Full text : Dudweiler Zeitung

beren, hat nun in semer Budgeirroe vor der Zwehn
Kammer hervorgehoben, daß Holland niemanden heraus
fordere, wenn es Vlissingen befestige, auch sei das Ge—
rücht, daß Deutschland in dieser Frage eine Prejsson au
dolland ausgeübt habe, ein Märchen. Keine Macht könn!e
dolland einen Vorwurf aus der Absicht machen, d'e
Mündung seiner Flüsse nach modernen stra“egischen Ge—
spuntten zu befestigen. Aus unserer beistehenden Kar“
i die Ausdehnung der eils im Bau beiind ichen, tei⸗
geplanten Festungswerke bei Vlissinzgen klar zu ersehen
Wie weit dieselben bereits sertig gestellt sind, wird natur—
gemäß streng geheim g halten, doch steht schon jetzt fest,
daß sie nach ihrer Vollendung zu den stärlsten Küstenwer—
ken gehören werden. Besonders das am linken Schelde
ufer gelegene Resenfort Frederik Hendrik wind ganz be
deutende Dimensionen und eine dement'vrechende Ar.ilse
ie aqufweisen

Aus West⸗ und Süd⸗Deutschland.
sBochum, 8. Dez. (Antwort des Zechenver—
bandes.) Die ablehnende Antwort des Bergbauvereins
auf die Eingaben der organisierten Ruhrbergleute ist den
beieiligten Verbänden zugestellt worden. Während sich die
Antwort an den Gewerkverein christlicher Bergarbeiter aus—
führlich über die Ablehnungsgründe ausläßt, ist der den
übrigen Verbänden zugestellte Beschend sehr knapp gehal—
len. Für die Knappschaftsforderungen erklärt sich der Ze
chenverband als unzuständig. Der alte Verband, die Po—
len und Hirsch-Dunckerschen treten in diesen Tagen zu ei—
ner neuen Konferenz zusammen, um über die weiteren
Maßnahmen zu beraten.
* Krefeld, 9. Dez. (Berhafteter Arzt.) Die
Strafkammer verurteilte den praktischen Arzt Dr. Wienhue
wegen Verführung eines minderjährigen Mädchens zu 6
Monaten Gefängnis. Wegen Fluchtverdachts erfolgte seine
ofortige Verhaftung.
* Mainz, 8. Dez. (3ur Fisch zucht.) Der Hesst
sche Fischereiverein hat beschlossen, im kommenden Jahr
jür 2255 Mark Fische in dem hessischen Gebiete auszu—
setzen. Besonders soll der Rhein mit Zandern bedacht
werden, außerdem werden Schleien in den Rhein gesetzi
werden. Main, Neckar und Lahn bekommen Schleien und
Karpfen; die Gewässer im Odenwald und Vogelsberg da—
gegen Saiblinge. Von der Aussetzung von Krebsen wurde
besonders wegen der Unzuverlässigkeit des Materials und
weil sich der Bestand in den Bächen selbit ergänzt, Ab
tand genommen.
* Frankfurt, 8. Dez. (Ueberfall.) Am Grieshei—
ner Exerzierplatz wurde der Agent Wilhelm Bienert, aus
mehreren Messerstichen blutend, bewußtlos aufgefunden
—ARDVV
* Hanau, 9. Dez. (RKätselhafte Funde.) Nach—
dem vor einigen Tagen im sogenannten Franzosenloch,
sinem Wassertümpel, ein großer Posten Goldabfälle ge—
unden wurde, wie sie in Goldgeschäften bei der Arbeit
nitstehen, hat ein hiesiger Einwohner daselbst Nachsorsch—
uigen im Schlamme veranstaltet und dabei wieder für 300
MNark Golbdabfälle gefunden. Man glaubt, daß das Goh
zon einem in einem hiesigen Goldgeschäft beschäftigter
holdarbeiter gestohlen und aus Furcht vor Entdeckung da⸗
elbst vergraben worden ist.
