1
Pas, was man mit Maß nicht tut,
Ninmmer stann es werden gut.
—⸗—
Das Reich der Frau.
Anmut, die uns entgegenlacht,
Ist des Weibes höchste Macht.
C. Jacoby.
— — 1413
Cin Wort zur Berufswahl der welblichen Jugend.
Niederum naht die Zeit, da eine große Schar der Jugend die Schule verlaͤßt, um ins Leben
u treten. Gleich dem Knaben soll auch das junge Mädchen für den Erwerb au—sgent dee wrerder
ind so eut auch an sie die Uotwendiglteit, sich für eine bestimmte Tätigkeit zu entichetben, zi lerner
n den Cagen der Jugend. Denn nie trägt man schwer an der Cast des wWissens, sogol rer kan—
ie Unwissenheit zu Boden drücken.
— Befähigung und Begabung entscheidend sein müssen bei der Berufswavl ist selb,
verstaͤndlich und doch werden beide gerade bei der weiblichen Jugend so oft außer acht 5 n. E
ann aber nur jene Tätigkeit befriedigen und dadurch von Erfolg gekrönt sein, die wir gern ur
frendig tun. Wie viele sunge Mädchen werden ohne Talent dem Lehrerinnenberuf zuge Irt zu
Ungluüch für sich und der ihnen anvertrauten Kinder, sur weil es zu den üblichen Gepitogenhei
jehörte. während sie in häuslicher Tätiglieit hervorragendes leisten würden.
An uns liegt es, daß unserer Arbeit auch von andern Achtung entgegengebracht wird.
Noch weniger Rücksicht aber findet die störperliche Veranlagung und doch ist diese Rücksi—
mitunter weniger einschneidend, als es vielleicht mancher glaubt Es genügt ja so oft, wenn w
dem schwachen, in der Entwickluzig begriffenen Körper Seit lafsen, sich erst zu stärken, ehe w
bereits neue Anforderungen an ihn stellen.
Und warum nehimen so wenige Eltern die so unbedingt notwendige Rücksicht? Weil d
vüchein mitunter gegen jene Berufe ist, die der Gesundheit und der körperlichen Entwichlung am 3
jraͤglichsten sind. Hierher gehört vor allen Dingen die häusliche Tätigsteit.
Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß wir die häusliche Tätigkeit der EChefrau so ho
chaͤtzen, an der unverheirateten Srau aber gering achten. Und doch exrfordert die Sührung eine
fremden ßaushaltes, die Crziehung fremder Knder mehr Disziplin und Selbstüberwindung und sel
»ft auch mehr Können und Wissen als der eigene, meistens bedeutend einfachere saushalt und d
etigenen Kinder. Und warum ist dies? Wen die Unverheiratete um des Geldes wiillen arbeite
sAommt dies in der Ehe nicht auch sehr oft vor? Und beruht nicht unser ganzes Leben auf Gegenleistungen
Wir möchten nun an alle Eltern, vor allem aber an die Mtter die dringende Bitte richte
ihre Töchter, wenn sie körperlich nicht sehr kräftig sind, ein Jahr ausfetzen zu lassen. Dies gi
esonders für jene, deren Berufstätigkeit eine sitzende CLebensweise bedingt, wie z. B. im Konso
Dieses Jahr braͤucht nicht verloren zu sein in sußem Nichtsstun; das junge Mädchen soll und m
hre Kräfte regen, aber sie soll es tun in einer Tätigkeit Ge dem därper förderlich i nd vas
die Arbeit im Haushalt.
Es wird, soviei geklagt, allerdings oft mit Unrecht, daß der berufstätigen, weiblichen Jugen
vas Interesse für die Kausarbeit verloren ginge. Wenn es wirklich ganz und gar verloren geh
zann war es auch nie groß vorhanden. Allerdings bedürfen wir vom berufetätigen oder de
studium obliegenden Mädchen nicht verlangen, daß sie neben ihrer Arbeit noch die volle sausarbe
sübernimmt. Das tut denn unsere männluche Rugend außerhalb ihrer Bureaux- und Lernstunden
Wir gönnen ihnen von HZerzen die freien Stunden, in delen ihnen Gelegenheit geboten wird, de
KRörper zu stählen, aber, wenn die jungen Mädchen die gleichen Pflichten haben sollen, dann müsse
als gerechte Gegenleistung ihnen auch? die gleichen Rechte eingeräumt werden. An der Mutter lie«
s, daß diese Erholungsstunden in richtiger Weise ausgenutzt werden.
