Abg. Haußmann (F. Vp.) dagt, der Entwur
sei noch verbesserungzfähig. Ter Ruf nach einer Schiff
barmachung der Zuflüsse werde immer stirmischer. De
Bodensee, der Obertchein, Saar und Mo'el müssen regu
liert werden.
Eisenbahnminister v. Breitenbach: Es ist nich
rxichtig, daß Handel und Industrie gegen die Vorlag
sind Die Verbesserung der Wasserstraßen soll ihre Kon
urrenzfähigkeit erhöhen. Für uns waren nur wirtschasft
liche Gründe maßgebend.
Abg. Gerstenberger (Ztr.): Die Mehrzahl des
bayerischen Zentrums ist prinzipiell für Schiffahrtsabga
ben. Großhandel und Kohlenkontore können meist Privat
orivilegien beanspruchen.
Abg. Dr. Hahn 6Gd. d. Lw.) sagt, unsere Wasser—
äufe sind Kunstwasserstraßen, für die Gebühren durchaut
angebracht sind. Redner polemisiert sodann gegen die
Abgg. Kämpf und Gothein.
Abg. Lehmann Goz.,.) erklärt sich im Namen der
sozialdemokratischen Fraktion gegen die Vorlage.
Abg. Wölzl nl. hofft, daß bei gegenseitigen Kon—
essionen die Kommissionsarbeit ein brauchbares Gesetz
iefern werde.
Abg. Winter (F. Vp.) spricht vom söchsischen
Standpunkte. und bedauert, daß man die sächsischen Be—
denken nicht beachtet habe. Das diene nicht dem inneren
steichsfrieden.
Ein Schlußantrag wird angenommen.
Die Vorlage geht an eine Kommission von 28 Mit
zliedern. — Mittwoch 1 Uhr: Kurpfuschergesetz.
Schluß 48 Uhr. 1
— ———
Aus aller Welt.
Schwere Benzin-Explosion. Auf dem Terrain de.
Benzin⸗Lagerungs-Gesellschaft m. b. H. in Westhagen be
Rummelsburg ereignete sich eine schwere Explosionskata
trophe. Dort liegen 19 Tanks, in denen das Benzin auf
bewahrt wird. Monlag Nachmittag waren sämtliche Tank—
bis auf drei gefüllt. In einen dieser drei wurde gerad—
aus einen Schiff Venzin gepumpt. Als der Tank etwe
jalb gefüllt war, wurde die Arbeit eingestellt. Einig
Minuten später, gegen 4 Uhr abends erfolgte plötzlich ein
onnerartiger Knall und die Erde erbebte in weitem Um
reise. Gleichzeitig züngelte eine Riesenflamme gen Him
mel. Der Luftdruck war so gewaltig, daß am Verwal
rungsgebäude ebenso wie an den übrigen Gebäulichkeite
die Fensterscheiben zertrümmert wurden. Die Ursache de
gewaltigen Detonation war, daß der eben gefüllte Tau
ohne ersichtlichen Grund explodierte. Etwa eine halb—
Ninute später erfolgte die zweite Explosion. Der be
iachbarte Tank war ebenfalls explodiert. Nach einige
veiteren Sekunden exrplodierten noch die rechts und link
iegenden beiden Tanks. Eine etwa 60 Meter hohe Flam
nensäule schlug in die Höhe. Sofort wurden die Feuer
vehren alarmiert, die in kurzen Zwischenräumen eintra
en. An eine Bekämpfung des Feuers war von Anfan—
m nicht zu denken. Die Feuerwehren mußten sich ledig
ich auf die Vorbeugungsmaßregeln beschränken. Gegen
er der Brand'tätte besinden sich die nicht minder umfang
reichen Anlagen der Petroleum-Geselsschaft und es bestan
die Gefahr, daß diese ebenfalls von den Flammen ergrif
en würden, ebenso eine Schneidemühle. Die Unglücks
tätte ist in weitem Umfange abgesperrt. Das Verwal
ungsgebäude, sowie die beiden Wohnhäuser wurden so
ort nach den ersten beiden Explosionen geräumt. Di
Bewohner retteten nur das nackte Leben. Bis Mitter
iacht war die Sitnaion dieselbe wie in den ersten Nach
nittagsstunden gleich nach Entstehung des gewaltiger
Brandes. Es brannten noch immer die vier Tanks, di
usammen etwa 2 Millionen Liter Benzin enthalten, wäh
zend die übrigen 15 Tanks beständig unter Wasser gehal
en werden. Man gibt die Hofsnung nicht auf, dies—
zu retten. Die brennenden Tanks wüssen vollständig aus
zrennen, was wohl 10 — 12 Stunden dauern wird. De
Schaden wird bereits jetzt auf eine Million geschätzi
Ueber die Ursache des Brandes ist man noch im Unkla
ten, doch vermutet man Selbstentzündung von Benzinga
en.
