hatten Rock-⸗ und Hosentaschen mit Uhren und anderen
Wertgegenständen vollgestopft. Aller Wahrscheinlichkeit nach
vürften die Festgenommenen an dem Juwelendiebstahl ir
Hamburg beteiligt gewesen sein.
Eingestürzte Bahnbrücke. Infolge eines Damm
zutsches Rodach Coburg bei Beiersdorf ist eine Bahnbrückt
ingestürzt. Die Gefahr wurde rechtzeitig bemerkt. Die
Fortführung des Personenverkehrs wird durch Umsteigen
⁊möglicht.
Leichenschändung. In dem Erbbegräbnis der Fa—
nilie von Langen auf Gut Parow bei Greifswald wurde
zer Metallsarg der vor fünf Jahren verstorbenen Baronin
tbrochen und die Leiche ihres Schmuckes beraubt. Auch
die Metallfüße des Sarges wurden entwendet. Der Ta
derdächtig ist ein Tischler, der vor einigen Tagen auf ei—
r Jagd als Treiber tätig gewesen ist.
Hundert Jahre. Wie die „Allg. Deutsche Pension
zeitäng“ berichtet, begeht das Mitglied der Ortsgrupe«
VPtagdeburg, Oberregierungsrat Brenning, am 23. d. M.
seinen hundertjährigen Geburtstag. Der Jubilar, der stets
tegen Anteil an den Arbeiten des Verbandes für Besser—
stellung der Pensionäre und Relikten nahm, erfreut sich
verhältnishäßig guter geistiger und körperlicher Frische.
Angenehmer Besuch. Die russische Polizei hat die
Zehörden von Beuthen benachrichtigt, daß sich eine 18
Dann starke internationale Gaunerbande nach Deutsch
and, wahrscheinlich nach Oberschlesien gewandt hat. Die
Zauner seien durchweg vornehm gekleidet; sie befaßten sic
Jauptsächlich mit Hochstapeleien und Juwelendiebstählen.
Bootssunglück. Aus Nantes wird gemeldet, daß
eim Uebersetzen der Loire ein mit 18 Personen besetztes
doot an einer Leuchtboje kenterte. 7 Personen ertranken
avon zwei, die sich vergebens an der Boje festzuhalter
ersuchten. Die anderen wurden mühsam aerettet
Die rote Nase. Daß ein gesunder Humor auch bei
den Serren im geistlichen Gewand zu finden ist, kam un⸗
dass bei einer Feier in der Pfalz beredt zum Ausdruck.
saßen sich an gutbesetzter Tafel zwei geistliche Herren
gegenüber. Der eine war Pfarrer in der Siadt, der an'
zere amtierte im Nachbardorse. Dieser hat den Doktorti—
el, jener führt den eines geistlichen Rates. In den Paz
en des lecderen Mahles unterhielt man sich, wie das —
3 über dies und das. Und da man beim Wein
saß, sprach man auch vom Wein. Und vom Wein ram
nau — was liegt denn naͤher — auch langsam auf die
wten Nasen zu sprechen. Der Geistliche Rat war's, der
iiese Frage anschnitt. Dieweil er nun selbst ein Pracht⸗
gemplar dieser Gattung sein eigen nennt, konnte er dies
in, ohne Gefahr zu laufen, damit jemanden zu nahe zu
reien. Ich sah sie einmal — seine Nase nämlich — so
schreibt der Gewährsmann, als der Prinzregent von Bay.
