Full text : Dudweiler Zeitung

Nummer 87.
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Postschließfach Nr. 14.
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Samstag, den 16. April 1910.
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ä 8 — d J sb * kosten 10 A pro Gspaltig Petitzeila
Rα AM ⸗ X e EV X — auswãärtige 16 4

23. Jahrgang.
Polschliehfach Nr. 14.

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Erscheint
aglich mit Ausnahme der Sonn⸗ und
Feiertage.

.* Amtliches Publikatlonsorgan *
Arnnen enteeeet tür die Bürgermeisterei Dudweiler.
nonatlich 70 ⸗ frei in's Haus
gebracht, —
bei der Post bestellt A 2,26 vierteljährlich. F⸗xnsprech ⸗Anschlutz Saarbrüchen Nr. 60, 260, 260 u. 1261
—⸗ — 2üü —— —“——— —⏑— —

Mit zwei Beilagen: et Rektamen
Sonntagsblatt und Bumoristische Blätter. g0 4 pro g3spaltige Petitzello.
Redaktisn. Druch und Verlag von J Unterkeller Dudweiler. Bei Jahres⸗Abomnement höchster Rabatt.
— — E EEZ
Letzte Telegramme.
St. Ingbert, 16. April. Trüben Zeiten geht die pfäl—
ische Steinbruchsindustrie entgegen. — Konnte sie im vo
igen Jahre im allgemeinen mit dem Geschäftsgang ziem
ich zufrieden sein, so sind die Aussichten für den kommenden
Zonüner geradezu jämmerlich, so jämmerlich wie noch nie
-cchon im vergangenen Herbst wurde bekannt, daß für da⸗
rrühjahr die Bauarbeiter einen Streik planten. Infolge—
»essen sank die Unternehmungslust der Bauherren, Archi
ekten usw. auf den Gefrierpunkt, man gab das Projektieren
»on Neubauten vorläufig' auf, da ja mit der Möglichkeit
a der Wahrscheinlichkeit zu rechnen war, das infolge de
orohenden Streikes keine Arbeiter zu bekommen wären
Streiken aber die Bauarbeiter, so haben die Steinbreche
und die Steinhaner nichts zu tun. So ist es denn gekom—
men, wie es kommen mußte: Das ganze Frühjahrs- un—
Sommergeschäft in der Steinindustrie liegt vollfländig dar
nieder und Hunderte und Tausende von Arbeitern geher
gänzlicher Beschäftigungslosigkeit entgegen. Zu hoffen is
nur etwas noch vom Herbstgeschäft. Aber dies ift mit so
zielen Zufälligkeiten verknüpft, daß etwas einigermaßen
Bestimmtes nicht vorausgesagt werden kann. Für die Ar—
eiter in der Steinindustrie und die Unternehmer selbs
ind dürfte das Jahr 1910 sehr betrübende Erinnerungen
sinterlassen und mancher brave und fleißige Mann, ?de
yon morgens früh bis abends spät in seinem Betriebe arbei—
ete, dürfte ein Opfer der schlechten Zeitverhältnisse werden
Hamburg, 16. April. Ein gestriger großer Speicher
brand hat zwei Menschenopfer gefordert. Die Feuerweh'
fand bei den Aufräumungsarbeiten auf dem Boden 13 di
»erkohlten Leichen von 2 Arbeitern. Es ist wahrscheinlich
daß Beide über den Boden 183 hinweg ins Freie flüchter
wollten, aber vom Rauch betäubt niedersanken. beyor“
ihr Ziel erreichten.
Naney, 16. April. In Nancy murde wäͤhrend einer
zefechtsübung ein Soldat des Radfahrerkorps des 37. Inf.
Regts. namens Garnier von einer Patrouille verfolgt, als
lötzlich ein Gewehr losging. Der Papierpropfen drang
Barnier in die Eingeweide und verletzte ihn so schwer, daf
er wenige Stunden später im Krankenhaus starb.
Paris, 16. April. In dem Lager bei Charlons tra
gestern Nachmittag ein heftiger Sturm auf, der großen Scha—
den angerichtet hat, namentlich die Ortschaften Bourch und
Mourmelan haben gelitten. Die auf dem Lagerfelde er—
richtete Lenkballonhalle der Genietruppe stürzte ein. In der
halle waren während dieses Unfalles fünf Arbeiter beschäf—
igt, von denen zwei tot blieben, die drei übrigen wuͤrder
chwer verletzt. — Der Schuppen des Aviatikers Sommen
»ei Mourmelon stürzte ein, die in der Halle befindlicher
pparate sind schwer beschädigt worden. Auch die Werk—
tätten Farmans sind teilweise zum Einsturz gebracht wor—
den, wodurch Farman großer Schaden erlitten hat. —
Bern, 15. April. Im Auftrage der Zeppelin⸗-Gesell—
schaft veranstaltet Ingenieur Losch und Kapitän Lau au
dem Morteratsch-Gletscher im Ober-Engadin für die Zwecke
der Polar-Expedition allerlei Luftschiff-Wersuche mit Fisankern
 und dergleichen.
sSpokane (Washington), 15. April. Auf der Northern
Pacific⸗Bahn stürzte infolge eines Radbruches ein Zug ir
zinen Graben. Drei Leichen wurden geborgen. Mar
glaubt, daß sich viele Tote unter den Trümmern befinden
New-York, 16. April. San Jose in der Republi
LSostarica ist von einem Erdbeben heimgesucht woörden. E⸗—
rfolgten in 24 Stunden 30 Erdstöße.
Berlin, 16. April. Während in Berlin die Verhand
ungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch schweben
st im Reiche gestern Abend die Anssperrung der Maure'
ind Bauhilfsarbeiter im vollem Umfange in Kraft getreten
zwischenfälle sind bis jetzt noch nicht gemeldet worden, e⸗
a α ν porden 4