Automobilunglück. Ein schweres Automobii-Un
zlück, bei dem eine Person getötet und zwei andere schwe
verletzt wurden, hat sich in der Nähe des Bahnhofe
Werneuchen zugetragen. Dort wurde ein Automobil de
Berliner Motorwagenfabrik beim pafssieren des Gleise—
on einem Zuge erfaßt und zerschmettert. Von den In
assen wurde der Prolurist der Ahast getötet, de.
Lhauffeur und ein Lithograph schwer verletzt, während ein
zierter Insasse unversehrt blieb.
Vermißter Dampfer. Aus Stettin wird berich
et: Der Dampfer „Berlin“ der hiesigen neuen Dampfe
Lompanie ist seit 17 Tagen überfällig. Er war mit ei—
zer Ladung Kohlen von Sunderland nach Stettin unter
vegs. Da bisher weder bei den cschwedischen, englischer
der Steitiner Schiffsämtern eine Nachricht über den Ver—
zleib des Schiffes eingelaufen ist, nimmt man an, daf
zas Schiff in der Nordsee gesunken ist. Die Besatzune
estand aus 17 Mann.
Gesuchter Mörder. Angesichts der Tatsache, daf
zie Pariser Polizeibehörde den flüchtigen Kapitän Meynier
toch nicht entdeckt hat. hat der „Matin“ eine Vrämie vp
Wohl krampfte sich das Herz der alten Dame in Weh
nut h hamoftest halle doch immer gehofft, daß ihri
ochter es sein sollte, welche das Wunder an dem vernach
affigten Kinde vollbrachte, es zu einem derben, gesunde
Fungen erzog und dafür sich des Försters ganze Liebe
rann.
) Äber sie war auch recht genug, einzusehen, daß es El
riede an der so notwendigen Langmut mangeln würde
snd Elfriede war es geweien, welche sie aufgeheßt. das Säß
ichjste von dem fremden Wadchen gesprochen yarte.
Es war der giten Dame, als habe sie etwas gut zu
nachen. Sie reichte Regine freundlich die Hand. „Die
Waldluft scheint Ihnen vortrefflich zu bekommen, Fräulein,
and dafür, daß Sie Hänschen so vorzüglich pflegten, mache
ch Ihnen mein Kompliment.“ J F
Ich danke Ihnen, gnädige Frau, Sie beschämen mich.
die Frühlingsluft und Hänschens Riesenappetit find die
Den nieger seiner Gesundheit. Mir bleibt da nichts zu
un übrig.“ F
Der Knabe entwand sich bald den Liebkosungen der Rä—
in. „Du hast mir versprochen, oben in deiner Stube Scho
mit mir zu trinken, Tante Gina, komm, ich will nach
oben!“
„Nun, nun, erst müssen wir ablegen, so, und nun frage
bapa, ob er erlaubt, daß du mit hinaufkommst!“
„Bitte, bitte Papa, Tante will mir vom WVolf und Ro—
üppchen erzählenl“
„Geh nur, geh, Wildfang, sei aber auch hübsch artig!“
Verstohlen lugte Frau von Bittner zuin Förster hin
iber. Du lieber Himmel, der stand da, so unbewegt wie ein
Zaunpfahl. Der Mann mußlte wohl keine Augen für dite
Schönheit und Anmut haben, sonst hätte er an soviel Reizen
nicht kalt und gleichgültig vorübergehen können.
Regine verabschiedete sich durch eine tiefe, ehrerbietige
Berneigung, dann zog sie den Knaben mit sich fort.
„Das Brautpaar schmollt,“ dachte sie, während sie lang
jam hinter dem Kinde die Treppe hinaufging, „die Mamc
st wohl, Vermittlerin zwischen den beiden. Run, Volkmen
hat ja ein so weiches, goldiges Herz, er ist sicher zum Nach
Jeben bereit.“
Es wollte sie wie Wehmut beschleichen, aber ihr heikerer
Sinn wehrte sich tapfer gegen die Regung. Die Gegenwart
var ja so schön, wozu sich da'mit Furcht vor der Zukunf'
»lagen! Immer konnte es nicht so bleiben. Das Leben be
teht aus Wechselfällen. Wer eine Weile gleichsam im Para
ese gelebt hat, muß auch Schmerz und Kummer zu tragen
vod gFrants ausgesetztsaufe die Entdeckung des Morders
er Baronin d'Ambricourt. (Die widerlichen Reklameblü
en, die der ‚Matin“ sich fortwährend leistet, „duften“ nur
ber bald zum Himmel. D. Red.)