en zum letzten Male in der Pfalz weilte, wie er von dem
heisslichen Rat unterhalb der Maxrburg feierlich begrüß
purde. uUnd es schien mir, als hätte der Fürst ein be
puderes Wohlgefallen an dem geistlichen Herrn. So häu
ig er auch bei seinen lieben Pfälzern gerötete Wanger
ad ebensoiche Nasen gesehen haben mag, dieser alte, ehr
dürdige Herr übertraf sie sicherlich alle und der Prinzre
Jent mochte wohl auch im jtillen geglaubt haben. das
Ame vomn Wein. Das ist aber eine irrige Ansicht, denr
er joviale Geisiliche Rai hat bei dem erwähnten FJest
nahl in humorvoller Weise des Rätfels Lösung selbst ge
eben. „Sie denken, meine Herren“, so sprach er zu seiner
—*R der Nase Röte verrate des Weines Feuer
und die Bläue sei ein Zeichen der Treue, mit der ich an
stebenblut hänge. Weit gefehlt, meine Herren! Dem Ta
ackschnupfen, dieser Untugend hab ich's zuzuschrei
jen.“ Die Nachbarn hörten es gläubig an, und keine
cxraute sich an dem Worte des ehrwürdigen alten Herrr
gendwie zu zweifeln. Nur der Herr Doktor⸗Pfarre
machte eine ungläubige Miene. Also vom Tabackschnup
sent' Ja, ja, das leuchtete allen ein. Da mochte woh
manch einer, der zufällig in der Pfalz wohnte, unschuldi
in Verdacht gekonimen sein. So und so dachten die, di
nim über die Herkunft der roten Nafe des ehrwürd'gel
alten Herrn aufgeklärt waren. Da erhob auf einmal de
Doktor·Pfarrer, dessen unverwüstlicher, aber gesunder Hu
mor in der Gegend bekannt ist, sein Weinglas und
mit einem Lächeln auf den Lippen sagt er: „Prosit, Herr
JZeistlichetr Rat, wir wollen wieder eine Prise, neh
nen!“ Sprach's und lachte. Und die anderen lachter
nit, am herzlichsten aber der Herr Geistlicher Rat selbs
Die Mordtat Meyniers. Die Verhaftung de
hauptmanns Meyn er soll unmittelbar bevorstehen. Mey
ner befindet sich in Paris und ist in einem Theate
jesehen worden. Der Untersuchungsrichter Hastron ist au
zrund der von ihm angestelnlten Nachforschungen zu de
Jeberzeugung gelangt, daß Hauptmann Meynier sein
Braut, die Baronin d Ambricourt, nur deshalb ermor
det hat, weil er gehofst hatte, sie einer größeren Gesd
amme berauben zu können. Es wurde in der Tat sest
gestellt, daß die Baronin am Tage ihrer Ermordun
Schritte unternommen hatte, um 20000 Franks aufzutrei
en, und daß der Hauptmann hiervon unterrichtet gewe
en isi.
Selbstmord. Der Maler Benedikt Knüpfel hat sich
zuf der Reise von Fiume nach Ancona nachts aus dem
Zuge ins Meer aestürzt, weil er bei der Berufung eines
So hatte der schöne, blonde Offizier gesprochen, den
VV——
dessen galante Abenteuer so oft das Tagesgespräch bildeten
Frau von Bittners Hand glitt zärtlich über das dunkl.
Belock ihrer einzigen Tochter. „Du siehst mich ganz fas
sungslos, Friedchen. Vor allen Dingen muß ich bei meinem
Schwager Erkundigungen über Leutnant Larsen einziehen.“
Die junge Dame erhob sich mit Ungestüm. „Wenn du
das tust, Mama, bin ich außer mir! Das darfst du nicht
um keinen Preis! Wenn Kurt es erführe, würde er sich
tödlich beleidigt fühlen.“
Das charakterisiert ihn!“ meinte die Rätin kühl, „mir
will diese ganze Geheimniskrämerei nicht gefallen. Es wirt
ja so manches Verlöbnis in der Stille geschlossen. Abe.
deinem Onkel hätte der Leutnant sich anvertrauen müssen
dadurch, daß er dir heimlich Liebesworte zuflüsterte, miß
brauchte er das Gastrecht.“
„O, wie abfällig und lieblos du urkeilst! Mehr Inter
esse hast du nicht am Glück deines einzigen Kindes? Nun
erst sehe ich ein, wie recht ich tat, zu schweigen und mir tie
im Herzen einen Altar zu bauen, an dem ich täglich betete.
EESo wollen wir nur hoffen, daß deine Andacht nich
zinem Götzen galt!“
Elfriedes Brust wogte unter stürmischen Atemzügen
Diese Stunde trennt uns innerlich, Mama,“ sagte sie herb
mnie ist mir der Gedanke gekommen, daß wir uns ent
weien könnten, wenn ich Braut geworden bin.“
Und ich vermutete nicht, daß du so unkindlich und vor
chnell denken würdest. Das ist keine recht Liebe, die so auf
ruͤhrerisch macht, sondern ein Rausch, von dem das Herz
nichts weißl“
Elfriede hörte die Worte der Mutter, ohne sie zu be
greifen. In ihrer Brust glühte ein Feuerstrom, und dal
sollte keine Liebe sein? O, wie recht hatte Kurt gehabt
daß er sie bat, ihr Geheimnis zu hüten und zu verbergen
In all den in heimlicher Seligkeit durchlebten Stunden be
saß sie einen Schatz, den sie für alle Reichtümer der Wel
nicht hingegeben hätte.