Politische Rundschau.
Deutsches Reich.
* Die Verhandlungen, die Preußen neuerdings mit Ba—
‚en, Hessen und Sachsen in der Frage der Schiffahrts—
ibgaben geführt hat, sind jetzt zum Abschluß gekommen.
zcit der Vorabstimmung im Bundesrat vom 3. Februar
. J., in welcher statt der zur Ablehnung notwendigen 14
Zztimmen nur 12 Stimmen gegen den preußischen Ent—
burf mobil zu machen waren, haben die opponierenden
zudesstaaten bekanntlich die Taltik verfolgt, den preußi—
chen Entwurf, dessen Einbringung sie nicht mehr zu hin—
»ern vermochten, wenigstens in Einzelheiten mehr ihren
gedürfnissen anzupassen. Ueber ese partikularistischen Kon—
essienen, durch die Preußen nah außen hin den schwe—
ren Vorwurf der Vergewaltigung von Bundesstaaten von
ich abwehren möchte, ist jetzt eine Einigung zustande ge—
omuten. Der Bundesrat wird nun in den nächsten Ta—
en den Gesetzentwurf genehmigen. An seine Erledigung
im Reichstage vor der Vertagung ist aber nicht mehr zu
»enen. Es wird höechstens die erse Lesung noch stattinden.

* Die Verabschledung der Vorlage über die Schiff—
ahrtsabgaben wurde nach dem „Berliner Lokalanzeiger“
yom VBundesrat vertagt.
*Aus Karlsruhe wird berichtet: Ein parlamen—
arischer Abend bei Minister v. Marschall, zu dem
zeide Kammern des badischen Landtags, die Ministerien,
hzertreiet der Presse usw. geladen waren, verlief nach
„erkömmlicher Art in behaglich ungezwungenen Formen.
luch die sozialdemokratische Fraktion, die sich in voriger
Zession ferngehalten hatte, war diesmal wieder ercchienen.
prinz Mar unterhielt sich lange mit dem sozialdemokra—
ischen Abg. KolIb und begrüßte den sozialdemokratischen
zizepräsidenten, sowie den Aog. Frank mit aesellichaft
icher Courtoisie.
*Gegen den Arbeitsnachweis der Indu—
triellen, der in Lu dwigshafen ein Bureau für
Areitsnachweis eroffnet, demonstrierten nach Schluß
»er Fabrilken Tausende von Arbeitern. Die Demonstrie⸗
en en zogen in langem losen Zuge durch verschiedene
Zzrraßen der Stadt und durch die Straße, in welchem sich
»er Neubau des Areitsnachwe ses befindet. Auf dem
Lu. Awigsplatze, wo der Hug sein Ende nahm, hielten un
er freien Himmel zwei Führer Ansprachen, die von der
Nenzge mit Begeisterung aufgenommen worden sind. Dann
Inzen die Leute wieder ruhig auseinander. An der De—
nenstration dürsten etwa 5000 Arbeiter teilgenommen ha—
cu. Ruhestörungen sind nicht vorgekommen.
* Bei der Reichstags-Ersatzwahl im Wahlkreise des ver—
torbenen Reichstagspräsidenten Graf Stolberg, Lyck⸗
Rleizko wurde der »63 —hoöorale Kochan
614

