Full text : Dudweiler Zeitung

eanwoyner suchteten sh auf vie Sügel, wo sse ohn
nächtig zusahen, wie ihre Häuser einflelen und ihre
Ingehsrigen forttrieben. Augenzeugen erzählen, daß
ie Flutwelle sich mit Blitzesschnelle und furchtbarem
zetöse heranwälzte, Verwirren und Entsetzen verbrei—
end. Die Steinhäuser stürzten wie Kartenhäuser zu—⸗
ammen. Die Straßen sind angefüllt mit verstümmei—
en Leichen, wobei sich herzzerreißende Szenen abspielen.
g
Unwetter.
— Aasbln, 2. Okt. Infolge des Unwetters sind die
elegraphischen Verbindungen mit Belgien, Holland und
england unterbrochen. Die Telegramme nach Belgien
33 Hellaud werden größtenteils mit der Poftbe—
rde
Hamburg, 2. Okt. Der Hapagdampfer „Per⸗
wolis⸗ wurde auf der Reede von Ausiruwee Per
Inker getrieben und ist festgeraten. Das Schiff wird
egenwaärtig geleichtert. Man hofft es bald wieder flott
x bringen. Schlepper sind zur Hilleleikung anwesend
GCGurhaven, 2. Oklt. Der Bagger,G. G. 198
on Esbierg nach Emden, im Schlepptau des Ham—
urger Schleppers „Atlas“, unterwegs, ist im Nordost⸗
turm in der Nähe des Eider-Feuerschiffes auf unaufge—
lärte Weise leck gesprungen und gesunken.
Paris, 2. Okt. Paris Journal“ meldet: An der
düste Frankreichs und an der Küste des mittelländischen
Reeres herrschen heftige Stürme. Ein Passagierdamp—
er der Hamburg⸗Amerika-Linie, auf der Fahrt von Bou—
ogne ist insolge des Sturmes auf Grund geraten und sitzt
est. — Nach einer späteren Meldung der Hamburg—
Amerika-Linie ist der festgesahrene Dampfer „König
friedrich August“ ohne Schaden wieder flott geworden.
Antwerpen, 2. Oktbr. Infolge des mit der
hochflut verbundenen Sturmes ist die Schel de über
ie Ufer getreten. Eine Anzahl Schuppen steht un—
er Wasser. Der Schaden ist bedeutend. Bei dem hier
herrschenden Sturm geriet der vor Anker liegende Drei—
naster „Segura“ in Kollision mit dem Dampfer „Ara—
ta“, der beschädigt wurde. Mehrere Leichterschiffe sind
zesunken. Zwei Personen sollen ertrunken sein. Der
ztraßenbabnverkehr ist unterbrochen.
Vlissingen, 2. Okt. Ver russische Dreimaster
‚City of Benares“ ist in der Nähe von Westeapelle
gescheitert. Zehn Mann sind ertrunken.
eee,e
Von der Luftschiffahrt.
Der tödlich verunglückte Aviatiken
Korvettenktapitun naelbardt.

Wir bringen heute unseren Lesern das Bild des ir
origer Woche auf dem Flugfelde in Johannishal
 tödlich verunglückten, erfolgreichen Aviatikers
sorvettenkapitäns Engelhard. Sein mit ihm fliegenden
Schüler Sedlmayr wurde lebensgefährlich verletzt.

