Nr. 287.
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Posischließfach Nr. 14.
Ponnerstaq, den 15. Dezember 1810. 23. Jahrgang.
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Erscheint
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Teiertage
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Sus ateriaa wird von der Regierung nach den Weih, Hriwas und die Rechtsanwälte Busdras und Stammlis,
aachtsserien vorgelegt werden. ämtlich Kandidaten der thessasiscuen Bauernparlen bei den
* Die Beratung des Berfassungsentwurfe«s etzigen Wohsen verbaise
ür Elsaß-Lothringen, die im Vundes at begen
ien hat, zieht sihh länger hin, als man erwar et hatte
ind wird. wie man jert glaubt, wohl e st Freitag zun
Uschsuß kommen. Es sind Schwierigkeilen enstander
urch Abänderungzanträge, die von Sachsen ausgeten.
Ind die sich nicht nur auf das in dem preußischen Ent
zurf vorgeschlagene Wahlrecht beziehen, sondern, wie die
Täg iche Rundschau“ hont, auch auf andere Punkte. Se
oll u. a. scharf zum Ausdruck gebracht werden, daß der
daiser landesherrliche Rechte in Essaß-Lothringen nur als
Nandatar der verbündeten Regierungen quzübe und len
esherrliche Befugnisse an den Statthalter nur unter Ge
jenzeichnung des Reichskanzlers übertragen dirie. Eil
veilterer Antrag soll dahin gehen, daß in die Erste Kam
ner nicht vier von den Gemeinderäten der Städte Straß
urg, Kolmar, Mülhausen und Metz gewählte Gemeinde
atsmitglieder, sondern jeweils der erste Magistratsbeamte
dieser vier Städte aufzunehmen seien.
Oesterreich⸗Ungarn.
*Die in der letzten Woche akut gewordene Demis
ion des österreichischen Kaäbinetts Bienertheif
ninmehr erfolgt. Kaiser Franz Josef hat dieselbe geneh
nigt und wünscht, daß Freiherr von Bienerth im Amie
leibe. Das zurücktretende Ministerium wird die Ge⸗
chäfte daher bis Neujahr führen, in der Zwischenzeit wird
zienerth die Rekonstruktion desselben vornehmen. Im
teuen Kabinett Bienerth sollen der Handelsminister Dr.
Veiskirchner, Landesverteidiagunasminister von Georgi und
— eine Mohrewäsche.
Ach ja, die Chemie! Zuerst eutdeckte sie, daß der
Mensch auf Naturbutter nicht angewiesen ist, wenn
sein Geldbeutel schmal ist Wohlschmack bringt Betie sack
Ddie Margarine wurde erfunden. Man pries sie in allen
Tonarten, wie faunber sie sei, und wie in der Fabrik al—
les reinlich und zweise sohne zugeht, während die Bauerr
eine Kuhmilch verbuttern, die im Stall im Eimer stand.
Wie leicht kann da eine Ungehörigkeit in die Buter kom—
men. Man war schon sowernt, daß man die von der Ma—
scchine gleichmäßig in Form, Farbe und Verpackung gelie—
ferten Margarinestücke viel appenitlicher und gesünder fand
als den Naturbuiterklumpen auf dem Kohlrübenblatt. Die
Agrarier sahen mit Neid, wie die Prinzessin Margarine
das Aschendrödel Naturbut'er be'seiteschob, und sie so der—
ien, man solle die Margarine grell färben, um sie dew
Volk zu verekeln. Jest hat ein Kunstfehler bei der Fabri
tation wie es scheint, ohne absichtliche Zutat eines Ver
gällungsstoffes, dem Publikum den Geschmack an der Mar
quarine verdorben.
Die Firma J. H. Mohr in Altona⸗Ottensen, der das
Anglück zu estoßen ist, wehrt sich zwar heftig, aber es
scheint doch, als ob sie die Gunst der Menge nicht mehr
leicht zurückgewinnen wird. Bemerkenswert ist, daß der
Verband der Margar nefabrikanten von der Firma Mohr
n Altona abrückt. wie vorher schon die Firma A. L.
