Full text : Dudweiler Zeitung

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Die Geschichte des Inserats.
Die Bedeutung des Inseratenwesens innerhalb de
ðelchichte der Zeiuung untersucht E. Posse in einer Arbei
iber die Entwicklung der modernen Zeitung, die er in de
„Deutschen Revue“ veröffentlicht. Das geschriebene Jour
nal. das auf der ersten geschichtlichen Stufe des Zeitungs
vesens steht, entnielt nutß Nachrichten und keine Inserate
Alle diese Blätter wandien sich auch nicht an das Vop
ondern waren ausschließlich für gewisse Kreise bestimm.
ür Fürsten, Staatsmänner, kirchliche Würdenträger, Uni—
ersitätslehrer, Großkaufleute. Einen größeren Absat
sxätte schon der hohe Preis unmöglich gemacht. Erst seit
»Rem um 1600 die Buchdruckerkunstnin der Dienst der Zei—
bung geftellt war, machte sich neben dem stets vorhandenern
SWunsch nach Neuigkeilen auch das Bedürfnis bemerkbar,
allerlei Nachrichten zum Zweck des Kaufs und Verkaufé
uu verbreiten Im Mittelalter war ja das Verjahren all—
jemein gewesen, die Waren durch Ausrufen anzuzeigen,
vie solche Typen des primitiven Inseratenwesens, der
Obswerläufer der Scherenschleifetr. Lumven'ns i —8
aug noq m unseren Großstädten mit threm dochen
wickelten Inseratenwesen erhalien haben. Als sich abe
dann die Hauswirtschaft zur Stadt- und Vollswirtschaũ
entwickelte, als die Kenninis des Lesens und Schreiben⸗
ich mehr und mehr ausbreitete, da genügte doch diese
mündliche Nachrichtenverkehr nicht mehr und man fing zu
aachst au, Bekanntmachungen aller Art gedruckt an Kir
hen und öffentlichen Gebäuden anzuschlagen.
Im Anfang des 18. Jahrhunderis wurde dann —R
System des Inseratenwesens ausgebildet, wie es seinen
Brinzip nach noch heute besteht. Der Gedanke dazu gine
von Frankreich aus, das später in der Entwicklung seine⸗
Anzeigenwesens so auffallend hinter den germanischen Lan
dern zurückgeblieben ist. Der Erste, der eine Zentralisie—
rung des privaten Nachrichtenverkehrs schuf, war der Arz!
Theophraste Renaudot, der im Jahre 1630 ein Bureau
d'adresses et de rencontres einrichtete. Das war eine Au
Auslunfta bureau, in dem jeder sein Anliegen, sein Gesuch
vder Angebot gegen eine Gebühr unter bestinmten Rubri—
len in eine Liste eintragen konnte oder auch diese List
rinsehen durste, um zu erfahren, ob vielleicht das, was
er suchte und wünschte, dort angeboten wurde. Solch
Abdreßkontore wurden im Laufe des 17. Jahrhunderts in
allen Sanderun eingeführt. Inzwischen halten aber auch
die politischen Zeitungen ange angen, ihrem Nachrichtentei,
Fuserate hinzuzufügen; so brachie die „Vossische Zeitung
chon 1720 zuweilen zwei ganze Seiten Anzeigen. Aul
nmahlich bürgerte es sich dann ein, die Listen der Adreß
sontore, die man an Ori und Slielle hatte ausfüllen oder
insehen müssen, in den Zeitungen abzudrucken und so di
Anzeigen den Lesern ins Haus zu bringen. So entstan.
xen besondere Anze genzeitungen, die sogenannten Intelli—
genzblätter, deren Namen sich von dem englischen In
elligence“ (Nachricht oder Mitteilung) herschreibi. Die In
elligenz blätter entwickelten sich getrennt von den politischer.