* Straßzburg, 9. Dez. Werhafteter Spion,)
Ein Unteroffizier der Maschinen-Abteilung des 130. In—
anterie⸗Regimnents wurde dem „Messin“ zufolge in einen
vause der St. Medardusstrafe verhaftet, als er 500 Mar!
in Empfang nehmen wollte, die ihm von einem franzö—
sischen Spion für die Auslieserung eines Maschinenge—
wehrrohres zugesichert waren. Der Unteroffizier hai so—
fort sein Verbrechen eingestanden

J
robhne Jun aller Welt.
us. Im 1. Grderegiment in Potsdam find
einige typhöse Erkrankungen gnnhend Ein 8*
ist bereiis gestorben, zwei andere üͤegen im Laßareu.
sche ueh ee Lndwis Knaus, der berühmte deut
aler, i m ter von 3 i i
5. * 81 Jahren in Berlip
om Theater. Die Berufung des Direltors Schmie
dens zum Intendanten des Stutigarter Hoftheater 8
sar die nächste Saison bevor. Den Intendant in Suut
— von Potlitz wird an Stelle des Intendanten von
utzenbecher, der sein Entlassungsgesuch tros aller De
Nenti gufrecht erhält, an das Wiesbadener Hofthealer ge—
hben. Für das Reue Theater interessieren sich auch trotz
es Dementis Rudolf Nelson und Mar“in Kettner, die
us dem Hause ein intimes Varietee machen wolen.
Raubmord. Bei Herrenhut in Sachsen wurde eine
aus besitzerin und deren Tochter ermordet. Es liegt
taubmord vor. Die Raubmörder haben das Haus im
zrand gesetzt.
Opfer der Margarine. Wie „Der Gesellige“ noch
wer die Vergiftung der Familie des Arbeiters Matzal
n Hamburg mitteilt, sind auch die beßu 14 und 16
zahre alten Söhne gestorben, sodaß bie ganze Familir
on sieben Personen tot ist.
Verschollen? Der Fischdampfer „Seehund“ aus Gee—
sem'nde ist noch 16654iger Reise noch nicht beimazk
— EF —
tin unbeschreiblicher Unterschied zwischen der heiligen Ruhe
im Waldesschatten und diesem fieberisch pulsierenden Leben
Und allen, wie sie auch an ihrem Auge vorüberzogen
'ah man mehr oder weniger den Kampf ums Dasein an
Zu diesen Kämpfenden hatte auch sie gehört, Tag um
Tag im Joch geschmachtet, und war doch glücklich gewesen,
ich eine sichere Existenz errungen zu haben.
Freilich, an diesem Hasten und Jagen hatte sie niemals
Fefallen gefunden, im Gegenteil flößte es ihr auch früher
sichon Unbehagen ein.
Jetzt aber quoll ein Dankgebet in ihr empor. Dieser
Tag Wwar gewissermaßen eine Prüfung für sie. Und mi
bessem Gewissen konnte sie behaupten, daß nichts sie hier
fesselte. Weder die lockenden Theaterzettel, noch die großer
eleganten Restaurants oder der bunte Menschenstrom, der
sich unaufhaltsam vor ihr ergoß.
Schon jetzt empfand sie Sehnsucht nach ihrem Wald
mit seinen verschwiegenen Reizen, den duftigen Plätzen
zwischen Moos und Blumen, den rauschenden Bäumen und
dem flüsternden Wind.
O, wie herrlich war es dort draußen, mochte nun die
Natur unter weißer Schneedecke ausruhen oder in der Voll⸗
entfaltung ihrer sommerlichen Schönheit prangen, immer
wirkte sie erhebend, leidbefreiend und süßen Frieder
spendend. J
Sie öffneke ihre Handkasche und zog ein Kuvert hervor
n dem sich der Pfandschein befand. Ein Schatten glit
über ihr bräutlich liebliches Gesicht. Zum ersten Mal
wieder kam ihr die Erinnerung an Heinz Diesing an desser
Mutter und den am Totenbette geleisteten Schwur.
Sie erschauerte, hastig wollte sie sich erheben, doch wi
gelähmt blieb sie auf ihrem Platze. Heinz Diesing! Welche
Folgen wohl eine Begegnung mit ihm für sie gehabt, hätte
Schon damals war er soweit gesunken, daß er ihr drohte
Was wohl inzwischen aus ihm, geworden war!
Doch wozu dachte sie an ihn, welcher für sie jetzt nicht
nehr bedeutete, als jeder andere herabgekommene Mensch.
Er freilich war vielleicht ganz anderer Ansicht. Und
war es unmöglich, daß er sich wieder emporgearbeitet und
jeden Augenblick hier erscheinen konnte?
Ein grenzenloses Entsetzen erfaßte sie. Mit einer flucht—
jhnlichen Bewegung erhob sie sich und eilte hingus.
Immer mit unruhigen Augen umherspähend, ging sie
veiter, ihre Pulse flogen, ihr Kopf begann zu schmerzen.