enn wir das junge Mädchen ein Jahr lang im HZause arbeiten lassen, verbinden wir zwe
Notwendigkeiten, indem wir ihr einerseits die Kenntnisse zur Sührung des Haushaltes beibringe
ind gleichzeitig dem Körper die notwendige Seit lassen, sich zu kräftigen. Allerdings muß die An
leitung in der richtigen Weise erfolgen.
Nun gibt es aber viele Mütter und Hausfrauen, die ihr Töchterchen in der Arbeit noch nich
rnst nehmen, lieber eine Arbeit selbst tun, als daß sie diese ein-, vielleicht auch zweimal zeigen
Pom Zufehen allein lernt man nicht; man muß tüchtig mit anfassen, muß schließlich auch mal etwa
ausprobieren, selbst auf die Gefahr hin, daß es falsch ist. Durch Schaden wird man klug und jede
muß seinen eigenen Kopf anstoßen.
Im gewoͤhnlichen Leben sagt man, Theorie und Praxis müssen Kand in Kand gehen; in
daushalt können wir ruhig sagen, die ti muß vorherrschen.
Das Hauptaugenmerk muß die Mutter darauf richten, daß jede Arbeit genau ausgeführt wird
wenn sie vorerst etwas mehr Seit in Anspruch nimmt, uͤnd daß in der Tätigkeit die richtige
eiteinteilung herrscht. Gerade im Haushalt hängt davon so unendlich viel ab— 3 hiervon spaͤter
tinmal mehr P. Gratz.
Von diesem Standpnukt aus soll in dieser Rubrik die Pflege des Körpers und der Schönheit
behandelt werden, um die Gesundheit der Srauen und dadurch die der kommenden Generaitionen
u erhalten.
Beschäftigen wir uns heute besonders mit der Pflege des Teint, dem die scharfe, rasch wech selnde
zrühjahrsluft manchen Schaden zuf'lgen kann.
Wenn wir uns mit Hautpflege beschäftigen wollen, müssen wir vor allem deren Veswatfenheil
nnen lernen. Man unterscheidet durchschnittlich zwe Hauptarten, den dunklen Teint der Brünetten
d den hellen der Blondinen. Bei letzteren ist die Haut zarter und feiner, also ärmer an Sett
d darum empfindlicher als die fettreichere, dunklere Haut. Diese Eigenschaften müssen wir der
hl von Seifen, Crémes, Salben etc. zugrunde legen.
Ini allgemeinen gebraucht der fettreiche Ceint —J— Eau de Cologne, Alkohol. Glyzerin
)auch Benzoetinskitur, während für die fetlarme Haut Salben, wie Vaseline, Goldereme und Ahn
e verwendet werden müssen. In gleicher Weise muß im Bedarfsfall der Puder gewählt werden
). die fettarme soaut braucht eineñn fetthaltigen Puder.
Um nun das Gesicht den Temperaturschwankungen aussetzen zu können, ohne Schaden davon
ragen, ist es notwendig, das Gesicht abzuhärten. Zunächst darf das Gesicht weder in heißem noch
ganz kaltem Wasser gewaschen werden; nach der Behandlung mit einer guten, fettreichen Seif—
ßz es sorgfältig in reinem Wasser abgespült und tüchtig abgefrocknet werden. Crotzdem aber soll
n sich nicht vor wenigstens einer halben Stunde der scharfen Cuft aussetzen. Damit fettarme
ut nicht spröde wird, fettet man sie mit den genannten Crème ein und benutzt nur bei großer
pfindlichkeit und starker Ralte Puder, der im hause sofort mit einem weichen Lappen fuchlig
erieben werden muß.
CEin einfaches Mittel, um sich die Haut weich und schmiegsam zu erhalten, besteht darin, daß
n das Gesicht abends im warmen Wasser tüchtig mit Seife wäscht und es hierauf etwas einfettet
rgens wird es dann mit kühlerem Wasser und ohne Seife abgewaschen.