Frau Tosellis Memoiren.
Frau Toselli schließt: Es bereitete mir großer
Schmerz und bittere Tränen, mich von meiner kleiner
Nonica zu trennen. Aber der Gedanke, daß der Kö.
meine Monika lieben werde und ihr die Stellungç
sJbe, die ihr gebührt, tröstete mich einigermaßen. Die
diebe zwischen Gatten kann erkalten und die Neigunç
derschwinden, aber einer Mutter soll man niemals ihr
stinder Wnen Da ich aber auch fernerhin nicht vor
den Verfolgern des sächsischen Hoses in Ruhe gelasser
vurde, beschloß ich mich zu verheiraten, und nahm bald
arauf Herrn Toselli zum Manne. Meine Mutter aben
wollte diese Heirat nicht anerkennen, da sie geschlosser
worden war, ehe meine erste Ehe durch den Vatikar
zelöst. Soweit geht meine Geschichte als Kronprinzes
in von Sachsen. Ich habe mich bemüht, ohne Zorr
ind Lüge meine Erlebnisse zu erzählen und die Miß
stände am sächsischen Hofe zu berichten. Ich war reick
und habe auf der Höhe des Lebens gestanden, ich bir
irm geworden und habe die tiefsten Abgründe mensch
icher Leiden kennen gelernt. Möge Gott allen denje
nigen verzeihen, welche an meinem Unglücke schuld sind
Nit Tränen in den Augen lege ich die Feder niedern
ind schließe meine Memoiren von dem Wunsche beseelt
daß diese dazu beitragen mögen, die Vorurteile, die
nan gegen mich hegt, verschwinden zu lassen.

—
remne, aber gemutliche Zimmer befanden, die unbenutz
varen und bisher noch noch vermietet werden konnten.
Dort in deiner Nähe wäre ich sehr viel glücklicher
ind zufriedener, als hier, wo das Fenster einen be
trickenden Reiz ausübt, wenngleich ich weiß, daß es
mabaänderlich mit Unbehagen endet,“ sagte Ruth.
„Gut, ich will mirs überlegen, Ruth,“ erwidert
Delaney, als er sich zum Bureau begab. Seine Gattin
plieb am Fenster und sah ihm nach. Lustig spielten die
Musikbanden, und die Lichter des Salons gegenüber
trahlten in das matte Zwielicht binaus
k Kapitel.
Delaney's Klient
Der Abend war sehr warm, der Salon überfüut,
ind immer drängten sich die Leute noch nach; der Vor
jzang, der gewöhnlich das Innere verhüllte, wurde bei—
seite geschoben, und Ruth tat den ersten Blick in ein
Zpielhölle.
Sie fuhr zurück mit dem Ausruf: „Ist es möglich!“
als ste an einem langen Tische eine Frau den Vorsit
ühren sah. Von einem Gesicht zum andern blickte sie
wie gebannt, und schauderte. Ihre Augen hafteten an
ängften auf den jungen Antlitz eines Knaben, der
iugenscheinlich verlor und in Verzweiflung darüber ge
iet. Sie sah, wie er das Roulette beobachtete, sal
hn ein Pistol aus der Tasche ziehen, hörte den kurzen
charfen Knall; und dann trugen ste ihn blaß und to
inaus.
„Seine Seele! O Gott, seine Seele!“ schrie sie au
ind sank ohnmächtig zu Boden.
So fand sie ihr Gatte. Zärtlich und aufs höchst
erschrocken hob er sie auf; in seinen Armen kam sic
wieder zum Bewußtsein.
O, diese Musik, die immer noch spielte! Ihr schie
ten die grellen Töne höllische Stimmen, die nach Men—
ichenseelen schrieen.
„Charles, Liebster,“ bat sie inständig, nachdem sie
ihm die Ursachen der Ohnmacht erklärt, „bitte, bitte
aringe mich doch von hier fort. Erst wollte ich es aus
Sparsamkeit, jetzt geschieht es aber wegen meiner Ruh
and meines Friedens. Bitte, laß mich doch bei dir
bleiben, weg. weit weg von diesen schrecklichen Szenen.“