Erkraukte Soldaten. Im Marinespital zu Tou!or
efinden sich gegenwärtig an 100 typhuskranke Soldaten
das Wärterpersonal mußte durch Krankenwärter aus Bref
erstärkt werden. — Wie aus Alencon gemeldet wird
ind daselbst 65 Soldalen an infektiöser Grippe erkrankt.
Zugenigleisung. Abends ist auf dem Bahnhofe vor
Ibresle bei Lyon ein von Lyon kommender Personenzu—
ntaleist. Die Maschine und die vier ersten Wagen dritte
dlasse wurden umgeworfen, 10 Reisende mehr oder we
liger schwer verletzt. Eine Frau wurde in bedenklichen
Zustande ins Krankenhaus geschafft.
Der Angreifer auf Lord Churchill. Aus Londor
vird berichtet:. Der Frauenrechtler, welcher im Eisen
ahnwagen den Minister Churchill angegriffen hat, ist
vie verlautet, kein anderer als der Neffe des Post- und
Telegraphenminissers Samuel.
Eiseubahnerstreik. Im spanischen Ministerium dern
ffentlichen Arbeiten lief ein Telegramm der Direktoren
er Eisenbahn Medina — Zomora und Orense — Vigo ein
»onach der Betrieb auf diesen beiden Babnstrecken völli—
ingestellt werden mußte. da sämtliche Arbeiter und An
eftellte in den Ausstand getreten sind. Auch die Eisen
ahnlinien, die den Verkehr zwischen Spanien und Por
igal vermitteln, sind damit lahmgelegt.
Gruben-Explosion. Aus New-York wird telegra
hiert: In Matalester im Staate Oklahama fand in de
umbo⸗-Grube der Choetaw Asphalt-Gesellschaft eine seh—
hwere Exploston statt, bei der 14 Arbeiter getötet wur
en. Die Ursache der Explosion ist noch nicht aufgeklärt
Der Kampf gegen den Zuckertrust. Die Staats
nwaltschaft hat ein gerichtliches Versahren zum Zweck.
er Auflösung der American Sugar Refining Compant
ingeleitet, der zur Last gelegt wird, daß sie eine unge
etzliche Kombination zur Beschränkung des Handels dar
ellt und gegen das Antitrustgesetz verstößt. In der Klage
chrift gegen den Zuckertrust behufts Auflösung erklärt die
Lundesregierung, der Trust sei die Ausgeburt von Be
rügereien und habe ein Monopol errichtet, indem er durck
ichtßcheue Praktiken und besonders durch geheime Abkom
unen mit den Eisenbahnen und durch Zollhinterziehunger
iKonkurrenz beseitigte. Die Regierung verlangt ein
instweilige Versügung, welche den Weiterbetrieh der Trust
eschäfte in ihrer gegenwärtigen Form verhindern solle
zventuell sollen, während das Gerichtsverfahren schwebt
er Trust und seine neunundzwanzig Untergesellschafter
er gerichtlichen Verwaltung unterstellt werden. Der Pro
2ß, welcher zwei Jahre dauern dürfte, steht an Bedeutung
en gegenwärtig schwebenden Oeltrust- und Tabaktrustpro
essen nicht nach. Die Klage erklärt, der Trust produzier
8 Prozent des raffinierten Zuckers in Amerika.
ESaundwirbelsturm. Durch einen Sandwirbelsturm ij
ach einer Meldung aus Aschabad der Eisenbahnzug aus
drasnovodsk zum Stehen gebracht. Der Verkehr ist un—
erbrochen. Eine hier noch nie vorgekommene siarke Kälte
zerhindert die Säuberung des Gleises.