Spanien.
*Der Körning unterzeichnete das Dekret, durch das die
dortes aufgelöst und die Neuwahlen für den 8. Ma—
zusgeschrieben werden. 14 Tage später sollen die Se
datswahlen und am 15. Juni der Wiederzusammentrit:
der Kortes stattfinden.
* Der Madrider Korrespondent des Parijer „Matin—
hatte mit dem Ministererasidenten Canalejas nach doer
Unterredung, welche dieser mit dem Könige gehabt hatte,
eine Besprechung. Canilejas sagte: Ich habe dem Kö—
nige das Auslösungsderret der Kortes vorgelegt, um dem
önig ein radikales Programm ause nanderzusetzen und
ihm über die Lage der verschiedenen Parteien Aufklärung
zu geben. Die Mehrzahl der Liberalen haben sich mil
hmuvere nigt. Der Ministerpräsident wünscht, daß die
dortes nach ihrem Wiederzusammentritt in ihrer ersten
Zitzung ein Finanz-Projekt bespricht, welches durchaus not—
bendig ist. Canalejas ist mit der Lage zufrieden, in der
r sich eben befendete, denn das Auflösungs-Dekret der Kor—
es hat ihn zum Chef der radikalen Partei gemacht. Die
rone wird sich in Zubenft auf zwei mächtige Parteien
tützen können, und zwar auf die Konservativen, deren
chef Maura ist und auf die Liberalen, die sich gegen
Bärtia unter der Führung Canaleias befinden