die Not der irischen Heimarbeiterinnen.
Fast das ganze Land steht im Zeichen einer einzi—
jen Industrie, der gegenüber alle anderen zurückstehen.
noch heute ist Irland ein Mittelpunkt für die Herstell
ing feiner weißer Leinenwaren. Von Kennern der Ver
ältnisse ist es seit Jahren bitter beklagt worden, daß
ie englische Regierung für diese Indusirie und für der
Zchutz seiner Arbeiter so gut wie gar nichts getan hat
die Leinenindustrie mit ihrer ausgedehnten Heimarbei
st die Grundlage für die Wohlfahrt des irischen Vol
es, und der Schutz dieser Industrie wäre — vom sozia⸗
en Mitgefühl ganz abgesehen — allein darum schon
eboten, um der drohenden Enwölkerung der grünen
znsel Einhalt zu gebieten. In den letzten Jahrzehnten
st die Bevöllerung um Millionen gefallen, zu Hunderi
ausenden strömen gerade die arbeltsfähigsten Elemenie
iber das Meer nach Amerika, um hier, inmitten besse⸗
er Arbeitsmöglichkeiten, eine neue Heimat zu suchen.
Zei dem stark ausgeprägten Familiengefühl der irischen
dassen konnte es nicht ausbleiben, daß die Ausgewan—⸗
erten nach und nach ihre Angehörigen, Verwandie und
zreunde in die neue Heimat nachzogen. Aber trotz all
ieser bedenkllichen Erscheinungen ist gerade die irische
reinenindustrie so gut wie jedes gesetzlichen Schutzes
»ar. In der neuen Trade Board Act, die im Interesse
er englischen Industriearbeiter die Lohnhöhe zu regu—
ieren sucht, ist die irische Leinenindustrie vollständig
rusgelassen, und das Ergebnis ist, daß die Verhältnisse
er irischen Heimarbeit sich von Jahr zu Jahr ver—
chlechtert haben. Die meiste Arbeit wird hier von den
zrauen geleistet; doch da die Heimarbeiterinnen über
eine wirksaine Organisation verfügen, sind sie in Wirk—
ichkeit so gut wie rechtlos. Die Lohnverhältnisse der
rischen Heimarbeiterinnen haben allmählich einen Tief—
and erreicht, der geradezu menschenunwürdig genannt
erden muß. Die Wohnungsweise und die Ernährung
ieser bedauernswerten Frauen sind so jämmerlich, daß
s schwer zu verstehen ist, wie diese Arbeiterinnen über—
aupt noch bei Kräften bleiben können. Viele dieser
lrbeiterinnen verdienen wöchentlich nur drei bis fünf
zchilling, und dies für eine Arbeit, die vom Morgen—
zrauen bis zur späten Nachtstunde alle Aufmerksamteit
ind alle Kräfte in Anspruch nimmt. Erst vor kurzem
at Margaret Hardinge Irwin im „Nineteenth Een—
ury and after“ eine umfassende Arbeit veröffentlicht,
ie die unwürdigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse die—
er irischen Frauen beleuchtet und dabei ein wahrhafit
rostloses Bild entrollt. In ungesunden, schlecht gelüf—
eten Hütten verbringen diese Arbeiterinnen ihr Dasein,
rüh mit der Morgendämmerung muß die junge Frau
nach kurzem Schlafe aufstehen, eine Tasse ungezuckerten
kees ist die erste Mahlzeit, nur ein oder zwei Stun—
en stehen zur Erledigung der häuslichen Angelegenhei—
en zur Verfügung, und nach einem ärmlichen zweiten
zrühstück, das wiederum aus einer Tasse Tee und einem
ztück Brot besteht, beginnt die Arbeit mit der Näh—
adel. Meist finden sich sechs oder sieben Frauen zu—
ammen, weil sie in gemeinsamer Arbeit in ihrem Werke
twas rascher vorwärts kommen. Ist ein Mann im
dause, so wird um die Mittagsstunde eine Mahlzeit
ereitet, die in ihrer Aermlichkeii und Dürftigkeit die
zezeichnung Mittagessen nicht verdient; ist kein Mann
a, so begnügen sich die Frauen wiederum mit Tee
ind Brot. Und bei einer solchen Ernährung dehnt sich
ie Arbeit bis in die späte Nachtstunde aus, erft um
Uf, ja oft erst gegen Mitternacht darf Feierabend ge—
tacht werden. Und in diesem ewigen Kreislauf von
ostloser Eintönigkeit läuft tagaus, tagein das Leben
ieser Frauen dahin; man sagt nicht zu viel, wenn
tan die irische Heimarbeiterin die „weiße Sktlavin“
annte, denn kein Lichtblick wirft je einen hellen Schim—
ner in dies düstere Dasein. Die Bezahlung, die für
ie aufreibende Arbeit geboten wird, steht jenseits jeder
uhigen Betrachtung. Für ein Dutzend feiner weißer
deinenhemden erhalten diese unglücklichen Frauen einen
zchilling und zwei Pence, also eine Mark und sech—
ehn Pfeunige. Dafür müssen die Hemden genäht, die
lermel gesteppt und eingesetzt, die Säume angefsertig!
verden, zwei lange Seitennähte sind vorgeschrieben,
zasse, Brusteinsatz und Halsbörichen sind einzusetzen, die
zchlitze herzustellen und zu säumen, auf den Schulter
tähten sind Achselschnüre aufzusteppen, Manschetten sind
inzunähen, und zuguterletzt muß der Preiszettel noch
efestigt werden. Man mag sich leicht ausrechnen, wie
iel Hemden selbst eine gewandte Arbeiterin bei dieser
xülle von Verrichtungen und Kleinarbeit fertigzustellen
mstande sein kann. Es ist kein Wunder, daß unter
iesen Lebensbedingungen und Arbeitsverhältnissen die
Frauen zu Hunderten von der Schwindsucht dahinge—
afft werden, und schließlich nur in der Auswanderung
zie letzte Rettungsmöglichkeit vor dem Dahinsiechen und
»em Tode sehen. Die unfaßbare Unterlassungssünde der
nnglischen Gesetzgebung, die die irische Alleinarbeiterin
»hne jeden Schutz ihrer Armut überläßt, hat naturge
näß nicht wenig dazu beigetragen, den alten Haß der
zren gegen die Engländer, die Bedrücker, zu steigern.
ber die traurigen Verhältnisse dieser unglücklichen
rauen haben einstweilen keine Hoffnung auf Besse—
ung; das Los der Arbeiterin bleibt, bei Brot und
ee tagans, tagein in ihrer Hütte zu hocken