Jenen, welche in der Poraussetzung, daß Seife für das Gesicht schädlich sei, niemals solch
wendet, sei gesagt, daß Seife an sich nie schaden kKann; es muß eben eine milde, reine Seife ohn
ustarken Salzgehalt, wie z. B. die bekannten Babyseifen, sein. Im übrigen mußz man di
rkung einer Seife auf die —8* ausprobieren.
Zur Pilege der Pände. Um die dände ohne besondere, zeitraubende Pflege immer weich und
t zu erhalten, darf, man sie im Winter niemals in kaltem Wasser waschen. Es sollte steis auf
—80* C. exwärmt sein. Sind die Hände sauber, seift man fie noch einmal mit einer milden
ife ein, daß es ngnig schäumt, gießt dann einige Tropfen flüssigen Glyzerin in die Handfläche
d reibt die hände leicht gegeneinander, worauf sie mit einem weichen sandtuch abzutrocknen sind
Menschen mit empfindlichen Bänden sollten auf der Straße im Winter nurt wollene oder
ildlederhandschuhe tragen.
ssoausfrauen, deren Hände stark in Mitleidenschaft gezogen werden, tun gut, zwei. bis dreimal
der Woche folgende Prozedur vorzunehmen: Man gieße in eine kleine Waschschüssel seyr warmes
asser, löse darin gute, schäumende Seife, füge etipa1 Löffel Borax und Benzoëtinktur hinzu
diesem Wasser lasse man die Hände etwa 10 Minuten liegen,
»bei man zugleich die Kaut am Nagelrand zurückschieben kaänn.
ich dem Waschen werden die ßande, wie oben beschrieben, mit
Nzerin eingerieben und getrocknet.
Inglische Extravakanzen der Mode.
Die große Sportfreudigkeit der Cngländerin und der dadurch
if das EinfachPraktische gelenkte Sinn hat uus manche angenehm
npfundene Neuerung in der Mode gebracht, so der fußfreie Rock,
ie schlichte HRemdbluse. Seit einigen Tagen machte sich nun wieder
ne auf das Praktische gerichtete fleuerung bemerkbar, wobei es sich
im den Doppel; Röhrenrock, bezw. das ec handelt. In
em Londoner Shaftes;Burg⸗-CTheater erscheint in dem Stück „Die
srkadier“ allabend eine große, schlanke Brünette in diesem geteilten
dock auf der Bühne, stets Äufsehen erregend. Der Weg filr diesen
kock ist in England bereits vorbereitet, da man dort dit laͤngerer
zeit elegante Damen im geteilten Reitrock fieht, der das Rittlings⸗
itzen im Sattel erlaubt. Ob er sich auch bei uns mit der Seit durch
eßt, muß dahingestellt bleiben. Auf jeden Sall erwe 6*
»en Bergsport, sowie als Straßenrock bei
hlechtem Wetter als praktisch. Weniger
raktisch sind die kleinen silbernen Glöckchen
ie Schuh und Strümpfe, sowie den Rand
es Unterrockes der Amerikanerin zieren
ꝛelbstverständlich find diese Glöckchen nicht
nit jenen zu vergleichen, die wir unsren Schoß
ündchen umhängen, obgleich der Sweck der
leiche ist. Denn hier wie dort will man die
lufmerksamkeit auf sich lenken und da heute
ie raschelnde Seide und der sich zart bemerkbar
machende Srou⸗Srou der Unterkleidung fehlen,
veiß sich die praktische Amerikanerin zu
helfen. Ein leises Klingeln und Rauschen,
vie aus weiter Serne umgibt die Damen
Amerikas und sie können, je nach Laune und
S„timmung, dem Rythmus ihre Lieblings—⸗
melodie zugrunde legen. Zeute heiter, morgen
craurig, werden durch den Gang alle Stim—
mungen verraten.
xr ⸗
Das Palten und Führen der Kinder.