Aber als sie ganz unbehelligt blieb, beruhigten sich die
wild erregten Nerven wieder. In der Passageé blieb sie vor
diesem oder jenem Laden stehen, um gedankenlosdie kausend
Usgestelltken Kleinigkeiten. Schmucksachen und Biiouterier

an fürchtet, daßz er mit 11 Mann Besatzung unterge
angen in.
Verhaftete Menschenbestie. Der viel gesuchte Mäd—
enhändler Glowinski ist nunmehr in Galizien verhaftet
porden, als er seine eigene Frau an ein Freudenhaus
erkaufte. Ferner wurden zwei Reisende eine eine ele—
ant getleidete Dame festgenommen. Erstere wieben einen
ebhaften Mädchenhandel in ganz Polen. D's Dame warb
inge Mädchen auf Bahnfahrten an.
Pest. Aus der Mandschurei wird eine Karke Aus
reitung der Pest gemeidet. Auch in der Mongolei soller
anze Stämme verseucht sein. Sibirien und das Amur—
ebiet sind nach den vorliegenden Berichten ernstlich von
er Pest bedroht
Aufgeklärt? Das rätselhafte Verschwinden der jun—
sen Deutschen Anni Knoll, deren Leichnam bekanntlick
a'bverbrannt in der Umgebung von Paris gefunden wor
»en ist, soll jetzt seine Aufklärung gesunden haben. In
em Schließkorb der Knoll fand man einen Brief, der ou
en Pfarrer des Heims gerichtet war und Geld erhielt;
zarin war die Bitte ausgesprochen, es an die Armen zu
erteilen. Demnach schließt man auf Selbstmord.
Selbstmord. In ihrer Wohnung in Paris hat die
Zjährige deutsche Maschinenschreiberin Euise Bertram aus
ziebesgram ihrem Leben ein Ende bereitet. Das Mäd—
zen stammt aus einer Familtie in Dortmund.
Ueberschwemmungen. Hestige Stürme und Ueber—
hwemmungen haben den Eisenbahndienst in den westlich
elegenen Teilen Portugals vollständig desorgani—
iert. Der Telegraphen-Dienst mit dem Auslande ist zum
deil unterbrochen. — Die Ueberschwemmungen in Eng—
and nehmen immer weitere Ausdehnung an. In Lin
eoln hat der Witham-Fluß die Ufer überschwemmt unt
tinen Teil der Stadt unter Wasser gesetzt. Mehrere Frauen
die vomn Wasser abgeschnitten waron, wurden von Poli
jisten gerettet. Ein vierjähriges Kind ist in den Wellant
gefallen und ertrunken. In mehreren Ortischaften des Dist
riktes Tewkersbury konnten die Wahlen nur mit Müh«
durchgeführt werden.
Die Delagoa⸗-Bai. Nach einer Londoner Meldunç
bdes „Paris-Journal“ verlautet in Pariser politischen Krei—
sen, daß die Unterhandlungen zwischen England und Por
tugal bezüg ich des Verkauss der Delagoa-Bai an Eng
sand wieder aufgenommen worden seien.
Ehe-Tragödie. Aus Rom wird berichtet: Der Ad
pokat Florentini, der um 20 Jahre jüngere Gatte der an
zeblich durch Selbstmord geendeten Frau Margarete Kü
erstein aus Dresden, ist vom Untersuchungsrichter ausge
ordert worden, sein Haus nicht zu verlassen. Gegen der
dvokaten ist der Verdacht rege geworden, daß er sein
Frau durch schlechte Behandlung zum Selbsimord getrie
»en hat, oder har selbst getötet hat. Als unwahr hat sick
iber erwiesen, daß Florentini das Vermögen seiner Frar
in sich genonmimen und verwirtschaftet habe. Die von den
Advokaten auf Giand einer regelrechten Vollmacht abge
chlossenen Geschäfte waren durchaus einwandsfrei. De
Bruder der verstorbenen Frau ist aus Dresden mRomen
zetroffen
Ueber einen Wunderdoktor, der seit einiger Zei
auf dem Haberberg viel von sich reden macht und großer
Zulauf hat, wird der Königsb. Allg. Ztg.“ aus den
Leserkreis berichtet: Vielen aälteren Königsbergern wirt
noch die „alte Zinksche“, wie eine in der Sandgasse wohn
hafte etwa 60 Jahre oder darüber alte Quacksalberin und
„Kräuterfrau“ genannt wurde, bekannt sein, die seinerzet
durch die angeblich von ihr vollführten Wunderkuren Zu
Ppruch von weit und breit hatte. Jetzt hat diese Wunder
doktorin einen männlichen Nachfolger in der Person eines?
