Full text : Dudweiler Zeitung

Nr. 263. 23. Jahrgang.
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Die Deffentlichkeit des Gerichts.
In Stuttgart ist jüugst von der Strafkammer de—«
randgerichts ein Urteil gesällt worden, das eine der
grundlagen unserer Gerichtsversassung in Frage siellt.
Eine vielgelesene Zetung hatte in ihrem Bericht über
ine Gerichtsverhandlung Teile von Beweisanträgen des
derteidigers, die in öffentlicher Gerichtsverhandlung ge
lellt worden waren, wahrheitsgetreu und objektiv abge
»rxuckt. Diese Anträge enthallen Behauptungen, durch di
ich eine darin genannte Person beleidigt fühlte. Auf An
rag der letzteren erhob der Staatsanwan Anklage gegen
»en Redakteur jener Zeitung wegen Beleid' gung, und das
ßericht verurteilie ihn nach S 816 des Str. G.⸗B. wegen
Berbreitung einer „nicht erweislich wahren, einen anderr
n der öffentlichen Meinung herabwürdigenden Tatsache
u einer Geldfirase, obwohl es anerkennen mußte, da
»er Redalteur das Bewußtsein, den andern zu beleid gen
icht hatte.
Das Gerichtsverfassungsgesetz besiimmt im 8 170:
„Die Verhandlungen vor dem erkennenden Gericht«
einschließlich der Vertünigung der Urteile und Be
chlusse des elben erso gen öffentlch.“
Was heißt: öffentlech?
Im alten Rom wurde auf dem Forum unter freien
himmel Gericht gehalten. Jeder aus dem Vorle ha te Zu
ritt, könute sehen und hören, was bei Gericht vorging
Ebenso war es im alsen deutschen Rechtsgang: die Ge
richtsversammlung war Volisversammlung an geweihter
Stätte. Zur Kauserzein ging man in Rom dazu über
Ainter verschlossenen Turen Recht zu sprechen, und im
puteren Mittelalter vollzog sich die gleiche Entwictlung n
Deutscchland Erft die Reformen, die mit der Erringun?
der staatsbürgerlichen Fresheit zusammenhüngen, brachtei
ins wieder die Oeffen lichleit des Gerichtsverfahrens. Ein
zelne deutsche Staaten führten sie schon in der ersten
dälste des 19. Jahrhunderts ein, für das ganze Reich
vurde sie mit dem Indkra itreten des Gerichtsverfassunge
esetzes am 1. Oltober 1879 anerkannt.
Damit ist eine alte Forderung erfüllt worden. Die
Deffentlichkeit des Gerichts gilt als eines der sicherften
Pittel zur Verhütung von Mißbräuchen in der Rechtsprech
ing. Dadurch, daß jeder rechtlich die Möglichkeit hat, der
sverichtsverhandlung beizuwohnen, wird eine ständige Kon—
rolle über das Gericht ausgeübt, eine Kontrolle gewisser
naßen durch das Volk selbst, die wirksamer ist, als je
nals eine Kontrolle durch staatliche Organe sein könnte
Die Kontrolle durch das Volk selbst gibt dem Vertrauen
»es Volkes zur Rechtspflege eine sichere Grund'age.
Nach dem Gesetz hat jeder das Recht, an Gerichts
erhandiungen als Zuhörer elzunechmen, sosern nicht ir
ejonderen Fällen, die das Geses selbst genau umschrie—
»en hat, die Oeffentlichteit ausgeschlossen ist. Prak isck
iber kann nur eine engbegrenzte Zahl von Zuhörern zu
egen sein. Die Gerichte tagen heute nicht mehr unter
reien Hinmmel. In den Gerichtssälen find.t meist nu—
ine Handvoll Zuhörer Platz. Dazu kommt, daß in un
erem Jahrhundert der Arbeit nur wenige Menschen Zei—
ind Neignung haben, im Gerichtssaal zu sitzen, wenn j
uiicht dazu gezwungen sind.
Daher ist das „Volt“, vor dessen Augen sich die Recht—
prechung vo lziehen soll, heute etwas ganz anderes als
im alten Rom und bei unseren Urahnen. Neben einigen
mehr oder weniger guten Freunden der Prozeßparteien
ieht man bei bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten überhaup
niemand und in Strafsachen meist nur eine Gruppe von
Mühiggängern im Zuhörerraum sitzen, die man scherzwei
als „Krimina studenten“ bezeichnet, Leute, die in der Re
get schon mit dem Gefängnis enge Bekannischaft geschlos
sen haben und nun vor Gericht lernen wollen, wie sie sich
bei künftigen Straftaten benehmen müssen, um nicht ge
aßt werden zu können.
Jit das heute die Oeffentlichkeit des Gerichts?
Nein. Wir finden im Gerichtssaal eine dritte, mels
techt kleine Gruppe von Zuhörern, die nicht nur hören
sondern auch fleißig schreiben: die Berichterstat'er der Zei
ungen. Was diese schreiben, das geht gedruckt in Tau—