Vom NKurpfuschertum in fruheren BZeiten. Daß
ogenannté Kurpfuschergesetz ist dem Reichssstag zugegan
jen und bei den Verhandlungen wird man vielleicht man
hes nette Heilverfahren der modernen Dr. Eisenbärte
ennen lernen. Es wird daher den Leser jetzt besonders
nteressieren, etwas von den verschiedenen „Heilkünstlern
rüherer Zeilten und ihrem Metier zu hören. Es sei zu
iächst bemerkt, daß sich auch heute noch unter den „Quack—
albern“ vorwiegend Vertreter jener Berufe finden, aus
enen sich im Mittelalter und später, besonders nach de
ranzösischen Revolution, hauptsächlich Menschen- und Tier
rzte rekrutierten. So zeigte eine in Bayern im Jahr«
902 aufgenommene Statistik, daß weitaus die meisien
er Personen, die das außerärztliche Heilgewerbe ausüb—
en, frühere Nachtwächter, Zaunschneider, Schuster, Schmiede
ind dergleichen waren. Die meisten „Doktorinnen“ hatten
ich ihre Kenntnisse im Heilverfahren als Dienstmädchen
rworben. Im Jahre 1904 gab es in Bayern einen völ—
ig ungebildeten Menschen, der von seinem 16. Lebens
ahr an schon „alle Krankheiten“ heilte. Demnach ist bel
iesem „Ueberdoktor“ ein Hinzulernen ganz und gar un
nöglich, er müßte denn mit der Zeit mehr Krantkheiter
jeilen lernen, als es überhaupt gibt. Einen gewaltigen
Aufschwung nahm die Kurpfuscherei mit der Erfindung
»er Buchdruckerkunst. Denn nun konnte man seine Rezepie
inem größeren Kreis zugänglich machen; es lamen die
erschiedenartigen Arzneibücher auf, von denen das be—
ihmteste unter dem Titel Paulinis Dreckapo⸗
heke“ in großen Massen bis auf den heutigen Tag ab—
zsetzt wird. Wurde das Büchlein doch vor kaum zwel
‚ahren in neuer Auflage hergestellt, millionenweise natür
ch. Wie der Titel andeutet, figurieren in diesem Heil
nittelverzeichnis hauptsächlich Salben, Pflaster und Piller
»ie aus Dreck, d. h. animalischem Kot hergestellt werden
kin liebsiches Rezept aus der „Dreckapotheke“ ist au
ieses: Man ißt zehn Tage lang Wanzen, die bekannte
zraunen Tierchen, bei deren Namen schon vielen Leser
in Grauen den Rücken hinablaufen mag. Zuerst ein
inzige nur, am zweiten Tage zwei und so weiter, bi
aan es auf zehn Exemplare gebracht hat, worauf di
fhoit weichen vr ARm Mitfttelestor aren
Dore brachte die Schokolade. „Nun werde mir eine;
ius den Feinen klug,“ sagte sie, „lieb hat er das gnädig
Fräulein zum Aufessen, das wissen allel Und macht dod
eine Anstalten zur Hochzeit, was nur in ihn gefahren ist!“
„Nur Geduld, Dore! Das kommt einmal schneller, alt
vir alle es denken“ Wer weiß, welche Bedingungen das ver
vöhnte Fräulein noch stellt. Die Zimmer entsprechen mo
ernen Ansprüchen durchaus nicht.“
„Da können Sie schon die rechten Gedanken haben
Fräulein. Unser Herr soll mit dem Baumeister aus de
Stadt bereits über einen Anbau gesprochen haben.“
Regine nickte nur noch. Das Gespräch war ihr pein
ich. Sie war froh, als sie wieder mit ihrem Schützling allei
ein und ihm Märchen erzählen durfte.
Frau von Bittner kam nun endlich dazu, sich alles von
Zerzen herunter zu sprechen, freilich, eine kurze, auf Regin
ielende Bemerkung konute fie auch jetzt nicht unterdrücken
„Eine schlaue Person; sie kommt der Unannehmlichkei
ich hinausschicken zu lassen, zuvor.“
Volkmer fand die Aeußerung über die Maßen iaktlos
lber erschwieg, um die alte Dame nicht noch mehr zu reizen
„Nun will ich Ihnen von Larsen erzählen.... Meil
Ichwager war außer sich darüber, daß der Leichtfuß vor
inem Leutnant es gewagt hatte, sich heimlicherweise mi
Afriede zu verloben. Er entbot Larsen zu sich und kanzelt
hn gehörig ab. Larsen war bereit, die Kaution sofort *
eschaffen, aber mein Schwager bedeutete ihm, daß er seit
Vort als gelöst betrachten möge. Er sei frei und könne übe
eine Person nach Belieben verfügen. Nur verlangte e
arsens Ehrenwort, sich Elfriede nicht wieder zu naͤhern
diesem Verlangen entsprach der Leutnant. Die ganze An
jelegenheit wurde auf friedlichem Wege beigelegt.
