str. 260 23. Jahrgang.
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Trier, 10. Nop. Die Anträge der Verteidigung, die Peters gesagt hat: mein Vermögen ist zu Ende, sch schieße
Zeugen Bader-Paris, Spain-New NVork und Nedela-Peters⸗- ur eine Kugel durch den Kopf! Wenn alle meine An⸗
urg zu laden, wurden mit folgender Begründung abge- äge abgelehnt werden, kann ich mich nicht mehr verteidiehnt:
Aus dem gesamten Ergebnis der Beweisaufnahine en. Der Verteidiger wiederholte dnrauf seinen Antrag
jat das Gericht die Ueberzeugung gewonnen, daß die Sach⸗ uf Ladung von Zeugen über den Verkehr des Peters mit
age, sowie das menschenmöglich, völlig aufgeklärt ist, undd Nattonet, um zu beweisen, daß Mattonet durch dessen Er—
»ernünftigerweise nicht mehr erwartet werden karn. Aus xessungsversuch in den Tod gelrieben worden sei. Die
dem Verhalten der Verteidigung in den letzten Wochen ist zZeugen der Staatsanwaltschaft hätten kein rechtes Bild von
das Gericht nunmehr ꝛ»u der weitern Ueberzeugung gelangt dem Leben Mattonets gegeben, weil sie sein Treiben nicht
»aß die Verteidigung nicht mehr darauf abziell, durch die jekannt hätten und deshalb glaubten, er habe keinen An—
Zeweisanträge die objektive Wahrheit zu ermitteln, sondern aß zum Selbstmord gehabt. Auf den Wunsch der Familie
ediglich darauf ausgeht, unter der trügerischen Form von dätte der Staatsanwalt mit dieser Zeugenvernehmung dem
Zeweisanträgen durch sachlich ungerechtfertigte Anträge Mattonet eine gewisse Ehrenerklärung verschaffen wollen.
as gefürchtete Urteil hinauszuschieben, oder so lange zu Die Verteidigung könne jedoch keine Rücksicht auf diese
erhandeln, bis durch Krankheit Richter oder Geschworene dinge nehmen, weshalb sie schon vor sechs Wochen die
usfallen. Das Gericht begründet seine Ueberzeugung auf 2adung der Zeugen beantragt habe, die Mattonets Ver—⸗
ie Tatsachen, daß Dr. Werthauer anfangs der dritten ehr mit Peters gekannt hätte. Nach einer solchen Klär—
Voch- erklärt hat, er werde so lange verhandeln, bis der ang der Sachlage würde der Staatsanwalt vielleicht noch
ztaatsanwalt die Freisprechung des Angeklagten beantrage, die Freisprechung beantragen, wie er auch schon eine
ind einige Tage später: er werde so lange kämpfen, bis daupistütze der Anklage, di Frage, ob ein Nah- oder
zer Stagatsanwalt die Anklage auf Mord fallen lasse. Ain Fernschuß vorläge, aufgegeben habe. Der Staatsanwalt
5. Noventder hat die Verteidigung weiter geäußert, der eestritt, sich über die Möglichkeit einer Freisprechung ge—
Lrozeß werde wohl noch drei Wochen dauern. Endlich »ußert zu haben, nach dem Ergebnis der Veweisau' nahme
sjat der Verteidiger ve schiedene Beweisanträge gestellt, die äme er auch nicht dazu. Der Verteidiger Dr. Werthauer
vegen Unerheblichkeit abgelehnt wurden. Auf die Absicht rwiderte: Wie det Staatsanwalt in loyaler Weise nach
as Gericht zu sprengen, deuteten auch die Anträge hin, einer Ueberzeugung die Frage, ob Nah⸗ nuder Fernschuß
ie Mitglieder des Schwurgerichts als Zeugen zu ver- ortliege, fallen gelassen, würde er sich auch einem Antrage
tehmen. Was den vorliegenden Antrag betrifft, so würde uffFreisprechungnicht verschließen, wenn die Beweisaufnahme
ie Ladung der Zeugen von New VYork, Paris und h dazu führen würde. Der Staatsanwalt erklärte, seine
zetersburg eine Vertagung notwendig machen, also eine Uuffassung baue sich nicht aus die Gutachten der Sachver—
Lerschleppung bewirken. Die Lodung und die Reise würden ändigen auf, sondern speziell auf die Aussagen des
nehr als vier Tage in Anspruch nehmen; eine Unterbreche zeugen Schend. Verteidiger R-A. Dr. Frauk sagte, die
ing des Prozesses von mehr als vier Tagen ist aber un- Ormuliert vorgeleg“!en Fragen hätten Roos in der Aussage
ulässig. Andere abgelehnte Anträge der Verteidigung icht genügt. Roos habe ihm geschrieben, daß er noch
varen nicht substanziiert genug, bei andern endlich war der deitere Angaben machen könne;: er habe jedach die Ver—
Untragsteller sich bewußt, Tatsachen gar nicht beweisen zu andlung nicht hinhalten wollen, sonst hätte er seine
zunnen. Wenn die Verteidigung behauptet, daß der Renu- deitere Vernehmnng beantragt. Verteidiger Dr. Werthauer:
ahrer Peters Dritten gegenüber von seinen Erpressungen sch wollte den Selbstmord Mattonets strikte beweisen
n Mattonet gesprochen habe, so habe Peters hier nicht urch das vollständige Ende des Vermögens Mattonets,
en Eindrnck eines wahnvitzigen Menschen gemacht, der eine Verfolgung durch Erpresser und seine vollkommene
ch Drirten gegenüber eines Verbrechens bezichtige. Auch dorrumpiertheit darch seine sittlichen Verfehlungen.
