Full text : Dudweiler Zeitung

schen Botschafters in Varis, der bvisherige
jsterreichisch ungarische Botschafter beim Vatilan Graf
Zzecsen von Temerin. Der Graf ist seit dem 30. De—
zember 1901 Vertreter der österreichisch-ungarischen Reg'e—
zung beim heiligen Stuhl. Seine Gattin ist eine gebo—
ene Komtesse Mikas, ehemalige Ehrendame und intime
Freundin der verstorbenen Kaiserin Elisabeth.
Rußlaud.
*In auffallend herzlicher Weise begrüßt die „Nowoie
Bremja“ die Idee einer Rußlandfahrt deutscher
Journalisten. Das Blatt weist darauf hin, daß bei den
ꝓatschen Journalisten die Kenntnis der komplizierten rus⸗
ischen Verhältnisse sehr gering sei, und daß noch wenige
von ihnen Rußland vom Augenschein kennen. Jeder rus—
ische Journalist von Bedeutung sei mehrmals in Deutsch—
land gewesen und kenne die dortigen Verhältmisse; daher
verhielten sich auch diejenigen zu Deutschland voll Ach
kung. die seine aggressive Politik mißbilligen. Die Idee
einer Rußlandreise sei allgemein glücklich. Die Journali—
den dürften herzlichsten Empfang und jegliche Förderung
in dieler guten Sache erwarten.
Mexiko.
—v2 Die Lage in Mexiko scheint bedrohlich. Große
Sendungen von Waffen und Mumn'tion sind über die
Vrenze geschafft worden. An vielen Punksen sammeln sich
oie Republikaner. General Reyes ist angeblich aus Eu—
ropa zurückgekehrt, um ihre Führung zu übernehmen. Blu—
ige Kämpfe werden aus Zacatecas gemeldet, wobei es
iber hundert Tote gab. Im ganxzen Lande herrscht große
Aufreguna.

Hof und Gesellschaft. mp
—sDie Krankheit der belgischen Köni—
din nimmit einen normalen Verlauf. Es kann zun
Zeit eher von einer Besserung, als von einer Verschlim
merung im Zustande der Patientin gesprochen werden
Dder König hat auf eine Stunde die Residenz verlassen
um im Brüsseler Stadtschloß den neuen chilenischen Ge
sandten zu empfangen. Dagegen sind zwei parlamentari
sche Diners, zu denen der König geladen war, abgesag.
worden. Einer der ersten unter den zahlreichen Staats
oberhäuptern, die Beileids-Depeschen sandten, war Kaisen
Wilhelm

Geer und Flotte.
e— Verjüngung der Torpedobootsflotte. Di
Torpedoboote von „S. 2“ bis „S. 57“ haben statt des
Buchstabens „S“ den Buchstaben „T“ erhalten, unter Bei
behaltung ihrer bisherigen Nummer. Damit sind diest
Torpedoboote, die ihrer Mehrzahl nach schon in den letz
ten Jahren als Minensuchboole verwendet wurden, aus
der Liste der Torpedoboote gestrichen. Für den Torpedo
bootsdienst kommen diese von 1883 bis Mitte der 90e
Jahre erbauten Fahrzeuge nicht mehr in Betracht. Si
haben nur ein Deplacement von 85 bis 150 Tonnen und
laufen nur 17 bis 22 Seemeilen in der Stunde, genüger
also den heutigen Anforderungen der Seekriegsführung be
weitem nicht mehr. Auch die Boote „S. 58“ bis „S. 89“
die Ende der Oer Jahre erbaut und bis zu 190 Tonnen
groß sind, stehen unter den Torpedobooten erst in zwei—
ler Linie. Sie gelten als „kleine“ Torpedoboote und kom
men für den eigentlichen Torpedobootsdienst nur aus
lrahmsweise in Betracht. Mit dem Zustandekommen de—s
Flottengesetzes im Jahre 1898 begann der Bau vop
dochseetorpedobooten. Die Größe betrug zuerst 400 Ton
nen, die Fahrgeschwind'gkeit 20 Seemeilen. Im Lauft
der seitdem verflossenen 12 Jahre ist die Größe auf 750
konnen ꝛnd die Fahrgeschwindigteit auf 34 Seemeilen ge
siegen. Eimehyl eß ich der gegenwärtig noch im Bau be
indlichen Fasr enge besteht die deutsche Torpedobootsflot
sIle, aus eun Flottislen zu je zwölf Booten, also in
Janzen 108 Fahrzeugen. Es sind die Boote von „S
bis „G. 197, an deren Bau die Schichau-, die Ger
nania⸗ und die Vulkan-Werft beteiligt gewesen sind. Nach
er Dentschrift zum Marineetat 1906 hat die Marine
erwaltung in Aussicht genommen, die Torpedoboots
lolte auf eine Stärke von 144 Boosen zu bringen. Dies
döhe würde fast erreicht sein, wenn die kleinen Boote mit
jerechnet würden. Das ist aber militärisch nicht statthaft
zenn sie genügen in keiner Weise den modernen Ansprü
zen. Die Torpedoboole besiken eine Lebensdauer von 1
zahren. Dann müssen sie durch neue ersetzt werden. Da—
ber sett den Bau von jährlich 12 Booten voraus, wi
s seit dem Jahre 1906 geschieht. Die Verjüngung de—
Torpedobootsflotte muß im Interesse des maritimen Dien
ies in den nächsten Jahren fortgesetzt werden und da—
Ausscheiden der Boote „S. 58 bis „G. 89* ist nur ein.
Frage der Zeit. Unsere Hochseetorpedobootsflotte bedar
roßer und schneller Boote. Groß müssen d'e Fahrzeug.
— * damit sie in Sturm und Wellen sich auf hoher Se—
hehaupten können und auch einen hohen Aktionsradius
besitzen, und die Steigerung der Fahrgeschwindigkeit muß
erjenigen anderer Marinen entsprechen. Der seit eine
Keihe von Jahren im Torpedobootsbau einge'ührte Wett
bewerb verbürgt e'nen steten Fortschritt in den Leistun
gen der neuen Boote ound sichert der deutschen Marin
Fahrzeuge, die denen fremder Mar'nin aleichwertig sind