Es ist schon so viel über die Art und Weise geschrieben und gesprochen worden, wie man
ktinder halten soll und besonders wie man den kleinen gefallenen wieder auf die Beinchen hilft
Und doch kann man täglich beobachten, wie leichtsinnig kleine Kinde
vom Boden aufgehoben und überhaupt geführt werden.
Die meisten schlechten Siguren, so manche Verkrüppelung stammen
us der Kinderstube, denn als Krüppel werden die wenigsten Kinder
geboren. Die Muskeln und
Knochen der Kinder find
iberaus zart und reagieren
»eshalb besonders stark auf
eden Cinfluß, sei es durch
zu enge Kleidung oder durch
ine falsche Stellung. im
Stehen und Gehen. Um
nun beim Sühren auf der
Straße zufolge der ver
chiedenen Größen von Er
wachsenen und Kind einen
Ausgleich zu finden, ist es
dringend notwendig, öfter
nit der führenden Hand zu
vechseln; dadurch wird der
»erschiedenen Schulterhöhe
orgebeugt.
Den größten Schaden
ann das unrichtige Auf
eben des zu Boden ge
allenen Kindes anrichten.
Nan darf es niemals, wie
die erste Abbildung zeigt,
in der ßand anfassen und
im Arm in die Höhe ziehen;
nan muß im Gegenteil mii
eiden Händen dem Kind
unter die Achselhöhle greifen
und es so in die ß86h
heben. Durch das einseitige und schroffe Emporreißen können fse
leicht die zarten Muskeln und Sehnen verrenkt, bezw. auseinande
gezerrt werden.
Das gleiche gilt für das Sühren beim Emporsteigen der Treppe. Um ein Serren * vermeiden,
zusz das Aind vor den Erwachsenen gehen, so daß es sich in der Höhe der führenden Hand befindet.
zed darf es hinter den Erwachsenen die Creppe hinaufsteigen, wobei ein Zerren unvermeidlich ist
Posenrock.
Cine Sammelmappe.
Die zahlreichen Duplikate, die im Zeitenlauf von Behörden an Tauf⸗, Trau⸗ und e
ʒcheinen ausgestellt werden, bezeugen, daß die wichtigsten Dokumente zuweilen Zzu sicher“ fortgeleg
»erden. Es sollte deshalb in jeder Samilie eine bestimmte Mappe für wichtige Personalpaͤpier
orhanden sein. Man lasse sich eine Mappe mit verschiedenen Abteilungen oder einfach Antendecke
on festem Papier anfertigen, in die man alle Scheine hineinheftet — für des Samilienmitgliel
in Sonderheft. Aus dieser Art des Aufhebens lassen sich interessante Ueber. Jerungen für —*
jenerationen herstellen. Man fügt den „Urkunden“ des Einzelnen Pricy e dei
oie z. B. wichtige Mitteilungen oder Briefe bei beftimmten Lebensereignissen. Diese kleinen Zutaten
assen die Persoönlichkeit für die Nachkommen noch plastischer hervortreten, machen die Charakteristik
uweilen überraschend scharf. Solche Mappen sind leicht einzurichten und erleichtern den Samilien—
nitgliedern die Kenntnis ihrer Susammengehörigkeit, was bei Erbschaften zuweilen von großem
Autzen, für die Pflege des Samiliensinnes vou, nicht? geringer Bedeutung ist. Die Pflege jeder
zuten Tradition ist nuͤtzlich, der Stolz auf edle Vorfahren spornt zur 3— an, 4. auch
nanche heilsame Lehre, manche ernste Mahnung aus solchen Samilienpapieren zu bide vermag
Weiß.
Allerhand Raͤtschläge.
Waschen von Seidenstoffen. Alle Seidenstoffe wie Taffet, Sürrah ufw. werden stets in kaltem
Vafser gewaschen; natürlich handelt es sich bei Isr Wäsche nur um kKleiners Stuͤche, wie Bander
dchals, Reste usw. Man kocht venetianische Seife in weichem Wasser auf, wobei auf J Citer
Passer etwa 6 Gramm Seife gerechnet werden. Man kann dem Wasser auch Weizenkleie zusetzen
In dem erkalteten Wasser, das man zwei⸗ bis dreimal erneuern puß werden die Deicie ee
ind dann in kaltem Wasser nachgespült. Hierauf hat man, die Tücher an den Ecken haltend, di—
seuchtigkeit auszuschütteln, worauf sie in ein trockenes Tuch gelegt und nach etwa einer Viöortel—
tunde, noch feucht, mit nicht Eisen gebügelt werden.