rüheren Holzarbeiters gefunden, der in einem Hause au
»em Viehmarlkte wohnt und ebenso wie seinerzeit die vor
rwähnte Frau Zink sehr großes Ansehen als ein Man
zenießt, der bei allen Krankheiten, denen die „Aerzte macht
os gegenüberstehen“, Rat und Hilse weiß. Nicht nur —
p wird behauptet — kann der Wunderarzt alle inner
lichen Krankheiten durch seine Medizin heilen; es genüg
in manchen Fällen schon, daß er die Person nur anstehß
und „bespricht“, um die Krantheit sofort zum Weichen zu
bringen oder mindestens eine erhebliche Besserung im Be
inden hervorzurufen. Der Mann halite taisächlich starken
Zulauf aus vielen Schichten der Bevölkerung in Stad
ind Provinz. Daß der Wunderdoktor es aber auch nich
erschmäht, geregentlich einmal Taschenspielerkunststückcher
uszuführen, beweist ein Vorfall, der sich vor einigen Ta
en ereignete und den Heilkünstler in unliebsame Berüh
ung mit der Kriminalpolizei brachte. An einem Tag
ämlich, als die „Sprechstunde“ vorüber, und die zahl
eichen Patienten abgefertigt waren, fühlte der Herr Dotk
or noch das Bedürfnis, sich durch ein Glas Bier zu
lärken. Er begab sich deshalb aus seiner im 4. Stock
verk belegenen Wohnung nach der in demselben Hause
inten befindlichen Frühstücksstube, deren Inhaber ihm per—
önlich gut bekannt war. Eben hatte der Geschäftsinhaber
dasse gemacht und die Tageslösung von etwa 200 Mark
aein Portemonnaie gesteckt, das er in der äußeren Rock
asche trug. Der Wunderdoktor ging auf den Kaufmanr
u, legte ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm
ie Worte ins Ohr: „Heute feines Geschäft; habe einer
Zzlinden sehend gemacht!“ Dann trank er sein Bier aus
ind verschwand Mit ihm aber war. wie der Geschäfts

zu vetrachten, dann, schrak sie wieder zusammen.
Es war am besten, wenn sie jetzt zuerst den peinlichen
Bang in der Jägerstraße auf dem Leihamt, besorgte und
dann zum Kaufhaus Hertzog fuhr, um sich Seidenstoffe vor
egen zu lassen.
Sie überschritt die Behrenstraße und bog dann in die
Jägerstraße ein. Die Sonne brannte unbarmherzig auf
dem Asphalt, die Luft war von feinem Staub durchsetzt.
Aufatmend betrat sie den großen, kühlen Hausflur det
königlichen Leihamtes. Hier war es erquickend im Gegen—
satz zu der Atmosphäre dort draußen.
Sie wollte soeben die Treppe hinauf, als sie zurück
xrallte, als sähe sie ein Gespenst.
Vor ihr stand Heinz Diesing.
Er, erkannte auch sie erst jetzt. Ein sekundenlanges
zegenseitiges Anstarren, dann löste sich Diesings Zunge.
.„Regine!“ rief er, und dann, noch einmal in freude
eschwelltkem Ton: „Regine, ich habe dich wieder!“!“
Ein Ruf der Empörung wollte sich von ihren Lipper
ringen. Daß jemand es wagen dürfte, sie mit ihrem Vor
namen anzureden, trieb ihr die helle Röte ins Gesicht. Seint
ausgestreckten Hände ließ sie unbeachtet. Mit hocherhobe—
nen. Haupte wollte sie an ihm vorüber.
Da griff er nach ihrer Hand. „Behandle mich dock
nicht wie eine.lästigen Fremden. Du kannst doch wohl ein
»aar Worte mit mir sprechen.“
Sie schaute aufgeregt in sein Gesicht. Er sah besser
rus als damals. Auch seine Kleidung war die eines situ—
erten Menschen. „Es scheint Ihnen gut zu gehen, Herr
Diesing, sagte sie herzlich, „das freut mich aufrichtig.“
Er taumelte fast. Regine, so unbarmhergig willst du
nich strafen, dich wirklich und wahrhaftig von mir los—
agen? Das kann dein Ernst nicht sein. Du bist doch
oohl nur meinetwegen hier an dieser Stelle, und ich bin
iberglücklich, dich wiederzuhaben!“
„Wie konnte ich wohl ahnen, Sie hier zu treffen, Herr
diesing!;
„Rede mich nicht noch einmal an, als sei ich irgend ein
I für dich!“ brauste er auf, „ich ertrage es nicht
on dir!“
„Dann ist es am besten, wir trennen uns jetzt gleich.
