ar. 268. Mittwoch, den 23. November 1810. 23. Jahrgang.
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Deutscher Reichstag.
33. Sit ung Nachmittags 2 Uhr
Berlin, 22. Nov.
Präsident Graf Schwerin—Löwittz eröffnet di
rste Sitzung nach der Sommervertagung mit einer herz
ichen Bezrüßurg der Abgeordnesen. Das Andenden de
vährend der Tagung verstorbenen Mitglieder wird durc
ẽrheben von den Sißen geehrt. Den drei Mitgliedern
»ie während der Vertegung das 80. Lebensjahr zurüc
jelegt haben GBender (Zir.) Strombeck Ztr. un
Draͤger (F. Vp.) bringt der Präsident die Glückwünsch
des Hauses dar
Der Schriftführer verliest hierauf die eingegangenern
Interpellationen: eine sozialdemokratische und eine lonser
»ative über Fleischnot und Oefsnung der Grense
uund eine sozialdemotratische über die Königsberge
daiserrede.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Gerichts
hosten-Movelle. Sie geht auf Antrag der Abgeord
ae en Wagner (konse), Heinze (natt) und Wel stein (Ztr.
an die Strasprozeßkommission.
Es folg' die erste Lesung des Geezentwurfes übe
den Schutz des Reichsbanknotenpapiers.
Abg Dr. Arendt (freikt.) stimmt der Vorlage zu.
Abg Osertel cnatl.) schliezt sich dem an
Ein Antrag auf Kommissionsberatung wird nicht a«
ellt.
Es folgt die Vorlage betr. Beseitigung von Thuer
adavern.
Staatssekretär Delbrückleitet die erste Lesung de
gesetzentwurfes ein. Es handelt sich um eine reichsgeset
liche Regelung im Sinne der Ansorderungen, die im se
nitätspolizeilichen und veter närpolizeilichen Interesse ge
tellt werden müssen.
Abg. Siebenbürger (cons.) beantragt Kom
nissionsberatung.
Abg. Fischbeck (F. Vp.) verlangt insbesonder
Verhinderung des Mißbrauches, daß Tierkadaver alt
menschliche Nahrung verwendet werden.
Abg. Neumer (natl.) drückt seine Genugttung übe
die einheitliche Regelung aus.
Abg. Scheidemann Goz.) ist mit der Vorlag
ebenfalls einverstanden.
Abg. Vahrenhorst (F. Vp.) spricht im Sinn
der Vorredner.
Damit ist die Tagesordnung erschöpft.
Der Präsident teilt den Eingang einer vierten Inter
ellation Ablaß u. Gen. (F. Vp.) mit: Ist der Reichs
anzler in der Lage, zu erklären, daß dem Reichstage i
nen nächsten drei Monaten der Entwurf der Pensionsve
icherung für die Privatbeamten zugehen wird?
Nächste Sitzung: Mittwoch 1 Uhr. — Tagesordnung
Ddie vier Interpel'at'onen und der konservacive Miltel
andsautrag. — Schluß 34 Uhr
Deutichland am Vorabend der
Revolution.
Die Ereignisse in Moabit, Remscheid, Köln usw. sind
elbstverstandlich im Auslande sehr beachtet worden. Im
illgemeinen haben sie den Eindruck hervorgernfen, den
dir befürchteten. Man freut sich darüber, daß es in Ber—
in nicht anders ist wie in Paris und anderen Haupistäd⸗
en der Welt. In deutschen Blättern wird zur Zeit viel⸗
gach ein Artikel abgedruckt, der im „Figaro“ am 5. No—
dember erschienen ist. In diesem beschäftigt sich Karl Bo—
nefon mit der Frage, ob Deutschland am Vorabend einern
Rter olution stehe. Er meint, die Revolution sei in Deutsch
land nicht unmöglich, infolge seines bundesstaatlichen Cha—
rakters sogar leichter wie irgendwo anders, jedoch nur un—
ter einer Bedingung, daß die Nation in ihrer großen
Yeehrheit sie durchaus wolle. Darüber plaudert Boneforn
solgendermaßen weiter:
„Der Bauer ist konservativ, die Schuljugend in ihrer
zroßen Maiorität kriegerisch: sie denkt mit Vorliebe an
Abenteuer zu Lande und zu Wasser; die hohe Bürger—
Eine Flucht.