Zeitungen, und nun liefen die reinen Inseratenblätter und
bie nur dem Nachrichtendienft gewidmeten Zeitungen völlig
zesondert nebeneinander her, bis dann endlich die Uniop
bon Anzeigenteil und redattionellem Teil das Aufblüher
ind Sichentfalten der modernen Zeitung ermöglichte. Ver
Btaat entzog nämlich den politischen Zeitungen das Recht,
duserate aufzunehmen. Seine Hand lastete ja überhaupi
chwer auf diesen unliebsamen Volksbelehrern, die mil
zensur, Gebühren und Strafen reichlich gepiagt wurden
Welche Annn im 18. Jahrhundert bei den Re—
ierungen den Zeitungen gegenüber bestand, geht aus einen
Aeußerung der Stutsgarter privilegierten Zeilung“ hervor,
ꝛie am 11. August 1758 gegen die respeltwidrige Aus
assung einer Berliner Zeitung schreibt: Alle Parlicoulier⸗
eynd von dem Thron und Stuhl, worauf die Göttlich
Vorsehung die Reßenten, als Gu er dieser Erden, gesetz
at, viel zu weit entfernt, und viel zu viel Staub geger
hnen. als daß sie Fich jemals ertrechen sollten, derse de
Thun und vLafssen zu censieren. Jeder bleibe in dem schu
digen Respect gegen diese Ebenbilder Gottes auf Erde
und diene mit Gehorsam, Vernunft und Treue, so wir'
er die Pflichten eines ehrlichen Weltbürgers erfüllen.“ Die
Mi hachtung, die man dem Zeitungsschreiber entgegen
drachte, kommt öfters drastisch zum Ausdruck, so in der
eigentümlichen Strafe, die die Stadt Köln über einen Re
dalteur verhängte, der den König von Preußen beleidigt
daben sollte. Ihm wurde „die hierbei gebrauchte unleid
mame Unvorsichligkeit und ungescheute Fresheit in Ungna—
den hiermit aufs Herbste öffentlich vorgehalten“ und ihm
der „impertinente Passus“ vor versammeltem Rat vom
atsdiener zerrissen ins Gesicht geschleudert. Daß man
jolchen Leuten nicht die reichlichen Einnahmen der Intelli
zenzblätter in die Hand geben wollte, war begreiflich
Der Staat legte daher seine Hand auf das Intelligenz
wesen. In Preußen z. B. monopolisierte es Friedrid
Wilhelm 1. am 26. Januar 1727 und führte zugleich der
Intelligenzzwang ein demzufolge alle Anzeigen von „zu
erkaufenden, zu vermietenden, zu verleihenden Sachen
m den Intelligenzblättern veröffentlicht werden mußten
Der Ertrag aus diesem Monopol wurde dem Militärwai—
enhause in Potsdam überwiesen. Den politischen Zei—
ungen blieben nur die Bücheranzeigen vorbehalen;

Der Ritter der blauen Rose.

eEs war schon halb drei, und Robert beschloß, auf
Jsabel zu warten. Dann konnte er sie allein sprechen und
ihr die notwendige Auftlärung geben. Er lehnte freundlich
 alle Er rischungen ab, mit denen ihn der alte John
regalieren wollte. Ihm stand der Sinn jetzt nicht nach
Essen und Trinken trotz der großen Erschöpfung, die sich
jseiner nach den heftigen Aufregungen dieses Tages be—
nächtigt hatte. Er lehnte sich in den Sessel zurüc und
chloß die Augen.
Er mochte kaum zwei Minuten geschlummert haben,
a's plösgzllich die Türklingel ertönte. Er lauschte, jeder
Nerv gespannt in bebender Erwartung, wer gekommen
sein mochte, Mackenzie oder Isabel. Er hörte die schlür—
senden Schritte des alten John auf der Treppe, dann
wurde die Türe behutsam geöffnet.
„Entschuldigen Sie, Sir, möchten Sie vielleicht das
Baby wiedersehen — dasselbe Vaby, welches Sie eines
Tages hier gezeichnet haben? Man hat es hier gelassen,
dis Miß Isabel zurückkommt, und da ich weiß, daß Sie
eine besondere Vorliebe dafür hatten, so dachte ich, Sie
lönnten inzwischen Lust haben, den Kleinen in einer
anderen Pose zu zeichnen. Andernfalls wird die Köchin
gerne das Baby in ihre Obhut nehmen.“
Robert hatte, offen gestanden, augenblicklich wenig
Lust, sich mit dem Baby oder sonst mit irgend was zu
eschäftigen, was außerhalb seines jetzigen Interessenkrei⸗
ses lag. Er war schon im Begriffe, John zu sagen, er
möge den Kleinen für heute nur der Köchin überlassen,
als ihm einfiel, wie süß das Baby gewesen, und daß
ein holder Anblick ihn etwas angenehm zerstreuen könnte,
John holte also den Kleinen und legte ihn Langdon
n die Arme.