Ich habe hier geschäftlich zu tun und reise in wenigen Stun—
en wieder fort aus Berlin.“
„Geschäftlich?“ wiederholte er spöttisch, „du bist in
veldverlegenheit?“
Sie warf den Kopf hoch. „Nein, ich will den Ring ein
sen, den ich damals versetzte, als — Ihre Mutter nod

ntann bald darauf zu seinem Schrecken bemerkte, auch das
Kortemonnaie mit der Tageseinnahme verschwunden. Die
olizeilichen Ermitielungen ergaben dann auch, daß der
Zunderdoktor der Täter geween war. Der NKaufmanr
rhielt sein Geld zurück, doch dürfte sich die Behörde,
achdem ihr das Treiben des wundertätigen Mannes be—
annt geworden ist, wohl demnächst noch näher mit ihm
eschüfrigen. — Die von ihm gegebenen „Medizinen“ be—
tehen übrigens sämtlich nur aus Wasserleinunaswasser

— wö —
Die Moabiter Krawalse vor Gericht.
Die Sitzung am Mittwoch beginnt mit einer Erklär—
mgung des Ersten Staatsanwalts Steinbrecht, der
nitteilt, daß er dem Polizeipräsidenten Jag o waalle
zeugenaussagen, soweit sie das Verhalten und die Tätig
eit der Polizeibeamten betreffen und die Polizei bela
len, zur Einleitung einer Untersuchung vorbereitet habe
daraufhin habe der Poltizeipräsident Ermittelungen ange
rTonet, die aber ergeben hätten, daß die Beobachtunger
er Zeugen unmöglich richtig sein könnten. Die einzelner
zZeamten wüßten nichts von Mißhandlungen, die den An
ellagten, Zeugen oder anderen Personen auf der Kra
allstätte oder Polizeiwache widerfahren seien. Der
zolizeipräsident .Het deshalb anheim, die betreffenden Be—
muten nochmals zu laden, ebenso die Polizeileutnants, di
en betreffenden Revierwachen vorsteßken. R-⸗A. Lieb
necht erwidert darauf namens der Verteidigung, daß
alls das Gericht diese Polizeizeugen hören sollte, die Ver
eidigung eine nochmalige Konfrontation mit diesen Zeu
jen beantragen müsse.
Nach kurzer Beratung verkündet der Vorsizende Dr
dieber, daß das Gericht sich die Beschlußsa ung über
eide Beweisanträge vorbehalte. Die Verhandlung bring!
lichts wichtiges. — Am Freitag werden die Verhaͤndlun
jen weitergeführt.
Im Moabiter Krawall⸗Prozeß saßte das Gericht den
heschluß, daß weitere fünf Angeklagte aus der Hat zu
ntlassen seien. Bezüglich eines Angeklagten wird der Be—
chluß über den Haftentlassungsantrag vorbehalten.
— —
— *
Der Kuß der Jung)rau
Von R. S. —3
Vor drei oder vier Jahrhunderten zitterre man in
ganz Deutschland, wenn man an die Zungfrau in Nürn—⸗
berg dachte; der frechste Bandit erblaßte bei diesem Na—
nen, welcher auch rohen Landsknechten, die vor nichts
Furcht hegten, Schrecken einjagte; in den Hütten des
Landvolkes, in den Häusern der Bürger, in den großzen
Sälen der Feudalschlösser sprach man nur mit gedämpfter
Stimme davon, und dennoch sprach man häufig und gein
davon, wie von allen Dingen, welche die Phantasie aufreen.