Koloniales.
Die Regierung wird dem Reichstag noch eine Mo
»elle zum Schutztruppengesetz vorlegen. Die Novell—
vill in allen afrikanischen Schutzgebieten das militä
ische Kontrollwesen ausbauen und in Verbin
zung damit für Südwestasrika zunächst einen Beurlaub
enstand für Offiziere und Mannschasten bilden. Demge
mäß werden auch für diese Kolonie die bisherigen Ueb
ingsbestimmungen umgeändert werden dergestalt, daß Ueb
ingen auch in der Kolonie in Zukunft abgeleistet werden
die Ahleistung von Uebungen ist nur solchen Angehöri
sen des Beurlaubtenstandes gestattet, die ihren dauernder
Wohnsitz in der Kolonie haben. Daneben ist die Ablei—
Aung von Uebungen in der Heimat vorgesehen. Betreffs
des militärischen Kontrollwefsens werden die Kolonier
ticht mehr, wie bisher, als Ausland betrachtet, son
»ern nach und nach, zunächst in Südwestafrika besonderen
Bezirkskommandos unterstellt werden. Die deutschen in
»en Kolonien sind also, solange sie in der Kolonie wohn⸗
saft sind, den afrikanischen Bezirkkskommandos gegenüber
ontrollpflichtig; bisher standen sie unter dem Bexairkskom—
nando Berlin.
Wie die „Post“ wissen will, hat das Kolonialamt,
am den Baumwollenbau in Ostafrika energisch vor—
värts zu bringen, die Absicht, in verschiedenen geeignelen
Bebieten der Kolonie amtliche Baumwoll-Anbauversuche
zu unternehmen. Es ist mit dem kolonialwirtschaftlichen
domitee die Vereinbarung getroffen worden, daß dieses
eine Anbauversuche unterläßt und diesen Teil seiner Tä
ig'eit aufgibt. Die Versuchsplantage des Komitees im
stufigi⸗Delta soll deshalb vom Reiche beziehungsweise der
dolonie übernommen werden. Weitere Verfsuche sollen ge
macht werden im Panganitale und am Kilimandscharo.
Sie sollen sich erstrecken auf Pflanzzeit, Auswahl des Sa
nens, Bodenbestellung, Regelung der Wasserzusuhr. Das
dolonialamt will es dahin bringen, daß für jede Ge
end aus der Erfahrung heraus Direltiven für Pflanze!
egeben werden können, damit Fehlschläge im großen meg
ichst vermieden werden und die Grundlage für ein kräf
iges Vorgehen in der Baumwollbaufrage in großem Sti
leschaffen wird
— — *
Aus West⸗ und Süd⸗Deutschland.
mKleve, 22. Nov. (Der Eiermann von Kel
en.) In Kellen bei Kleve gab es in den letzten Tager
»illige Eier. Es war dort ein Händler aufgetaucht, de
ẽnteneier, dicke, zu 5 Pfg. das Stück verkaufte. Alles
was Hausfrau hieß, rannte zu dem Wohltäter hin unl
aufte ihm die Eier schockweise ab. Warum sollie man
nich nicht? War man doch mit einem Schlage der un
ingenehmen Pflicht enthoben, auf dem Markte um die
Pfennige zu „pingeln“, sich mit störrischen Händlerinner
nd Händlern herumzustreiten. Leider dauerte die Herr
ichkeit nicht lange und der Eierschleckerei wurde bald e'n
ähes Ende bereitet. Die Polizei erschien überall und
uchte nach Eiervorräten. Und wo sie solche fand, belegt,
ie sie mit Beschlag. Der billige Eiermann war nämlic
ein raffinierter Schwindler, der die Eier auf den Namen
ines Klever Geschäftsmannes von auswärts hatte kom
nen lassen und sie nun rasch versilberte. Leider ist der
Zchwindler mit dem Gelde, ewwa 300 Mark, nach Hol
and entkommen
* Voimn Niederrhein, 22. Noß. GDrohend«
5Strei?3.) In Cleve, Geldern und Goch wird es we—
en Lohnforderungen der Lederarbeiter zu einem Aus—
and kommen. Ein Teil der Arbeiter hat schon die Kün—
igung eingereicht.
*Mannheim, 22. Nov. (Zur Fleischnot.) Die
estrige Zufuhr von französißschem Schlachtvieh war größer
Is in der letzten Woche. Es wurden 170 Stück Groß
ieh eingeführt. Der Preis stellte sich etwas niedriger a
or 8 Tagen, da auch Vieh aus Husum eingeführt wor
en war.