enden, Zeyntaufenden, Hunderttausenden von Zeitungs
lättern hinaus ins Land und bringt in alle Schichten
es Volkes Kunde von dem, was vor Gericht vorgegan
jen ist. Was in alten Zeiten die Volksmenge war, das
ind heute die Zeitungsberichterstatter; sie sind es, die in
Vahrheit für die Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens
orgen.
Darum: Verwehrt man ihnen, wahrheitsgetreu über
zie Vorgänge im Gerichtssaal zu berichiten, verwehrt man
»er Presse, diese Berichte abzudrucken, zu „veröffentlichen“
»ann beseitigt man in der Wirkung die Oeffentlichteit des
gerichtsverfahrens, das unsere Väter und Großväter in
sjarten Kämpfen errungen haben und das zu hüten und
u bewahren unsere heilige Pflicht ist.
Was in öffentlicher Gerichtsverhandlung vorgebracht
vird, kann nun — diese Seite der Frage darf nicht un—
erschätzt werden — für die Beteiligien sehr unangenehm
ein; kann sie schwer bloßstellen, kann unter Umständep
hre bürgerliche Existenz vernichten. Es vergeht kein Tag,
m dem nicht vor Gericht öffentlich Dinge behauptet wer
den, die geeignet sind, andere verächtlich zu machen, und
eren Richtigteit nicht bewiesen werden kann. Dagegen
iibt es zur Zeit kein Mittel. Das Strafgesetzbuch erklärt
olche Behauptungen ausdrücklich für straffrei, sofsern sie
ufgestellt worden sind „zur Ausführung oder Verteidig
ing von Rechten oder zur Wahrnehmung berechtigter In
eresfen.“ Das kann für den Betroffenen sehr hart sein
oppelt hart, wenn jene Behauptungen durch die Zeitun
en verbreitet werden. Aber für diese Härte ist das Ge—
ztz verantwortlich, das die Oeffentlichkeit vorschreibt, nich
ie Presse, nicht der Redakteur, der, dem Willen des Ge—
etzes gemäß, die Oeffentlichkeit des Verfahrens verwirf
chen hilft.
Mit vollem Recht fordert man mehr Schutz der Ehr⸗
ür die Prozeßparteien und vor allem für die Zeugen
or Gericht. Auch bei den Verhandlungen der Reichstags
ommission für die neue Strafprozeßordnung ist davon
zie Rede gewesen Der Vorschlag der Regierung bei Be
e d aungsprozessen den Wahrheitsbeweis einzuschränken, ha
icht die Billigung der Kommission gefenden. Vielleicht
önnte man dadurch Abhilfe schaffen, daß das GEesetz sür
as Vorbringen von Behauptungen, die die Ehre einer
zrozeßpartei oder eines Zergen zu verletzen geeignet sind
en Ausschluß der Oeffentlichteit zuließe oder vorschreibe
zielleicht wählt man auch einen anderen Weg. Nur nich
en, die Oeffentlichkeit sormell bestehen zu lassen und si
urch Bestrafung wahrheitsgetreuer Berichte ta sächlich aus
uschließen. Das wäre eine Halbheit und eine Unehr
ichkeir.
Nach dem Urteil des Stuttgarter Gerichts hat jede
tdedalteur bei jedem einzelnen Gerichtssaalbericht zu prü
en. ob die darin behaupteten Tatsachen, die für irgent
emand beleidigend sein könnten, erwe sich wahr sind
ẽs liegt auf der Hand, daß das unmöglich ist. Der Re
alteur muß deshalb alle in dieser Richtung irgendwi
eden ichen Stellen der Berichte unterdrücken. Das ist das
ende jeder objeltiven, wahrhei:sgemäßen Gerichts-Bericht
rsta tung Die Berichte — sie sind leider ohnehen schor
uweilen teils wegen ihrer Kürze, teils wegen mangelhaf
er Fähigkeit mancher Berichterstatter von sehr zweifelhaf
em Werte — müssen dann noltwendig ein schiefes Bill
yon den Verhandlungen geben. Der Kontrolle der Recht
prechung durch die Oessentlichteit wird damit der Boden
ntzogen, die Oessentlichkeit des Gerichtsverfahrens ist illu
orisch geworden.
Solite das Reichsgericht die Entscheidung der Stutt
arter Straftammer vestätigen, so müßte der Gesetzgebe
— wenn nicht eher, so bei Gelegenheit der allgemeinen
teform unseres Strafrechts — eingreifen, um die Straf
freiheit wahrheitsgetreuer Berichte über öffentliche Ge
ichtsverhandlungen festzulegen. Nicht um der Presse wil
en; sie kann auf die Gerichtsberichte verzichten. Aber um
es Staates selbst und seiner Rechtspflege willen, die der
Deffentlichkeit des Gerichtsverfahrens nicht entraten kann
M. M. M—.