Es war eine lange Reihe von Unglücklichen, wene in
den Umarmungen dieses unbarmherzigen Wesens inren
Tod gefunden hatten, und vermehrt durch die umlausendein-Geruchte
 wurde diese Liste noch immer größer
Die Jungfrau von Nürnberg war nicht etwan eine
blonde Deutsche mit blauen Augen und rostgen Wangen,
nein, sie war in der Tat etwas ganz Anderes, nänmich
eine schredliche Maschine, welche irgrnd ein grausamer
Henser der Menschen ersunden hactte. Sie zeigte sich nich
im Publikum, wie man sich wohl denken kann, und wurde
endlich, als die Nacht der Barbarei verschwand, als un—
nützes Möbel zurückgestellt. Im Laufe der folgenden Zeh—
cen kam man sogar so weit, ihre ehemalige Existenz gaͤnz⸗
ich zu leugnen, aber es ist seinerzeit dem Eiser eines eng⸗
ischen Reisenden gelungen, dieses historische Problem zu

Herr Wilmot, ein reicher und unabhängiger Mann,
welcher nicht wußte, was er mit seinem Spleen und seb—⸗
nen Guineen anfangen sollte, entschloß sich endlich, die
Jungfrau von Nürnberg aufzusuchen, von welcher er ge—
lesen batte. Augenblicklich läßt er Postpferde kommen, er
reist ab, der Kanal ist bald passtert, er geht über den
Rhein, er verspricht den Postillons hohe Trinkgelder und
sie treiben ihre Pserde zum schnellsten Laufe an. Am
Dienstag hatte Herr Willmot seine Wohnung verlassen, am
Freitag befand er sich in Nürnberg.
Sein erster Besuch galt den Gefängnissen des Stadt⸗
hauses, er hoffte einige Spuren von der Jungfrau dort
aufzufinden. Der Baumeister, welcher den Bau dieser
Refängnisse leitete, hat jedenfalls das Angenehme dem
rtuͤtzlichen zum Opfer gebracht. Was man das Loch
ennt, ist ein Souterain, zu welchem man auf einer Treppe
on fünfzehn Stufen etwa hinuntersteigt, und breiten sich
dann vor dem Besuchenden mehrere Guünge aus, an dere
deiden Seiten sich eine Reihe von kleinen ellen befindet,
die etwa nur sechs Fuß im Umfang haben. Dort lagen
die Gefangenen gefesselt, in der dichtesten Finsternis.
Nach eifrigen Nachforschungen an diesem schrecklichen
Ort fand Sir Wilmot eine Folterbank, welche einst seh
diel gedient hatte. Von der Jungfrau war indessen nichts
„u entdecken und erst nach vielen Untersuchungen erblelt er
Dunde wo sich dieselhe hefins—

Er machte große Augen. „So gut bei Kasse? Der
Tausend, was aus einem Menschen nicht alles in kurzer
Zeit werden kann! Vermutete nicht, daß du beim Förster
Volkmer eine so einträgliche Stelle hast!“
Sie keunen meinen Aufenthalt?“ stammelte Regine
fassungslos. Sie fühlte, wie diese Szene sie erniedrigte
wie dadurch auch ihr Verlobter beleidigt wurde.
„Ob ich ihn kennet Deine Wirtin hat ihn damals mir
verraäten. Es war auch längst meine Absicht, dich zu be—
fuchen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.“
Sie fland wie auf glühenden Kohlen, innerlich diest
Reise kief bereuend. Ihr war nicht anders, als habe sit
monatelang auf sonniger Höhe gewandelt und sei urplötzlich
in einen AÄbgrund geschlendert, wo hökliches Gewürm si—
elästigte.
Aber sie durfte ihn nicht noch mehr reizen, sonder—
nußte gezwungenermaßen auf seinen Ton eingehen.
„Erzaͤhlen Sie mir doch erst, was Sie jetzt beginnen,
zrachte sie scheinbar freundlich heraus, „Sie haben sich gan
auffallend zu Ihrem Vorteil verändert!“
Er warf sich in die Brust. „Was sagte ich dir damals?
Ich werde auch ohne Rechtsanwalt Lissa fertig.. Pri.
daldelektid bin ich jetzt und in einem der allerersten Bureaus
angestellt, mit Fixum und Tantiemen.“
Es durchschauerte sie eigen, sie konnte einem beklem—
menden Gefühl nicht wehren. „Und diese Beschäftigung be
friedigt Sie?“
Es ist das Gebiet, auf dem ich Tüchtiges leiste.
Fa, ja, man entdeckt seine Talente oft erst spät. Ich bin
ausenoͤfroh, den engen Bureauräumen glücklich entronnen
zu sein. Jetzt umgibt mich frischquellendes Leben. Jeder
Tag bringt Neues, Interessantes. Du solltest dich auch zu
iefem Melier entschließen, Kind, es ist einträglich und för⸗
ert die Gefundheit, vorausgesetzi, daß man nicht zu oft dem
Blase zuspricht.“ .