A öüöü„— ——— ——o⏑ ⏑ 0 5 — ü——————— — ———————e,e————— — —20 —
Erkrankung. Laut Anzeige des Herrn Dr. Schmidt
ind die Ehefrau und vier Kinder des Herrn Gottfried Erd—
nenger, sowie bei der Familie Becken eine Frau mit dre'
dindern, Familie Heyer Frau mit zwei Kindern erkrankt
die Erkrankungen sind aller Wahrscheinlichkeit nach durch
inen Mißgriff des Kaufmanns entstanden. Die drei Fa—
nilien hatten Kartoffelpfannkuchen gebacken und diese
jenossen. Die Pfannkuchen waren mit Ol gebacken, das
ils Ruüböl verkauft war. Man vermutet, daß statt Rüböl
zußbodenöl verwandt wurde. Das Ol wurde bei dem
daufmann beschlagnahmt. Die Erkrankungen sind nicht
ruster Natur, sodaß ein Schaden für die Gesundheit er—
rankter Personen nicht besteht.
Polizeibericht. Gefunden ein Halstuch, abzuholen auf
em Polizeiamt (Fundbüro).
Ein samumähnlicher Sturm fegte gestern durch unsere
ztraßen, sodaß man kaum einige Schritte mehr sehen konnte.
Wir hatten von dem Gewitter nur den Sturm, sonstwo
sat es schlimmer gehaust. So ging in Forbach und Um—
zegend heftiger Hagelschlag nieder. Durch das Gewitter
vurde es vergangene nacht wieder frisch: heute früh warer
rur 3 Grad Wärme.
Eine neue Turnvorschrift für das Heer soll erlasser
verden. Die Anschlagsübungen finden nicht mehr au
dommando statt, sondern werden einzeln ausgeführt. Di—
Zuerbaumübungen mit Untergriff sind fortgefallen. Dagegen
st, dem angewandten Turnen eine besondere Ausbildung im
criechen beigefügt worden. Der Turnbetrieb findet nich!
nehr in drei, sondern noch in zwei Turnklassen statt. Be—
nerkenswert ist die Aufnahme der Turnspiele.
Der Raubmord an der Saar vorm Reichsgericht
der Verteidiger des Italieners Carlo Gilardi hat geger
das Todesurteil des hiesigen Schwurgerichts beim Reichs
ericht Revision eingelegt.
Der gefährlichste Wilddieb von Dudweiler, ein
ßolksstück, welches die hiesige Theaterdirektion im Nafsauer
»of am Sonntag nachmittag um 4 Uhr zur Aufführung
ringt, ist nach hiesigen in frliheren Jahren passierten Tat—
achen zusammen geschrieben, und bringt manche alte Ge—
chichte, welche unsere Großeltern erzählten, in Grinnerung
an die noch bis vor 20—80 Jahren sehr arg betriebenen
Wilddiebsfreveln. Wer sich einmal fo recht amüsieren will,
dem sei der Besuch zur Vorstellung am Sonntag nachmit—
ag aufs Beste empfohlen, umsomehr darf der Zudrang
verden, da die Vorstellnng bei kleinen Preisen stattfindet
Abends 81,, Uhr ist große Abendckrstellung, in Szene gehl
»as beliebte Volksstück mit Gesang „Das Buschliesel“. Ein
Ztück, welches überall den größten Beifall gefunden hat
nisgestattet mit herrlichen Liedern, ernsten und heiteren
Zzzenen. Die Titelrolle spielt Frau Wanger, Herr Reuf
»en komischen Müllerburschen, Frl. Granzius die Müllerin
Irl. Dreyling die Johanna und Herr Wagner den Förster,
die urkomische Trina Frau Ochernal. Der Besuch zu dem
jerrlichen Stück ist aufs Beste zu empfehlen.
Für die Bergleute! Es scheint unter den Bergleuten
nicht hinreichend bekannt zu sein, daß die Königl. Berg⸗
nspektion Rückzahlungen auf Darlehn und Spareinlagen
urch regelmäßige Lohnabzüge bei den Hauptlohnungen für
ie Kreissparkassen Saarbrücken, Ottweiler, St. Wendel und
Nerzig vermittelt. Die Königliche Berginspektion macht
ruf diese wohltätige Einrichtung erinnernd aufmerksam, de
yon ihr bis jetzt kein umfangreicher Gebrauch gemacht wor—
»en ist. Diesbezügliche Anträge sind bei der Kgl. Berg
inspektion und bei den betreffenden Kreissparkassen zu stellen
Ein lachender Erbe. Eine 65 Jahre alte Frau, die
in Altona in einer von Schmutz starrenden Bodenkannner
Jauste und sich vom Verkauf der nachts in den Straßen ge⸗
ammelten Lumpen und Papierabfälle ernährte, wurde lot
nihrer Behausung aufgefunden. In der Wohnung fand
ian jetzt, der Kieler Zeitung Zufolge, zwei Sparkassenbücher
iber 7000 und 1300 Mk. die einem Neffen der Verftorbenen
—6 — wm J

Wersiceu.
*Die seit einem Monat in Teheran und namenllich in
er Umgebung hereschende Getreides und Brotnot hat
Inschein kritisch zu werden und verursacht der Regierung
zchwierigleiten, falls nicht bald Abhilfe geschaffen werden
ann. Es drohen Verwickelungen, zumal die Regierung
or Monaten voreilig zwecks Geldbeschaffung ihre Vor
äte verkauft hat. Die Großgrundbesitzer, darunter Ab
zjeordnete und Min ster halten ihre große Vorräte zurück
im die Getreidevreise noch mehr ndie Höbe 2u wroihen

Lokales und Vermischtes.