Sie naͤherte sich der Mutter wieder und küßte sie au
zeide Wangen. „Verzeihe mir, liebe Mama, wenn ich eir
rasches, unbedachtes Wort sprach. Es war töricht von mir
denn ich weiß ja, daß du mein Allerbestes willst. Unmög
liches kann ich nicht von dir verlangen. Vielleicht hast du
nie aus vollein, tiefem Herzen geliebt. . Was man se
gemeinhin für Liebe hält, ist der rechten Neigung so ähnlich
vie das Wasser dem Wein!“
Die Katin sah bekümmert zu ihrer schönen Tochter hin
Ber. Was sollle hje derselhen entaeanen? Elfriede sprad
8* eι —
zzrofessors an die/ Prager Kunstalad emie, übergasigen wor⸗
en ist. e
Lerhafteter Juwelendieb. Die Polizei verhaftet«
n Genuna den Grafen von Boccalono. In fseinem Zim
ner wurden zahlreiche Handkoffer mit wertvollen Gegen
tänden gefunden. Boccaloeno ist ein internationaler Schwind
er, Hochstabler und Dieb. Bei einem Maildinder Juwe
enhändler stahl er ein Perlencollier im Wertes von 100 000
dire.
Vandalismus. In Florenz wurde die Marmor—
treppe an der herrlichen Fassade des Domes mit grüner
Anilinfarbe bestrichen und auch Farbe in das Weihwaß—
serbecken geschüttet. Mehrere Marmorsäulen wurden durch
Hammerschläge schwer beschädigt. Ganz Florenz ist über
die Tat sehr aufgeregt.
Crippens Gestaͤndnis. Die „Evening Timese er—⸗
lärt, daß Crippen sein Verbrechen eingestanden habe. Ir
tinem Geständnis, das eine Niederschrift voller kaltblüti
ger grauenhafter Einzelhetten sei, teile Crippen den gan
en Hergang der Mordtat mit. Crippen sprach noch ein
nal den Wunsch aus, Fräulein Leneve zu sehen. Die Be
yörde benachrichtigte Fräulein Leneve, die bald darau
im Gefaͤngnis erschien. Der Besuch dauerte 20 Minuten
CErippen wurde Mittwoch früh hingerichten
Die Suffragettes. Aus London wird berichtet
dienstag Nachmittag haben sich die Suffragettes in gro
zer Zahl in der Carton Hall versammelt. um die Erklä—
ung von Asquith im Unterhause über die Absichten der
stegierung in der Frage des Frauenwahlrechts zu hören
Nachdem Asqtutiths Erklärung belannt geworden, brach
in heftiger Entrüstungsstüurm aus und die Führerinner
etzten sich an die Spitze einer Deputation, um in das
Palais des Premierministers einzudringen. Die Polize
tellte sich ihnen entgegen und es begannen die üblichen
dämpfe. Plötzlich kam Asquith zu Fuß nach seiner Woh
tung und geriet mitten in den Haufen aufgeregter Frau
en. Ein Fräulein versetzte dem Premierminister einern
Zzchlag mit einem Regenschirm. Gleich darauf brachen sich
die Konstabler Bahn durch die Frauenmenge und umring
ten Asquith, um ihn vor weiteren Ausschreitungen zu
ichützen. Es gelang, eine Autodroschke herberzurufsen, ir
der Asquith nach seiner Wohnung fuhr. Eine Frau schlugç
vor der Abfahrt noch ein Fenster der Droschbe ein. Di⸗
Polizei verhaftete hundert Frauen.
Vom Zuge überfahren. Ein Eisenbahnzug der
Ztrecke Lissabon-Sacaven überfuhr sieben Leute, die ir
uinem Tunnel auf dem Rocio-Bahnhof in Lissabon arbei
teten. Zwei Arbeiter wurden getötet und die fünf ande
ten in bedenklichem Zustande ins Hospital geschafft.
Cholera. Aus Konstantinopel wird gemeldet: In
folge der Zunahme der Cholera sind die ftürkischen Schu—
len geschlossen wordek. KNeuerkranlungen sind, vorge
ommen. 2
E —E
Unwetter. F
Salberstadt, 23. No. Im Oberharz is
seit zwei Tagen anhaltender Schneefall. Die Schneedecke
hat einen Meter Höhe erreicht.