Politische Rundschau.
Deutsches Neich.
*Bei der Rekrutenvereidigung in Berlin hat de
aiser, wie Miitäroberpfarrer Dr. Leinz jeßt mitge
eilt, sich wie folgt geäußert: „Ich wünsche, daß mein
Soldaten täglich ihr Vaterunder beten.“
* Der Reichsetat liegt jetzt in allen Teilen dem Bun
desrat vor. Auch die Heresvorlage und de
Entwurf über die elsaßhothringische Verfaji
ungsfrage sind dem Bundesrat zugegangen. Di
Statsberauungen im Bundesrat beginnen am Dienstacg
nächster Woche.
*Entgegen den Gerüchten von einer Reise des Staats
ekretärs von Kiderlen-Wächter nach Petersburt
vird von zuverlässiger Seite er lärt, daß hierüber in maß
gebenden Kreisen nichts bekannt sei, und daß mer
eine solche Reise bisher in keiner Weise ins Auge gefaß
jabe.
* Gegenüber der von anderer Seite geäuzer!en Ansicht
zie In eressen Deutschlands wären gefährdet, wenn den
ersuchen des englischen Auswäruigen Amtes um Zulafi
ing eines Regierungsvertreters bei der Gerichts
»erhandlung gegen die unter Spionagever
»acht stehenden veiden englischen Offi
iere stattgegeben würde, wird von fachverftändiger Seit
nitgeteilt, daß eine solche Gefährdung schon deshalb nich
n Betracht kommen könne, weil es dem Vorsitzenden des
uständ gen Reichsgerichtssenats jederzeit offen stehe, der
lusschluß der Oefsentlichteit und damit auch den Aus
chluß der englischen Regierungsvertreter anzuordnen.
* Die Reichstagskommission für die Strafprozeßent
würfe, die am Freitag ihre Aufgabe beendet hät, ha
azu 84 Sitzungen abgehalten. Seitens der Regierun,
verden die Ergebnisse dieser Arbeit, wenn auch vereinzelt.
GBeschlüsse zu ernsten Bedenken Anlaß geben, als eir«
»urchaus geeignete Grundlage für die werteren Verhanc
ungen im Plenum angesehen.
*Ein Pariser Blatt hat berichtet, daß bei der Pots
vamer Kaiserbegegnung ein deutscherussisches Abkom
nen über Persien getroffen worden sei. Diese Nach
iicht hat lediglich die Bedeutung eines Fühlers. Von an
erer Seite wurde gemeldet, man habe in Potsdam ver
inbart, gegen die in Deutschland befindlichen liberaler
ufsischen Elemente energisch vorzugehen. Diese Mendunc
st, wie sich von selbst versteht. völlia aus den Finger'
esoaen

aß auch verschiedene Politiler von demselben Schicksal
treicht werden. Die öffentliche Meinung verlangt, daß
heotiokis und sein Nachfolger im Kriegsministerium, Ge⸗
eral Zorbas, vor ein außerordentliches Kriegsgericht ge⸗
elit werden. Wegen dieser Skandale sind auch einige
uellforderungen zwischen Offizieren ergangen.
—