Er war ein für sein Alter auffallend schönes Kind,
und Robert bemerlte mit Genugtuung, daß sein Aussehen
akoch ebenso rosig und blühend wie damals war. In Zu⸗
unft wollte er sich ab und zu nach dem Befinden des
ttleinen erkundigen.
„Armes Kind!“ dachte er, „so war auch ich vielleicht
n diersem Alter ohne Ahnung des Kommenden, der un—
usge etzten Prüfungen. die ich vom zirten KFnobenalter

Allmähllich ward aber dennoch durch die politischer
Zeiungen das strenge Monopol der Intelligenzblätte
»urchorochean. Sie gewannen langsam immer mehr Aus
ehnung, sodaß bei den Inserenten das Bedürsnis ent
and, ihre größere Verbreitung auch für die Anzeigen aus
unutzen. Es wurde daher gesiattet, auch in den polit'
chen Zeitungen zu inserieren, wenn zugleich das Insera
m Intelligenzblatt erschien oder wenigstens die Gebuh
dafür bezahlt wurde. Wo kein Intelligenzblatt bestand
lonuten die politischen Zeitungen Anzeigen gegen ein
jährliche Abgabe an das Militärwaisenhaus aufnehmen.
Ddit dem weiteren Fortschreiten der modernen Entwicklung
vurden die Intelltgenzblätter immer mehr zurückgedrängi
and das Anzegenmonopol des Militärwaisenhauses bracht
chließlich so wenig ein. daß es in den Jahren 1844 -40
nicht mehr als 41 890 Taler als Reinertrag erzielte. Das
jesamte Anzeigenwesen in sechs preubischen Provinzen trug
uim die Mitte des 19. Jahrhunderts also bei weitem nich
o viel ein, wie 50 Jahre späser ein einziges mitileres
deutsches Blatt jährlich an Inserateneinnahmen zu ver
eichnen hatte.
JIm Dezember 1849 wurde dann auch das Anzeigen
nonopol aufgehoben. Seitdem ist der Inseratenteil die
imentbehrliche Grundlage für jedes moderne Zeitungsun.
ernehmen geworden, oͤhne dessen reichen Zuschuß alle
Blätter mit gewaltigen Unterbilanzen arbeiten müßten
Welche Bedeutung aber auch die Zeitungsanzeige für der
modernen Kaufnann gewonnen hat, beweist eine Aeuße
rung, die der bekannte Berl'ner Modewarenhändler Ru
dolph Hertzog vor einer Reihe von Jahren tat: Ich
vandte im ersten Jahre 1000 Mark daran, und mein un
atz stieg auf 30 000 M. Im nachsten Jahre verwandte
ch 30 000 M. auf Inseraie, und mein Umatz bezifferte
ich auf Hunderrtausende, und jetzt betrögt er Millionen
ind mein Gewinn steht im Verhälinis dazu. Ich gebe
etzt iährlich 400 000 M. für Zeitungdanzei'gen aus.“
Deutscher Reichstag.
Nahm 2 Uhr. Verlin, 6. Februar
(120. Sitzung)
Auf der Tagesordnung steht die Interpella—
hion der Konservativen über die Ueberschwem⸗
mnanug des deutschen Geldmarktes mi—
irsländischen Aktien.
Sraatssekretär Delbrück erklärt, daß er die Inter⸗
peliaton anfangs nächster Woche beantworten werde
Es jolgt die zweite Lesung des
Gerichtsverfassungsgesetzes.
Berichterstatter ist Abg. Heintz e (nail.
Es wird sofort in die Einzelberatung eingetreten.
Nach einem Kommissionszusatz soll die Zulasfung zur Vor—
eceitung sfür den Justizdienst nicht vom Nachweis eines
bestiniten Vermögens oder Einkommens abhaͤngig ge—
macht werden. Die Sozialdemokraten wollen dies auch
ausdrücklich auf die politische und religiöse Gesinnung und
Betätigung ausdehnen und verlangen weiter eine Vor—
chrift, wonach die Entsernung aus dem Vorbereitungs.
dienst nur auf Grund eines Disziplinar-Gesebes erfolaͤcÿa
darf.