Dresden, 23. Nov. In Sachsen sind fonstark
Zchneemassen niedergegangen, daß, besonders in der säch
ischen Schweiz und im Erzgebirge, manche Straßen manns
joch verweht sind. Der Verkehr ist zwischen vielen Orten
»ollständig unterbrochen. Bei Meißen blieb ein Automo
bil im Schnee stecken. Auch einzelne Bahnen sind ver
chneit.
IZJnunsbruck, 23. Nov. Der Win tecer setzt sehr
trenge ein. Hier war ein derartiger Schneefall, daß der
Tramway mit Schneepflügen verlehrte. Die Arbeiten an
ittenwalder Bahnbau wurden eingestellt. Im Mühl
valder Tal sind zwei Lawinen, im Sarntal'ist ein Fels
arz niedergegangen. Ein gewisser Baldessarie wurde er
roren aufgesunden. *
—4
Zum Ableben Tolstois. —
Zu Ehren Tolstois fanden in verschiedenen Städter
Prozessionen statt, an denen Studenten, Hörerinnen de
zohen Frauenkurse und Arbeiter teilnahmen. Dem Zug
»oran wurde das Bild Tolstois getragen. Eine nad
zielen Hunderten zählende Menge folgte. Berittene Po
lizisten und Gendarme sprengten die Prozession imme
vieder auseinander. Besonders lebhaft ging es vor den
Initschkow⸗Palais zu. 300 Surdenten wurden verhaftet;
iach Feststellung ihrer Personalien aber wieder auf freier
Fuß gesetzt. Die Studentenschaft in Odessa hielt ir
hrem Lokal eine Gedächnisfeier zum Andenken Tolstois
ib. Plötzlich umringte die Polizei das Lokal von aller
Zeiten und verlangte die Legitimation der Studenten
Diese weigerten sich und wurden hierauf festgenommen
kine große Menge, die die Abzeichen der schwarzen Ban
de trug, passierte durch die Straßen der Stadt und zer
rümmerte das Schaufenster eines ausländischen Bücher
ladens, weil dort ein Bild Tolstois ausgestellt war.
(MM—
Die Moabiter Krawaͤlle vor Gericht.
(Neunter Verhandlungstag.)
Nach Eröfsnung der Sitzung teilt LandgerichtsratLie
ber mit, daß der Angeklagte Zolchow aus der Haft ent
lassen sei. Dann werden mehrere sozialdemokra
ischebhbdgeordnete und Marteibhbenamfteo“
von der Liebe, wie der Blinde von der Farbe. Dem Leut
nant mißtraute Frau von Bittner gründlich. Noch heut
vollte sie an ihren Schwager schreiben, ihn ins Vertraue
ziehen. Ein Mittel mußte gefunden werden, um der Ver
blendeten die Augen zu oͤffnen. Es war vorauszusehen, da
ihnen schwere Tage bevorstanden.
Elfriede war schon wieder vor ihrer Mutter niederge
zlitten und hielt deren Knie schmeichelnd umfaßt.
„Wie recht hatte Kurt mit seiner Annahme, daß irgen!
ein Glückszufall unsere Vereinigung ermöglichen werde
Dir wird Gelegenheit geboten, dein Vermögen zu verdop
peln. Tu es, Mama, damit die Kaution für Kurt vor—
handen ist. Vierzigtausend Mark reichen fast aus. Das
Fehlende gibt uns wohl Onkel Theodor.“
In den Zügen der alten Dame arbeitete es heftig. Un
schlüfsig sah sie auf ihre ineinander verschlungenen Hände
neder. Sie trug jhren Trauring nicht mehr, weil derselbe
seht viel zu weit für die abgemagerten Finger war.
Ach saate schon. daß ich nicht frei über das Geld dis
ponieren kann,“ begann sie zögernd.
„Aber Mama, das war doch nur ein Vorwand Kelling
aegenüber.“
MNein, nein, durchaus nicht, ich verfüge nur proviso—
risch über das Vermögen, es gehört nicht mir.“
Vor Elfriedes Augen schien sich ein Schleier zu legen
Erkläre mir das, ich verstehe es nicht, Mama.“
Die Rätin nickte und dennoch zögerte sie. Das Spre
hen schien ihr schwer zu werden. Was hatte sie nur?
„Drückt dich ein Rummer, Mama?“ fragte Elfriede
mehr gespannt als teilnahmsvoll.