Knospenzeit. Das sind jetzt die Tage, wo die wieder—
rwachende Natur ihre höchsten und zugleich ihre zartesten
zeheimnisse offenbart. Noch strecken die Bäume ihre schwar—
en, kahlen Aste zum Himmel; aber über dem Strauch—
verk und dem Rasen liegt schon ein frischer Hauch von
sellem Grün; und die kahlen, schwarzen Baumäste — sie
nuß man nur aus der Nähe betrachten, will man sich dem
janzen Zauber ihres sprossenden, quellenden Frühlings hin—
zeben. Ihre Knospenansätze sind klein, noch winzig. Will
nan den Frühling auf leisen Sohlen nahen sehen, muß
nan sich den Kastanien liebevoll nähern. Uppig sind ihre
Zlatthüllen geschwellt: man ahnt, wie im Innern der
natte⸗geblichen Knospen das junge, saftige Grün nach Ent—
altung drängt., Hier und da steckt auch schon ein fürwitziges
zlättchen die Nase ins Freie. Aber es weht noch ein
auher Wind und der Himmel ist grau verhängt, zeigt so
jar nicht die Farbe, die zu dem jungen Blatigrün paßt.
ind die Mehrzahl der Knospen wartet geduldig und be—
heiden, bis ihr Tag gekommen ist. Bis die goldene Sonne
euchtet und wärmt und wie mit einem Zauberschlage alle
ie Schußhüllen sprengt. Dann kommt der wundervolle,
on Gluten durchzitterte, der Nerven erregende Sonnentag
a sich das kahle Geäst über Nacht wieder zum farben—
rotzenden grünen Baum verwandelt hat, wo das hellsaftige
aub der Kastanien sich wieder ausbreitet und reckt und
zchatten spendet.
Weinbücher sind wieder eingetroffen und bei der Ge—
chäftsstelle der Dudweiler Zeitung zu haben.
Eine große öffentliche Arbeiterversammlung findet
am Sonntag den 17. April abends 71,, Uhr im Lokale
„zur Post“ in Dudweiler statt. Der Bezirkskartellsekretär
der, christlichen Gewerkschaften a. d. Saar F. Baltrusch
pricht über: „Wie stellen sich die Dudweiler Arbeiter zu
en gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen?“ Die
zergleute, Metallarbeiter, Eisenbahner, Bauhandwerker, Holz⸗
rbeiter sowie aquch dio Gofchfteleuto sind freundlichst ejn—

Oesterre ich⸗ Ungarn.
Während einer Rede des Finanzministers im öster—
eichischen Abgeordnetenhause, der zur Anleihe-Vorlage
prach, kam es zwischen dem christlich-sozialen Abgeordne—
u Bielohlawek und den Sozialdemokraten zu einem lär—
ag hen Zusammenstoß, der in Tätlichkeiten auszuarten
rou.e. Die Sozialisten hielten sich durch eine Bemerkung des
jneanzministers provoziert und antworteten durch erregte
zwischenruse. Bielohlawek schrie den Sozialdemokraten
u: Ihr seid alle Diebe. Das erregte einen Sturm der
eẽ ntrüstung. Die Sozialdemokraten drangen alle auf Bie—
ohlawet ein und einen Augenblick hatte es den Anschein,
ils ob es zu einer Prügelei kommen werde. Bieloblaͤwet
aßnt schliezlich seine Reschimpsung zurück

Italien.
* Bezügl!ich des Besuches des russischen Ministers des
leu eren Iswolski in Florenz und seinee Begegnung
nie dem nenen römischen Min ster des Auswärtigen Mar—
uis San Giulime erfährt der Korrespondent des „Ec—
arr, Iswolslti selbst habe darauf bestanden, mit dem
atitnieichen Staalsmoenn zusammen zu sein, bevyor er
Iswols.i) von seinem Posien als russischer Min ster des
teuern zurückrese. Iswolski sotl namlich nach seinem
inchritt zum Botschafter Rußlands in Rome ennen
verden