— —
Aus aller Welt.
Eine Jagdeinladung. Wie die „Neue Freie Presse“
on gut informierter Seite erfährt, bestätigt es sich, daß
aiser Wilhelm dem österreichischen Thronfolger eine Jagd⸗
nladung hat übermitteln lassen. Wo und an welchem
dage die Jagd stattfinden soll, ist noch nicht bekannt.
Selbstmordversuch. Der 48jährige Hypothetenmak
er Heinrich Klepe verübte im Berliner Kriminalgerich
ls er nach Verurteilung zu einer 24 jährigen Zuchthaus
rase wegen Betrugs abgeführt werden soll, einen Selbst
no dversuch, indem er sich die Kehle durchschnitt. Die
Verletzung ist sehr schwer, indes nicht unm ticlbar lebens
zefährlich.
Mord? Aus Kassel wird gemeldet: In der Röhn ir
der Nähe von Wa'dfinster wurde in einem Strakengraber
er Kaufmann Schlereih mit einer Schußwunde im Kopfe
tot aufgefunden. Man nimmt an, daß es sich um einen
Mord handelt.
Aus Nahrungssorgen. Die in Kiel in der Deich
trabe wohnhafte Witwe Schriffe hat wegen Nahrungs,
orgen ihren 12 Jahre alten Sohn und sich selbst erhängt.
Schueesturm. In ganz Sachsen herrscht ein hestiges
Schneewehen, durch das namentlich im Erzgebirge der Ver—
ehr vielfach gestört ist