Elfriede lacht jetzt nur noch über die dumme Verlo
ungsgeschichte, die für sie nichts weiter war, als ein Traum
ind noch nicht einmal ein angenehmer.“
„Sie sind Ihrem Herrn Schwager zu großem Dank ver
flichtet,“ sagte der Förster ernst, „durch die energisch
zandlungsweise desselben bleiben dem gnädigen Fräulei
Waꝛ Enttäuschungen einer unglücklichen Fra
cspart.“
„Ich kann Ihnen nicht sagen, lieber Freund, wie leich
nir ums Herz ist, seitdem die Dinge diese Wendung genom
ien haben. Elfriede singt und jubeliert den ganzen Ta
ie eine Lerche. Verzeihen Sie ihr, was sie Ihnen getan, si
t bereit, alles nach Wöglichkeit gutzumachen. Nur de
eisten Schritt dürfen Sie ihr nicht zumuten. Nicht wahl
28 leben Gie einꝰ“
Schmiede, Hufschmiede usw. die medizinischen und chirur
zischen Wohltäter der Menschheit. Viele kurierten schon
ängst „a la Dr. Eisenbart“, ehe dieser volkstümlich an
ekanntesten gewordene Charlatan auftrat. In ärztlichen
dreisen ist man übrigens der Meinung, daß Dr. Eisen
art, der im Jahre 1727 in München starb, auch heut
noch seinen Mann stellen könnte, denn noch immer gib
s die unglaublichsten „Kuren“; wie ja bekanntlich erst vo
urzer Zeit eine große Industrie in mittelalterlichen Heil
nitteln durch eine sensationelle Gerichtsverhandlung naͤhe
ekannt wurde: die „VHombastuswerke“. Das Unternehmen
iannte sich nach e Arzt des 16. Jahr
junderts, der Bombastus hieß. Wenn in früheren Zeiiten
das Kurpfuschertum zur besonderen Landplage wurde
ann gab es Einschränkungen und Verbote. So wurd
inmale durch die deutschen Bischöfe die Ausübung de?
heilgewerbes „allen Idioten, Weibern und Juden“ ver
⸗oten. Auch jetzt geht man durch das Kurpfuschergesen
em Schwindel im Heilwesen zuleibe, an seine gänzlich
lusrottung ist aber in absehbarer Zeit nicht zu denken
rkin Verbot, die Heilkunde ohne ärztliche Approbat'on aus,
uüben, wäre heute schon deshalb nicht möglich, weil bei
veitem nicht die nötige Zahl Aerzte vorhanden ist.
Wie Fritz Reuter die Furcht vor dem Fürch—
en lehrte. Einer der ersten Schüler des berühmten platt
eutschen Dichters, Karl Behrends, schildert eine nächt
iche Turnfahrt, wie sie von Reuier an Sommerabende
nehrmals veranstaltet worden sind. Der von seinen Schü
ern mit aufrichtiger Hingabe verehrte Lehrer wollte ein
ial den Mut seiner Zöglinge erproben und sie Gespen
lerfurcht überwinden lehren. Er versuhr dabei nach fol
ender Methode: das Ziel des Ausfluges mit den Kna
en, die Erlaubnis bekommen hatten, statt daheim in
zette, die Nacht einmal draußen in freier Nalur unte
em Dunkel und Knistern der Bäume im Walde zu ver
ringen, war das eine Stunde von Treptow geleger.
tadtholz. Auf dem Marsch kamen sie in die Nähe des
jriedhofes. Da ließ Neuser Halt machen, riß aus fei
em Noltizbuch einige Seiten heraus und machte so vie
nnzelne Zettel, als Schüler um ihn waren. „Fürch et sich
ner vor Gespenstern?“ — Keine Antwort. „Run“, me'nt
teuter, „also lauter tapfere Jungens. Doch ihr müßt ee
iir auch beweisen, denn eine Behauptung ohne Beweis
ilt nichts in der Welt. Ich habe hier auf ein Du tzend
zettel Namen geschrieben; davon trägt jeder, der Mu
at, einen Zettel zum Kirchhof und legt ihn auf ein be
inimtes Grab. Doch muß jeder allein gehen. Wer wil
er erste sein?“ Totenstille. Reuter wiederholte d'e Frage
nd wandte sich, da diese auch ohne An wort blieb, diret
n Karl Schauert. Der nahm einen Zettel. Nun bo—
deuter Nummer zwei an, die ihren Abnehmer fand; nundt
o trat dann bei jedesmaligem Aufruf langsam und za
send einer vor oder wurde von seinen Kaͤmeraden se
ange vorgeschoben und in die Rippen gekniffen, bis e
uußer Reih und Glied war und nicht mehr zurück konnte
luf diese Weise wurden fimtliche Zettel verieilt und ar
hren gruseligen Ort befördert. Die ersten kamen schor
vieder, und zwar mit ganz andern Gesichtern, stolz und
elbstbewußt. Jetzt mußten die Zettel abgeholt werden
vobei die übrigen ihren Mut zeigen sollten. Das gin
esser: waren doch alle mit heiler Haut zurückgekehrt
Zald befand sich Reuter im Besitze sämtlicher Blätter.