er heute vernommene Zeuge Peter bezeichnet im Gegen— Die Beweis'ührung über die zwei letzten Punkte wurde
il Peters als einen verschlossenen Meuschen. Der Vertei- iir durch die Ablehnung meiner Anträge unmöglich ge—
iger Dr. Werthauer vertagt die schriftliche Ausfertigung aacht. Ein Geschworener erklärte darauf im Nameu aller
es Gerichtsbeschlusses, um zu jedem Punkte Schritt für beschworenen, daß diese auf dem Standpnnkt der gestrigen
zchritt den Gegenbeweis antreten zu können. Die Ladung örklärung des Gerichts stehen, daß eine weitere Klärung
er Zeugen von Paris, Petersburg und New NPork sei als er Sache nicht möglich sei und daß sie deshalb weitere
ichtigster Antrag der Verteidigung übrigens schon vor Unträge als eine Verschleppung ansehen würden. Das
jeginn der Verhandlung eingebracht worden. Nach Ver⸗ Hericht lehnte alle Anträge ab. Da die Verteidigung keine
esung des Ortsbesichtiguͤngs-Protokolls wird die Verhande deiteren Anträge stellen will wen keute nachmittag die
ung auf Freitag morgens 9 Uhr vertagt. Lorträge.
Trier, 11. Rov. In der heutigen Verhaudlung wurde« Die im Prozeß Breuer gestellten Hauptfragen lauten:
er Antrag der Verteidigung, die Anklageschrift zu verlesen, Ist der Angeklagte schuldig, Mattonet vorsätzlich getötet zu
om Gericht abgelehnt mit der Begründung, die Ausdehnung aben? Wurde diese Tötung mit Teberlegung ausgeführt?
er An'lage auf Mord statt auf Totschlag, wie sie anfangs die Verteidigung beantragte die Stellung der Nebenfrage,
rulete, sei durch die Beweisaufnahme erfolgt. Der Ange- b Erpressung und Bedrohung mit Mord, wodurch ein
agte Breuer erklärte, daß sein Verteidiger ihn bee Nensch zu Tode gekommen ist, vorliegt. Sie will dadurch
hrt habe, er düsfe zu den abgelehnten Anträge sprechen den Geschworenen Gelegenheit geben, zu entscheiden, daß
nd suͤhr dann fort: Dr. Werthauer stellte die Anträge Nattonet entweder von Breuer und Peters oder von einem
uf meine Veranlassung. Man hat mich bis jetzt keiner on beiden allein bedroht worden sei und dann Selbstmord
züge übersühren können. Ich habe den Antrag gestellt, egangen hat. Wegeu der vorgeschrittenen Zeit wird die
as Gehirn Mattonets zu untersuchen, andere Sachverstän- Verhandlung am Samstag vormittags 9 Uhr festgesetzt.
ige zu vernehmen und die Zeugen zu hören, die von Pe- Morgen abend soll die Urteilsverkündigung erfolgen.