Regine, deren Seele so goldig klar war, wie das Son—
nenlicht, hätte vor Scham in die Erde sinken mögen. O, wie
bitter verhängnisvoll war ihr jene Stunde geworden, wo
Heinz Diesing ihr das Leben rettete und sie der Verein—
amung entriß!
Die wenigen, fröhlichen, herzerquickenden Tage, die
jann folgten, hatten grausames Leid im Gefolge gehabt.
In ganz Berlin war sie vor ihrem Peiniger nicht sicher,
ie mußte fort in eine neue, fremde Umgebung.
Ihre wirtschaftlichen Kenntnisse konnten kaum in Be—
crracht kommen. Und dennoch, der Mut der Verszweiflung
brh sie handeln. Auf einen Erfolg ihrer Annonce rechnete
ie nicht.
8 kam auch nur ein einziges Schreiben, das von Vo—
lentin Volkmer. 9
Ich bin bereit, Sie gegen ein Monatsgehalt von drei—
hig Mark in meinem Hause aufzunehmen,“ schrieb er, „Sie
können Ihre Stelle sofort antreten. Was Sie zu leisten
haben, teile ich Ihnen persönlich mit.“
Es folgte Orisangabe, Datum und Unierschrift.
Regine zeigte das Schreiben ihrer Wirtin, welche sich
erbitlen ließ, das junge Mädchen noch ein paar Tage zu
dehalten.
Diesfing hatte inzwischen geschrieben und in tönenden
Pyrujen esferuuig gero, ινι ur en
ungebührliches Belragen gebeten.
Natürlich würdigte Regine diesen Erguß keiner Be—
achtung, sie wurde einzig von dem fieberhaften Verlangen
beherrscht, möglichst rasch ihre Beziehungen hier zu lösen
und fortzukommen.
Sie zeigte ihrer Wirtin im Vertrauen auf deren Dis⸗
retion Volkmers Schreiben.
„Nein, nein, ich verrate Sie nicht!“ versicherte diese
wichtig, „aber das lassen Sie sich gesagt sein, Sie kommen da
bom Regen in die Traufe. Eine Herrschaft, welche mitten
im Quartal ein junges Mädchen sucht und weder nach Lei—
tungen und Zeugnissen fragt, gehört zu denen, welche ein
daar Dutzend Mal im Jahre wechseln. Ich will ja nichts
Jesagt haben, aber für die Dauer ist es nicht! darauf kön⸗
en Sie Gift nehmen.“
„Ich werde aushalten,“ sagte Regine mehr zu sich selbst.
ch bleibe und wenn man mir die Hölle bereitet.“
Sie sandte sofort ein Telegramm ab, daß sie am näch—
en Tage eintreffen würde. Der Abschied von der Wirtin
folgte in aller Freundlichkeit. Mit schwerem Herzen fuhr
doer neuen Heimat entdgeden
— —
folgte ein Rundaang durch die Hörsäle, Lehrmittelsäle ꝛc
Ungefähr um 124 Uhr verließ der Kaiser die Schule. Er
a'ng bei Holhtis wieder an Bord der „Deutschland“, wo
in Frühst'ck stattfand, wozu auch der Direktor der Ma—
eineschule und der Oberbürgermeister von Flensburg ge—
laden waren. Während des Frühstücks wurden die Anken
gelichtet und die Rückfahrt nach Siel angetreten. K. V.
212 —— —E
— WPolitische Rundschau.
Deutsches Reich. ——
m: Während seines letzten Aufenthaltes in Bayern hal
sich der Kronprinz, wie jetzt bekannt wird, zu der Ge
mahlin des Herzogs Karl Theodor dahin geäußert, daß
er nach seiner Rückkehr von der Weltreise im Mai oder
Juni sich nach London begeben werde. Wie von an
oerer Seite dazu mitgeteilt wird, besteht tatsächlich das
Projekt dieser Reise. Der Kronprinz ist dazu ausersehen,
in London als Vertreter des Kaisers bei den Feierlich
keiten zu erscheinen, die anläßlich der Krönung des Kö—
aigs Georg veranstaltet werden. Die Krönungszeremonie
indet am 22. Juni nächsten Jahres statt. Das englische
Hofzeremoniell verbietet es, daß bei einer Königskrönung
der Souverän einer auswärtigen Macht teilnimmt, da der
dönig bei der Feier die Person vom höchsten Range sein
nuß. Bei der Krönung Eduard 7., die am 9. Augusi
1902 stattfand, wurde der deutsche Kaiser bekanntlich durck
den Prinzen Heinrich vertreten.