55
Das Heimatlied
vBealttt Harre vãag mun zwar schon dfrers yVier gespielt,
ber sie besaß nicht den weichen innigen Anschlag, nicht den
ẽhnfuchtzvo Ten Tön Wenn Ne vaß Eied sang, so riang es
au Anders; daß mußte auch der Graf fuͤhlen denn er hane
Istlich die Hand vor die Augen gelegt und lauschte, ohne
ch zu rühren. Nur als der letzte Ton verklungen war; flü⸗
terte er: Bitte — ich möchte es gern noch einmal hören.“
Erika begann geduldig wiederum zu singen. Nachdem
ie geendet, hörte fsie wie Graf Düren leife zu Beatrice
an Da⸗ ist seltsam, die Kleine mahnt mich — weißi Du
an wend“ *———
„Nein Onkelchen.“ J
Beatrice sag'e hier die Unwahrheit. Sie wußte es ge⸗
icu, an wen Erika den Grafen erinnerte, aber sie mochte es
hin nicht eingestehen, daß es ihr ebenso erging, um ihn nicht
aufzuregen.
„Ich komme nicht darüber hinweg, ist es Einbildung,
der ist es wirklich so, aber das Maͤdchen erinnert beinm
ingen an — Siegfrieb.“
Es war seit Jahren das erstemal, daß der Graf die—
en Namen aussprach, und Beatrice fühlte sich seltsam du—
on berührt.
„Da täuscht Du Dich sicher, Onkel,“ entgegnete sie rasch
und scheinbar umbefangen, vas macht nur, weil Erika ge—
ade dieses Lied sang, es liegt allerdings eine kleine Aehn—
is keit in der Ausdrucksweise, aber, das ist eben Zufall.“
Sie suchte von dem Thema abzukommen, um den Onkel
iHt aufzuregen, als die Prasidenun innee Sie warf ei—
u finsteren Blick auf das Mädchen, das immer noch am
vier saß und flüsterte dann hastig Beatrice zu: „Du treibst
Ane blinde Vorliebe für die Enkelin des Verwälters ein
ig weit, mein Kind, wie konnten Du sie nur his büer
er bringen.“
Erika hatte jedes Wort verstanden, es war wohl auch
berechnet gewesen, Fin⸗ heiße Blutwelle ftieg in das
Lreizende junge Gesicht, aus dem die blauen Augen förm—
hervorsprühlen. Beatriee behnerne den neinen Vorgang
cc wohl, sie wandie sich unwillig ab und drückte ihren
guing auf den Sessen zuruc Sie gab sich ae Mahe
en Zwischenfall wieder gur nu machen.
D hast sehr schön gesimgen, Erira,“ sagte fie laut,
reichelte die blonden Lacken des Mädchens, dessen Lip⸗
i¶h verachtlich kraͤuselten
Gestatten Sie jebt daß ich mich entferne,“ klang es
ohig und herd zurüch —
Neinmichte ich der Graf ein bite, bleiben Si—