Pohr in Bahrenfeld ängstlich darauf hingewiesen hat, daß
»ie Altonaer Margarinewerle Möohr u. Co. (J. H. Mohr)
näOttensen nicht mit ihr, der Bahrenfelder Fabrik, ver—
vechselt werden möchlen. Der schwarze Mohr aus Ot—
ensen versucht, sich in einer öffentlichen Erklärung weiß—
zuwaschen. Er betont, daß wohl nur eine Buterung am
23. November mißrasen sei, während die vier anderen
Bhutterungen an dem' elben Tage fehlerfrei geblieben sind
Sine Erllärung dafür weiß Mohr-Ottensen auch nicht.
Sine physiologische Untersuchung der Pflanzensete, die zur
Backa“ verwendet wurden, war bisher nicht gebräuchlich
n der Margarine-Fabrisg ion. Man verzichtete auf d⸗
Probvefütterung an Versschsstieren und beanüg?e sich mi
der chemischtechnischen Untersuchung und der Probe caui
Beschmack und Geench. Zuguterletzt verheißt die Firma
eine Belobnung ven Mark 5000 sür den Nachweis, „ob
von irgendeiner Seite absichtlich oder versehentlich Zusätze
zjemacht worden sind“. Der Versuch, das Vorkommnis als
reiin Konkurrenzmanöver hinzustellen, macht keinen guten
Findruck. Zumal man hört, Mohr-Ottensen habe eir
aznes, noch nicht ausgeprobtes Pflanzenfett für die „Backa
oerwendet. Eben'owenig gereicht es der Firma zum Vor
leil, daß von ihr die Eckrankungen als ziemlich gering—
fügig hingestellt werden, nachdem noch dazu viese Todes—
fälle zu verzeichnen sind. Die „Backa“Butter hat Unglück
angerichtet, und sür dieses Unglück muß die Firma ein—
stehyn, auch wenn es auf sie selbst zurückwirkt. Mit Geld—
ingeboten sollte J. H. Mohr-Otten'en recht vorsichtig se'n,
nachdem sich heraussiel't, daß er nach seiner Wahl z3umi
Stadtverordneten an fünf Ze'tungsberichterstatter ein Geld—
geschenk verteilt hat, „ind zwar a isdrücklich als Gratisi—
kation für die während der Stadtvero dnetenwahl gelei—
tete treue Mitarbeit“, wie Herr Mohr in einer Erklärurg
mit Stolz sagt, ohne anscheinend zu ahnen, daß diese
eine Noblesse ganz und gar nicht beifallswürdig ist. Die
Berichterstatummg hat ihren Sold von der Presse zu bezie—
sen und nicht von den erwählten Kandidaten. Herr Mohr
ollte sich weniger auf seine Kapitalkraft verlassen, Es gibt
ioch Mauern, über die man mit Gold beladen nicht klet—
rern kann. Und auch im Nahrungsmittelgewerbe gibt es
nicht nur geschäftliche, sondern auch ethische volksgesfund—
Jeitliche Rücksichten.
Gegen „Pflanzenbutter“ hätte kein Mensch etwas ein
zuwenden. Es ist eine durchaus angenehme Vorstellung
ius einem vegetabilischen Naturprodult ein Speisefett 31
gewnnen. und man braucht sich nicht vn den Interessen
ten der Verarbeitung tierischer Fettstoffe irremachen zu laẽ
sen, die sich sosort rühren und ihre Talgschmelze als das
Finzigwahre empfehlen. Mag sein, daß die tierischen
Fette sehr sorgfällig kontrolliert werden, und daß die ur—
prüngliche Margarinefabrikatisn vom Pflanzenfett nichts
ußte. Zugegeben auch, daß die Pflanzensette, bevor si—
raffsniert werden. ran⸗zo sins αινααmuß
aber auch das Tierfett durchmachen, ehe es Marga—
rine wird. Gleichviel ob lierische Margarine oder Pflan—
zen putter: von beiden muß völlige Sauberleslt und Un—
cchadlich“eit verlangt werden, sonst hat die ganze Marga—
rinesabrikation durch vereinzelses Voerschulden sozusagen
Butter auf dem Kopij
— MWBe2—2222—,3, )«s!.
Volitische Runoschau.
Deutsches Neich.