ers wissen, daß er mit Mattonet zusammen war, um Geld Aus Ostpreußen, 9. Nov. Daß eine Frau, die drei
u erpressen, und daß er ihn zum Selbstmord ge⸗ gal verheiralet war, ihre diamantene Hochzeit seiern kann,
rieben hat. Alles wurde abgelehnt, ich kann daher die t gewiß eine Seltenheit. In Alt-Wartenburg im Erm⸗
Vahrheit nicht an den Tag bringen. Peters mit seinen Inde ist dieser Fall zu verzeichnen, dort hat der Altsitzer
dumpanen hat Mattonet in den Tod getrieben. Aber es ies histi der v6 Jahre all'ist. mit seiner 90jährigen
ird der Weg abgeschnitten, ihn zu überführen. Dem Zeuß zporstu 53 61 er ahrtg
hir * d — enee In dau die diamentene Hochzeit gefeiert. Kieszoorski war
b e Ter — 8 rittes Gespons seiner besseren Hälfte. Die beiden Alten
6 nd körperlich und geistig noch recht frisch.
*
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Jaristen und Todesstrafe.
Die schwerste Strafe, die unser Sirafgesetzbuch vor
ieht, die Todesstrafe, ist von jeher der Gegenstand leb
yaftesier Erörterungen gewesen, und wohl um keinen an
eren Streitpunkt auf dem Gebiere des öfsentlichen Inte
esses wird so ehrlich, mit solcher Ueberzeugungstreue ge
ämpft, als um das Für und Wider der Todesstrase. Es
st ein ersreuliches Zeichen vom Hochstande unserer Kub
ur, daß in einer Frage, in der es sich um die Vernsch
ung von Menschenleben durch die irdische Gerichtsbarkeͤ
andelt, eigene und Partelinteressen vor sachlichen, tief—
ründigen Erwägungen zurücktreten. Diese ersreuliche Er—
cheinung konnte man auch auf dem in Danzig tagender
eutschen Juristentage konstatieren, wo erprobte Männen
es Rechts ihre Ansichten über die Todesstrafe zum Aus—
ruck brachten. In den 60er Jahren noch sprach sich der
Juristentag fast einstimmig gegen die Todesstrase aus,
seute haben sich die an ihm beteiligten Juristen in zwei
roße Lager geteilt.
Vom Justizrat Frie dmann Glogau ist jetzt in
Ddanzig der Antrag auf Abschaffung der Todesstrase ge—
tellt worden. In der Debatte über diesen Antrag trat
e Spaltung unter den Jurisften scharf in die Erschein—
ing. Wir lassen einen kleinen Bericht über die Verzand
ungen, die die Oefsentlichkeit sehr interessieren durften,
ier folgen:
Prosessor Köshler-München widerspricht dem An—
cag, da das Staatsoberhaupt jedensals ein s vesonderen
Zchutzes bedarse. Er will aber im Paragraph' 100 dee
“odesstrase nur für Mo d und Morderzuch an enem
„eutschen Busidesfürsten, nicht aber auch für Vorbereit—
ingshandlungen beibehal en.
Oberstaalsanwat v. Prittwitz-Namburg spricht
ich entschieden für die Berbehastung der Todesstcafe aus
zhre Betämpfung gehe nur aus üeerriebener Humanisä
ind Seutimentatitat hervor. Auch beim Mord sotle mare
ie Todesstra e als zweinge des diecht beibehaen.
Oberl andesgericht⸗präsident v. Pheh we-Königsberg:
der Staat wird auf die Todesstrase zu seiner eigenen
Zicherheit niemals verzichzen können. Wie könn!en wir
ains zum Beispiel einen Krieg denten, ohne daß für Ver—
rat auch sofort eine vollstreckbare Todesstcase angedroht
sst? (Lebhafter Beifall und Widerspruch.)
Rechtsanwalt Saul-Duisburg wendet sich entschicden
jegen die Todesstrafe, welche die ernzige Strafe sei, die
rreparabel wirke. Prosessor Berner, der Altmeister, der
eutschen Staatsrechtslehre, sag e einmal, das Volksemp—
inden gegenüber der Todesstrase komme zum Ausdruchk
n dem Abscheu des Volkes gegen den Henker.
Kriegsgerichtsrat Elsner v. Gronausverlin is,
ür die Beibehaltung der Todesstrase. In den heu igen
jeiten revolutionärer Regungen könne die Autoritat des
daisers und der Bundesfürsten gar nicht icharf genug ge
bahrt werden. Er könne sich überhaupt nicht denken,
bie beinn Mord und Mordversuch gegen einen deutschen
zundesfürsten mildernde Umstände in Betracht kömmen
junten. (Beifall und Widerspruch.)