Zu Graf Tolstois Flucht.
Aus Mostkau wird die Version verbreitet, daß Graf
Lolstoi, nachdem er seine Schwester besucht hatte, sich
zach dem Kaukasus in die Kalonie seiner Anhänger ap

orat Leo lolso,
er Küste bes Schwarzen Meeres zurückbegeven wiro. Ei
uͤge Blätter versichern, daß Tolstoi dorthin unterwegs sei
Die Gräfin Tolstoi ist schwer erkranklt. Zwei Aerzu
ind zu ihr berufen.
,AAVWMWEüLLE—
Von der Luftschiffahrt.
*Kühner Flug. Die Franzosen Legagneu
ind Martinet haben ihre Fahrt auf Farman-Zwei
becker von Paris nach Brüssel bei Berechnung des Zeit
unterschieds von 94 Minuten zwischen Frankreich uns
Belgien in etwa 3 Stunden gemacht, was einer Geschwin
dig eit von 90 Kilometer in der Stinde gleichlommt. De
tascheste Schnellzug braucht eewa 4 Stunden. Dieser schar;
Flug ist durch den kräftigen Südsüdwestwind zu erklären
der den Flugapparat vorwärtstrieb. Legagneux sagt
selbst bei seiner Ankunft auf dem Geerzierplatz in Et er
beek bei Brüssel, daß es eine Tollheit gewesen sei, be
solchem Welter zu fahren. Unterwegs habe man in Com
egne und Bavay Halt gemacht. Die Absahrt von Pari—
ersolgte um 47 Uhr früh, die Ankunft in Brüssel be
Regen und Wind kurz nach 10 Uhr früh. Da der Wins
gegenwärtig manchmal in Sturm übergeht, ist die Rück
fahrt vorerit wohl kaum möglin
— —
Ein Naturwunder bei Hamburg.
In der Nähe des Dorfes Neuengamme in den Vier
anden, der Obst- und Gemüsekammer Hamburg ist mar
ei Bohrungen, welche zum Zwecke der Erschließung neue;
Trinkwasserquellen für die Hansastadt vorgenommen wor
den, auf eine riesige Erdgasquelle gestoßen. In einen
Tiefe von 230 Metern stieß man auf die Quelle, der ein
zewaltige Gasmenge entströmten. Durch bisher noch un
rufgeklärie Weise entzündeten sich die Gase und biilder
iun eine meilenweit sichtbare Feuersäule, die sich unmit
elbar über dem Boden in drei Flammen teilt. Unter un
ehourem Getöße entweicht das Gas dem Erdreich. Das

DOesterreich⸗Ungarn.
*Bei dem letzten parlamentarischen Diner äußerte sich
kdaiser Franz Josef beim Cercle zu einem Deleglerten übei
ie Teuerung der Lebeusmittel. Er sagte, es ist seh
raurig, daß die Teuerung so um sich gegriffen hat. Jo
weiß, daß darunter das Volk stark leidet und bedaure es
»aß man bisher noch keine Mittel gefunden hat, durc
sie die Teuerung gelindert und erfolgreich bekämpft wer
den könnte.
England.
* Der Kriegsminister hielt in Bristol eine Rede, in wel
her er erklärte, daß weder er noch der Kabinettschef in
der Lage seien, mitzuteilen, wann Neuwahlen siatfin
en würden.
Vom Balkan.
* Die ‚Times“ meldet aus Athen: Zwischen dem bul
zarischen Gesandten in Athen und dem Kabinettschef Ve—
niselos fand eine Unterredung statt. Auf beiden Seiten
rllärte man sich bereit, eine Annäherung zwischen Grise
henland und Bulgarien herbei zu führen. Diese
Annäherung werde jedoch keinerlei aggressiven Charakten
aben hinsichtlich der benachbarien Staaten.
Griechenland.
*Die Untersuchung über die durch die Offizier«
egangenen Unterschleife ergab, daß auch verßschieden
Zolitiker mitschuldig sind. Der Beginn der Defraudatio—
en geht auf die Zeit zurück, als Theotokis Ministerpraͤ—
dent und Kriegsminister war. In den letzten Tagen
ind wiederum einige Offiziere verhaflet worden. Es schent,