Regine nahm all ihren Muk zusammen. „Herr Die
fing,“ sagte sie bestimmt, „Sie haben das Recht, mich mi
du anzureden. Bitte, tun Sie es nie wieder, Sie beleidiger
mich dadurch
Er lachie ihr dreist ins Gesicht. „Nun, mein gnädiget
Fräulein, dann tun Sie mir die Ehre an, mich in ein Cafe
zu begleiten, nachdem Sie Ihren Ring wieder eingelöst
haben. Ich werde mir gestatten, Ihnen eine Schokolade an
ubieten.“ — 38
Es fut mir leid — begann sie stockend.
Da funkelten seine Augen sie in drohendem Zorn an
Vage es mich au reigen. zischte er. „und ich vernichte dich

zReisen Sie“, sagte mon ihm, „nach dem Schosse F
in Steiermark und suchen sie den Baton von Dietrichstenm
u * — n
Fünf Minuten später ließ Wilmot die alten Tuürme
Nürndergs hinter sich zurück, und entfernte sich mit Blitzes.
chnelle. Selbst die schroffen und gefährlichen Wege in den
zsterreichischen Gebirgen hielten seinen Eifer nicht zurüd,
er hätte über die Abgründe fliegen mögen. Plotzlich abei
warf ihn ein schreckllicher Stoß zu Boden, sein Wagen wa
n Stücken zerschellt. Verwundet, mit Blut bedeckt, erheb
der Engländer sich, setzt sich auf eines der Pferde und
erfolgt seinen Weg bis zur nächften Post.
Der Baron Dietrichstein wußte einen solchen Enthu—
tagmus zu schätzen, er nahm den Fremden bet der Hant
und führie ihn augenblicklich in das Zimmer, wo sich di
Jung'tau befand.
Man wird fragen, durch welche Reihensolge von Um—
ständen die Jungfrau sich in diesem Schlosse befand: i—
Sache ist ganz einfach.
Als im Jahre 1796 die französische Armee unter den
Zefohlen Jourdans die Stadt Nürnberg einnahm, als die
Zevollmächtigten des Direktoriums eine Kontribution von
echs Millionen Gusden verlangten. da verkaufte man so
chnell als möglich, was sich in den öffentlichen Gebäuden
Unbrauchhates vorfand, die Jungfrau wurde aus ihrem
Berstekee hervorgezogen, zum erstenmal erschien sie am hel⸗
en Tageslicht; ein alter Jude kaufte ste für eine geringe
Zumme, dann ging sie auf einen Kleiderseller über, bei
velchem der Baron Dietrichstein sie fand und sogleich ver
aufte.
Wenn man das Fußgestell, auf welchem sie steht, mit
echnet, so ist die Jungfrau fieben Fuß hoch, es ist ein
Zylinder von hohlem Holz, über welchem sich das ruhige
und lächelnde Antlitz eines jungen Mädchens befindet, die
Zeiten sind so bemalt, daß sie die Tracht des sechzehnten
FJahrhunderts darstellen.
Vermittelst einer geheimen Feder öffneten sich diese
Zeiten wie zwei Türen, das Opfer wurde rüchwärts in
»en kleinen Raum hineingestoßen, welcher nur einen Men—
chen in sich fassen konnte. Im Innern an der linken
Zeite, wo das Herz ist, befanden sich viergehn lange Mes—
er, auf der rechten Seite nur acht, dann schloß sich die
Maschine. Man vernahm einen Schrei, ein Strom von
Blut benetzte das eiserne Fußgestell.
Der Baron bemerkte dem Engländer, daß am Fuß
ind auf den Seiten des schrecklichen Instrumentes sich noch
zahlreiche Blutflecken befänden, die Messer waren ebenfalle
ioch mit einer roten Farbe überzogen.
Sir Wilmot ließ die Maschine sich öffnen und wieder
chließen; er ist der sansteste und mildeste Mann auf der
Erde, er würde ketnem Insekte ein Leid antun können
und dennoch hätte er in seiner archäologischen Wut gern
einen Menschen gehabt, welcher freiwillig sich der schreck
cichen Umarmung der Jungfrau dargeboten hätte.
Er bot dem Baron eine fabelhafte Summe an, um
Figentümer der Jungfrau zu werden.
„Wenn dieser Preis Ihnen nicht genügt“, fügte en
hinzu, „so will ich ihn verdoppeln, wollen Sie?“
„Und wenn Sie mir den Besitz von ganz Oesterreich
versprächen, so würde ich kein Bedenken tragen, nein zu
sagen“, erwiderte der Herr des Schlosses.
Der Engländer ließ nun die Jungfrau sorgfältig ab⸗
zeichnen, er überwachte die Arbeit selbst, er unterhielt sich
mit der Jungfrau, richtele Fragen an sie. So brachte e
drei Wochen, drei glückliche Wochen in dem stetermärkischen
Schlosse zu.