Reinigen weißer Wildlederhandschuhe. BDiese Handschuhe dürfen nur in lauwarmen Wasser
ewaschen werden, in dem man Venetianerseife aufgelöst hat und dem ein Guß Salmiak und ein
50 Oel, etwa Stearinöl, zugesetzt wurde. Man läßt die Handschuhe einige Seit darin liegen
und wäscht sie dann durch, worauf sie noch einmal eingeweicht werden. Fierauf zieht man in
Saffon, weitet sie aus und hängt sie an einen luftinen Ort zum Trocknen auf, nicht an den Ofen
ind nicht in die Sonne. Während des Trocknens hat man sie mehrmals zu reiben, damit das
rneich hleibt Neittich tirt mon aut. stets mebror- BNiore ανοMmen uu lassen
rr *
vchönheitspflege.
Wie mancher nimmt an diesem Worte Anstoß und doch ist allgemein genommen Schönheits
pflege nichts anderes als die Pflege der Gesundheit, denn jeder Schönheit muß die Gesundheit zu
Hreunde liegen, wie jeder gesunde Körper eine gewisse Schönheit atmet. Wir wollen den Körper unt
damit Gesundheit und ene pflegen, um sie zu erhalten, wie wir alles pflegen, damit es nich.
vorzeitig zugrunde geht. Pflegen heißt, etwas in seinem natürlichen, der Zeit underworfenen Sustant
erhaͤlten, nicht aber Dinge vorspiegeln, wo keine find oder solche, die Daseinsberechtigung hätten,
verschwinden lassen.
Es ist die erste Pflicht gegenüber dem Nächsten, sein Aeußeres angenehm zu gestalten auf dem
— Mittelweg zwischen Gleichgültigkeit, bezw. Nachlässigkeit und Citelkeit und Kol.tterie
iesen Mittelweg nicht zu verlassen, ist Sache unserer Selbsterziehung.
Seire von Vennin lebte, mit seiner sehr viel jüngeren Frau,
einer geborenen Blücher. Sie machten großes Haus, und
sast allsonntäglich waren Besucher aus Tennin dort zu fin—
den. Gräfin Torrmälen stand im Visitenanzug schon am
Fenster des Salons, den Gemahl erwartend. Er hatte ihr
einmal gesagt, daß nichts ihm so angenehm an ihr sei, als
die Raschheit, mit der sie Toilette mache.
Nun durfte er sicher sein, niemals im Leben auf sie
warten zu müssen. Elva Torrmälen war keine „unmög
liche Gräfin“ mehr, aber sie war auch nicht mehr die schöne
äppige, blühende Elva Knaats, mit den vollen, roten Man—
gen, der mächtigen Haarpracht, über welcher der riesige,
malerische Rembrandt so kleidsam sich ausnahm.
Sie trug ein kleines Kapottehütchen, unter dem Kinn
zebunden, das sie älter erscheinen ließ, als die runden Hüte
es früher getan. Ihr Gesicht war entschieden magerer ge
vorden, der etwas breite Knochenbau trat fast schönheils
vidrig dadurch hervor. Die Farben waren nicht mehr be
ebend, der Mund nicht mehr so rot und voll. Dagegen die
Bestalt in dem knapp anliegenden, mausgrauen Sammet
leide bedeutend schlanker geworden, geradezu verblüffen?
chön. In wenigen Jahren konnte wohl die Hüftenpartit
zu breit werden, aber noch war sie es nicht. Dazu dies
eltene Höhe, die der Größe der meisten Männer gleichkam
da half alles nichts, das war eine persönliche Eigenschaft
»urch welche die Gräfin Torrmälen überall unter anderen
zornehmen Damen auffiel, nicht gerade zum Entzücker
hres Mannes. Er mochte dies nun einmal nicht. Er
elbst, obwohl nicht klein, erschien neben ihr nicht eben be—
»eutend und entschieden schmaler. Jetzt kam er klirrenden
Schrittes in den Salon. Sie errötete rasch, denn sie trug
in deges Hoftüm— das er noch nicht tiesehen, und wer weiß
a8 In roch moo
TT Nst du ertig Ewa? Das ist schom Ver Wagen
fährt soeben vor.“ Er musterte sie mit einem rasch um—
fassenden Blick und wandte ihn gleichgültig ab. Es war
alio recht. Dann legte er antwortlos den weißen Fuchspelz
der auf dem Diwan lag, um ihre Schultern und öffnete die
Tür vor ihr.