„Ja und nein, Kind. Zum Kummer ist mir die An—
zelegenheit erst geworden, seitdem du — doch davon spä
Wi Um dir verständlich zu werden, muß ich weit zurück
greifen.
„Beruhige dich nur erst, Mama. Vielleicht siehst du
auch in diesen Dingen viel zu schwarz. Eine Aussprache
wird dich erleichtern.“
„Gott gebe es, Kind, Gott gebe es. Ich glaubte, die
alte Geschichte solle nie mehr ans Tageslicht kommen. Der
Himmel hat es anders gewollt, nun, so sei es denn..
Nach dem vor länger, als zehn Jahren erfolgten Heim
zange deines Vaters blieb mir, als die Uebersiedelungs
kosten in diese kleine Stadt getilgt waren, nur die Pension
nicht über einen Heller konnte ich außerdem verfügen.“
Die alte Dame legte die Hand über die Augen. Di
frinnerung an jene kummerschweren, an Demuͤtigunge;
Igr Art reichen Tage mochte sie noch heute schmerzlich be
ihron
zeugen vernommen. VBas Wittglted des sozig vemokrat
chen Parteivorstandes Fritz Eberu besuudet:s Die Par
ei habe mit den Unruhen nicht das geringste zu tun
Zie habe sich von Anfang an gegen jede Ausschreitun—
rklärt und von den Ausschreitungen in Moabit erst au—
den Blättern erfahren. Die Parteileitung habe gar kein.
Geranlassung gehabt, dagegen einzuschreilen, da sie es für
jelbstöerständlich hielt, daß organisierte Arbeiter an jenen
Ausschreitungen nicht beteiligt seien. Die Partei habe
derartige Vorgänge in keiner Weise für wünschenswert ge—
zalten, weil sie der Ueberzeugung sei, daß man diese Vor—
ommnisse stets gegen sie auszunutzen pflege. Erst als
dieser Fall eintrat, habe sie die Veranlassung genommen
die organisierten Arbeiter vor jeder Teilnahme zu warnen
— Der nächste Zeuge ist das Vorstandsmitglied der sozi—
aldemokratischen Parteileitung Umlauf. Er bekundet
zaß die Partei in keinerlei Zusammenhang mit den Moa
»iter Unruhen stände, und er halte es für ausgeschltossen,
daß die Parteigenossen es für wünschenswert halten, sich
mit der Polizei herumzuprügeln. — Landtagsabgeordne—
ier Ströbel ist Redakteur des „Vorwärts“. Nach sei
ner Aussage hat die Redabtion zunächst keine Kenntnis
»on den Vorgängen in Moabit gehabt. Sie war auch
in keiner Weise daran beteiligt. Erst als sie später da—
von hörte, sandte sie einen Berichterstatser nach Moabit,
um sich aus eigener Anschauung ein Bild zu machen. —
Zeuge Fischer, Vorstand des sozialdemokratischen Wahl
vereins des 6. Wahlkreises sagt auch aus, daß der Wahl
verein keinerlei Zusammenhang habe mit den Unruhen
der Verein mißbillige ale Unruhen und tre se auch Vor
ehrungen, sie zu verhindern.
Einen breiten Raum nimmt die Vernehmung des Zeu—
zjen Buschmeyer, Geschäfisführer der Firma Kup—
jer u. Co. ein. Er gibt eine längere Darstellung der
Vorgänge, die dem Streik vorangegangen sind; er sucht
nachzuweisen, daß die Firma zum Teil höhere Löhne ge
zahlt habe als andere Firmen, daß es sich bei dem Strei
um eine Machtprobe gehandelt habe. Die Arbeitswilligen
eien aus Hamburg gelommen und von einem Gruppen
ührer hierhergebracht worden. Richtig sei es, daß eir
deil der Arbeitswilligen von dem Agenten Hine bezo
zen wurde. Die Firma habe durch den Streik großer
Zchaden erlitten. Schließlich bestätigt Zeuge, daß er Ver
zandlungen mit dem Oberbürgermeister und dem Gewer
egericht abgelehnt habe. — Rechtsanwalt Heinemann stellt
unmehr den Antrag, den Oberbürgermeister Kirschner und
den Magistratsrat v. Schulz als Zeugen zu laden untd
den Professor Frande, Herausgeber der „Sozialen Prais“
als Sachverständigen zu laden.
Nach belanglosen Aussagen mehrer Zeugen sagt der
Arbeiter Ladzus aus, dee Kupferschen Arbeiter hätlen
mit 99 gegen 6 Stimmen den Streik beschlossen troß Ab
ratens des Verbandes. Der Verband habe sogar vor
einem Streik direkt gewarnt.