Also kaufte Delaney am nachsten Morgen das Nof
vendigste zur Führung eines bescheidenen Haushalts
ind Ruth verwandelte die kleinen Stübchen hinter dun
Bbureau in eine gemütliche Häuslichkeit, wo sie ihren
Nann, wenn auch nicht immer sehen, so doch heaͤren
konnte, wenn er mit seinen Klienten geschäftlich ver—
handelte, und wußte, daß sie ihm nahe war.
Beschäftigung war Arzenei für sie. Dazu kan das
ingenehme Bewußtsein, daß alltäglich mehr as die
zälfte ihrer früheren Ausgaben gespart wurde Diese
Ersparnis kam Delaney jetzt sehr gut zu stattn. Sei—
ier Klienten waren immer noch nicht viele, und ob—
chon er inbezug auf das Inkasso seiner Gebihren vor—
ichtiger geworden war, so wollte sein Kapita' doch nich:
onderlich größer werden. Als vorläufig wch Wild—
remder und Unbekannter unter den Goldgubern hatte
er sich erst noch Ruf und Namen in irgew einer gro
zen Prozeßsache zu erwerben, ehe reiche Wrgwerks-Ge—
ellschaften überhaupt Notiz von ihm nalmen. Beides
erhoffte er, wenn der wichtige Fall der Finken-Mine
zur Verhandlung kam, und somit sparte er weder Geld
ioch Zeit in dieser Sache, fuhr und itt über Land,
ammelte Beweismaterial, brachte Zegen auf, kurz,
iberwand mit zäher Willenskraft lamsam aber sicher
nancherlei Schwierigkeiten, die einer an und für sich
zerechten Sache bis zu der gesetzlich und „vvon Rechts
vegen“ erfolgten Feststellung, dak sie gerecht ist, oft
erwachẽen.
„Wenn Jasper morgen komm bringe ich ihn mit
jerein, Ruth“, hatte Delaney ein⸗“ Abends gesagt; und
richtig, am folgenden Tage riß e die Tür auf, die vom
Buregau zu dem als Schlas⸗ un⸗ Wohnzimmer benutzten
Raum führte, und rief: „Rutk“
Sie kam aus der kleinaa Küche, wo das Feuer
ihren Wangen noch etwas nehr Röte und ihren Augen
zrhöhten Glanz verliehen satte, sodaß sie dem langen
ilten Knaben drinnen als ein Wunder von Schönheit
rschien. Er, mit dem Hrt im Racken und dem verwet⸗
terten Gesichte, sah eher wie der einsame Fischer am
Neeresstrande, als wie —u Goldgräber aus, wenig—
ens wie Ruth sich diee Menschenspezies vorgestelli
atte. Es lag ein Wolwollen in seinen Augen, eine
zutmütigkeit in sein“ ganzen rauhen Erscheinung. die