* Die Behauptung der „Kreuzzeitung“, daß von der
nationalliberalen Fraktion des Reichsta—
gesges eine Art gesellschaftliche Boykott über den
Präsidenten Grafen v. Schwerin-⸗Löwitz verh ingt
worden sei, hat sich als irrig erwiesen. Der „Kreuzzig!“
jelber wird jetzt auch aus dem Reichstag bestätigt, daß
es sich bei ihrer Mitteilung um eine unberechtigte Verall—
zemeinerung handle, und sie fügt hinzu: „Wir freuen uns,
daß die Mißhelligkeiten zwischen den Parteien nicht so
uuf die Spitze gesrieben warden sind wie wir annehmen
mußten
*Im Reichstag hat die fortschrittliche Volkspartei
solgende Interpellation eingebracht: „Ist der
derr Reichskanzler bereit, angesichts der schweren Miß—
tände, die sich durch die Bestenerung von Zündwaren für
die beteisigte Industrie und die Arbeiterschaft, wie für
die Verbraucher ergeben haben, die Aufhebung des Zünd
varensteuergesetzes vom 15. Juli 1909 in die Wege zu
iten?
*6000 pfälzische BVeterenen haben an den
keichstag eine Petitio um Verdranenfüriorg⸗—
ingereicht.
*In Berlin ging eine Zeitlang das Gerücht, daß d'e
reußische Regierung sich mit dem Plane trage, im Herbst
911 dem Landtage eine neue Wahlvorlage vor—
ilegen. An maßgebenden Stellen wird jetzt erklärt, daß
yn einem solchen Plane nichts bekannt sei. Neue Be—
hlüsse über die Ausarbeitung einer Keuen Wahlvorlag
en in letzter Zeit nicht gefaßt worden. Ta die Reichs
zgswahlen voraussichtlich Ende Olrober und Anfang No
imber 1911 stattfinden, so wäre es praitisch gar nich
urchsührbar, den Landtag zu einer Herbsttagung einzu
erufen und ihm die Wahlvorlage vorzulegen. Auch er
heint es nicht zweckmäßig, den Landtag mit einer sol
zen Vorlage in der letzten Session vor den Landtags
deuwahlen, die 1812 stattfinden, zu befassen.
*Die zur Schlichtung des Berliner Professoren
dreites BernhardSering eingesetzte Konmmis
on ifst zusammengetreten. Die Beifstände Professor Bern
ards veröffentlichen nun wieder ihrerseits eine Erklär
nng, in der sie es ablehnen, einen „schwebenden Ehren—
auoel“ ader eine „ehrengerichtliche Befugnis“ der Kommis—
on auzuerkennen, da der Ehrenhandel bereis durch ein
n 2. Bugust 1910 an den Vertreter des Herrn Seringç
erichteles Schreiben zum Abschluß gebracht sei. Der Pro
soccustreit soll übrigens im preußischen Landtage bei
r Etalssheratung zur Erörterung kommen.
*Z3u den Erklärungen des Reichskanz
ers im Reichsstage über die Vorgänge in Moa—
ist schreibt der „Vorwärts“ Wenn Herr von Be hmann
laubt, seinen politischen Ruf dadurch heben zu können
aß er mit dem Eigensinn eines gescholienen Kindes be—
»eislose Verdächtigungen einfach wiederholt, so schätzt er
das Volk doch ofsenbar nach dem incellettuellen und mo—
alischen Niveau der Junkerkaste ein. Zunächst attestierte
hm im Reichstage selbst der freisinnige Abgeordnete Schra
er, wie schlecht er abgeschnitten hat. Bei den allgemei—.
en Reichsstagswahlen wird ja das Volk auch über Herrn
»on Bethmann-Hollweg ein Urteil fällen, über seine all—
enteine Politik sowohl, wie über sein Eingressen in den
Roabiter Prozeß und heute schon kann man sicher sagen,
aß dieses Urteil lauten wird: Mene Wene Tekel Uphaursin
* Die Kommission des Reichsstages für den Gesettentwurj
zetr. die Beseitigung der Mißstände im Heilge
oerbe hielt ihre erste Sitzung ab. Sie beriet eine
eihe von Anlkr'gen verschiedener Parteien, die alle Be—
jafsung von Maserial als Grundlage für weitere Ver—
8rungen bet efen. Die Anträge wurdon angenommen.
Die Reichsversicherungsordnung.