Bite Doppelte Moral'eSeschichte. Ver Verleger
zeter Ganter, der wegen seines bekannten Reklametricks
ei Herausgabe seines Romans „Doppelte Moral“ zu einern
gefüngnisstrafe von 7 Monaten verurteilt wurde, ist jetz
ius Bayern ausgewiesen worden. Ganter hat gegen die.
sen Auswe sungsbefehl Beschwerde erhoben, die nunmeh—
zurückgewiesen wurde.
Einsturz einer Eisenbahunbrücke. Auf der Sierccke
der Warschau-Wiener Eisenbahn ist eine Brücke in den
Moment eingestürzt, als ein Güterzug darüber fuhr
Vier Waggons stürzten in die Tiese. Drei Kondukteur
fanden dabei den Tod.
Die Mordaffäre Meynier. Die in Paris erschei
iende „Liberte“ teilt in einer zweiten Ausgabe mit, daf
der Hauptmann Meynier, der Mörder der Baronin Oli
vier, verhaftet worden sei. Die Meldung wurde von ei
tem Informations-Bureau einigen. Zeitungen übermittelt
iber von der Kriminalpolizei dementiert. Die „Liberte“
vill herausgebracht haben, daß die Nachricht richtig sei,
uind daß die Verhaftung aus unbekannten Gründen nock
zeheim gehalten wird.
Verhafteter Bankdirektor. Aus Bern wird berich—
et: Heinrich Jenny in Biel, bis vor kurzem Direktor
zer Volksbank in Biel, auf die in letzter Zeit ein Run
tattfand, wurde unter der Beschuldiagung des Betruges
erhaftet⸗
Betrugsozæifsare. Nach einer Vepesche des „Matin
uis New-York wurde dort eine der größten Betrugs-Skan
ale der letzten Jahre entdeckt. Die Gebrüder Buer, Di
ektoren der im Jahre 1907 gegründeten Flat Iron Buil
»ing Company sind in ihren Bureaus verhaftet worden
Segen die Verhafteten wurden seitens der Aktionäre des
Anternehmens hunderte von Klagen eingereicht und zwar
vegen Erteilung falscher Auskünfte über die finanzielle
Situation von 30 Gefßfellschaften, die zusammen ein Ka
»ital von 500 Millionen Dollar repräsentierten. Die vom
Bouverneur eingeleitete Untersuchung ergab bald, daß die
raglichen Gefellschaften: Zink⸗, Kupfer⸗- oder Goldminen
ind Petroleum-Ländereien, gar nicht vorhanden waren.
Entweder befanden sie sich im Konkurse oder sie hatten
iberhaupt aufgehört zu existleren oder hatten niemals
existiert. Man schätzt die Summe, um welche die Altio—
aäre betrogen worden sind, auf 50 Millionen Dollar.
—Der Mörder des Deutschen Unger. Die Mörder
des in Haifa ermordeten Deutschen Unger sind von Akko
in Beirut eingetroffen und wurden nach Tripolis welter
transportiert. Der flüchtige Hauptbeschuldigte ist noch
nicht ergriffen worden. Der wegen der Mord'Affäre von
Konstantinopel eingetroffene Justiz-Inspeltor hat sich eben
falls nach Tripolis begehent

Der Bruhn-Prozeßz.
hat den Vorstand des Vereins deutscher Zeitunzsverlege.
Heranlaßt, eine Erklärung zu veröffentlichen, deren Wort
laut wir nachstehend mitteilen: „In dem Prozesse gegen
die Zeitschrift „Wahrheit“ sind die der Erpressung Be
chuldigten freigesprochen worden, weil der Tatbestand die
es Verbrechens nicht erwiesen werden konnte. Es kan
nicht unseres Amtes sein, dieses Urteil einer Erörterun—
zu unterziehen, wohl aber erscheint es dem unterzeichne
ten Vorstande des Vereins deutscher Zeitungsverleger, de
sich in seiner Sitzung am 15. November eingehend mi
hdieser Angeiegenheit beschäftigt hat, als ein Gebot der
flicht, im Interesse des Ansehens der deutschen Press—
zjffentlich und feierlich Verwahrung einzulegen gegen die
beriuche die Unterschiede zu verwischen. die 2wischen deu
ournalistischen und geschäftlichen Gepflogenheiten de
„Wahrheit“ und denjenigen Grund—' Jen bestehen, nad
»enen die anständige Presse Deutschlands geleitet wird
Lersuche, die in den Verhandlungen des Prozesses imme
vieder hervorgereten sind. Auch können und wollen wi
ticht unterlassen, unser Befremden uns »njer Bedauern
arüber auszusprechen, daß in derartigen Preßprozessen di,
nasgebenden Stellen so wenig bemüht sind, durch Ver
tehmung geeigneser Sachverständiger das eigentliche Wesen
der Presse ihre journalistische und geschäftliche Praxis vo
Zerdunkelungen zu schüßzen. Man soltte maßgebenden Or
es Notiz davon nehmen, daß in Deutschland ein Vereir
eutscher Zeitungsverleger besteht, der den größten Te
roßer, mittlerer und kleiner deutschen Zeitungen umfaßt
dieser Verein ist eine berusene Organisation, um Gut
chten über alles, was das deutsche Zeitungswesen in sei
ien vielverzweigten journalistischen und geschäftlichen Be—
iehungen angeht, vorzuschlagen. Jedensfalls kann man
»em Vorstand des Vereins deutscher Zeir ungsverlege
urchaus zustimmen, wenn er bemängelt, daß der Pro—
eß ohne Hinzuziehung eines unparte ischen Sachverständ.
jen geleilet worden ist. Herr Liman war keineswegs un
artelisch, denn er gehört zur Richtung des Herrn Bruhr
ind außerdem war Herr Liman auch kein Sachverständi
zer in dem Sinne, wie die Presse es verlangen muß
Wenn in der Resolution die Anschauung vertreten wird,
»aß Herr Bruhn doch nicht ohne Malel aus der Affäre
jervorgegangen ist, so dürfte damit die gesamte anftän—
zige Presse einverstanden sein.
Zum Ableben Tolstois.
Auf den Bericht des Ministers des Innern über das
Ableben Tolstois machte der Zar eigenhändig den Ver—