Eine Flucht.
Unter den buschigen, schon ganz weißen Brauen hervor
beobachtete er Regine, ohne daß sie es bemerkte. Eine
jolche Frau, holdselig, klug und schlicht, hatte er seinem Pro—
iegs längst gewünscht. Wohl war es gewagt, Diesing nack
dem Vorgefallenen wieder im Bureau zu beschäftigen, aber
mußte nicht alles gut werden, nun ihm ein treues, tapferes
Weib zur Seite siand?
Der Rechtsanwalt hatte lange still vor sich hingesehen
lun hob er den ergrauten Kopf und sah Regine mit einem
varmen Blick an.
Ihretwegen— Fräulein Elsner, will ich es noch einmal
in leßtes Mal wagen, Diesing in meinem Bureau zu be—
häftigen. Freilich, die ihm zugedachte Vertrauensstellung
rhält er vorläufig nicht. Das ist nach dem, was vorge⸗
illen, ausgeschlossen.“
Regine nickte. „Mein Bräutigam wird sich gern be—⸗
heiden, Herr Rechtsanwalt. Wir sind Ihnen zu großem
dank verpflichtet.“
Sie erhob sich. Es war ihr leicht und schwer zugleich
ims Herz. Der Gedanke, daß es sich hier nur um den Auf
chub eines unabenwendbaren Unheils handle, wollte nich
oon ihr weichen. Daher blieben ihre schönen Augen umflors
ind die rosigen Lippen geschlossen.
Der Rechtsanwalt betrachtete sie voll Teilnahme. Ihre
leine Hand, die sie ihm zum Abschiede reichte, behielt er ir
zer seinigen.
„Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Fräulein
ẽElsner, so übereilen Sie es nicht mit der Heirat. Häll
diesing fich tapfer, so beauftrage ich ihn in einem halben
Jahre mit meiner Vertretung. Warten Sie bis dahin mit
dem Standesamt. Ich bin nun doch einigermaßen irre an
Diesings Charakter geworden. Und es wäre ewig schade
wenn Ihre Jugend in der Misere einer unglücklichen Eh—
oerkümmern sollte.
„Ich danke Ihnen, Herr Rechtsanwalt, tausend Dankl“
Mehr konnte Regine nicht hervorbringen. Wie ein Alp lag
es auf ihrer Brust.
„Ich wollte nur noch bemerken, daß Ihr Verlobter ein.
Anklage durch Rühling nicht zu fürchten hat,“ fuhr Lisso
—D
asviet zu verantworten haben, das weiß der Agent sehr
wohl.“.
Regine verabschiedete sich, doch erst, als sie sich wiede
uf der Straße befand, erholte sie sich von aller Seelenqual
ͤste sich die Spannung ein wenig. Sie atmete freier. Ein⸗
ise tiefinnere Sreude wallte in ibt mnor —