—
binden.
Dort, wo zwischen stillen Linden,
Durch die Nacht ein Lichtlein brennt,
Wohnet jene holde Jungfrau,
Die mein Herz sein eigen nennt.
Doch wie jenes Lichtlein flackert,
Sucht in meiner Seele Reich
Erst die Liebe sich zu halten,
Finem schwanken Irrlicht gleich.
Plaudern wohl die regen Linden,
Daß an jenem Frühlingstag
Uns're glüdverklärlen Herzen
Schlugen einen raschern Schlag.
Damals hielt ich Deine Hände,
Du versankst in trübe Ruh, —
Und als ich um Worte flehte,
Armes Kind, da weintest Dul
*
—
Als die trauten Linden blühten,
Meild bewegt von Frühlingsweh'n,
Tiesßen sie Dein freundlich Fenster,
Nicht mein liebend Auge seh'n
Winter ist's im Herz geworden,
Winter auch in der Natur,
Die entlaubten Linden aber
Zeigen jetzt des Fensters Spur.
Humoristisches.
* Teilnehmer (in höchster Wut): „Wat is denn dat?
edeklingle und klingle und Sie melden sich nicht, Fräu—
An; Wenn ick Ihnen ru'se. haben Sie zu sunktionieren!
-
¶Die Burg der haßlichen.
(α Von P. K..
— Nachdrud verboten.
Vor vielen Jahren unternahm ein junger Mann, dem
man nachrühmte, daß Mutter Natur bei seiner Bildung
besonders guter Laune gewesen, eine Wanderung in das
Albanergebirge, um sich dort neue Stoffe zu schönen
Staffagen zu suchen, denn er war ein Maler und be—
reits genannt unter den Besten seiner Zukunft. Nachdem
er einen ganzen Tag zwischen Felsen und Abgründen her⸗—
umgewandelt war und als er schon fürchtete, er werde die
Nacht unter freiem Himmel zubringen müssen, traf er
einen menschensreundlichen Köhler, der sich seiner er⸗
barmte, ihn durch die Wildnis an einen altertümlichen
Bau führte und sagte: „Hier llopfet an, man wird euch
laben; aber nehmt euch in acht! ꝛ28 wohnen verrückte
Weiber daten.“ Der iunge Mann ückte seinen Führer
erwundert an und wollte weitere Auftltärung; der Köhlet
ber schüttelte lächelnd den Kopf und ging seinen Weg
veiter Hunger und Mattigkeit sind aber tyrannische Ge⸗
zieter.“ Der junge Maler ging auf das Tor des wunder—⸗
lichen Baues zu, der sich vor ihm wie eine halbverfallene
Ruine erhob, und klopfte an. Ein Schieber öffnete sich
und in der Oeffnung erschien ein Gesicht von so aus—
nehmender Häßlichkeit, daß der Maler entsetzt zurüctrat
Doch bald überwand er seinen Schrecken und bat um Ein—
laßz und Erquidung. Beides ward ihm gewährt. Nach—-»em
er sich durch Speise und Trank gestärkt und durch
inen gesunden Schlaf seine müden Glieder erquickt hatte
ieß er sich mit seinet Pflegerin in ein Gespräch ein und
rfuhr von ihr, daß sie mit einer großen Zahl Gefährtin⸗
nien in der Burg hause, da sie von der Welt ausgestoßen
eien. „Ausgestoßen?“ fragte der zjunge Maler: „weshalbe
dabt ihr ein Verbrechen begangen?“ — „Das allergrößtel!“
rwiderte die weibliche Mißgestalt: wir haben den Beifall
er Männer verscherzt.“ Weiter Wwolke sste übre Nuftlärunn
In Berlin stand vor dem Kriminal⸗
reruicht ein Arbeitsmann, der seinem Brotherrn, einem
dohgerbermeister, fünf Flaschen Aepfelwein aus dem Kel—
er gestohlen hatte. Seine Ausrede bestand in folgendem:
Meine Frau sagte immer, ich trinke zu viel; deshalb
vollte ich sehen, was mein Herr trinkt. Eine Flasche von
»em Wein habe ich wirklich im Keller ausgetrunken; er
chmeckte aber so schlecht, daß ich die anderen vier nach
Zause mitnahm, blos um meiner Frau zu zeigen, was
ein Lohgerber vertragen kann.“ Der Angekllagte wurde
zu einer kleinen Geldbuße verurteilt.