leche e

nerk: „Ich bedauere aufrtchtig den Sod des großen Schrist—
tellers, der in der Blauͤtezeit seines Talents in seinen
Zchöpungen vaterländische Typen der ruhmvollsten Jahr.
oes russischen Lebens verkörpert hat. Gott der Herr se
hm ein gnädiger Richter.“
8000 Studenten zogen von der Universität in Pe—
tersburg unter Absingung von Totenliedern zum Synod
im dort eine Demonstration zu veranstalten, wurden je—
doch unterwegs von Schutzleuten zerstreut. Der Synod
ist militärisch lLewacht. In anderen Hochschulen wurden
erregte Meelings abgehalten. Abordnungen çehen nag
Jasnaja Poljana ab.
Große Erregung herrscht in der Bevölkerung voiꝛ.
Odessa wegen des Verbots des Stadthauptman—
nes, Tolsto is Andenken zu ehren. Zahlreich
St denten erschienen um d'e Mittagszeit auf den Haupt.
»lätzen und vor einigen Zeitungsgebäuden, um zu de
nonstrieren. Starfe Volksmasden folgten ihnen. Die Po—
izei, vornehmlich berittene, verhinderte lauce Demonstra
fionen, indem sie gegen die Kirchenlichder singerde Menge
dorging und sie zerstreute. Man befürch‘et infolge des
Vorbots des Stadthauptmanns und des schroffen Vor
gzehens der Polizei Exzesse.
Das Sterbehaus Tolstois sot nach An—
»rdnung der Direltion der Rjäsan-Uralbahn geräumt wer
den, um zu einent Tolssto i-Museum eingerichtet 33
verden.
Die Pelersburger Blätter sind immer noch voll von
dolstoiszNachrichten aler Art. Vielfach vert etn sie die
zdee eines großen Natonaldenkmals, doch haben sich dielt
zläne noch nicht geklärt.
— —
Die Moabiter Krawalle vor Gericht.
(Achter Verhand!ungstag.,
Die Verhandlung im Moadbiter Krawall-Prozeß be
jann mit erheblicher Versöütung. Wie am Samitag, so
ehlte auch am Montag ein großer Tell der Angellagten
ie sich auf sreiem Fuß be inden. Sie sind, da ihre Ver—
ehmung bereits adgeschlossen ist, mit Geuehmigurg des
jerichtes ausgeblieben. Rechtsanwalt Heinemann vit!er
aöglichst bald eine Erklärung des Polize präsidenten her
zeizuführen, ob er seinen Beamten die Genehm gung zu
Aussage zu erteilen gedenkt. Ferner bittet er, den Poli
zeirat Dr. Henninger als Zeuge zu vernehmen, darüber
ob Beamte der politischen Polizei in dem Tumult in Ak
lon getreten seien. Der Recht?anwalt Dr. Rosense d bit
et noch vier Zeugen zu laden in Bezug auf den Zusam
tenstoß der Volizisten mit den enag ischen Journalisten