Abg. Dr. Brunster mann (Rip.): Wir wün
chen eine rasche Verabschiedung der Vorlage und lehnep
alle Auträge, die über die Kommijsionsbeschlüsse hinaus⸗
zehen, ab.
Abg. Stadthagen (Soz.): Die Zugehsörigkeit zu
der jüdischen Konfession ist oft der Grund zur Zurüůck etz⸗
ing. Alle Parteien leiden darunter, daß politische und
religiöse Unterschiede gemacht werden.
Abg Müller-Me ningen (F. Vp.): Wir stimmen
den sozialdemokratischen Anträgen zu.
Abg. Dziembowski Wole): Selbstverständlich
immen wir den Anrigen zu. Das Reich würde nich
warnide gehen, wenn man auch polnische Nichter anstei
n 'rde.
Abg Dr Wesrstein (Ztr.): Wir lehnen die so—
zielvemokratischen Ant ge ab. Was sie wollen, stoht be—
reitss in den Versa —qan al'er Bundesstaaten, näml'ch,
daß lediglich der Gredatßs der Befähigung mafgebend
sein soll.
Abg. Heine (Sor): Um eire Verschlechterung un⸗
cerer Justiz zu vermeiven, sollte man möglichst aus allen
reisen Anwärter zula'sen.
Abg. Dr. Heinvse inl) warnt davor, Materien zu
behandeln, die über dem Rahmen der Vorlage hinaus⸗
geben. Eine maßlo'e politische Betätigung dürfe keines—
salls gestattet werden.
Darauf werden sämtliche Abänderungsanträge gegen
die Linke und die Polen abgelehnt und die Kom—
misßstonsbeschlüsse aufrechterhalten.
Zum 8 8 licgen e'ne Reihe Anträge vor, daß Rich
ter wider ihren Willen nur kraft richterlicher Ensscheidung
hres Amtes enthoben und in den Rubestand versezt wer
den können. auch wenn Richter wider ibren Willen nicht
n eine andere Stelle versetzt werden können.
Abg. Heine E(Soz.): Die Moabiter Vorgänge recht—
ertigen unsere Anträge. Selbst der höchste Beamte des
Keiches suchte von hier aus die Richter zu beeinflussen.
der Justizminister liek sich noch während der Verbaͤnd

»is jetzt zu meinem achtundzwanzigsten Ledensfahre zu
estehen hatte. Es wird ihm, fürchte ich, als Sohn einer
Witwe nicht viel besser gehen. Arme, kleine Frau, auch
hr fsehlt es, wie ehemals meinem schönen Mütterchen, an
er Kraft, die doppelte Bürde ihres und seines Dafeins
u tragen. Schlafe nur, süßes Kindchen! Lassen wirs
ür heute mit dem Zeichnen, schlafe nur, so lange Du
'och schlafen kannst!“
Sanft wiegte Robert den Kleinen in seinen Urmen,
zärtlich auf das rosige Gesichtchen niederblikend. So ver—
tiest war er in den Anblick des hleinen Wesens, zu dem
er sich ganz seltsam hingezogen fühlte, daß er überhörte,
wie John zum zweitenmale die Türe öffnee.
„Bitte sehr, Sir, Mrs. Lane, die Mutter des Klei—
nen, ist hier und sagte, als sie von Ihrer Anwesenheit
hörte, sie möchte Ihnen, wenn Sie erlauben, gerne dan—⸗
ken für Ihre Güte.“
Robert blickte auf, und über dem schönen Gesichte
des Kleinen sah er ein anderes, schöneres Gesicht, eine
Fülle leuchtenden Goldhaares, zwei strahlende blaue Au—
gen, die ihn staunend, zweifelnd, entsetzt anstarrten. War
s eine Vision, ein Traumbild, das ihm seine erregte
Phantasie vorzauberte?