Vermischtes.
Die Rache des Ehemannes. In dem ehrwürdi
gen Alter von 91 Jahren ist in Amerika ein gewisse
Hilsen Ruland gestorben, der weit über die Grenzer
eines Heimatstädtchens hinaus in der Union einst ein
zewisse Berühmtheit erlangt hatte, durch die unge
vöhnliche Strafe, die er über seine Frau verhängt hat
e. RKurz vor dem amerikanischen Bürgerkriege hatt
stuland geheiratet; als die Feindseligkesiten begannen
neldete er sich sofort als Freiwilliger und kehrte 186
aus dem Feldzug in seine Heimatstadt Patchogne zu
rück. Er brach hier fast nieder, als er ersahren mußte
daß seine Frau in der Zeit, da er mit dem Gewehr
n der Hand sein Leben für das Vaterland einsetzte
hrem Gaͤtten leichtfertig die Treue gebrochen hatte
Dit der Kaltblütigkeit des Amerikaners raffte er sid
hließlich zusammen und beschloß, seine Frau auf sein
igene Art für ihre Tat zu strafen. Von dieser Stund
in hat er nicht ein einziges Wort mehr an die Frau
zerichtet, die seinen Namen trug, und dieses Schwei
jen hat Gilson Ruland 40 Jahre lang aufrecht erhalten
An sein Haus ließ er zwei Zimmer anbauen, die mi
»er Wohnung der Frau nicht in Verbindung standen
zier lebte er und nie hat die Gattin die Raͤume beire
en dürfen. Alle Annäherungsversuche wies der in sei
iem Innersten verletzte Mann wortlos zurück, und al
ie Frau auf dem Totenbette lag, blieb er seinem har
en Vorsatze treu und öffnete nicht ein einziges N
ie Lippen.
SFine furchtlose Kaiseriun. Der italienische Journa
st Vieo Mantegazza erzählt in der „Nazione“, wie di
daiserin Elisabeth von Oesterreich, die später das Op
er eines ruchlosen Anarchisten werden sollte, bei jede
velegenheit einen nicht gewöhnlichen Mut au den Ta—
egte und allen Gefahren furchtlos ins Auge blicke
IUs sie einmal in England weilte, hatte sie auf einen
oͤrer Spazieraänge eine arme Frau kennen gelernt. di.
nter Buhen und Worgen einèé zuhreiche“zyancitie“ 37
rnähren hatte. Ohne sich zu erkennen zu geben, war
ie mitleidige Kaiserin dann mehrere Male im Hausf
er Frau erschienen, um ihr Unterstützungen zu bringen
den Ehemann haͤtte sie bei diesen Besuchen nie ange
roffen. Als sie eines Tages die ärmliche Wohnun«
erließ, begegnete sie ihm auf der Schwelle. Anstat
zr für ihre Güte zu danken, stieß der Mann, der eir
sagdgewehr auf der Schulter hatte, beleidigende Wort
Ind Drohungen gegen die Großen der Erde, die Rei
jen und die gekrönten Häupter aus. Die Kaiserin un
erbrach ihn mit den Worten: „Daß sie ein Feind der
Ronarchie sind, interessiert mich nicht besonders. Leide,
heinen aber diese Idee Sie nicht befähigt zu haben,
nausreichender Weise für Ihre Familie zu sorgen und
jie zu ernäͤhren.“ — „Wie können Sie sich erlauben, sich
n meine Angelegenheiten einzumischen!“ schrie der
Nann in größter Wut. „Diese gekrönten Häupter sind
s ja gerade, die uns hindern, ein menschenwürdiges
dasein zu führen.“ Und auf den Gewehrkolben schla—
jend, fügte er drohend hinzu: „Wenn ich jetzt nur solck
in gekröntes Haupt vor dem Lauf meiner Flinte hät—
e ...“ — „Die Vorsehung hätte es Ihnen gar nich
esser bieten köunen,“ sagte die Kaiserin ruhig, „ich bin
zie Kaiserin von Oesterreich!“ Sprach's, sah den Mann
der höchst betroffen dastand, einen Augenblick fest a
ind ging dann, als wenn nichts geschehen wäre, wei
ter. Das Geschichtchen mag feuilletonistisch ausge
chmückt sein: in seinem Kerne entspricht es dem Cha
calter der merkwürdigen gekrönten Frau, der Hundert
bon Dienern zur Verfügung standen, und die es im
mer liebte. sich nur aui die eidgene Kraft au verlassen
Teucrungsmedaillen. Ein Miitarbeiter schreibt
dem „Hann. Cour.“ aus Harburg: Wenngleich man bei
en heutigen Handels⸗ und Verkehrsverhältnissen auch
richt von einer eigentlichen bevorstehenden Hungersnot
»ei uns Reden kann, so dürfte doch nach den jetzigen
breissteigerungen ein recht teures Jahr zu erwarten
ein. Vor etwa fünfzig Jahren war das anders. Da
raten nach schlechten Ernten stets bittere Hungersnote
ein. Außer den in letzter Zeit von uns oft erwähnten
ogenannten Hungersteinen in der Elbe, dem Rhein und
inderen Flüssen erinnern uns noch sogenannte Hungers—
nedaillen an solche Schreckenszeiien. Das Harbuͤrger
MNuseum besitzt drei gleiche Hungermedaillen aus dem
JFahre 1846-47. Sie sind in Blei gegossen; die eine
st stark versilbert. Auf dem Avers zeigen diese Mün—
en die herzergreifende Szene einer hungernden Familie
im NMittagstisch. Schüsseln und Teller sind leer, die
Mutter hält die Hände vors Gesicht und weint, der
Vater blickt seufzend zum Himmel empor, die Kinde
lehen jammernd um Brot. Die Inschrift lautet: „Unser
iglich Brot gib uns heute! — Theure Zeit. 1 S“cheffel
Leizen 5 Thaler 20 Silbergroschen, Korn 5 Thaler,
Serste 3 Thaler 22 Silbergroschen 6 Pfennige, Hafer
khaler 5 Silbergroschen, Karioffeln 2 Thaler, 1 Pfund
brod 2 Silbergroschen. Halle 1846— 1847. Zum Besten
ser Armen. Sprüche Salomonis 11, Vers 26.“ NAus
dem Revers sehen wir ein Erntedankfest. Der vollbe
adene geschmückte Erntewagen wird, von Knechten und
Nägden begleitet, heimgefahren. Vater, Mutter und
dind danken Gott auf den Knien. Rund herum lesern
vir die Worte: „Nun danket alle Gott! Erntesegen 1847
Bi. 30. Vers 153