Von der Lustschisffahrt.
*Der Ballon,Saar'. Aus Kuxhaven wirr
erichtet: Die Hoffnung, daß die Insassen des auf dar
Nord'see verschollenen Ballons „Saar“ sich auf ein Fischer—
»oot gerettet haben, ist munmehr auch zerstört, denn alle
Fischerboote, die seit leßsem Sonntag in See waren, sind
nzwischen zurückgelehrt und melden, daß sie den vermif
—AVVDDD
— AZJ —e2e22——
Handel und Verkehr.
Das Goldfieber in der Eifel. Wie dem „Ver
B.C.“ gemeldet wird, ziehen sich die Sandhügel, in denen
auteres Gold gefunden wurde, bis an den Wallsahetsort
St. Hubert, tief im Ardennengebie'se, hin. Es macht sich
zroße Spesulationswut um den Anlauf jener Hügel be—
merkbar. Zahlreiche Bergbaulundige und Ingenieure des
In-⸗ und Auslandes trefsen täglich im Auftrage fremder
Besellschasten dort ein. Die Gewerkschaft August, dicht ber
Jvaldingen gelegen, wurde bereits an ein Konsortium
herkauft. Mehrere andere Gewerkschaften sind in der Ent
stehung begriffen. — Recht pessimistisch oder doch wen!g
stens steptisch schreibt zur Sache die „Franlf. Zig.“ über
die Gewerkschaft „August“: Soweit bisher zu erkennen, sind
gegenwärtig erst primitive Vorarbeiten getroffen worden.
Bei den vorgenommenen Waschungen soll sich einmal bei
zjirla 25 Kubikmeter Masse 55 Gramm Feingold, ein an
dermal aus 15 Kubikmeter Masse 50 Gramm Feingolf
rgeben haben. Im Durchschnitt soll angeblich für eil
ticht näher bezeichnetes Gebiet mit einem Goldgehalt vor
—3 Gramm pro Kubikmeter Gesteinsmasse zu rechme
ein. Diese Angaben bdesjagen an sicn dun ehr wenig, de
nicht der Goldgehalr der Probhen allein oudern vor al.
lem seine Nachhaltigleit und besonders die Gestehungs—
osten bei der Frage der Abbauwürdig!eit eine wesentliche
Rolle spielt. Unter diesen Umstaänden ist doch darauf hin—
zuweisen, daß das, was bisher bekannt und wohl auch
am Ort selbst festgestelll worden ist, durchaus nicht aus
iicht, ein klares Bild über die Lage, über die möglichen
Lewinne und über die Zweckmäßigkeit einer Kapitalinve
titation zu geben. Man wird auf alle Fälle abzuwar
en haben, bis die in Betracht kommenden Gebiete wirb
liich im bergmännischen Sinne durch Bohrungen oder der
gleichen aufgeschlossen sind. Die Interessenten des Gold—
bergwerks „August“ werden sich selbst den besten Dienst er—
weisen, wenn sie bis zum Vorliegen ausreichender werk—
technischer Angaben den breiten Kapitalmarkt nicht her—
inzuziehen verfuchen.

—EEXXZA

—
‚Statt jeder Antwort öffnete Volkmer, die Tür und
schrie hinaus: Dore, hereinkommen“
Das klang freilich anders, als der Förlter bisher ge⸗
sprochen hatte. Regine mußte heimlich über den herrischen
Befehlston lächeln.
Es dauerte eine Weile, dann schlurften eilige Schritte
heran. Vorsichtig wurde die Tür geöffnet im Raͤhmen der
selben erschien ein von zahllofen Fallen durchzogenes Ma
tronengesicht, in dem ein paar listige Augen vbon unbe
ttimmter Farbe funkelien.
.Tür zul!“ kommandierte der Förster, und dann, Dore
beim Arme nehmend dies ift die neue Repraäsentanti
meines Hauses und Erzieherin meines Sohnes. Ihr all
habt Fraäulein Elsner zu gehorchen, und wenn das Fräu
sr es wünscht, lieferst du ihr lamtliche Schlůssel aus
ore.
Regine krak rasch vor. Sie hatle noch nicht abgeleg!
und sah in ihrer langen Pluschjacke, dem Pelzbarett, zu
dem Pelzkragen und Muffe paßlen, sehr vornehm aus.
„Die Schlüssel behalten Sie, Dore, und in Ihrer Wirk
schaft das Regiment. Nur über das, was der Knabe zu iun
und zu lassen hat, bestimme ich selbst.“ . J
»Der Alten war der Schreck sichtlich in die Glieder ge
ahren. „Wie das Fräulein denken,“ stammelte sie, „wůn
chen der Herr den Kaffee?“ J V 55
Jawohl. laß nur gleich auftragen. Und geleite das
Irãulein in ihre Zimmer. Sofern Sie irgend einen Wunfä
Jaben, Fräulein Elsner, keilen Sie ihn mir, bitle, unbe
dingt mit, er ist im voraus erfült ·
Eine klaine Kinderhand siahl sich in die Regines. „Ich
Sill mit, Tante,“ bat GLänschen. 77
xda, dann muß du aber ein Tuch umnehmen, draußer
ist es eisigkaltt... rueru
ik. Na, verdimbeln Sie den Vungen man nicht aleich.
neinte Vore, „einen Husten hat Jedes Kund mar!
„Bleib' jetzt bei Papa,“ entschied Regine, die Stirn det?
dindes mit ihren Lippen berührend, „ich komme sogleich
urück und morgen nehme ich dich mit in meine Stubel
gDer Kleine sah ihr ängstlich nach; seine Augen stander
oll Tränen. Unsagbares mochte in dem liebebedürftiger
dindergemüt deenh So v und zutraulich hatte nie
uvor ein Mensch zu ihm gesprochen.
Da nahm sein Vater auf den Schoß und sein ernstes
»esicht lachte. „Also die neue Tante gefällt dir, Hanse—
nann?“
Der kleine Krauskopf nickte ernsthaft. „Viel besser, al⸗
rante Friedel, viel besser! Aber sie muß auch gleich wie—
»kommen und immer hoi —ir hleihen!

