ein Uebergangsstadium bezeichnenden Pferde-Eisenbahnen ver
derte. Zur Erweiterung des Weges, der oberirdisch den ganzen
kehr nicht mehr fassen konnte, wurde die unterirdische Eisenbahn
Locomotivenbetrieb ins Leben gerufen. Ingenieur-, Maschinen⸗
Wagen-Baukunst vereinigten sich, um in kürzester Zeit eins der grb—
Wunderwerke der Welt zu schaffen. Doch siehe, auch diese Verb
rung und Erweiterung des Weges, diese Umänderung der Kraft
der Fahrzeuge zeigten sich nicht hinlänglich; und so ist denn gegend
tig in London das Phames-Embankment die Hauptfrage des inn
Stadtlebens. Das ist die Legung einer Parallelstraße von Vaur
bis Westminster-Bridge auf dem rechten Ufer der Themse, von R
minster⸗ bis Blackfriars-Bridge auf dem linken Ufer derselben;
Bauwerk, dem viele Tausende der jetzigen Häuser zum Opfer *
müssen, und wofür ein direkter und indirekter Aufwand von mehr
hundert Millionen Pfund Sterling noch nicht ausreichend erachtet r
Neben diesem riesenhaften Personen- und Gütervertehr in den Se
ßen bewegt sich der fast ebenso überfüllte auf der Themse, bewec
ebenso auf Hunderten von Drähten der der Gedanken, und beweß
in pneumatischen Röhren der von Briefen, Depeschen und kleinen
keten.
Der Londoner Verkehr scheint also jetzt auf den äußersten,“
dem natürlichen Verkehrsgesetze gezogenen Grenzen angelangt zu
An der Kraft und den Fahrzeugen ist nicht viel mehr zu verbess
Pferde und Wagen sind vortrefflich, und die Locomotion ist eine
Vergleich zu anderen großen Städten ungemein rasche. Eine Verre er
kommnung der Wege ist eben so wenig denkbar, so lange sie so
ker Abnutzung ausgesetzt sind und aus Verkehrsrücksichten so we—
Zeit gegeben ist, sie gründlich auszubessern. Bleibt blos die Erw.
rung der Wege, und hierfür wird kein Opfer für zu groß geha
das Gesetz des Verkehrs sprengt jede Fessel. So wirkt es übt
bis auch dem Erfindungsgeist des Menschen an den Schrankern
Natur ein Halt Wagerufen wird Qtschred. HG.Pr statist. Büreau