— —— — —
ioch, Neines Fräulein, man soll Ihnen eine Erfrischung rei—
hen, meine Frau wird gleich hier sein, ich möchte, daß sie
»as Lied von Ihnen hört, will doch sehen, ob sie denselben
fẽiroruct davon bekommt, wie ich!“
„Welchen Eindruck?“ fragte die Präsidentin. Es war,
1s hielte sie den Atem an, während ihr stechender Blick den
zrafen streifte.
„Das Mädchen erinnert mich an meinen — Sohn, be⸗
onders beim Sineen,“ lautete die Antwort. F
5 Er hatte leise gesprochen, damit Erika es nicht hören
'ollte.
Die Präsidentin wechselte die Farbe, dann schlug sie
»ie Hände zusammen und lachte auf: „Um Gotteswillen, wie
ommen Sie nur auf so etwas, ach Ewald, nehmen Sie
airs nicht übel, aber ich glaube, Sie werden kindisch! Kein
Nensch kann hier eine Aehnlichleit herausfinden!“
Graf Düren schaute ein wenig überrascht auf bei dem
ebhaften Protest.
„Nun, Sie sollen sich selbst überzeugen. Es ist mir
3 noch nie aufgefallen, aber vorhin, bei dem
ried — — —“
„Bei welchem Lied?“ klang es haftig von den Lippen
der Präsidentin.
„Das Heimatlied sang die Kleine vorhin mit einer Aus⸗
»rudsweise, wie ich es nuv von — Siegfried hörte!“
„Nun, da haben wir's,“ rief Frau von Düren lachend,
weil das Mädchen zufällig dasfelbe Lied sang, das Sie
inst von Siegfried hoͤrten, nun wollen Sie gleich eine Aehn—
chleit herausfinden! Und damit sollte Luise aufgeregt wer⸗
en? Das kann ich nicht zugeben! Ich bitte Sie, folgen Sie
ar, sprechen Sie zu der armen Frau nicht davon, sie lei—
et nun imnütz dabei. das müssen Sie zu vermeiden su⸗
e
„Sie mögen recht haben, Leonore,“ seufzte der Graf,
aber ich wollte, daß Sie wenigstens das Lied hörten, da—
nit Sie sich überzengten.“
Beatrice, die wieder zu ben beiden getreten war, fühlte
ch peinlich berührt von dem allem. Sie wollte das Ge—
präch in andere Bahnen lenlen, als die Präsidentin ihr
u histerte: „da hast Du etwas Schönes angerichtet, nun
jeht die Grübelei wieder wochenlang fort!“
Erika war aufgestanden und mit einer kühnen Verneigung
jegen den Grafen und Beatrice schritt sie der Tür zu.
„Sie wollen wirklich fort?“ fragte der Graf. Es klang
ast bedauernd.
„Jawohl, Herr Graf! Nersuchen Sie nicht, mich zurück⸗
thalten, es wůrde doch vergebens sein!“
Das kam so trotzig und fest von den roten Lippen, daß
ie Zurücblehenden der slanlen Madchengestgls verdurhi

„Die Kleine ist stolz, aber ste gesallt mir dennoch, si«
hat Rasse,“ murmelte Graf Düren, der heute ungewöhnlich
mild gestimmt schien. Als später die Gräfin Luise erschien,
lonnte er sich, trotz aller mahnenden und abwehrenden Blicke
die ihm die Präsidentin zuwarf, nicht enthalten, ihr von
dem Mädchen zu sprechen. ie
„Du hättest die Kleine nur singen hören sollen, diese
Stimme dringt einem wirklich ins Herz. Das gibt spätev
ꝛine große Künstlerin, wenn das noch kindliche Organ erffi
draft und Festigkeit gewonnen haben wird. Für das offen
zu Tage tretende Talent des Mädchens wäre es wirklig
chade, wollte man es verkümmern lassen.“
Von diesem Tage an hütete Erika sich fast ängstlich,
das Schloß wieder zu betreten. Beständig aber schwebte vor
hren Blicken das Bild jenes Mannes, weiches dorr im Mu—
iksalon öing. Diese Augen, die so melancholisch aus dem
tillen Gesicht schauten, mußte sie schon irgendwo gesehen ha—
»en, aber wo nur? Es war seltsam, sie hatte die Em—
»findung, als ob dieses Antlitz und die Melodie jenes Lie—
s zusammengehörten, als ob sie beides zugleich einmal ge—
ehen und gehört hätte. Aber die Erinnerung war so ver—
vischt, daß es ihr beinahe vorkam, als hätte sie einmal et⸗
vas derartiges geträumt.
Auch den Park betrat sie niemals wieder; so viel Bea⸗—
rice auch bitten mochte, es half nichts.
„Meine Studien nehmen mich ganz in Anspruch,“ bes
sauptete Erika stets.
Mochte das Weitter noch so schlecht sein, es hinderte
rrika nicht, den Weg nach dem traulichen Musikerheim Mei
ter Kühnes zurückzulegen. Sie war aber auch dort ein
gern gesehener Gast, siets erheiterten sich bei ihrem Eintrit
die Züge des Kapellmeisters. Denn manchmal schauten die
leinen Aeuglein gar trübselig aus dem runden vollen aber
ehr gutmütigen Gesicht. b woh
Kühne sehnte urück na em gewohn⸗
en nen 8 — nach Vieinte 3
die er wieder aufnehmen wollle, sobald der Gefund—
jeitszustand seiner Gattin, die er sehr liebte, dies gestattete,
Nan würde den musitalisch hochgebildeten Mann mit Freu—
»en wieder in seine alte Stellung aufgenommen haben, aber
eine Frau behauptete stets, nur in der Ruhe und Stille, in
er Abgeschiedenheit des Landlebens könne sie ihre Gesund⸗
eit wieder erlangen, niemals aber im Treiben und Lärmen
der Großstadt. Von Jugend auf an ein zurückgezogenes Le—
»en gewöhnt, fühlte sie sich in dem stillen Heim unendlich
vohl, und trennen mochte sich Meister Kühne nicht von sel—
jer Gattin. So fügte er sich, wenn auch manchmal heimlich
eufzend, in das Unvermeidliche. Frau Klaäͤre wußte frei⸗—
ich nichts davon, daß der Gatte das Leben in der Stadi
ScFchmeralich hermißte. Ihr zeiate es immer eine Belten