—
Was sie gewollt, war erreicht worden. Dieses Bewußt
ein machte sie stolz und froh.
Aber Flügel hätte sie nun haben mögen, um nur mög
ichst schnell nach Hause zu kommen. Heinz wußte nichte
avon, daß sie zu seinem Chef gegangen war, er brütel
vohl verzweifelt vor sich hin.
Sie begann schneller auszuschreiten, ohne auch nur ein
nal um sich zu sehen. Plötzlich stieß sie mit einem Herrn
en— und als sie unwillig emporschaute, erkannse sit
ühling.
Beiderfeitiges Ersiaunen und dann in den Gesichtern
ine unverkennbare Genugtuung, über diese Begegnung,
Rühling faßte sich zuerst. Er grüßte höflich, frestid
ge Augen funkelten nur so vor Bosbeit und Schaden
reude.
„Dieses Zusammenkreffen könnte mich beinahe an ein
zestimmung alauben lassen,“ sagte er spottend, „ich bin
niämlich soeben auf dem Wege aum Gerrn Rechtsampait
Regunes Augen blitszten, sie erschienen nachtdunkel ir
diesem Moment.“„Gehen Sie nur, wenn Sie sich einer An
Jage wegen Verleitung zum Glücksspiel aussetzen wollen
Ich komme soeben vom Herrn Pechtsanwalt. Gi ist vorbe
reitet auf Ihren Besuch.“
DLangsam schwand der Hohn aus des Agenten Zügen.
Wie verzaubert starrte er in Regines glühendes Gesicht, au
ie feinen, wie in tiefster Verachtung herabgezogenen
dippen.
„Wie kommt es nur, daß Sie sich für einen solcher—
3 wie dieser Diesing es ist, inieressieren?“ rief er
Jeftig.
„Ich muß Sie bitten, in meiner Gegenwart mit Ach
ung von meinem Verlobten zu sprechen, oder das Wort nich
nehr an mich zu richten.“
Das klang ruhig, abwehrend. Rühling bewunderte im
tillen ihre stolze Haltung. Der dunkle, geheimnisvolle
Ztrahl in ihren Augen entfesselte seine Leidenschaft.
Schon neulich, bei der erften Begegnung, war es heiß
nm ihm emporgewallt und neben dem Reid über Tiesing⸗
Slück regte sich das Begehren, es jenem zu rauben und fur
ich selbst zu erobern.
Dieses Verlangen gewann jetzt bestimmtere Form. Er
'onnte den Blick nicht wenden von dem feinen Gesicht mit
er leuchtend weißen Stirn und den wie Purpurrosen glü—
senden Wangen.
„Verzeihung, wenn ich Sie verletzte!“ sein Ton war
etzt weich fast demütig, „es soll nicht wieder vorkommen.
ich glaube aber, wir haben uns einiges zu sagen, vielleicht
arf ich um ein Paar Minuten Gebör bitten

Sie dvewegte verneinend den blonden Fopf. „Bu weil—
hem Zweck? ... Nur darauf möchte ich Sie aufmerksam
nachen, daß es Ihnen nicht gelingen wird, Diesing zu schä—
digen, auch in Zukunft nicht. Ich wache über mein Glück.
Ind der Herr Rechtsanwalt hat mir seinen Beistand zuge⸗
ichert.“
Das Gesicht des Agenten erschien wie in Blut getaucht
Aus seinen Augen blißte der Zorn. „Ein reizendes Ein—
verständnis, wahrhaftigh ... Ist das Ihr letztes Wort?“
Mein allerletztes, Herr Rühling, und nun bitte, geben
Sie den Weg freil!“
Der Agent glaubte ersticken zu müssen. „Diesing wird
Sie eines Tages fortwerfen wie ein Spielzeug, dessen er
iberdrüssig geworden. Lassen Sie ab von dem Menschen,
ehe die Reue zu spät kommt.“
Nur ein Achselzucken antwortete ihm noch, eine gering
chätzende Bewegung. die Rühling wie ein Peitschenschlag
poßet Dann war Regine in dem Menschenstrom unterge
aucht.
Die tückischen grauen Angen schillerten grünlich, als sie
der hohen, schlanken Gestalt nachschauten. „Dies hast du
nir nicht umsonst getan, Hochmütige!“ murmelte der Agent,
„ich werde dich zu treffen wissen, du sollst deines Glückes
nicht froh werden.“
Die kleine Szene hatte Regine erfrischt, ihre Lebens—
geister angeregt. Sie wußte es, daß sie sich einen Feind ge⸗
schaffen, nun galt es, doppelt auf der Hut zu sein, klug und
umsichtig zu handeln.
Ein warmes, schwesterliches Empfinden für Diesing
durchströmte sie. Er sollte nicht untergehen. Und war ei
dösen Einflüssen leicht zugänglich, so wollte sie ihn stützen
ind halten. Er hatte sich ja gewissermaßen in ihren Schutz
egeben.
Für einen Menschen denken, sorgen zu müssen, das war
immer ihr Herzenswunsch gewesen, nun schätzte sie sich glück
lich, daß er endlich in Erfuüͤllung gegangen.
Es kam ihr nicht zum Bewußtsein, daß sie nichts der
Liebe ähnliches fühlte. Ueber das Wesen der zartinnigen,
geheimnisvollen Glut, wie sie zwischen Mann und Weib be—
teht, hatte sie nie nachgedacht.
Wahrhafte Herzlichkeit hatte sie überhaupt erst bei den
Diefings kennen gelernt. Wie bewundernswert war, ihr der
Mutter stilles, entsagungsvolles Walten stets erschienen.
stun nahm sie die Stelle der Verstorbenen ein, in allem
vollte sie ihr nachstreben, Heinz sollte glücklich werden. O,
vie froh und feierlich ihr zumute war, wie hoffnungsfroh
und siegesficher!
Ils. ũe im Taauerbause anlangte. fand sie nur die