OOO
Arbeiterbewegung.
*Drohender Streik. Bekanntlich soll am
nächsten Samstag die Aussperrung der in den Pirmasen,
er Schuhfabrilen beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinner
erfolgen. Da indessen auf beiden Seiten die Neigung be
tteht, die drohende Aussperrung zu verhüten, werden zwi—
schen Vertretern der Arbeiter und Arbeitgeber noch Eini
gungsverhandlungen gepflogen, die Aussicht auf Annahme
dersprechen.
PhÊÛäXXααααα α Oααα
Deutscher Reichstag.
Mittags 1 Uhr. Berlin, 23. November
(84. Sitzung.)
Am Bundesratstisch: Staatsselretär Delbrück und
Landwirtschaftsminister v. Schorlemer-Lieser.
Eingegangen ist eine Resolution des Zentrums unl
eine Resolution der Nationalliberalen, die beide eine ener
zische Bekämpfung der Rebschädlinge fordern.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpellec.
tion Albrecht u. Gen. wegen der Fleischteuerun—
und in Verbindung damit die konservative Resolution.
Abg. Emmel Goz.) begründet die sozialdemokra
ische Interpellation. Wir haben in Deutschland die höch
ten Getreidepreise und leiden unter dem Brotwucher wi—
ein anderes Volk. Die Folge der Lebensmittelteuerunç
st der Rückgangdes KRonsums und die Verschlechterun—
der Volksernährung. Wie es mit dem Brotwüucher lieat
ist es auch mit der Fleischversorguüng. Ungeheure Sum
men müssen von den Konsumenten aufgebracht werden
weil wir eine vollständig agrarische Gesetzgebung haben
die nur dem Großgrundbesitz helfen will.
Abg. Rupp (Gons.): Dieser Fleischnotrummel ist ga
nichts Neues. (Lärm links.) Man muß unterscheiden zwi
schen Fleischnot und Fleischteuerung Letztere erkenne
wir mit Bedauern an. Wesentlichen Anteil an de.
Fleischteuerung haben die hohen Schlachthofgebühren
den großen Städten. Wir können der Oeffnung der Gren
zen nicht zustimmen. In Baden hat es sich gezeigt, das
rotz der Oeffnung der französischen Grenze die Fleisch
preise gestiegen sind. Ich bin kein Großagrarier sonderr
ein si ddentscher Kleinbauer, aber an dem Grundsatz, daf
die Grenzen wegen der bestehenden Seuchegefahr geschlos
ien bleiben müssen, helte ich fett
„Wir mußten uns oft Entbeehrungen auferlegen,“ fuhr
sie ernst fort, „erst als mein Schwager dich in eine Pen
sion brachte und sich für die Kosten deiner Erziehung ver
pflichtete, besserte sich meine Lage. Ich hatte damals nur
ür meine eigene Person zu sorgen. Eines Tages, als ich
in Papas Schreibtisch Briefschaften ordnete, entdeckte ich ein
Geheimfach. Ein umfangreiches, versiegeltes Kuvert lag in
demselben, und als ich es öffnete, fand ich mehrere eng be⸗
schriebene Briefbogen und in einem besonderen Umsschlage
zwanzig Tausendmarkscheine.“
„Das war ein Glück, ein großes Glück!“ rief Elfriede
mit brennenden Wangen, „was du fandest, durftest du unter
allen Umständen auch behalten. Und nicht wahr, du has
das Geld gut angelegt, Mama, denn wir führen ja, seitdem
ich aus der Pension zurück bin, ein recht behagliches, an
genehmes Lehen“
Gefrorenes Fleisch.
(Ein Beitrag zur Frage der Feischteuerung)
Wir veröffentlichen, ohne dazu Siellung zu nehmen
inen Brief der Herren W. Weddel u. Con der größte
Firma im Handel mit gefrorenem Feeisch in England, a
die Firma Lohmann u. Co. in Bremen, den die letztet
einem süddeutschen Verlag zur Verfügung gestellt hat un
entnehmen ihm die folgenden interessanten Ausführunger
„Die wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland sche
nen uns, was die Versorgung der Bevölterung mit Nahr
ungsmitteln beitrefft, so ziemlich dieselben zu sein wie in
England vor jetzt ungefähr 25 Jahren, als zum erster
Mal gefrorenes Fleisch in dieses Land einge ührt wurde
ie hoͤchste Produktionsfähigkeit des Landes scheint beina
he erreicht zu sein, wahrend der B darf durch das stetig
Wachsen der Bevölkerung immer größer wird.