RNuth nach dem, was Velaney ihr von Jaspers trotzi—
— seines Rechts erzählt, vollständig über—
raschte.
„O ha, wie gehts, wie gehts?“ erwiderte er auf
Ruths Begrüßung und kicherte vor sich hin, als sie
hn „Herr Jasper“ nannte. Dann wälzte er das saf
ige Priemchen, wie ein Feinschmecker den ausgesuchte
ten Leckerbissen, hehaglich zur andern Backe:
„Das „Herren“ bin ich nicht sehr gewohnt,“ und
ielt ihr dabei eine Hand hin, so rauh und hart wie
dorn, abermals in sich hineinkichernd, als Ruth bei der
Anmöglichkeit, das ganze ungesügige Glied zu nehmen,
ich damit beanügte, zwei der hornigen Finger zu
tücken, unterdeß er, den Kopf zur Seite gelegt und
ait hochgezogenen Augenbrauen, etwa wie ein See—
nann ein neues Schiff, sie unverwandt ansah.
„Bin 's nich' gewohnt! Ne. Aber die Weiber
rüssen immer ihren Willen haben. Sollen sie auch
vas, Charles?“ dabei gab er Delaney einen ordent—
ichen Puff in die Seite und lachte laut.
Dann hielt er plötzlich mit Lachen inne, als ob er
ch auf einem schweren Verstoße gegen Anstand und
jute Sitte ertappt, und erkundigte sich mit ernstester
Niene nach Ruths Befinden. Worüber sie so lustig
achte, und Jaspers Mund sich dermaßen erstaunt öff—
zete, daß Ruth die größte Angst hatte, er möge schließ—
ich seinen großen Priem noch verlieren, da sich bei der
jesichtsverlängerung bereits drei tieie Falten in seinen
zZacken zeigten.
„Hahaha!“ lachte er dann wieder laut, und gab
delaney einen weiteren freundschaftlichen Rippenstoß;
Charley — sie sieht gutmütig aus für 'ne Frau —
ür 'ne Frau sieht sie gutmütig aus.“
Auch hierüber lachte Ruth. Jasper fühlte fich als—
ald hinreichend behaglich, um sich etwas weiter zurüch
iuf seinen Stuhl zu setzen, von dem er anfangs, als
ie ihn ihm hingestellt, nur die äußerste Ecke in Besit
senommen, und darauf seine langen Beine in sonder
ar winkligen Stellungen arrangiert hatte, um nur die
zalance nicht zu verlieren.
„Haha! Sogar der olle Jasper weiß, was er zu
un hat, wenn er 'ne Dame trift.“ saate er dann. Da—