Sonderbare Courmacher und Bewer—
her um ein Mödchen gibt es unter den Stämmen der Ur—
inwohner in Australiern. In einem Artikel „Aus der
r5remde“ heißt es: „Hat ein Mann sich entschlossen, wel⸗
hes Mädchen er zur Frau haben will — gewöhnlich wirs
ie aus einem andern Stamm ausgewählt — so schleicht
r sich zu ihr, wenn sie etwas entfernt von ihren Be—
chützern ist, betäubt sie durch einen Schlag mit seiner
deule und schleppt sie in diesem Zustande zu seinem
Ztamme. — In der Tat, eine sehr liebliche Art ‚bei den
Männern, welche Liebe fühlen.“
2 *
Leute, die Schulden haben, mögen nach China reisen.
dort herrscht nämlich der vernünftige Gebrauch, daß bei
—„chuldklagen nicht die Schuldner, sondern die Gläubiger
ingesperrt, und wegen Vorschubleistung des Borgens wuit
— Stochvrügeln bezahlt werden —
Die Moabiter Krawalle vor Gericht.
44. Verhandlungstag.)
Am Montag begann die Zeugenvernehm—
in g zu den einzelnen Anklagefällen. Der Zeuge Kutschen
Rerius, der einen Kohlenwagen führte, wurde am 20.
zeptember beim Hinausfahren vom Kohlenplaß auf dem
alben Wege schon durch Streilende belästigt. Man rie
Im zu: „Wir brechen Dir die Knochen im Leibe entzwei
ind Du kannst Deine Knochen numerieren. Ein Steip
taf den Zeugen am Halse. Schließlich ist er, als er
inen Schutzmann sah, vom Wagen gesprungen und der
zchutzmann hat die Angeklagten Tiedemann und Merten
1s Mitbeteiligte festgenommen. Beide waren vom Streik
mitee veauftragt, den Wagetz zu verfoigen, um zu sehen
»ohin er fuhr. Beide Angeklagte bestreiten, an einer Zu
ammenrottung teilgenommen oder Gewalttätigkeiten be
angen zu haben. Die Beweisausnahme ergibt über di
kätigkeit der beiden Angeklagten kein klares Bild. Auch be
sen folgenden Fälten handelt es sich um solche Attacker
uf Kohlenwagen. In einem folgenden Fall ist der An—
ellagte Pflaster beschuldigt, „Bluthunde“ gerufen zu ha—
»en, als ein von Schutleuten eskortierter Kohlenwager
orüberkam. Er behauptet, daß das Schimpfwort sich gar
icht auj die Schutzleute, sondern auf die Arbeitswiilligen
ꝛzog, die streilenden Arbeiter geschlagen hätten. Er sei
amals zum vierten Grenadierregiment ausgehoben wor—
en und habe sich um den Streik wenig gelümmert. Der
ingeklagte Lind-wicki war zuerst als Zeuge für einen
rbeiter Bonnet vor den Untersuchungsrichter geladen wor—
en, Boͤnnet wurde bei einer der erwähnten Straßensze—
ien verhaftet und kommt demnächst vor das Schwurge
icht Lidwicki und Verteidiger Dr. Rosenfeld behaupten.
aß der Untersuchungsrichter Bombe ihn nicht belehrt habe
aß er seine Aussage verweigern könsise, wenn er sid
adurch selbst einer strafbaren Handlung beschuldige.