Robert war aufgesprungen, und wie von einem Tau—
mel befangen, preßte er das Kind — es war ein Wun—
der, daß er es nicht hatte fallen lassen — nur noch fester
an seine Brust. Die Schwäche, die von der langen
Krankheit zurücgeblieben war, drohte ihn zu überman—⸗
nen. Heiß stieg ihm das Blut in die Schläfen und trübte
»en klaren Blick. Und doch sah er mit untrüglichert Deut—
ichkeit eine zatrte Gestalt im schwarzen Gewande vor sich
in geliebtes, unvergeßliches Antlitz, umrahmt von gol—
»enen Haarwellen und der schwarzen Witwenhaube, ein
Antlitz, das er nie mehr zu sehen geglaubt hatte.
„Lisste, Lisstel“ entrang es sich plötzlich seinem Munde,
sjanz fremd klang ihm die eigene Stimme, die Worte
schitenen ihm wie aus weiter Ferne entgegenzuschallen. „O,
nein Liebling, warum zögerst Du noch?“
„Robert, wenn Du selbst es bist, und nicht nur Dein
veist — aber Du mußt es ja sein, hältst Du doch mei—
ien kleinen Liebling in Deinen Armen — warum hast
du mich verlansendꝰ

tungszeit den Landgerichtädirektor Unger kommen, worin
wir eine Beeinflussung der Richter erblicken.
Staatssekretär Lisco: Der Justizm'n'ster mußte
innehmen, dafß die Angelegenheit im preußischen Abre,
rdnetenhause beim Justizetat erörtert werden würve. Der—
im mußte er sich informieren. Der Vorwurf, daß der
Neichskanzler von hier aus die Nichter in unge'enliscber
Weise beeinflust haben soll, ist durchaus ungerechtsert'et.
Der Reichskanzler denkt gar nicht an derartige Din⸗e Sch
muß entichieden zurückweisen, daß dem premdischen Zu“i
min'ster und dem Reichskanzler Nichterheeinflufssunge vor
zeworfen werden.
Abg. Heine (Soz.): Schon damals, als der Weinzs
kan; ler sich hier äußerte. war eine ganze Re'he von Ge—
walttätigkeiten der Schutzleute nachgewiesen. Wenn dar
Reichskanzler nichts anderes zu tun wußte, als die Me—
amten zu loben, so ist dies un'seres Erachtens ein Been—
flussung der Richter. Wären bürgerliche Kreise uns nich
zu Hilfe gelommen, dann wäre Moabit ein zweites Essen
geworden.
Abg Dr. Wagner (cons.): Der vreußische Justiz⸗
minister hat nichts als seine Pflicht getan
Abg, Ablaß (F. Vp.): Man sollte keine Prozesse
zu politischen stempeln, die es nicht sird Das gilt auch
»on Moabit. Der Reichskanzler und auch der JZustiemim.
ter haben sich bei ihren Aeußerungen über die Tragwe'te
richt klar gemacht.
Als der Berichterstatter Dr. Heintze (nl.) sich ener⸗
zisch gegen die sozialdemokratischen Anträge ausspricht, er—
eben die Abgg. Mülle r-Meiningen (F. Vp.) vud
Ledebour (Soz.) Widerspruch. Der. Berichterstatter
abe nur darüber zu berichten, was in der Kommiission
geschehen sei.
Die Abgg. Wellstein (Zitr) Bassermann
(inl), Wagner (ons.), Gröber' (Ztr.) und Vize
dräsident Schulz erklären übereinstimmend, daß der
Berichterstatter seine Besugnisse keineswegs überschritten babe
Die sozialdemokratischen Anträge werden abgelehnt
z 8 bleibt unverändert.
Abg. Stadthagen Goz.) beantragt einen 8 Za,
vonach zu Richtern nicht ernannt werden können, weir
änger als fünf Jahre ein Verwaltungsamt oder das Am
eines Staatsanwalts bekleidet hat. Ferner soll den Rich
tern die Anuahme von Orden und Titulatoren verbotep
sein

Abg. Mülle r⸗Meinirgen (F. Vp.) wendet sich ge
gen den ersten Teil des sozioldemokratischen Antrags. Red
ner empfiehlt einen Antrag seiner Pariei. wonach Richte
ieue Orden. mit Ausnahme der Ehrenzeichen über kriege
cische Verdienste und Rettungsmedaillen nicht annehmen
oͤnnen, bereits erhaltene aber weiter führen dürfen.
Beide An— e werden abgelehnt.
Maorgen 1 Ubr: Weiterberatung. — Schluß 47 Uhr

Aus aller Welt.