Stirn, für sie Jatte epr stets ein fteundliches Lächern.
„Gott sei Dank“ sagte sie oft, „daß wir so gestellt sind,
um leben zu können, wo es uns gefällt. daß wir nicht dem
Verdienst nachzujagen brauchen.“
Sie hatte dem Gatten ein großes Vermögen einge—
bracht, das der Familie ein sorgenfreies Leben gestattete.
Dieser Umstand ermöglichte es auch, für den Sohn, von dem
die Mutter sich nicht trennen mochie, die besten Lehrer zu
engagieren. Dabei zeigte es sich, daß auch „Reinhold der
Zanfte,“ wie Erita scherzweise den stillen Bruder getauft
jatte, etwas profitieren konnte. Er durfte an dem Unlerrich!
ieilnehmen, und ev tat es mit großem Eifer. So bildete sid
nach und noch ein innloes Mornenia heraue

„Nun noch ein paar Jahre qu]' das —XC
und die Künstlerin ist fertig!“ sagte Meister Kühne eines
Tages zu Erika. „Das wird ein Aufsehen geben, wenn Du
zum erstenmal vor die Oeffentlichkeit trittst.“
Er war stolz auf seine talentvolle Schülerin, die er
iebte wie eine Tochter. Er hatte sich so an das Mädchen
zewöhnt, daß ihm auch, als dieses größer wurde, das fremde
„‚Sie“ nicht über die Lippen wollte. Erika protestierte auch
entschiebden dagegen. Sie verehrte ihren gütigen Lehrer wi⸗
einen zweiten Vater.
„Die Natup hat Dir alles gegeben, was Du für Deil—
nen künftigen Beruf nätia hasft. mein Kind!“ fuhr Kühn—
fort

„Du bist die geborene Künstlerin.“
Wohlgefällig betrachtete er das reizende Gesicht Erikas
Die blonden Locken hingen freilich nicht mehr wie ehe
mals fessellos um Stirn und Nacken, sie waren in zwei dicke
Zöpfe gepflochten und wie ein Kranz um den schön geform—
en Kopf geschlungen. Die dunklen Augenbrauen konnten
ich zwar auch jetzt noch oft genug unmutig zusammienziehen,
vie auch aus den blauen Augen nichit selten der alte Troch
gervorleuchtete, was besonders dann geschah, wenn ihr zu—
fällig die Präsidentin oder Lothar begegnete. Instinktiv
jühlte Evika, daß diese beiden ihr nicht wohlwollten, wenn
ie auch nicht ahnte warum. In das Schloß war Erila nich⸗
vieder gekommen, sie hatte den Verkehr mit Beatrice völlig
bgebrochen. Das lag nun freilich nicht an Erika allein, es
väre wohl kaum dahin gekommen, wenn nicht Lothar es
zeradezu seiner Gattin verboten hätte, fernerhin die „hochmü—
ige Person“ bei sich zu empfangen. Anfangs lehnie Bea
rice sich freilich gegen ein solches Verbot auf, aber da auch
ie Frau Präsidentin ihr heftige Vorwürfe machte, und das
wassende eines solchen Verkehrs mit scharsen Worten “
            
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