— 8R
Nach einer Fahrt von höchstens einer Stunde — die
schönen Braunen edler Zucht griffen tüchtig aus, fuhr man
über die steinerne Rampe von Tarndorf.
Clemens blickte aus dem Wagenfenster. Ein hoher
Krümperwagen der Tenniner Ulanen und zwei andere
Equipagen sianden vor den Remisen, und die Kutscher und
etliche Stallijiungen waren eben im Begriff, sie in den
Schuppen zu ziehen.
„Natürlich wieder Besuch hier,“ meinte Clemens, „die
können doch keinen Sonntag zu Hause bleiben.“ —9
Damit meinte er die Tenniner Ulanen.
„Was sollten sie auch machen,“ war die müde Antwort,
Es war übrigens das erste Wort, welches die Gatten
vechselten während der Fahrt. Jeder hatte, seinen Gedan—
ken nachhängend, aus den Fenstern des Coupes geblickt, in
das graue, flache Land, über das der graue, schwere Regen—
himmel sich spannte.
EEs war ein schönes, altertümliches Haus, dies Tarn⸗
orf. Stattlich in fast mittelalterlicher Ausschmückung der
Flurhalle, welche zugleich als Billardzimmer dienten.
Links war das große Gemach des Generals, rechts der
Speisesalon, geradezü der Salon der Hausfrau. Miit herz·
icher Freundlichkeit kamen ihnen in der Flurhalle der
veneral und seine reizende Frau entgegen. Sie war viet
eicht vierzig Jahre, aber zwanzig Jahre jünger als der
anz greisenhafte General, und sie sah aus wie kaum ein⸗
hrer feinen Figur, den schmalen Hüften und in dem un⸗
chuldigen Blick der großen, braunen Augen, die von einer
entsetzlichen Leere des Herzens erzählten. Ein braunes,
schlecht sizendes Hauskleid umschloße hre mädchenhafte Fi⸗
F pcy war beinahe lächerlich, sie mit Erzelleng anreden
zu sollen.
„Welche Freude, lieber Graf, dah Sie gleich zu uns
ommen und Ihre liebe Frau uns zufuͤhren sagte die
Beneralin herzlich, Elva auf die Wange küssend.
„Natürlich wieder Besuch zum Skat,“ lachte der Gene⸗
ral, ein schöner, alter Herr, wie ja alle Sonntage. Wür⸗
den uns ja ganz vereinsamt vorkommen, wenn mal Sonn—
ag um vier Uhr kein Wagen anraffelte.“
Clemens trat mit seiner Frau zuerft in den Salon der
hausfrau, wo die neue Bekaͤnntschaft den aͤlleren vorge⸗
tellt wurde.
Dann blied, Elva auf einem sehr kleinen Sessel neben
em Sofa in kühlem Gespräch über die Schwierigkeiten des
andemfahrens mit der Gemahlin des etatmäßigen Majors
on Gollz, desselben, der ihr Vorgänger in dem weißen
auĩe aomosan mar und börie mit geduldigem Kächosn se
achterle detz Hauses, in dem sie sich eben mit so viel Rosie!
für drei Jahre festgesetzt utten, was ja so überaus ange
nehm ist, wenn man es nicht mehr ändern kann.
Die Majorin aber konnte sich gar nicht genug beglück
vünschen, daß sie nicht mehr dor wohnten.
„Passen Sie auf, liebe Gräfin, Sie werden es be
reuen,“ sagte fie mahnend.