Nach seiner Rüdckehr publizierte er ein gelehrtes Werr
lüber diesen Gegenstand, dasselbe ist vor langen Jahren
mit Lunuß gedruckt und mit vielen Kupfern geziert 85
habe ein Etemplar vor mir.
Es scheint, daß die Jungfrau im Jahre 15353 verfer
tigt wurde Ein Spanier, heißt es, ein sehr geehrte
Qünstler, welcher sich des Schutzes Philipps des zweiten
ersreute, teilte den Mag'stratspersonen Nurnbergs die erit
Idee davon mit, und, heimlich in das Stadthaus einge
lassen, legte er die letzte Hand an dieses schreckliche Wert
Aehnliche Maschinen waren jenseits der Pyrenäen nich
inbekanntes. Eine freilich schwer zu beweisende Tradit o
zibt an, daß ein Student das erste Opfer derselben wurde
obgleich ohne Vermögen, wagte er es, die Tochter eines
zchöppen der alten kaiserlichen Stadt, welche sich an den
Afern der Pegnitz hin erstrecht, zu lieben, und wurde aus
solche Weise für seine Liebe bestraft.
Man versichert, daß in Berlin, Schwerin, Prag und
Innsbruck, die Jungfrau Nürnbergs ihre Schwestern hatte.
Sir Wilmot hat nicht Muübe noch Geld gespart, um ae
wisses darüber zu erkunden, es ist ihm jedoch nicht —
lungen.
Der Ausdruck „Jungfernkuß“ ist noch in der deutschen
Sprache geblieben, und jedermann weiß ihn zu deuten In
den großen Wörterbüchern sucht man ihn iedoch veraehlich

—I— »—
—

annst du veweisen, daß der Brillantring dein rechtmäßige⸗
Figentum ist? Und woher bekommst du tausend Mark?
Unter diesen brulalen Worten erbleichte sie langsam
xEr sah ganz deutlich, wie die Farbe aus ihren Wangen wich.
rine Ohnmacht wandelte sie an, sie mußte sich an dem ge
chnitzten, altertümlichen Treppengeländer festhalten.
Wenn dies Ihre Mutter hörle, Heinzd,“ fagte sie wi
herlöschender Stimme, „o, wie schlecht und niedrig find Si
doch geworden!“
Einen Moment war er bekroffen. Dann erschien Jeu
Zesicht wie in Blut getaucht, seine Zähne knirschten „Da
hast du mir nicht umsonft, gesagt, auf Knien sollst du e⸗
bitteh. Uad mein Wesb virst du doch ich werde di
zu zwingen wissen mit dem Recht des Stärkeren. Dit
acht ist auf meiner Seite·.
Sie war vor seinen drohenden Bewegungen langsan
urückgewichen bis über die Hausschwelle aufs Trottoir.
Run sland sie wie betäubt im heißen Sonnenbrand
diesing war in dem Hausfur zurückgeblieben.
Mechanisch ging sie ein paar Schritte weiter. An der
zcke standen Droschken. Sie bestieg eine derselben.
Hoch dem Anhaller Bahnhof,“ sagte sie, und wunderb
ich, wie seltsam heiser ihre Stimme klana.
VDer Wagen rollte durch die Straßen, über denen di
Mittagsglut brütete. Sie spannte ihren roten Schirm au
uind sah nicht ein einziges Mal um sich. Ihre brennende
J enn Leere.
ie verglich auch nicht mehr i ü m
dem *— g ch nich hr ihr früheres Leben
rst als sie in der kühlen Bahnhofshalle saß, löste id
in etwas die furchtbare Adahrn e vilt
janz beruhigte, sie sich nicht. Forlwährend fürchtete s
diefings Er heinen. Ihm kam es auf einen Skandal nich
an, vielleicht ging er sogar darauf aus, sie zu kompra
nittieren.
eeso S dacercet Ie Proben für das Brautkleid z0
aß sie Hänsche in hü 3 Spielzeu
en c chen hatte ein hübsches Spielz
uuninndenng sie — einer Stelle, aus rostige
nstarrend, etwas schien in i en
hre Indeneiihen ——Jꝛ
ndlich fiel es ihr ein, daß sie eigens die Reise unte
en um Sagen tß und daß ig sta
mmer der Pfandschein in ihrer Tasche befan
Iber es war, als gehe diese ä ihr r asche e
            
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