Aus dieser Lage der Verhälmisse gibt es zwei Aus
wege Entweder das Vollk muß mit weniger Fleischnahr
ung auskommen, oder die xrforderlichen Mengen für di
Deckung des vermehrten Bedarfs müssen von außerha
eingeführt werden.
Es ist nun Sache des Volkes, zu entscheiden, obe
sich ohne Protest den ersten Weg fühcen lassen will. Di
Politiler werden sich mit den Einwendungen zu befasse
haben, die von den Gegnern des zweiten Ausweges e
hoben werden.
Es ist nicht schwer. au verstehen. warum die Lanf
—Srtaarssekretar Beubrusck:? Wir können, um
Fleischteuerung entgegenzuwirken, eine Oeffnung der Gren
jen auf keinen Fall prinzipiell zulassen. Nach den qge
machten Erfahrungen ist es ausgeschlossen, daß durch Oes,
nung der Grenzen eine wirksame Abwehr der Fleischleue
rung erfolgen wird. Wir brauchen die Grenzsperre zun
Schuͤtz gegen die Einschleppung der Maul⸗ und Klauen
seuche. Nachdem aber in Frankreich diese Seuche sei
1—Jahre erloschen ist, hat die Neichsregierung der baye
rischen Regierung die Einfuhr französischen Fleisches un
ter der Bedingung gestattet, daß die Sperre sobald wie.
der in Kraft tritt, als sich die Seuche wieder zeigt. Auch
von Dänemark ist die Einfuhr gestattet. und ebenfall—
kann Oesterreich unter Wahrung der nötigen Sicher
heitsmaßregeln in Frage kommen. Aus Amerika ist die
Einführung von Rindvieh nicht gestattet. An andere;
Plätzen bei viertägiger Quarautäne. Also, soweit irgenr
angängig, haben wir die Grenzen geöffnei, aber wir müs
sen darauf bestehen, daß das geichlachtete Vieh in ganze,
Stücken und so eingefühet wird. daß die inneren Organ
im Zusammenhang bleiben An den Zöllen bei Futter
mitteln kann unter keinen Umständen gerüttelt werden
(Beifall rechts. Man habe auch eine Herabsetzung de
Gütertarife erwogen, aber d'ele seien so gering. daß ei
nennenswerter Einfluß auf die Fleischpreife nicht eintreter
würde. Dasselbe gilt für die Burter.
Landwirtschastsminister B. Schorlemer: Eu
Fleischtenerung ist allerdings nicht zu bestreiten, dbou
dürfte ein dauernder Rückgang im Fleischkonsum nicht
befürchten sein. Die Viehzählung in Bayern habe alle
dings einen Rückgang gezeigt, doch besteht absolut ke
Grund zu der Besorgnis, dauernder Fleischnot. Wäre
Fleischnot wirklich so groß, so würde sich der Konsumb
schränken; das ist aber nicht der Fall. Die Fleischpre
sind durchaus nicht im Einklang mit den Viehpreisen.“
sind diese zurückgegangen, ohne daß die Fleischpreise
folgt sind. Bei der gegenwärtigen Lage des Fleisch—
Viehmarktes kann es im großen Ganzen keinen Anlaß
besonderen Klagen geben. Wir dürfen unser Vieh o—
Gefahr nicht aussetzen, daß es durch die Seuche, die i
einem großen Teil Europas und in einem Teil vo.
Amerika vorhanden ist, angesteckt wird. Wir haudein nich
im Interesse der Großgrundbesitzer, sondern gerade in
Interesse der Land⸗ und Arveiterbevölkerung. Wir wolle.
und werden diese nach wie vor mit gesundem Fleisch ver
sorgen können.
Auf Antrag des Abg. Siunger Goz.) wird die Be
—
Abg. Herold (Itr.) betont, die statistische Darleg
ung der Regierungsvertreter habe bewiesen, daß ken
Grund zur Klage über besonders hohe Fleischpreise vor
liege. Unsere Zollpolitik hat erst Preise erziet, die ein
Viehhaltung überhaupt ermäglichen. Die Ursache de
Fleischteuerung liegt in den in'ernationalen Verhaltnissen
wie es bei anderen Produkien auch ist. Auf keinen Fat
dürfe eine Durchbrechung der Schutzmaßregeln gegen di
Seuchengefahr erfolgen.