*Eine überraschen de Wendung in ve
Schiffahrtsabgabeufrage drohen, wie aus preubi hen
degierungslreisen von einer gründlich insormierten Per⸗
önlichkeit verlautet, die internationalen Verhandlungen zu
iehmen. Während Rußland (wegen der Wolgaschiffahrt)
‚u einer Einigung bereit ist, erklärt die Regierung der
Niederlande, der holländische Staat habe gar nicht die
Möglichkeit und die Macht, den Verkehr auf dem Rhein
an die neue veutsche Schiffahrtsabgabenpolitik anzuglie⸗
dern. Es wird von holländischer Seite darauf hinge—
viesen, daß die Verfrachung von Schiffsgütern von den
jolländ schen und be!lgischesi Häfen aus zum großen Teil
gar nicht des Rheines bedarf, sondern auch über das sehr
berbreitete französische Kanalsystem möglich ist. — Es han—
delt sich bei den meisten durch Schiff verladene Güter nicht
um Zeitersparnis, sondern um Preisersparnis. Da Frank—
reich keinen Durchgangszoll erhebt und die Schleusengel—
der im Gegensatz zu Deutschland sehr gering angesetzt hat,
so müßten entweder die deutschen Schiffahrtsabgaben so
niedrig bemessen sein, daß sie mit den Mehrkosten des
Umweges konkurrieren können — das hieße sie auf ein
aum rentables Minimum herabdrücken — oder die größte
Flußschifsahrt Deutschlands erlitte eine Einbuße, die in
keinent Verhältnis zu den Abgaben stände.
*Zur Vorlage der Privatbeamtenversicherung wird
dem „Reichsbolen“ geschrieben: Die Auffassung, es werde
die Vorlage nicht mehr an den Reichsstag kommen, ist
unzutreffend. Von anderem abgesehen, steht einer Ver—
lagung der Frage die unzweideutige Zusage des Staats—
ekretärs im Reichssamt des Innern entgegen. Außerdem
pricht auch der Unistand, daß gegenwärt'g die kommissa—
ischen Beratungen zwischen der Reichsregserung und den
preußischen Ressorts schweben. dafür. daß die Vorlage
ommen wird.
DesterreichUngarn.
* Das Flottenbau⸗Programm sieht den Bau solgen—
der Kriegsschiffe vor: 4 Schlachischiffe, davon 2 zu 20 und
Mzu 23 000 Tonnen, 3 Schnellkreuzer, 10 Torpedoboo:!syahrzenge,
12 Hochsee-Torpedoboote und 6 Unterseeboote.
Die Gesamtkosten betragen 310 Millionen Kronen. In
das Marine-Budget für 1911 werden eingestellt 47 Mil—
lionen für Marine-Erfordernisse ausschließlich Schiffsbau.
20 Millionen als restliche Verbindlichkeiten für die berets
ertig gestellten Schiffe der Radetzki-Division und 22 Mil—
sionen als erste Rate für die drei Dreadnoughts, zusam⸗
men also für 1911 ein Gesamt-Erfordernis von 90 Mil—⸗
ionen Kronen.
* Nach dem „Figaro“ wäre der aussichtsreichste Anwär—
er für den durch den Tod des Grafen Khevenhüller srei
cemeardenery MNasten des österreichischungari4-iwenn
Sie Ueo uno gut gegen ihn sinod, wurde mein Vanf
keine Grenzen kennen!“
„O, wie gern!“ rief Regine, das kam so recht aus der
Tiefe des Herzens. Dann aber schaute sie zagend an dem
hochgewachsenen Mann empor, der einen so großen Gegen—
satz zu Heinz Diesing bildete.