zchutzmann Schöndube hat in der Siclingenstraße ei—
en Mann namens Bruhn estgenommen, der mit Stei—
en auf einen Kohlenwagen geworfen haben soll. Be
ieser Gelegenheit soll ihm zugerufen worden sein: Dr
jast ja garnicht geworfen! Dieses Wort soll von dem
Angetklagten Tiedemann gesallen sein, und daraus
vird gefolgert, daß Tiedemann sich in der gewalttätiger
Nenge besunden habe. Er bestretet dies, und behaup—
et, daß er eine Strecke abseits gestanden und, als Bruhp
»ei ihm vorbeigesührt wurde, und auf Besragen sagte
er solle geworsen haben, da habe er ihm aus Scherz zu
zerufen: „Ich habe nichts gesehen, Du kannst mich al—
zeugen angeben.“ Schuzmann Gutheit hat bei einer
Attacke auf einen Kohlenwagen in der Rostockerstraße, wo—
zei die Rufe Bluthunde ertönten, ein Kohlenstück in den
stücken geworfen bekommen. Er behauptet, der Werser
ei der Angeklagte Meyer gewesenk Der Angeklagte
MNeyeer bestreitet die Behauptung des Zeugen, daß er
nehrere Male geworfen habe. Zeuge bleibt aber dabei
ind erklärt, daß er sich in der Person nicht irre.
i15. Verhandlungstag.)
In der Dienstag-Vormittagssitzung ereignete sich ein
Zwifchenfall. Ein Polizeileutnant trat vor und bat um
Schutz gegen Uebergriffe und Beleidigungen aus dem Zu—
zörerraum. Man hatte bei seiner Vernehmung gerusen:
So eine Frechheit! Wie kann der Mensch so etwas sagen!“
kin zur Rede gestellter Parteisekretär bestritt energisch,
ie Aeußerung getan zu haben. Der Staatsanwalt be—
mtragte eine Ordnungsstrafe, das Gericht begnügte sich
edoch damit, den Mann aus dem Saale zu weilsen
— — — ——
nicht fortsetzen, sondern verwies ihn an die Oberin, der
ich vorstellen zu lassen nun des Malers eifrigstes Bestre⸗
den war, Der Zutritt zu ihr ward ihm auch nicht er⸗
chwert. Sie schien sich von ihren Gefährtinnen an Miß⸗
zestalt noch zu übertreffen und doch vertieft sich der Ma—
ler bald mit ihr in ein Gespräch, das ihn immer mehr
fesselte, dem die Dame entfaltete dabei eine seltene Schärfe
des Verstandes und eine Anspruchslosigkeit, die der Maler
nicht häufig gefunden hatte. Der Gegenstand des Ge⸗
prächs betraf natürlich die Ursache der Zurückgezogenheit,
n welcher diese Frauen lebten. „Ich klage Euch Männer“,
sagte die Dame unter anderem, „der höchsten Ungerechtig⸗
eit an. Ihr seid blinde, bestechlich unzurechnungsfähtge
Richter. Der Schönheit huldigen soll alle Kreatur, denn
ie ist der Atem der Schöpfung, das notwendige Gefsetz ih⸗
tes Bestehens; aber warum huldigt Ihr nur der schönen
Form, als wenn es außer ihr keine andere Schönheit
gebe? Die ewigen Tugenden sind auch Schönheiten und
wenn ein Weib sich dieser befleißigt, sollte ein Mann, dem
Weisheit am Herzen liegt, dieses Weib ebenso seiner für
würdig halten, wie die, welche mit äußern Vorzügen be⸗
gabt ist. Doch was hilft's?“ fügte sie mit einem schalkhaf⸗
ten Lächeln hinzu. „Es ist mit Euch Männern nichts an⸗
zufangen; ich habe Euch aufgegeben. Als ich noch in
der Welt lebte, fehlte es mit an Bewerbern, selbst an
Bewunderern nicht, denn ich bin reich, und wo es Eure
Zwece gilt, verschmäht Ihr weder FJalschheit noch Schmei⸗
chelei. Aber ich erfuhr schnell die wahre Lage der Dinge
und beschlotz, dem Hohn nicht zum zweitenmale zum Op⸗
fker zu fallen. Ich wollte nichts schönes mehr um mich
sehen, sammelte daher alle die um mich, die an demselben
MNakel litten und zog mit diesem Schwarm der Häßlich⸗
ten in die Einöde. Meine Reichtümer verschafften meinen
Begleiterinnen eine behagliche Existenz; ich aber lehrte sie
hier in der Einsamkeit die ewige Schönheit verehren, die
über gebrechliche Form erhaben ist.“ — Der Maler ging
lief erschüttert über dieses Gespräch nach Rom zurück; doch
Aauben wir nicht, daß er sich dadurch zu einer Verehrung
hdes Häßlichen werde haben bekehren lassen. Der hollän—⸗
dische Maler Johann Asselyn, der sich durch Mißgestalt sei⸗
nes Leibes eben so sehr auszeichnete als jene Frauen,
holte sich aus der Burg der Häßlichen eine Lebensgefähr
in, und verewigte die Burg durch eines seiner schönsten
demalde. — —