Abg. Straußer (W. 8gg.): Das deutsche Vol
kann sich schon selbst ernähren. In Deutschland kann e
überhaupt niemals einen Fleischmangel geben. Ein In
eresse an den Preisschwanlungen habe nur der kapitalist
sche Großhandel.
Morgen 1 Uhr: Weiterberalung, sowie die andere;
Interpellationen. Vorher Wahl des 2. Vizepräsidenter
Schluß 6 Uhr. —
... — —
. Die älteste Frau der Welt.
Die älteste Frau der Welt dürste ohne Zweifel
mn Cattavo, dem bekannten dalmatinischen Hafenorte
ꝛende, 134 Jahre qite Frau Maria Bolnice seu
das dalmatische Küstenland ist ja seines hervorragend ge
sunden Klimas wegen bekannt und die einfache Leben—
weise der dortigen Einwohner läßt es erklärlich finde
—
saß Lebensaller bis 100 Jahre dort vurchaus keine Sel
enheit sind. Demnach ist ein deractiges, an den seligen
Nethusalem gemahnendes Alter naturgemäß selbsi au
sem paradiesischen Stückchen Erde noch nicht dagewese
⸗ie Greisin, welche trotz ihres hohen Alters geistig no
erhältnismäßig rüstig ist, hat bereits vor Jahrzehnten ih
e Zähne verloren; auch ist sie infolge einer Laͤhmung
ußerstande, sich selbst fe αααααxα gier
— —
wirte sich der Einfuhr ausländischen Fleisches widersetzen
da scheinbar ein Sinken der Preise für die einheimischi
Ware die unvermeidliche Folge sein würde.
In einem solchen Falle ist die Praxis der Theori
gegenüber ausschlaggebend. Großbritannien ist beinah
das einzige Land, welches einen praktischen Versuch mi
dem Import von ausländischem Fleisch gemacht hat. Di—
Geschichte der Entwickelung dieses Handels in Englant
ist genügend bekannt, und die Zahlen darüber sind alle
Welt zugänglich.
Da wir in diesem Geschäft seit seinem Anfang tätic
gewesen sind, möchten wir uns erlauben, Ihnen einig
der Hauptpunkte über dessen Entwickelung in unserem Lanu
de zu unterbreiten.
Zunächst sind die Preise des einheimischen
Fleisches praktisch unverändert geblieben wahrend der letz—
ten 20 Jahre, trotz der enorm großen Einfuͤhr ausländi
schen Fleisches. Die Erklärung für diese anscheinend wi
derspruchsvolle Tatsache ist die folgende:
Die Zahl und die Wiedererzeugungskraft der Herden
des Landes hatte praktisch schon vor 25 Jahren ihr
Grenzen erreicht, der ganze Bedarf des Zuwachses der
Bevöllerung, der in diesem Zeitraum siattfand, mußt—
durch die importierten Fleischmengen gedeckt werden
Gleichzeitig hat sich die Lebensführung der ganzen Bevöl
kerung gehoben, und auch der hieraus sich ergebende gröl
sere Konsum von Fleisch ist ausschließlich durch importie.
te Ware gedeckt worden. Weiter haben die verhältnismäj
sig niedrigen Preise, zu denen das importierte Fleisch er
hältlich war, einen ganz neuen Kreis von Konsu
menten großgezogen, die früher gezwungen waren, sic.
mit Fischen, Kaͤse, Kartoffeln und anderen weniger nahn
haften und weniger wünschenswerten Speisen zu begnü—
gen. Diese Leute schließen jetzt in ihre tägliche Kost ein
berhältnismäßig großes Quanium guten, gesunden und
nahrhaften Rinde und Hammeifleijch ein. Aus diesen
Gründen findet der ungeheure Import, der jetzt jährlich
etwa 400 000 Tonnen oder 20 bis 25 Prozent des gan
zen Fleischkonsums in Großbritannien beträgt, einen fer
tigen Marlt und fülli eine sehr wichtige Lücke in der Be
schaffung unserer Nahrungsmiitel, ohne die Preise des in
rigenen Lande erzeugten Rind⸗ uimnd Hammelfleisches merk
iich zu beeinflussen. Dieses einheimische Fleisch hat sein
dundschaft unverändert unter den wohlhabenden Klassen
er Bevöllkerung behalten, welche in der Lage sind, di
pohen Preise zu bezahlen, die dafür verlanat werden“