A— IF.
Weshalb nur ging es wie ein Erschrecken durch die Seele
es Försters?
In dem Trubel der letzten Tage hatte er Elfriedes
rum gedacht. Die Ankunft der Fremden hatte ihn vollaus
eschäftigt.
Nun schwebte ihr süß berückendes Bild ihm wieder vor.
Wie kannst du die beiden nur vergleichen? Fräulein von
zittner, das ist doch ganz etwas anderes!“ lag es ihm auf
er Zunge, aber er konnte es doch dem Kinde gegenüher
icht aussprechen.
Leichte Schritte näherten sich der Tür, Regine kam schon
ieder. Sie trug noch das dunkelgraue Reisekleid, in dem
yr Gesicht noch blasser und schmaler als sonst erschien. Der
imbus der Vornehmheit umschwebte ihre Erscheinung, aben
hr Wesen war von einer liebenswürdigen Bescheidenheit
das Glück, welches sie in dieser Umgebung empfand, ver
teckte sie in der verborgensten Falte ihres Herzens, aber
»enn sie das Kind ansah oder mit ihm sprach, verklärte sich
hr schönes Gesicht wundersam.
or vörster achtete nur mit halbem Ohr auf das Ge—
lauder Hanschens und seiner neuen Tante, seine Gedanken
hweiften weit ab, er hatte den Eindruck, daß sein Kind
Daren sei, als er sich erhob und die Flinte über die
zchulte. —
Er— durchs Revier zu machen.

5*

Die holländeischen Städte unterscheiden
sich weniger durch ihren Anblick, als durch ihren Geruch.
Schiedam und Gouda z. B. sehen sich ähnlich, wie ein
dolländer dem andern; allein Gouda riecht · nach Käse
und gebrannten Pfeifen, Schiedam aber nach gebranntem
Wachholder. In Holland hat jede Stadt ihr ausschlicß⸗
iches Getriebe, das sie sich unter einander nicht streitg
nachen. So ist Gouda die einzige Stadt in Holland, die
ie bekannten, weit verführten, holländischen Pfeifen bäckt,
⸗⸗zu sie den Ton aus dem nördlichen Brabant empfängt-So
 ist Schiedam die einzige Stadt, welche Genever
hrennt. Turm und Häuser sind hier schwarz von dem
deten Dampf, selbst die weißen Schürzen und Mützen
her Frauen sehen nicht so reinlich aus, wie anderswo.
Zzo kann man sagen, daß Amsterdam vorzugsweise nach
zfeffer, Delft nach Töpfen, der Haag nach Orangen und
on allem Harlem nach Blumen und Blumenzwiebeln
—X