Landgerichtspräsident v. Staf s⸗-Breslau hält es
uͤr aussichtslos, die Todesstrase zu bekämpsen. Sie sei
lerdings irreparabel, aber dieser Einwand habe für
deutschland keine Bedeutung, denn niemand könne einen
zall nennen, in dem in Deutschland, wenigstens in mo
erner Zert, jemand unschuldig hingerichtet wurde. (Bei—
all.)
Nechtsanwalt Dr. Men zel⸗Berlin ist gegen die To—
desstrafe. Der Juristentag solle sich nicht um eine klare
ziellung herumdrücken. Die Todesstrase sei eine rohe,
aumen schliche Strase und verleugne das Erbarmen, da—
er Justiz niemals fremd sein soll. Man sage auch a.
»er einen Seite, das Volk fordere die Todesstrase und
sabe auf der anderen Seite Angst, daß die Geschworenen
ie niemals anwenden würden, wenn man mildernde Um—
tände zulasse. (Sehr gut!)
Es sorgen die Sch ußworte. Geheimrat Prof. Kahl
zerteidigt die Todesstrase. Wo sind die Inst zmorde, die
echtfertigen würden, die Irceparabdität der Todesstrafe
gegen sie anzufühten. Bismarck nannte es ein Zeichen
ttlicher Schwache, wenn dieeser Gesichtspunkt zu seyr her—
Hraehoben werde. Ich babe einer ganzen Nnzahl Hin—
Rühling aber horchte hoch auf, als Diesing der tausend
Jark Erwähnung tat. Hatte die alte Frau ihrem Sohi
ielleicht gar verschwiegen, daß die Schuld bei Heller und
fennig bezahlt war? Es war kaum denkbar, aber diesern
entimalen Menschen durfte man alles zutrauen!
Wenn er jetzt seinen Vorteil nutzte und dem Narre
och heute abend einen gehörigen Denkzettel gab? Er selbf
ihlte sich niemals wohl in seiner Haut. Weshalb sollten
mdere es besser haben? Und nun gar dieser geschmackl⸗*
densch, den das Glück förmlich zu suchen schien.
„Die tausend Mark, müssen, Sie mir noch vor Ihren
erheiratung schaffen, Diesing,“ sagte er bestimmt, „ich habt
erluste gehabt und brauche mein Geld...
Heinz blieb unwillkürlich stehen. „Das ist nicht Ihr
rnst, Ruͤhling, ich habe Ihr Wort, daß Sie mich niemalt
abnen wollen
So, yave ich im Nausch einmon dergieschen gesagi? Da
st ja geniall Danach hätte ich Ihnen kaufend Martk he
vissermaßen zum Geschenk gemacht!, Sie werden doch aber
icht behaupten wollen, daß Sie meinen Großmut erust ge—
ommen haben?“
„Sie waren nüchtern, als Sie mir das Geld liehen
dühling, und als ich es Ihnen in Raten zurückgeben wollte,
viesen Sie meine Goldstücke direkt zurück“
Heinz war unwillkürlich in eine Nische zurückgetreten;
sier standen sich die beiden Männer Aug in Auge gegenüber.
„An alles das, was Sie behaupten, erinnere ich mich
icht mehr,“ versicherte Rühling in sichtlich ärgerlichem Ton,
wie dem aber auch sei, ich brauche mein Geld nowendig,
aran ist nichts zu ändern.“
„Mein Gott, so nehmen Sie doch Vernunft an!“ rief
heinz erblassend, „ich kann Ihnen nichts schaffen, es ist rein⸗
»eg unmöglich.“
„Dann pfände ich Ihr Einkommen. Gleich morgen
ormittag gehe ich zu Lissa. Er wird, nachdem er mich an⸗
ehört hat, einige Bedenken hegen, Sie als seinen Vertreter
nzuerkennen.“
„Sie wollen mich ruinieren!“ rief Diesing, „wie recht
atte meine Mutter, mich vor Ihnen zu warneni“
„Das ist Ihre Auffassung, die jeder Begründung ent⸗
ehrt. Ich sehe ein, daß Sie im Moment unfähig sind zum
eberlegen. Ich will Ihnen aber Gelegenheit zu einer ein⸗
chenden Aussprache mit mir bieten, Kommen Sie nach
hluß Zes Konzerls in meinen Klub.“ Dort wollen wir
rleat wie sich die Angelegenheit am beften arrangieren
wmirnß sich in in —
Ine sssucht.