Eisenbahu-Unfall. Im Baumschulenweg in Berlir
uhr ein von Charlottenburg kommender Esen ahnzug
dessen Lokomotivführer das auf Hart stehende Signal mi.
dem für den Gegeiizug auf Freie Fahrt stehenden ver
wechselte, gegen einen von der anderen Richtung kommen
den Zug, von dem zwei Wagen die Böschung hinunterge⸗
worfen wurden. Die Wagen waren fast ausschließlich mit
Arbeitern besetzt. Es stellt sich heraus, daß 19 Personen
zum Teil schwer verletzt wurden. Die meisten erlitten
Anochenbrüche und Quetschungen, einige auch ingere Ver—
etungen. Bei zwei Personen liegt Lebensgefahr vor.
Auf der Flucht verhaftet. Als der Dampfer „Zee⸗
and“ auf der Fahrt von Amsterdam nach Argentimien in
La Coruna an der spanischen Nordküste einlief. ging der
eutsche Konsul mit Polizisten an Bord, um auf Grund
ines Steckbriefe? den Kassierer Alexis Tonndorf, der nach
An erschlagungen von 90 000 Mark als Direktor der Ber
iner Hotel-Gesellschaft „Kaiserhof“ geflüchtet war, fest zu⸗
ehmen. Es wurden bei ihm 2000 Franis und hochele—
antes Gepäck beschlagnahmt. Darauf wurde er dem Ge
angais zugeführt. dis die Formalitäten der Auslieferung
riedigt sind.
Die dentsche Sprache in England. Wie in lebter
zeit verschiedentlich beobachtet werden konnte, ist der Un—
erricht in der deutschen Sprache in England bedeutend
urückgegangen Diese Tattgche wird von den Professoren
der deutschen Sprache in Enaland offen zugegeben.
Opfer des Sports. Der Muünchener Student Hans
EGobert, der Sohn eines Rechtsanwalts aus Hamburg ist
auf der Ehrenbrachhöhe nächst Kitzbühel tot aufgefunden
worden. Er war beim Stilaufen verunglückt.
Rodelunfall. Die bekannten Sportsleute Gebrüder
srohmann vom österreichifchen Winter port-Klub in Wien
uhren mit zwei Herren und einer Dame auf einem Fünf⸗
iter. Die Bahn war schon sehr lochig und gleich an der
ersten Kurve erfolgte eine Katastrophe. Der Bobs—
eigh fuhr in ein Loch und überschlug sich. Alle fünf wur—
den in weitem Bogen forigeschleudert. Die Dame war
ofort tot, Dr. Grohmann flarb nach einigen Minuten, die
ibrigen drei erlitten schwere Verletzungen.
Zum Krakaner Studentenstreik. Den äußeren
Aulatz zum Siudentenstreik an der Universität Krakau gab
elanntlich die Berufung des Paters Professor Dr. gim—
nermann auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für chriftlich
abale Wissenschaft. Vater Zimmermann, der von den

„Dich verlassen? Mein teurts Leben! Ach wie wenig
lennst Du mich nochl!“
Als er so sprach, schwand allmählich die Betäubung
seiner Sinne, und er sah alles klarer und deutlicher, er
'ah, daß sein Weibchen schmäler und blässer, wenn mög—
ich, aber noch schöner als frühet geworden war, er sah,
daß sie Witwentleider trug.
Sie war ihm näher gekommen und blickte zweifelnd
und verwundert, aber doch mit dem früheren, zärtlichen
Ausdruck in den schönen Augen, zu ihm empor.
„Lissie“, rief er wieder, „man hat uns beide grausam
zetrogen, wir beide jedoch ind unschuldig. Du hieltest
nich für falsch — ich hielt Dich für tot. Es ist eine fehr
ange traurige Geschichte. — Doch laß' mich Dich küssen,
üssen, mein Liebling, ehe wir reden! Da, hier — lege
Ddein Köpfchen an meine Schulter, so — recht fest — —
»amit ich mich überzeuge, daß Du lebst, daß Du mir
aicht entrissen bist. „Und, o Lissie, ist dies — ist dies —
anser Kind? — —
So waren sie nun alle drei beisammen, eng vereint,
Lissie mit dem Baby auf ihrem Schoße, und er sie beide
mit scinen Armen umfässend.