Plauderei. 9
Was treibt den Mann einer Frau, die nicht ist, wie
ie jein soll, ins Wirtshaus? — Ungeregelte Wirischaftsührung,
 Verschiebung der festgesetzten Tageseinteilung,
chlechte Küche, Mangel an Sorgfalt im Ordnen aller Ob—
iegenheiten der Hausfrau und der ihrer Leitung unterstell⸗
en Dienerschaft. Unruhe für den Ruhe suchenden Mann;
Beschränkung des ihm zukommenden geistigen und leiblichen
Spielraums; Klagen über wirtschaftliche Sorgen, deren
negulierung der Mann allein der Frau zuschieben darf;
dauernde Berufung an ihn als Hauspolizei gegenüber den
dindern, Mägden und Hauseinwohnern: Herübernehmen der
iblen Laune, welche Tageslasten der Frauenarbeit wohl
schaffen können, in die Erholungszeit des von seiner Ar—
»eit heimkehrenden Mannes! Gezank um ihn her, wohl gar
zegen ihn selbst gerichtet. — Eine Frau, die dergleichen
Unzuträglichkeiten gedeihen läßt, kann doch nur in dummer
derblendung erwarten, daß sich ihr Mann wohler im ei—
senen Hause als im Gasthause fühlt.
Die zuerst genannte Frau, die einsieht, daß sie mit
edlem Bemühen nicht imstande ist, ihren Mann aus Haus
u fesseln, mag trauern, es sei ihr aber ein Trost, daß sie
eine Schuld an der Entfremdung des Gatten von seiner
Familie trägt. In dem Hause solcher Frauen gedeihen die
dinder recht gut, auch ohne Miterziehung durch den sich
mabhängig stellenden Mann und fast immer wird solche
dausfrau es auch verstehen, materielle Schädigung durch
»as im Wirtshausleben der Familie entzogene Geld zu
eschränsen ohne dieselben — wohl gar in wissentlicher
lebertreibung — dem Manne tadelnd vorzuhalten. Ofl
ommt unverhofft der Mann, dem die Außenwelt wehe tat,
— DV
ur segenbringend erscheinen wird, was ihm früher lanqdeilig
 und reizlos dünkte.
Wenn die Frau nicht zur, Erkenntnis ihres Anteils an
»en Mißverhältnissen des Familienlebens kommen mag,
hitd natürlich solch ein verletzter Haussiand zu Grunde ge—
sen, oder nur unter dauernden Stürmen weiter bestehen
önnen. Gelingt es der Frau ihre Fehler zu erkennen und
n Besserung zu arbeiten, so ist der dadurch erreichte Vor—
eil unter allen Umständen von hohem Segen für ihr Haus,
uch wenn der Mann ein gewohnheitsmäßiger Wirtshausesucher
 bleibt.
'Ind nun, nachdem ich die Trauen mobnte diß Guen

abereien des Mannes mu
Vohlbehagens neidlos zu beurleilen, sowie mit Ernjt au⸗
chaffen von Zuständen zu gehen, die dem Maänne das
igene Haus so lieb und lieber als das Gasthaus machen
nüssen, möchte ich hier auch allen Ehemännern die Mah—
iung ans Herz legen, im Unterordnen threr Neigungen
inter die der Gattin schuldige Rüdsicht auf deren Wohler⸗
zehen und Wohlbefinden nicht zu karg zu sein. Der Mann
jabe Geduld mit der oft durch körperliche MUhen auh
jeistig recht miide gemachten Frau; er verschmähe es nicht.
u ihren kleinlichen Interessen hinabzusteilgen, wenn sie
ucht imstande ist, sich zu den seinen zu erheben; er zögere
uicht, allezeit zuzugreifen, wenn ihre Fähigkeiten für die ihn
ugeteilten Obliegenheiten nicht ausreichen; er lege sich
elbst willig Entbehrungen auf, wenn es gilt, sein Hein
‚or Notständen zu bewahren; er trage bewußt und gerr
ille Lasten, die seine von ihm selbsterwählte Stellung ale
Qerhaupt seines Hauses mit sich bringt. Nur wenn der
Hausherr zugleich der erste Diener seines Hauses zu seir
cersteht. wird er ein gaerechter Herrscher desselben seir
onneu.
Jeder Frau sei es ein Trost, zu wissen, daß verletzende
Zustände in der Ehe, welche allen Anstrengungen der Frau,
je zu verbessern, spotten, äußerst selten sind. Weitaus in
den meisten Fällen fehlt es der Frau an Fähigkeit oder
im guten Willen, richtige Zustände zu schaffen oder sich mi
den bestehenden weise abzufinden.
Sicher sehr bemitleidenswert ist aber die Frau, die
amsonst nach Kräften wirkt und strebt, die sich ohne Hoff⸗
aung auf bessere Zustände an einen gewissenlosen Mann
gekettet sieht, an einen Hausherrn, der sich die Macht, die
Rechte eines solchen anmaßt, ohne die Pflichten seiner Stel—
lung zu üben, zu achten, ja oft nur zu begreifen; der die
dinder weder richlig zu leiten versteht, noch seinen Ver—
flichtungen gegen sie nachkommen mag: und um seiner
Fehler willen die ihm anvertraute Frau und die Kinder in
in geistiges wie materielles Elend geraten läßt; der über
Il zerstört und niederreifzt, wo seine Verpflichtung wäre,
mfzubauen und zu erhalten. Die Frau eines solchen Man
es ampfe bis zum letzten Atemzuge, um seinem schlech
en Einfhisse eutgegen zu arbeiten; aber sie wähle die ihr
ugewiesenen Waffen der Sanstmut, der Beharrlichkelt, des
zleißes und der Treue; sie stehe, wie der Psalmift mahn
Ih bom SDorn und lsalso an Grine
            
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