Die Reichsversichtrung??ommission seßte die zweite
Zesung des Buches Keautenversicherung bei 181
ort. Die Abänderungsanträge der Regierung hat der Be
ichterssatter für dieses Ruch, ABg Horn-Reuß (naul) über—
ommen. Die Paragraphen 184, 1830 und 184 werden
edaktionell geändert. Bei der Unfallverssicherung batte
e Kommission in zweiter Lesemg beschlossen, Personen
nit Hochschulbildunn. also Diplomingenieune, von der
zersiche angspflicht aui ihren Antrag zu befresen. Ein ent—
prechender Antrag dies Berichterstasters wird hier bei der
dran cnversicherung lebhaft bekämpft und abgesehnt. Beie8
190. der van der sreiwilligen Versicherung handelt, wird
die Grenze von 2509 Mark beseitigt und die von 2000 M.
wieder hergestellt. Durch Einfüging eines 8 1920 wird
zestimmt, daß die Versicherungsderechtgung in allen Fel—
en erlischt, wo das regesmäßige jährliche Gesamtein vom—
nen 4000 Mar!? übersteigt. Der 8 196 handelt von den
Landkrankenkassen. Es wird beantragt, den Abs. J fol—
jendermaßen zu fassen: Bei Landkranken“assen kann der
Irtslohn als Grundlohn vestimmt werden. Für Betricbs
»eamte, Werkmeister und andere Angestellte in ähn'ich ge—
yobener Stellung, iowie für Facharbeiter ist jedoch der
rundlohn nach 8 195 fest; ustellen“ Diee Fassung wird
ingenommen. 8 197, der den Umfang der Krankenhilse
»estimmt, bleibt unverandert. Zu 8 198 wird über die
eschlossene Fassung lange debattieri.
Die Wahlen in England.
Bis Dienstag Abend waren die Resultate aus 536
Wahlbezirken besannt. Es sind gewählt 240 Unionisten,
193 Liberale, 36 Arbeiterparteiler, 59 Nationalisten und
8 Anhänger O'Briens. Die Unionisten gewannen 23, die
Liberalen 19, die Arheiterpartei 4, die Nationalisten 3,
die Partei O'Briens einen Sitz. In 436 Bezirlken b'e'bt
das Ergebnis unverändert, in 124 haben noch Wahlen
tattzufinden.
In einer Nede in New-Port (Insel Wright) erklärte
Thurchill, die Iren seien bereit, sich mit einer Be—
chränkung der Geseßgebung zufrieden zu geben und böten
Freundschaft und Versöhnung an, deren Annahme zur
Frhöhung der Sicherheit und der Stärke des britischen
keiches dienen würde.
—
Die Moabiter Krawalse vor Gericht.
Die weitere Verhandlung be'aßt sich in der Haupt
ache mit dem Verhalten der Polizei. Meh
ere Zeugen bekunden, daß ein Polizeileumnant in der
Zickingenstraße auf einen Mann eingeschlagen habe, der
im Boden lag, nachdem die Menge aus der Straße weg
getrieben gewesen sei. Ein anderer Zeuge bekundet, daß
zie Polizei nach ihm und drei anderen Leuten, die sich
nchts hatten zu Schulden kommen lassen, ein Keseltreiben
eranstaltet und alle verhauen habe. Ein Maschinenmei—
ter sagt aus, daß alle Schutzleute in der Sicki: genstraße
ruf einen Krüppel mit Fäusten eingeschlagen, die Fenster—
icheliben des Krügerschen Schanklokals zertrümmert und de
Arbeiter aus dem Lolal vertrieben hätsen, die dann
)raußen verprügelt worden seien.
Nach einer Pause wird die Haftentlassung des An—
geklagten Hagen abgelehnt, ebenso auch der Anxirag
um die Genehmigemg zur Aussage über sein Gespräch
der Verteidigung, den Polizeipräsidenten im Fall Folte
mit dem Vorgesetzten nachzusuchen, denn dieser Fall trage
nicht dazu bei, d'e Glaubwürdigkeit z2u erschüttern. son—
dern erhöhe sie eher.
Zeuge Journalist Steinberg hat den, Eindruc.
gehabt, daß die Moabiter Unruhen von einem e'nheitlichen
Willen beherrscht gewesen seien, denn die Menge habe ein—
nütig in das Hoch auf die Sozialdemokratie eingestimmt,
zabe die Arbeitermarseillaise gesungen, und sobald die
Nenge zerstreut gewesen sei, habe sie sich au einem be
timmten Platze wieder gesammelt. — Schrifisteller W
Fmol serfsärt da ⸗r tqaolang die Pordäuae von
DT ιÿι. ο_ σιαα_C
Interrichtsminister Graf Stürkh verbleiben. Freihert Ri—
hard von Bienerth, der das jetzige Ministerium seit dem
5. Noveniber 1908 lei!et, wurde am 2. März 1863 in
Verona geboren; er war nach vollendesen Studien mehr—
ach in der steiermärkischen Staithal erei, soewie im Kub—
usministerium tätig. 1905 war er Unterrichtsminister im
Heinisterium Gautsch und von 1906 — 1908 Minister des
Innern im Ministerium M
Rußland.