—
„Schwester“ vor, weiche, in ein Gebetbduch vertiett, am Sarge
der Entschlafenen saß
Diesing war ausgegangen, um noch einige bei einem
Trauerfall unerläßliche Besorgungen zu erledigen.
Regine hielt eine kurze Andacht an dem letzten Lager
ihrer mütterlichen Freundin, und als die Entreetür geöffnet
vurde, ging sie ihrem Verlobten entgegen. Sie zog ihn in
die Küche und teilte ihm mit, daß Rechtsanwalt Lissa ihn
nach wie vor in seinem Bureau beschäftigen wolle.
Sie sprach im Flüsterton, aber ihre Augen leuchteten
und ihr ganzes Wesen verriet die Freude an der guten
Nachricht, die sie brachte.
Bei Diesing fand das, was sie froh bewegte, allerdings
i Widerhall. Er kniff die Lippen zusammen und sah
zu en.
„Du hast sehr übereilt gehandelt,“ sagte er endlich, „und
gg mich, ehe du zu KLissa gingst, wenigstens fragen
önnen.“
„Aber Heinz, ich verstehe dich nicht,“ bemerkte Regine
unsicher, „es war sicher kein Jeichter Weg für mich, der Ent—
schluß kostete mich große Ueberwindung, und nun —?“
Nun war die Mühe obenein vergeblich, denn ich gehe
in das Bureau des Rechtsanwalts nicht wieder zurück.“
Das Mädchen war so erschrocken, daß sie wortlos in den
Zügen des Mannes forschte, dem sie ihre ganze Zukunft an—
vertrauen wollte.
„Du hast mich wohl nicht richtig verstanden, Heinz. Du
hast weder einen Vorwurf, noch eine Erörterung von deinem
Chef zu befürchten, nur eine Verzögernng deines Avance⸗
ments, das hat ja aber nichts zu sagen.“
Er schüttelte trotzig den Kopf. „Ich habe es satt, mich
beobachten und schulmeistern zu lassen. Lissa kennt meine
Lerhältnisse viel zu genau; zeitweise hält er es dann füt
nötig, mich mit anklagenden Blicken zu bombardieren. Ich
danke! ... Und sollte es Rühling eines Tages doch ein—
fallen, sich mit seiner Geldforderung an den Rechtsanwalt
zu wenden, so würde dieser ihm vielleicht die Summe aushändigen
 und sie mir später vom Gehalt abziehen. Dieser
Eventualität setze ich mich erst gar nicht aus.“ 3..
„Ja, du kannst doch aber einiger Unannehmlichkeiten
wegen deine Lebensstellung nicht aufgeben?“
„Was heißt Lebensstellung! Beschäftigung, und zwar
lohnendere, als bei Lissa, finde ich überall .5. Ich will mich
gleichfalls dem Versicherungsfach widmen. Rühling ver—
dient Geld wie Heu, und was der kann, bringe ich auch fer—⸗
ig. Als Agent ist man niemals an eine bestimmte Zeit ge—
unden und findet manche Stunde, um mit seinem Bräut—⸗
hen oder Weibchen das Leben zu genießen. Wenn meine
            
Waiting...

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