Sie meinte daß man im Schutze dieser wetterfesten,
narkigen Gestalt wohl geborgen sei. Ungemein fesselnd er—
schien ihr das gebräunte Antlitz mit der kühnen Stirn, über
der sich braunes Haar natürlich lockte. Der Mund wurde
durch den Schnurrbart fast verdeckt, aber die tadellosen
Zähne sah man, wenn Volkmer sprach. Auch ihr fiel seine
weiche, sympathische Stimme auf und der gütige Ausdruck
in den stahlgrauen Augen.
Sie hatte das bestimmte Gefühl, als würde sie lieber
»avonlaufen, ehe sie es fertig brächte, diesem Manne ein
Inrecht zu beichten. J
Diese Augen vorwurfsvoll oder gar streng verurteilend
auf sich gerichtet zu sehen, würde ihr unertraäglich gewesen
ein.
Sie hatte beabsichtigt, im voraus um Nachsicht für sich
uu bitten, da sie ja doch in allen häuslichen Dingen durch—
ius unerfahren war. Das unterließ sie nun, im stillen ge—
obend, alles daranzusetzen, um sich die Zufriedenheit dieses
MNannes zu erwerben. Eine Rüge von seinen Lippen würde
ie wie ein Peitschenschlag getroffen haben.
Es blieb ihr auch zum Nachdenken weiter keine Zeit.
Ehe ich Sie mit Ihren Hausgenossen bekannt mache,“
agte Volkmer, „möchte ich Ihnen mitteilen, welcher Art
zhre Pflichten sind. Vor allem lege ich Ihnen die seelische
ind körperliche Erziehung des Knaben an das Herz. So—
ann übernehmen Sie die Oberleitung des Haushalts. Die
alte Wirtschafterin wird davon allerdings nicht sehr erbaut
ein, aber sie muß sich fügen. Bleibt sie obstinat, so entlasse
ch sie, dasselbe gilt von den beiden Mägden. Ich muß es
jhnen überlassen, sich die rechte Stellung den Dienstboten
— zu schaffen. Meines Schutzes sind Sie alleseit
cher.
„Ich danke Ihnen,“ erwiderte Regine, sich leicht ver⸗
ieigend. Ihr blasses Gesicht verriet nichts von der Er—
leichterung, die sie empfand. Das war ja eine Stelle wie
geschaffen für sie. Hier konnte sie sich in aller Stille und
deimlichkeit zu einer schätzenswerten Kraft im Haushalt
heranbilden. Sie wollte schon aufpassen und lernen, in ihr
war alles frohe Schaffensfreudigkeit. „Sie sprachen vor
einer alten Wirtschafterin,“ fuhr sie liebenswürdig fort,
„wäre es nicht klüger, dieselbe unverkürzt in den gewohn
ten Rechten zu lassen, oder haben Sie besondere Gründe,
mdere Bestimmungen au treffon—
Doch schon das gutmutige Gesicht des alten Jochen be—
chwichtigte ein wenig die scheue Furcht in ihr.
Als sie dann aber durch den schweigenden Wald dahin⸗
uhr, schwand alle Disharmonie aus ihrem Innern. Aus
deitgeöffneten, staunenden Augen schaute sie um sich. Sie
ah ja zum allererstenmale das ergreifende, feierliche Bild
ꝛes winterlichen Forstes.
Es hatte tagelang geschneit und dann setzte der Frost
ein mit klingender Schärfe, jeden Wassertropfen in spiegeln⸗
hen Kristall wandelnd.
Ein Blitzen und Funkeln ringsum, daß das junge Mäd—
an die Augen schließen mußte, so blendete die feenhafte
racht.
Was waren hiergegen alle Sehenwürdigkeiten der Re⸗
idenzl Und zu denken, daß sie Tag für Tag all die Herr⸗
ichkeiten schauen, sich an ihnen erfreuen solltel Wie gren⸗
zenloser Jubel quoll es in ihr empor.
O, und wenn das Forsthaus eine Hölle barg, sie wollke
ausharren, demütig, und um ein wenig Freundlichkeit wer—
hend. Daß es einen Himmel für sie enthalten könne, davon
kam ihr keine Ahnung.