Heingz Jagte ohne Besinnen zu, froh, noch eine kurze
rist zum Nachdenken über seine Lage gewonnen zu haben.
Rühling verließ nun rasch den Konzertsaal. Draußen
züttelte er sich vor Lachen. „Es wäre ein unbezahlbarer
paß, könnte ich dem Tropf noch einen gehörigen Denkzettel
eben. Freilich, wenn die Mama Unheil wittert und plau—
ert, ist meine Sache verloren, andernfalls sind meine Chan⸗
in die besten.“
Draußen sprühte Regen und Schnee durcheinander. Es
ar Glatteis.
Der Agent rief eine Droschke heran und warf sich hin⸗
in, nachdem er seine Adresse genannt.
Es bereitet mir nun einmal Vergnügen, die Menschen
ufs Glatteis zu führen,“ murmelte er, „und wenn mal einer
ällt, so bricht er's Bein auch nicht gleich, sondern rappelt
ich wieder auf. Diese selbstzufriedenen, glänzenden Ge—
chter sind mir ein Greuel. Jemand in tausend Aengsten
u sehen, ist mir angenehmer.“
Heinz blieb bis zum Schluß des Konzerts einsilbig und
erstreut, aber nur seine Mutter bemerkte die Veränderung,
hne sich besonders darüber zu beunruhigen.
Ersi als er die Damen in einem Wagen untergebracht
ute und vom Schlage zurücktretend ihnen freundlich Gute
acht wünschte, durchrieselte es die alte Frau wie iähes Er⸗
hrecken.
Aber Heinz nickte ihr freundlich zu. „In einer guten
ztunde bin ich gleichfalls zu Hause. Daß du nicht meinet⸗
egen aufbleibst, Muitchen, du sollst dich gehörig ausschlafen.
zch habe mit einem Bekannten eine Verabredung getroffen,
er ich nachkommen muß, leider!“
Er grüßte. „Auf Wiedersehen, Fräulein Regine!“
Der Wagen hatte sich schon in Bewegung gesetzt. Die
etzten Worte wurden von dem Geräusch der davonrollenden
täder verschlungen.
Die alte Frau packte krampfhaft Regines Arm. „Wenn
zühling ihn wieder umgarnt hätte, wenn er sich von neuem
um Spiel verleiten ließel!“
Das junge Mädchen streichelte tröstend die blassen, fal⸗
enreichen Wangen. „Wozu denn das Allerschlimmste fürch
en, liebe, verehrte Frau Diesing? Ihr Sohn wird sich nich!
um zweiten Male von Arglist und Bosheit umgarnen lassen
zersäumen Sie nur morgen nicht, ihm Rühlings Brief zu
eigen, dann werden ihm die Augen über diesen Freund
hon aufgehen!“
Die Frau sank bekümmert in sich zusammen. Morgen!
. Ein fremder, unheimlicher Klang lag für sie in dem
dorte Mas alles konnte bis aum nächsten Tage geschehen
Sie wußte ja, wie stürmisch ihr Sohn das schlanke
londe Mädchen liebte. Daß er auf das Glück ihrer Näht
erzichtete eines Fremden wegen, wollte ihr nicht in den
zinn.
„Es geht etwas Besonders vor,“ dachte sie, „gebe der
immel nur, daß meine bösen Ahnungen übertrieben sind.
dann hatte die Droschke Regines Wohnung erreicht. Nocdh
in heiteres, beschwichtigendes Wort von roten Mädchen
ippen, ein Händedruck, und dann war die Matrone allein
nit ihren Gedanken, ihren bangen Sorgen.
Es fuhr sich so gemütlich in dem in mäßigem Tempo
ahinrollenden Wagen, aber nichts von Behaglichkeit wollte
nder alten Frau aufkommen. Umflorten Auges starrte sie
inaus in den Laternenschein, die Fahrt erschien ihr endlo⸗
ang. Und als sie endlich am Ziel angelangt war, taucht⸗
eise Hoffnung in ihr empor.
Wenn Heinz schon vorher nach Hause gekommen wäre?
), dann wollte sie nicht zögern, noch in dieser Stunde be—
ichten, was sie ihm aus falscher Rücksichtnahme bisher ver⸗
hwiegen hatte.
Doch ihr Wunsch erfüllte sich nicht. Die Wohnung war
unkel und Heinz war noch nicht da.
mun nesing zundete Licht an und entledigte sich mechc
nisch des PRontels und ihres seidenen Kleides — Lin Ge
cheut ihres Sohnes.