Außer der Hausfrau befanden sich fünf Damen im
Zalon. Die Beleuchtung war etwas schwach durch hohe, auf
Zäulen stehende Lampen, ganz ungenügend, um dicht vor
ich etwas zu sehen, dennoch wurde rudig Handarbert ge
cht AlII diese Damen teils von der Nachhrichet—
Deutscher Reichstag.
Vorm. 11 Uhr. Berlin, 26
(135. Sitzung.
Mit der Beratung des F — ———
Etats
wird fortzefahren und zwar beim Titel: Milit àa
Die Aussprache beim Gehalt des Kriegsminist
fortgesetzt.
Abg. Edler zu Puttliz (cons.): Das
Wort ist Sparsamkeit. Ich bitte den Kriegsmini
Lucus in der Armee wie bisher entgegenzutreter
Bevorzugung des Adels in der Armee gibt es ni
sind leere Redensarten. Redner polemisiert dann
die Sozialdemokraten, und bittet den Krieasmir
Augen offen zu halten.
Abg. Paasche (nl.): Auch wir mißbilligen
ie Offiziere in offiziellen Erlassen vor dem Pe
erwarnt werden. Leider müssen wir jedes Jahr
ie gleichen Klagen vorbringen. Gewisse Traditi
en Negimentern erkennen wir als berechtigt an
iegen aber keinesfalls im Interesse der Armee.
»ellagen die Zurücksetzung jüdischer Einjähriger. E
ialdemokrat kann niemals Offizier werden. Die
amkeit wird nicht konsequent durchgeführt. Der
nische Geist sollte in den Militärbetrieben seinen
halten.
Abg. Korfanty (Pole): Wir haben otbä
dorlage abgelehnt, um der Friedensidee zu dienen
gen die fortdauernde Heeresverstärkung zu protestier
ner führt dann Beschwerde über den militärischen
zegen die Polen.
Abg. Liebermann (W. Vgg.) wendet n
die Sozialdemokraten.
Abg. Stücklen (Soz.) sopricht über das
Offiziere, die Un ergebene mißhande'n, sollen .
Offi ierkorps aus gestoden werden. Die preußische
lin ist nichts als Kadavergehorsam.
Bayr. Militärbevol mächtigser General von
sattel antwortet auf eine Bemerkung des Vor
daß es nicht angängig sei, wenn in einer Kasern
regelrechte Zigarrenfabrik eingerichtet werde.
Abg. Gothein (F. Vp.): Die Abrüstu—
wird nicht mehr von der Tagesordnung verschwinde
ner fordert eine Einschränkung der Zahl der M
wärter. Die besten Unteroffiziere sollten zu Le
gemacht werden. Die schlimmste Disziplinlosigkeit
Mißhandlung Untergebener. Redner bedaueri die
etzung der jüdischen Einjährigen.
Kriegsminisser v. Heeringen: Das Volt
jen vermehrt sich jährlich um 5 Milliarden. Das
dem Schutz der Heeresmacht zuzuschreiben, unser d
deutsche Reich so außerordentlich aufblüht. Die
teit vor dem Feine ist nicht vom Adel oder Bürg
abhängig. Die Unannemlichteit in Grenz-Garniso
chen wir daducch zu mindern, daß wir den Sold
jäh lich zu der Reise in d'e Heimat Unterstützung
ren. In der Bekleidung wirtschaften wir fo sparse
möglich. Jede Beeinflussung der Re'erveo fiziere
posi ichen Betät'g ing innerhalb der bürgerlichen
verur“eise ich auf das ent'chiedenste. Hinsichtlich .
densrage ist die Rechtslage klar. Eine Zurück ehung
des G'aubens ist unge seblich. (Zuruf: Geschieht dot
Keriegsminister geht auf einige vorgetragene Fal'e
jabe sich ergehen, daß die betreffenden üdischen O—
Aspiranten nicht geeignet waren. (Zuruse links) Ru
»ehauptet, daß seit 1885 in Preußen kein Jude
zeworden ist. Der Grund dafür entspringt antisem
Reigungen. Ich unterstreiche dick, daß ich das nich
ige. (Hört! hört!) Aber was soll geschehen Man
nir in jedem speziellen Falle Erhebungen einziehen
verde ich auch fürderhin tun.
Abg. Carmer⸗Osten (cons.) bittet besonde
leineren und mittleren Städte des Ostens mit Gar
zu bedenken.