Doch nach einer anderen Richtung hin wurde ihre Phan—
asie rege. Es war ja bereits Februar. Noch ein paar
Zochen und das große, herrliche Wunder mußte sich wie⸗
ner in der Natur vollziehen. Dann kam der Frühling und
die Bäume wurden grün. O, wie segnete sie schon jetzt den
gedanken, welchen die Todesangst ihr eingegeben hatte.
Wie freute sie sich, daß sie alles Häßliche und Erniedrigende
weit hinter sich zurückgelassen.
Dort im Strom der Menschen hatte sie sich einsam und
erlassen gefühlt, hier in der weiten, in bräutlichem Weit,
jeschmückten Natur, über der die feierliche Ruhe des Got⸗-esfriedens
lag, ging ihr Herz auf, sie fühlte sich eins mit
Umgebung, ein seliger Frieden senkte sich in ihre
Brust.
So war sie in sich versunken gewesen, daß sie erschrak,
ils der Schlitten hielt. Man war bereits vor dem Forst⸗
ause angelangt.
Nun ergriff sie doch wieder ein großes Verzagtsein.
ẽ3 war im Grunde doch unverantwortlich, daß sie ihre Ar⸗
eitskraft hier angeboten hatte. Sie verstand ja nichts,
ein garnichts von dem, was in einer besseren Haͤuslichkeit
»erlangt wurde. Sie brachte ein ernstes Wollen mit, das
var alles.
Oben ging die Haustür. Volkmer kam ohne Kopfbe—
eckung die Siufen, die man der Glätte wegen mit Acche
estreut hatte, herunter, um die neue Hausgenossin zu be⸗
Er tat es mit schlichten, freundlichen Worten.
Regine hatte sich aus den warmen Hüllen bereits her—⸗
usgeschält und den Schlitten verlassen. Nun stand sie vor
hm hoch und schlank, ein wenig befangen, mit blassem, be—
rücktem Gesicht und dunklen Rändern unter den so un—⸗
iatürlich groß erscheinenden Augen.
„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise, mit tief gesenktem
Blick, der gütigen Stimme gegenüber hatte sie Mühe, die
Tränen zurückzudrängen.
Dann tral sie über die Schwelle des Hauses und nie—
nals vergaß sie das ahnungsvoll selige Glück, das in die—
iem Moment ihr ganzes Sein durchflutete.
Der große Hausflur erschien wie in Licht und Sonne
zetaucht. Auf, Konsolen standen überall kunstvoll ausge⸗
topft die Vogel des Waldes mit dem graubunten Gefieder,
den glänzenden Augen. Ueber den Türen des Weidmanns
Stolz, die mächtigen Geweihe. Das Ganze eine Welt für
J eine Welt, voll stiller Beschaulichkeit und anspruchslosem
enügen.
Volkmer öffnete die Tür zur Wohnstube und blieb
dann, zur Seite gehend, stehen.
„Komm her, Hänschen, und sage der lieben Tante
zuten Tag.“
Der kleine Junge mit dem krankhaft blassen Gesicht
tand erwartungsvoll mitten im Zimmer.
Als Regine seiner ansichtig wurde, flog ein Leuchten
iber ihre Züge. „Ach, da ist ja das Kindchen! Willst du
jern mit mir spazieren gehen, Hänschen, alle Märchen hören
ind mich lieb haben?“
Hänschen staunte. Bisher hatte sich niemand mit ihm
chaftigt. Der Vater war selten zu Hause. Und die an—
dern hatten lein Verftändnis für jeine kindlichen Fragen
und Bemerkungen Barsche Zurechtweisungen waren an
der Tagesordnung.
Du willst mir ebenso erzählen, wie Papa es tut?“
fragte er, die Aermchen hebend, „vom Osterhasen und sei—
nem Nest?“
Ja, das will ich, und von den jungen Schwalben und
leinen Grasmücken!“ versicherte sie aufs Geratewohl. Eine
reue Welt schien sich ihr zu offenbaren, in die sie mit strah⸗
enden Augen hineinschaule.
Volkmer sah zum ersten Male das reizende Lächeln der
jarten Lippen, den seelenvollen Ausdruck der tiefblauen
Augen.
„Mein kleiner Sohn ist halbverwaist,“ sagte er ernst.
seine Mutter starb, als er kaum das Licht der Welt erblick
atte. Das Kind ist mein Ein und Alles. Fräulein Elsner—