Es war einer iener Augenblicke des reinsten Glückes,
unaussprechlicher Seligkeit, wie ste sich nur selten im
menschlichen Leben ereignen.
Das Uebermaß des Entzückens ließ Nobert und Lissie
herstummen. Schweigend saßen sie da, ein jedes nur in
des anderen Anblick versunken.
Wie war nur das Unerwartete so plötzlich gekommen?
— Er war hierher gegangen mit einem leisen Schimmer
»on Hoffnung im Herzen, daß er Lisste nach vielleicht
Monaten angst- und mühevollen Suchens endlich finden
werde. Sie war wiederum nach Silver⸗Square gekommen,
um Miß Mure zu sprechen und sich nach lohnender Be—
schäftigung umzusehen. Da sie jedem, der ihren Kleinen
»ewunderte, ein dankbares Gefühl entgegenbrachte, so wollte
ie heute die Gelegenheit benützen, um Miß Mures Freund
ür seine Güte zu danken. Einen fremden Herrn hatte sie
uu sehen geglaubt, und ihr schwer geprüftes Herz wollte
zeinahe stille stehen, als sie nach einigen Momenten zö—
gernden Zweifels in dem Besucher ihren Robert erkannte.
dort stand er, dessen Bild, obwohl getrübt von ver—
eintlicher Schuld, stets und unablässig ihrem Geiste vor⸗
hbwmoht, dort stand der Goliebte und Hhiel ahnungs ns

2
rorrννν
zurn Kraka uersfucdentenstrelk
freibeitlich oenkenden Studenten mit so wüblende.n.
veosgt wird, soll sich besonders durch die Her
des Buches „Moja Baba“ (Meine Hausfrau) unbe
miaht haben. Unser Bild zeigt den Professor, der
als Schrisisteller wiederholt hervorgetan hat.
Die Affäre Perier. Zwischen dem Prinzen
und dem Sohne Casimir Periers kam es zu eine,
schenfall, der möglicherweife zu einem Duell führe
Der Prinz soll bereits dem Sohne Casimir Perie
Zeugen bezeichnet haben. Der Zwischenfall wurde
acht durch einen Brief Periers, welcher beleidigend
für den Prinzen Gal'tzine enthalten soll. Perier
iumlich um den Eintritt in einen vornehmen Pari
eworben, worauf der Prinz ihm geantwortet hal
ꝛr möge noch eine gewisse Zeit verstreichen lassen,
isfüre mit dem Perlen-Halsband etwas in Ver—
eraten se

ungetreuer Beamter. Ein Beamter des
schen Finanzministeriums veruntreute als Kassier
Beamtenvereinigung des Ministeriums 200 000 Fre
gestand, daß er mit diesem Gelde eine Modezeitun
ziert habe. Der unredliche Beamte wurde seincé«
nthoben.
253 Fischer in Gefahr. Bei Björkö-Sund,
jange der Wiborger Bucht im finnischen Meerbu
ich eine große Eisscholle, auf der sich 253 Fische—
den vom übrigen Eise ab und trieb tüdlicher
aufs Meer hinaus. Man hat seitdem nichts mel
den Fischern gehört. Auf telegraphische Benachri
find aus Kronstadt und anderen russischen Küste
Zampfec auf die Suche nach den Fischern in den i
MNeerbusen abgegangen.
Ertrunken. In der Nähe von Gareia, an d
küste Spaniens, schlug im Verlauf einer von Seg
des englischen Geschwaders veranstalteten Wetifahrt
mit vier Leuten von der Bemannung des Krieg
„Glasgow“ um. Alle vier, zwei Matrosen und
Schiffsijungen, sanden den Tod in den Wellen.
Brand des türkischen Regierungsgebäude
Bebäude der Pforte ist teilweise niedergebrannt.
Feuer brach in dem in der Mitte des Gebäudes
Ken Telegraphenamt aus, vernichtete die Bureau
Staatsrats. emen Teil des weitiufterrunis des Inn
vez Grofswesirrats. Die Archive des Staatsrals1
vüinisteriums des Innern sind verbrannt. —A
el, in denen sich das Ministerium des Aeukere
danzlei des Großwesirrats und der Saal des Min
be inden, wurden durch die Feiterwehr gerettet. S
Minister begaben sich an die Ungalücksstätte. Die
»es Brandes ist unbefänr

* ZDuisburg, 6. Febr. (FJur Grubenka.