Abg. Linz (Echsp.) stimmt den Resolutione
die auf eine Förderung des gewerblichen Mittel
HRinzielen.
Abg. Raab (W. Vgg.): Auch Vorgesetzue
zurch Untergebene mißhandelt. Die Juden sind ein
jerisches Volt und eignen sich für den Offizierstand
Von den Abgg. Heinze (nl., Hertlin
und Richthofen (tons.) liegt ein Schlußantrao
Abg. Wiemer widerspricht diesem Anirage.
wird der Antrag zurückgezogen.
Nächfste Sitzung Montag 2 Uhr. — Weoitarb⸗
zes Militär-Etats. — Schluß 7 Uhr
das Arbeitstktammergesetz geschei
Berlin, 23 Febr. Die letzten Veissche der *
nierurg d ateien für das Arbens ammergesetz
nenzu resultatsos vert ue Darnach
as iert an —
eandwirischaftliches.
Internationaler Getreidekongretz. Der fün
ernatiena e Getreidekongreß hat am 18. Februarni
orsburg seine Arbeiten beendet. Die Verhandlunge
vie bisher unter der Leitung des Deutschen Handel
tatltkanden und an henen sich anreiche Rartreter au
Offizierzdamen aus Tennin, kannkten sich schon lans
hatten die Neuheit und Unbeholfenheit Elvas, welche
ihre Staatsvisite machte, längst hinter sich.
Die zwei Offiziersdamen, die Gollz und die Ger
des Kommandeurs Herrn von Meherhelm, kannen
chon, da sie ihre erste Visite dort gemacht hatten, eine—
aach ihrer Ankunft, wie es Clemens für passend gef—
Clemens war von dem Geueral in sein Rinm
ührt worden.
Recht netter Zigarrenqualm herrschte hier schon.
Skattische standen bereit, auf dem Tisch vor dem Sof⸗
Batterie breiter, hoffnungsfreudiger Liqueurflaschen
n den Pausen einen Animierschnaps zu nehmen, we
derten in dem feuchtkalten Nopemberwetter nicht
aten.
Clemens ganz gewiß nicht. Er sah dann gudg
Welt in besserem Lichte, fand manches schön, was e
zäßlich genannt, und war im ganzen zu näherem, de
icherem Anschluß geneigt an deu, der gerade neben ihn
das war heute Rittmeister Herr von Larssen, ein gu
agerer Mann, mit tiefliegenden, dunkelumra
ugen, einem schmalen, fkeptisch aussehenden Mund
uiner eigentümlichen Manier der großen, weißen, ma
Finger, als wenn sie Karten mischten, unsichtbare Ke
Ja, er pielte gern, das heißt, er hatte gespielt, a
n Berlin Garde-Ulan war. Es war lange her, aber
nessen, vergessen war die selige Zeit nicht. Nun in Te
a, da war es natürlich nichts damit. Für ihn, als äl
Vorgesetzten, war es ganz ausgeschlossen den jungen De
gegenüber, sie in die RNeize des Männerlebens einzuwve
Kopf und Kragen hätte es ihm gekostet, und er Jebte
ziesem Kragen. Auch fehlte es diesem ältlichen, Max“
urchaus an einem „Moritz“, um alle Bande frommer«
zu vergessen. Die allsonntäglichen Skatabende in
zorf standen ungefähr zu seinen wahren Genüssen oder
vas er dafür ansah, wie Tee zum Kapitänsgrog, )
uuch nicht abhold war. Die Unterhaltung im Se
simmer war lebhafter als die einsilbige Tröpfelei im
on. Gleich einem rauschenden Regenguß brauste sie d
die Rennen in Hoppegarten, in England, in Ungar
Frankreich, die Pferdezucht engros und endetail.
Wer nicht rennen lassen konnte, der starb vor
veile, der führte eine ganz elende, nichtswürdige E.
Aber leider, leider waren fast alle die Herren hie
in der pekuniären Lage, sich Rennpferde —8 zu
finer und der andere hätte wohl einen schwachen “
u einem Rennstall gemacht, aher. du lieber Gott.
örten ganag andere Mittel