Ruianttfort mit verhaltenem Atem auf jedes Geräufe
auschend chlüpfte sie in ihren warmen Hausrock.
Uninoͤglich wäre es ihr gewesen, sich zur Ruhe nieder
alegen. Seräuschlos schritt sie im Wohnzimmer auf unl
O, won Zeit zu Zeit fröstelnd in sich zusammenschauernd
In der Ofenrohre stand noch heißer Kaffee, in der Kücht
ine Schale mit Pfannkuchen — sie dachte kaum daran, nicht
inen Bissen hätte sie hinunterbringen können.
Als eine volle Stunde vergangen war, sank sie mit zin
zrnden Knien auf den nächsten Stuhl. Ihr Gesicht war
scharau, die braunen Augen, die so kreu und gut blicken
onnten, lagen tief in den Höhlen.
Wenn ich umsonst, um nichts diese Pein durchlebt habe,
vill ich nie, nie wieder verzagt sein und diesem dunklen Ent—
etzen in mir Raum geben, nie wiederl ... O, mein Gott,
nelch eine furchtbare Nacht!“
Der Zeiger am Regulator rückte langsam vor, weiter,
nmer weiter — es war bereits in dritter Morgenstunde
nd noch immer wankte die Frau wie ein Schatten in der
IAhhunklen traulichen Stubs auf und 66.
c
Rühling hatte sich in eine Wolke von aromatischem Ta⸗
uhsrauch gehüllt, eine Flasche Burgunder, der er bereits
eißig zugesprochen, stand vor ihm.
Er begrüßte Heinz, als dieser bald darauf kam, mit
roßer Freundlichkeit, füllte ein zweites Glas und trank
zm zu.
Diesing hatte auf dem Wege hierher eingehend seine
age überdacht. Es war ihm klar geworden, daß es zum
ußersten, zum Verlust seiner Stelle nicht kommen duͤrfe.
zx mußte es versuchen, den Agenten umzustimmen. Die
dot würde ihm die rechten Worte eingeben.
„Nach reiflicher Ueberlegung erscheint es mir sicher, daß
inns beiden aus der Kalamität geholfen werden kann,“ sagte
c, das geleerte Glas weit zurückschiebend, „wenn Sie auf
chrem Willen bestehen, warte ich noch ein Jahr mit meiner
zerheiratung und gebe Ihnen allmonatlich fünfzig Mark
on meinem Gehalt. Es wird Ihnen nichts anderes übrig
eiben, als sich mit diesem Modus einverstanden zu er—
'lären. Denn im schlimmsten Falle würde ich selbst morgen
neinem Chef die Angelegenheit vortragen und auch mit der
degelung derselben Rechtsanwalt Lissa betrauen. Ich hoffe
ber, Sie werden es dahin nicht kommen lassen.“
Die Wendung war nicht nach Rühlings Geschmack. Nur
adieser einen Stunde noch hatte er sein Opfer vollständig
ader Gewalt. Sobald Heinz nach Hause kam, mußte der
rrtum, in dem er sich hinsichtlich der Schuld von tausend
Nark befand, durch die Mutter aufgeklärt werden, das Kar—⸗
enhaus zusammenstürzen.
Diese Gewißheit hatte nichts Beunruhigendes für den
lgenten. Ihm war aber daran gelegen, daß sein grausamer
zcherz im vollsten Umfange zur Ausführung gelangte, da—
nit seine Schadenfreude keinen Abbruch erlitt. Er miß—
önnte Diesing nicht mehr wie alles, die mütterliche Zärtichkeit,
die schöne, sichere Stelle und am meisten noch das in
lussicht stehende Liebesglück. —
Mit nervösen Bewegungen glitt seine weiße, ringge⸗
oee Hand durch den rötlich-blonden, wohlgepflegten
zollbart.
„Ihre zukünftige Braut ist ein schönes berückendes
Veib,“ sagte er langsam, während verhaltene Glut in seinen
rauen Augen sprühte, „sind Sie dessen sicher, daß auch nach
sahr und Tag noch das Fräulein Ihnen so dankbar ergeben
v Ihrer Werbung vor vielen anderen den Vorzug zu
eben?“ 1
Diesing hatte plötzlich ein Gefühl, als umspanne eine
cisenfaust seine Kehle. „Vor vielen anderen —?“ wieder⸗
—V⏑————— — — — *