Humorisftische Ecke.
*zMacht der Gewohnheit. Besucher
um will der Junge seinen Lebertran nicht von
iehmen, sondern nur von Ihrem Manne?“ — M.
„Weil der den Löffel nicht so vollschüttet...
doch Schenklellner!“
*Gute Aussichten. Chef, (zum Buchha
Nerten Sie sich ein für allemal: ich vertragea
keinen Widerspruch!“ — Buchhalter (für sich): „Na
lann gut werden! In vierzehn Tagen heiratet er
*Entgegenkommend. „Fremder: „Wir
eleltrische Licht extra berechnet, Herr Wirt?“
aber nur, wenn's funktioniert!“
*3 Nͤicht übel. Sommerfrischler (zum Bau
„Warum ist der Weber⸗Nazi um die Hornistenstell—
der Feuerwehr gekommen?“ — Ach, der ist so ein
denschaftlicher Bläser und so zerstreut dabei; ne
war ein Feuer!, fängt der Kerl statt 'm Feueri
„Freut euch des Lebens“ zu blasen an!“
*Das wichtigere Problem. Sie —X
Zeitung lesend): „Was sich doch so viele Männe.
stöpse darüber zerbrechen, einen lenkbaren Luft
zu erfinden!“ — Er (seufzend): „Viel wichtiger
freilich die Erfindunag einer lensbaren EGbeeen,

*

r

3

*

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2
——
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— —