* Stolypins Gesetzesvorlage betreffend die Eutrech—
ung der Deutschen in Wolynien versetzt die
Rktobristen in eine schwierige Lage, da sie gerne
ztolypins Herzenswunsch befürworten möchten. Hiergegen
oenden sich alle deutschen Fraktionsgenossen. Zudem wür—
en die Okbtobristen bei den nächsten Wahlen die deutschen
ztimmen einbüßen. Dagegen wird von den Nationalisten
ine Rechtsbeschränkung der Deutschen in Sibi—
Ren qeplant
Grriechentiand.
* Wegen Teilnahme an dem Versuche eines Atten⸗
at s gegen den Premierminister Veniselos, dessen
zisenbahnzug man zur Entgleisung bringen woll'e, win.
ꝛen der Bürgermeister Bobotas von Sophades, der Arzt
—— ⏑ —
Vur auf vie vouen ⁊ xlechten gesetzt yatte, solate er sor in
jemessener Entfernung.
Der Kleine hockte dicht vor der Treppe auf dem Boder
und baute eine Festung, die aus buntläckierton Blöchteisei
bestand, in den Sand. Jetzt wandte er das Köpfchen und
rief in langgezogenen Tönen „Mama, liebe Maͤma!“
Regitze schaute sich um und blieb stehen. Ihr zar teẽ
Gesichtchen strahlte in zärtlichster Mutterliebe. Hänschen
mein gutes Hänschen, in einer Stunde bin ich zuruück spiel
indes recht artig.“
„Sehr artig!“ bekräftigte der kleine Bursche, dan:
wandte er sich befriedigt wieder seiner Beschäftigung zu
Regine ging waldeimvärts.
Diese kleine Szene prägte sich dem Förster tief ein
„Wenn sie mich mit diesem Blick der Liebe,“ dachte er un
dunkle Glut huschte über seine gebräunte Stirn, mit diese!
zärtlichen Augen ...“.
Seufzend folgte er ihr. Damals, als sie ihn aus eine!
iberaus kritischen Lage durch ihr energisches Dazwischen
kommen befreite, hatte es ihm auch so bingebungsvoll und
zlückselig aus ihrem Blick eutgegengestraählt. Doch feitdem
zatte er den Glauben an ihre selbftlose, aufopferungsvolle
diebe verloren.
Wie erschöpft von inneren Kämpfen strich er mit der
flachen Hand über das volle, krause Blondhaar. Was hätte
ꝛr wohl darum gegeben, wenn es ihm gelungen wäre, diese
Räßlichen, bösen Zweifel zu bannen, der zehrenden Eifersucht
derr zu werden ..
Es blieben Regine nur wenige Minuten zur Samm⸗
ung. Sie hatte sich auf der von Diefing bezeichneten Banl
niedergelassen und suchte sich noch einmal gegen seine An⸗
zriffe zu wappnen.
Dieser Platz wurde auch oft von Ausflüglern besucht
zenn er bot eine entzückende Fernficht. Von dichtem Ge—
üsch umgeben standen bequeme Ruhebänke. Im Halbrund
og sich kulissenartig Tannendickicht biß zum Gatter hin, in
em sich eine Schonung befand. Weiter unten glänzter
Stoppelfelder, im Tal' lag das Slädichen. Rote Döcher
rüne Gärten, schlanke Kirchtürme; wohin auch das Nuge
lickte, war sanfte Harmonie.
Es führten die verschiedensten Wege hier herauf. Die
ing hatte den Aufstieg über die Felder gewählt. Regine
h ihn mit den ihm eigenen, elastischen Beweaungen heran—
sommen. Ihr Herz begann in wilden Schlägen zu klopfen
Er war ein so exzentrischer, unberechenbarer Monsch
Es erschien ihr plötlich sehr gewwagt, hier in der Einsamkf
hm Dinge zu sagen, die sein Seldsigefühl, seinen Mannes
toszZ verleben mubdters
Eine Flucht
VDoch schon hatte sie die Schwächeanwandlung überwun
den. Sie hatte beschlossen, ihn wie ein lästiges Insekt eir
für allemal von sich abzuschütteln, jede weiche Linie in ihreu
üßen Antlitz erschien wie versteint.