3e.) Die Grubenkatastrophe auf Schacht Z der
chaft „Deutscher Kaiser“ hat in der lehzten Nachten
veiteres Opfer gefordert. Der als leicht verletzt e
erte Bergmann Steinborn ist seinen Verletzungen
damit erhöht sich die Zahl der Toten auf 16.
* Mannheium, 6. Febr. (Berhafteier Er
er.) Vitte voriger Woche hatte die Witwe des J
mternehmers Heinrich Eisen einen Brief erhalten,
hr mitgeteilt wurde, daß die Eisensche Familiengr
ffnet und daraus der Sarkophag mit den Urnen,
»ie Asche ihres verstorbenen Mannes enthie!ten, weg
nen sei. Wenn die Witwe 2000 Mark bei der Pe
erlege, werde alles wieder an Ort und Sielle
derden. Die Nachforschungen ergaben, daß die Gr.
ächlich mit einer Mauerklammer geöffnet und der
norsarkophag gestohlen worden war. Auf Veran
vet Polizei wurde auf der Post ein Brief hinterles
ein Aroeter abholte. Dieser erwies sich jedech ni
der wirkliche Erpresser, er war von diesem nur e
worden und konnte von seinem Auftraßgeber nur a
daß es ein Landsmann von ihm, ein Nürnberge
en er aber nicht näher kenne. Das Wasserzeichen
Briese fühete jedoch auf die Spur des Täters. Am
ag; Nachmittag konnte er in der Person des 29
siten Steinhauers Franz Besler aus Närnderg, ein
eitraften Menschen. festgenommen werden

und sein eigenes Kind in den urmen! Ihr erster
puls war gewesen, mit einem Schrei des Entzücen
entgegenzueilen, aber dann kam der Stolz und hie
zurüch. Hatte dieser Mann dort sie nicht treulos
jen, Sachdem sie ihn gehelratet, sie heimlich verlassen
Aufklärung, ohne Entschuldigung —?!
Jetzt endlich erfuhr sie von seinen Lippen die
heit, und sie wunderte sich, wie site an ihm und an
Treue hatte zweifeln können. So hatte die leise S
hres Herzens doch recht, die ihr in ruhigen, frier
Momenten so oft zugeflüstert: „Es ist unmöglich. »7
uicht so falsch und grausam sein!“
Und nun berichtete Lissie von ihrer Verlassenhei
hren Zweifeln, ihrer hilflosen Lage, und alles wa
wischen ihnen, während sie gegenseitig ihren 8
auschten. Zärtlicher denn je strahlte die alte Lie
hren Augen. Und doch war es eine andere, gehe
m Unglück gestählte Liebe, von der die sorglosen:
ertigleit der Jugend für immer gewichen war.
chmetterlingsartige Beweglichkeit, ihr neckischer Uel
var in der herben Schule des Leidens vernichtet w
And doch verklärte eine reine, innige, wit tiefem V
gepaarte Freude beider Anlitz — — — — — —
„Lissie, wie ertrage ich den Gedanken, daß Du
und verlassen dastandest? O, mein Liebling, das
nüßte mir brechen vor Leid, wenn ich nicht dächte
ich jetzt alles wieder an Dir gut machen kann.“
und wie schmerzt es mich“, meinte Lissie, „d
range krank warst und ich Dich nicht pflegen konnte
wundere mich nur. dak Du trotzdem davan
men bist.“
„Das verdanke ich allein der Güte aller in
Hause, namentltich aber Isabel Mures.“
„Isabel!? O, sie ist eine der besten Frauen!
verde sie stets gerne haben. Auch für mich und
Kleinen war sie stets güttg. Und ist es nicht se
daz gerade sie für uns beide der rettende Schutzeng
wvorden ist? Welch' wunderbare Fücung des Hin
Dein eigenes Kind wird Dir von einer Fremden
Arme gelegt, und Dein gütiges Herz trieb Dich
deiden eine Wohltat zu erweisen. Weißt Du,
diese Goldstücke, die Du uns sandtest, geküßt habe
war mir, als oh eine wunderbare Kraft von ihne
            
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