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7

Lokales.
Das letzte Quartal nimmt seinen Ansang
nur noch 92 Tage und die Jahresrunde ist geschlosser
— Nommt der Weinmonat, so ist nicht mehr viel
des Sommers Schönheit übrig geblieben; wir geiit
hen nur noch Reste und nehmen jeden schönen Tag, da
uns wird, hin, wie ein gütiges Geschenk. Der Bogu
der Sonne ist bereits recht klein geworden und lka—
uns nicht mehr in jenen Zustand bringen, den wir
diesem Jahre so reichlich genossen haben, nämlich
Hitze. Dennoch können uns noch ein paar warme?
bei günstiger Witterung beschert sein. Schön ist
die Färbung des Laubes. Und als das gute«
vom Fruchtjahre gilt vielen der süße Most, der he
tatsächlich die Bezeichnung „süß“ vertragen soll.
Weinmonat Oktober hat seinen Namen von dem la
nischen Worte octo, ist acht, erhalten, weil bei
Römern das Jahr nicht mit dem Januar, sondern
dem März begann.
Baueruregeln im Oktober. Witterts im Okto
so ist bis in den Winter hinein unbeständiges W—
zu erwarten. — Oktoberschnee tut Pflanzen und Ti
weh. — Hat der Oktober viel Regen gebracht, hat
die Gottesäcker bedacht. — Späte Rosen im Garten
sen kurzen Winter erwarten. — Ist noch Gallus
heiß, wird Marcellus (16. Januar) weiß. — Okto.
g'lind bringt Novemberwind. — Sonnige, in der 8
terung gleichmäßige Weinernte weist auf einen Wi
hin, wie er sein soll. — Oktober-Donner kommte
wahr noch besser zur Zeit als im Februar. — K“
men Oktobernebel trab, lösen sie den November ab.
Oktoberfröste zeugen gelinden Januar. — Ist im
tober und Noveniber der Himme! rein, so werden
iden ersten Monate (Januar, Februar) schneer⸗
ein

rauf zog er sich noch einen Stuhl heran, auf den
die Arme und einen dritten, auf den er die Beine les
onnte, und machte es sich ganz bequem. Den net
leinen Spucknapf, den sie ihm hinstellte, sah er
argwöhnisch an. Zwar sagte er höflich „danke, WM
dam, danle“, bemühte sich aber aufs Sorgfältigste,
u vermeiden. Rechts und links neben dem net
stäpfchen marlierte er mit erstaunlicher Kraft und?
herheit seine braunen Treffer auf dem weißgescheuert
Fußboden, anfänglich sehr zu Ruths Unbehagen; er!
aber offenbar so vergnügt und in seinem Element,
er so mit seinem langen Korpus da auf den drei Su
len halb lag, halb saß, mit Delaney plauderte
Ruth gelegentlich zunickte, daß sie es nicht übers H
bringen konnte, ihn durch einen Hinweis auf den Zwi
wofür Spucknäpfe erfunden, in Verlegenheit zu bringt
Und nachdem sie sich das bei jeder Hausfrau
lärliche Unbehagen einmal energisch aus dem Kopf
schlagen und ihre Aufmerksamkeit der Unterhaltung
beiden zugewandt, erstaunte sie, je länger, je mehr, ül
die Eindringlichkeit und Klarheit, womit Jasper d
Pro und Contra seines Rechtshandels feststellte. „M
voran mit der Sache, Charley,“ sagte er, nachdem
Angelegenheit zwischen ihnen erörtert war. „Bloß!
tran damit, ich hab' nämlich Grund zu glauben,
serls sind auf mein' Grund un' Boden. Ich ire
jetzt 'n Tunnel, ih' entgegen, un' so wahr ich hi
steh/, wenn mir 'n Fuß von mein' Grund weggenon
men is', gibt's Mord un' Totschlag!“
In seiner Aufregung sprang er empor; und wie
so dastand, die große lange Geftalt, die Hand erh-ber—
die kleinen blitzenden Augen unter den dichten buschige
Brauen, sah er nicht darnach aus, als ob mit ihm gr
kirschen essen sei.
Ruths ganzes Vergnügen und Freude waren he
als sie ihn ansah. „Noch mehr Blut,“ dachte sie;
dies schreckliche Geld,“ und dann sagte sie laut,
flehender Stimme und Miene: „Herr Jasper, ich
Sie, töten Sie doch einen Menschen nicht, bloß we
twas Gold! Wer Sie beraubt, es sei, wer es sei,
fügt sich selbst mehr Unrecht zu, als er Ihnen überh
um kann. Und — 0, was ist Geld in Vert
zu einer unsterblichen Seele?“
            
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