Wenn eine sanft und maßvoll empfindende Frau se
jart und unbeugsam dreinschaut, wird ein Maunn nie envas
on ihr erreichen, weder durch Schmeichelworte, noch durd
drohungen.
Diesing grüßte schon von weitem. Er war mit äußerster
Zorgfalt gekleidet und konnte für eine elegante und inter
ssante Erscheinung gelten. Volkmer würde neben ihm fehr
erloren haben.
Freilich, Reginen konnte dieser Mann nie gefährlich
verden. Seine etwas weichliche Schönheit ließ sie vollstän—
»ig kalt. Sie liebte Kraft und Stärke, ein schlichter Sinn—
»em man vertrauen konnte zu jeder Stunde war ihr Ideal
„Ich, danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Regine,
'agte Heinz erregt, „und nun bikte, bitte, lassen Sie 6s
indlich genug sein mit all der Qual und Pein, die Sie mi
hereiten, Lösen Sie diese Fesseln, kehren Sie zu mir zurück.
Mit den Bewegungen eines Luchses war auch Volkmen
Jerangeschlichen, er konnte jede Bewegung der beiden dor
eobachten, fseinem scharfen, geübten Ohr eutging kein Seuf
er, viel weniger eins der gesprochenen Worte.
„Herr Diesing,“ sagte Regine, ihre Stimme klang wie
Stahl, „vielleicht ist es gut, daß wir in aller Ungestörthei
das erschöpfend besprechen können, was ich Ihnen schon ver—
schiedentlich mit kurzen Worten andeutete. Sie wissen es
am besten, daß mein Herz Ihnen nie, auch nur mit einer
Faser gehört hat. Ich könnte Sie wie einen Freund schätzen,
Herr Diesing, aber der Mann, dem meine Liebe, mein gan—
zes Sein entgegenijauchzt, muiß anders, gana anders aus—
sehen, als Sie.“ F
„Vielleicht wie der Förster Volkmer?“ fragte Diesing
höhnend. Aber sein hübsches Gesicht war erdfahl geworden.
Sich mit so ungeschminkten Worten, deren jedes tiefste
Wahrhaftigkeit verrät, zurückgewiesen zu sehen, versetzte sei—
ier Eitelkeit einen empfindlichen Stoß.
Er stand noch immer vor Regine und sie blieb auf ihrem
Platz. Jetzt zog ein sanftes Rot in ihre bleichen Wangen.
Ihr schöner Kopf hob sich höher. „Weshalb sollte ich es
eugnen, daß ich meinen Mann über alles in der Welt liebe,
hn für den herrlichsten, edelsten Menschen halte! Ich schätze
mich überglücklich, seine Frau zu sein und hoffe, daß eines
Tages auch sein Herz mir voll und ganz gehören wird!“
Volkmer sah, wie sich die lieblichen Züge seines Weibes
ʒerklärten, wie der versteinerte Ausdruck langsam dem einer
Zzeißen Sehnsucht wich. Er hatte ein Gefühl, als schlügen
Er hatte es nicht verstanden, sein Glück zu fesseln, es
var ihm entflohen, ließ ihn allein. Aber er war nicht stark
senug, um Selbstverschuldetes mit Würde zu tragen. Die
deidenschaften in ihm waren entflammt. Ein wildes Durch—
inander von Schmerz, unseligen Ahnungen, Bosheit und
Zerstöẽͤrungswut trieben ihn zum Handeln an.
Und Elfriede wartete immer noch, daß er sie an üch
iehen und seine „schöne bezaubernde“ Braut nennen solle
Da traten Bekannte zu ihnen heran, neckend und scher—
zend das reizende Mädchen mit den dunklen Augen und
dem dunklen Haar mit sich fortziehend.
Elfriede wollte protestieren, aber sie mußte sich fügen.
ẽs sollte ein Gesellschaftsspiel beginnen, bei dem sie als
Tochter des Hauses nicht fehlen durfte.
Diesing hatte seine Mission hier erfüllt. Heimlich stahl
r sich aus den Gruppen, der lachenden, scherzenden Men—
chen hinweg. Er fand kein Vergnügen heute an dem fröh—
ichen Treiben.
Im Gasthof angelangt, erstattete er seinem Chef ir
»inem längeren Schreiben Bericht und warf den Brief eigen
jändig in den Postkasten.
Er hatte sein Tagewerk vollbracht. Skrupel kannt er
richt. Und doch floh ihn der Schlaf. Der Gedanke an Re—
zine brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Er mußte sie um je⸗
den Preis sprechen. Die Eitelkeit flüsterte ihm zu, daß er
nteressanter, sieghafter sei als jener schlichte Förster mit
zen harten, unfreundlichen Zügen.
War es so ganz ausgesclossen, daß sie sich von süßen
Schmeichelworten betören ließ, wo sie jetzt unter dem
chroffen, unzugänglichen Wesen ihres Gatten litt?
Heinz kannte zur Genüge ihren zarten, empfindsamen
Sinn, der sich so leicht verletßt fühlte. Und der Förster sah
nicht aus wie jemand, der Rücksicht nimmt und böse Laune
sinter einer Galanterie verbirgt.
Es mußte versucht werden. Heinz bat in beschworenden
Vorten um ein Zusammentreffeu mit Regine draußen im
Zalde. Er mußtle dort schon orientiert sein, denn er b⸗
zichnete eine beftimmte Stelle, wo dunkles Tannengebüsch
nen verschwiegenen Winkel bildete.
Auch dieses Schreiben trug er im Morgengrauen nach
em Briefkasten, und erst dann warf er sich zu kurzem
Hsummer auf sein Lager
Volkmer kam schon aus dem Walde zurück, als der Früh—
stückstisch auf der Veranda gedeckt war. Die Tassen standen
rnoch unberührt, doch tönte aus Regines Schlafzimmer Häns—
hens Stimme herunter.
Der Förster sah bleich und leidend aus. Wie in großer
Erschöpfung sank er in den Rohrsessel, der für ihn beftimmt
par. Da fiel sein Blick auf Regines Platz. Neben ihrer
Tasse lag ein weißes Kuvert, das ihre Adresse trug, eine
zeübte männliche Hand war es gewesen, die ihren Namen
zeschrieben hatte.
Eine Ahnung, vielmehr ein Verdacht durchzuckte den
Förster. Er erhob sich wieder und verbarg sich drüben hin
ter den Tannenbüschen an einer Stelle, von wo aus er seine
Frau aufs genaueste beobachten konnte.
Es dauerte auch nicht lange, so erschien Regine mit dem
Zinde. Ihr Gesicht war ernst und kummervoll. Als sie das
eiben bemerkte, erschrak sie sichtlich und blickte scher
imher.
Noch ehe sie den Kakao eingoß, öffnete sie das Kuver:
und las.
Valentin konnte genau sehen, wie es entrüstet in ihrer
Iugen aufflammte, wie Röte und Blässe auf ihren Wangen
vechselten.
Dann schob sie das Schreiben mechanisch in ihre Kleider
tasche und faltete die Hände im Schoß. Ihre Augen blicktel
janz verstört. Erst allmählich berühigte sie sich. Und danr
am ein harter, entschlossener Zug in ihr Gesicht.
„Er hat sie zu einem Rendezbous aufgefordert,“ dachtt
Lolkmer, „sie wird gehen, aber ich werde auch dabei sein
ind endlich erfahren, ob sie jenen Menschen so tief verachtet
vie sie behauptet.“
Daun trat er vor und nahm mit einem kurzon Guter
Morgen am Frühstück seiner Familie teil. .
Ulnerträglich langsam flossen die Stunden dahin. Den
Förster dünkte dieser Tag eine Ewigkeit. Doch ohne daf
degine das geringste ahnte, lag er ununterbrochen auf der
rauer, bewachte aus nächster Nähe jeden ihrer Schrittke, bo,
bachtete jede ihrer Bewegungen.
In der vierten Nachmittäagsstunde rief Regine die altt
Dore heraus und beauftragte sie, nach dem Knaden zu sehen
Sie habe Kopfschmerz und wolle ganz allein einen Spazier
Jang machen. Wenn der Herr komme, möge sie ihm der
Haffee herausbringen.
Volkmer hörte in seinem Versteck jedes Wort, und alt
Negine, nachdem sie sich, von dem Kinde verabsdiedet, d.
Kapitel.