Full text : Dudweiler Zeitung

23. Jahrgang.
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Nr. 252.
Postschließfach Nr. 14
Ersheint
mgllh il Ausnahme der Sonn⸗ und
Jeiertage

Mittwoch, den 2. November 1910.

Das Kabincit Briaud und die
Kammer.
Die entscheidende Kammersitzung.
Das Interesse an der Sißzung ist derart lebhaft, daf
——
enden umlagert ist umd die Eingänge durch So'daten ver—
eidigt werden müssen. Diese Menge findet aber keinen
blatz mehr, denn die Trib'nen sind bereits üderfüllt. Un—
erdessen verbreitet sich in den Couloirs der Eindruck, daß
»er Sturz des Ministeriunis heute noch, wenn möglich,
erhütet wird. Die radikale Lin'e will einer Vertraens
kagesordnung zustimmen, falls Briand seine letzte Aeukße,
ung über mögliche Unge—ezzlichfeisten korrigiert und eincn
zusatz annimmt, in welchem die Koglitionsfreiheit der
rbeiter garautiert wird. Die Minister hielten einen Ka—
»inettsrat und beschlossen, solidarisch von der Kammer
»ein Vertrauensvotum zu verlangen unter Ablehnung der
infachen Tagesordnung.
Die Plenarsi ung wird pünktlich um zwei Uhr vom
ßzräsidenten Brisson eröfsnet. Der Saal ist bis auf den
etzten Platz gefülst. Alle Minister sind anwesend. Der
Bräsident teilt mit, daß mehrere Anträge au' der Tages⸗
rdnung zurückgezogen sind. Der Radilale Landry bittet
im das Wort zur Tagesordnung. Er habe gestern d'e
ẽrregung der Linken nicht geteilt. Nach fe'ner Auffassung
sabe Briand nur von der Möglichkeit gesprochen, daß d'e
segierung in der Zwangslage, die Landesgrenze zu
chützen, eventuell über die Grenze der Ge'etze h'nausgehen
nüsse. Eine solche Eventnalität sei selbst in Eng'and
raditlonell zugestanden und in Fronkreich würde kein Minsch
‚u sagen wagen: Möge d'e Nation untergehen, wenn nu
die Prinzipen bestehen! (Beifall bei einem Teil der Lin
en.) Der Radikale Raynaud tritt ebenfalls für eine
Tagesordnung ein, welche den Ausstand der Eisenbahner
nißbilligt und die Maßregeln der Reg'erung billigt, denn
venn die Regierung durch die Annahme der einfachen Ta—
gesordnung falle, so wüßte die folgende Regierung nicht,
wie sie sich in ähnlichen Fällen verhel'en solle.
Der Rad'kal-Sozialist Dalimier tritt für die ein
ache Tagesordnung ein. Die Regierung habe niemals das
decht, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen. WBeifatl auf
er äußersten Linken.)
Auf Dalimier folgt Ministerpräsident Beriand. Er
richt die Hoffnung aus, er werde heute ein freund' iche⸗
s Gehör finden, als ihm gestern zuteil wurde. Er wende
h besonders an diejenigen Abgeordneten der Linken, die
ch gestern wegen sener unrecht gedeuteten Redensart zu
ntrüsten schienen. Die Kammer wisse, daß die Regie⸗
ung keinerlei Absicht habe, die Gesetze zu versetzen und
uf eine Diktatur zuzustenern. Er habe nur sagen wollen,
aß eine Regierung unter ungewöhnlichen Verhältnissen
uch ungewöhnliche Maßregeln ergretfen müsse, daß er
ber glücklich gewesen sei, daß die bestehenden Gesebe ge⸗
ügten. Seit zehn Tage seien seine Handlungen mit Hef⸗
gkeit kritisiert worden und schließlich habe man ihm d'e
dedefreiheit entzogen. Warum sollte die Kammer heute
ie einfache Tagesordnung beschließen, die gestern nur von
en Ministerstürzern vorgeschlagen wurde? Die Kammei
nüsse sich über die Regierung, ihre Politik und ihren Chef
ussprechen. Die Regierung verlange eine republikanische
Rehrheit. Sie sei dem Ausstand der Eisenbahner mit
Näßigung gegenüber getreten; die Ordnung sei geschützt,
ie Gesetze geachtet worden. Frankreich sei gewachsen vor
en Blicken der Welt. Betrachten Sie, so ruft Briand pa⸗
jetisch aus, unsre Hände; kein Tropfen Blui klebt daran!
ich habe meine Verantwortimg getragen, tragen Sie in
er Mehrheit die Ihrige! Ich verlange kein halbes, son⸗
ern ein ganzes Vertrauen und wenn Sie es nicht ge⸗
vähren, so wird sich der „Diktator“ beugen und in die
teihen der Republikaner zurücktreten!
Cruppi bedauert, daß die Erklärung Briands kei—
en versöhnlichen Altzent gefunden habe, um den Eindruch
ꝛiner gestrigen unseligen Improvisation zu ver wischen. Er
illige die Haltung der Regierung während des Streiks,
er er verurteile die persönsiche Methode Briands, welche
BReaktinn ⸗rfrous und die Reyublifaner enteweien 6

tritt für die einfache Tagesordnung en, welche der Re—
ierung fagen solle, daß das einzige Mirtel, die Repub'li⸗
aner zu einigen, ihre Demission ist! (Beifall auf der
ußersten Linken)
Die Kammer lehnt die einfache Tagesord.
ung mit 384 gegen 170 Stimmen ab und geht zur
lbstimmung über die motivierten Tagesord
ungen über. Nach der Ablehnung der e'nsachen Ta
esordnung lehnt die Kammer mit 503 gegen 75 Stim
nen den Antrag der Sozialisten auf Versetzung Briand«
nden Anklagezustand ab. Briand erklärt nunmehr
ie Regierung nehme nur die Tagesordnung der Rechis
adikalen Larquier und Raynaud an, welde die Erklär
ugen der Regierung billigt und den Ausdruck des Ver
rauens enthält. Der Radikalsozialist Franklin Bouillor
nnd der unabhängige Sozialist Augagneur erllären, geger
ie Regierung zu stimmen, weil deren Maßregeln gegen
ie streilenden Eifenbahner bereits ungesetlich gewefen
rien. Die Kammer lehnt die Priorität sür die Tages
rdnungs⸗Anträge des Nationaliften Roche und des Ra
ikalen Gillette ab und schreitet zur Abstimmung über die
Friorität für die Tagesordnung Raynaud, welche Briand
mgenommen hat. Sie lautet: „Die Kammer brandmarkt
en Sabotage, die Gewalttätigkett und den Antipatriotis⸗
nus und vertraut unter Billigung der Akte der Regie⸗
ung auf sie für die Wahrung der berechtigten Intereffen
er Eisenbahner unter Achtung der öffentlichen Ordnung,
er Freiheiten der Republik, und der Existenz des Lan—
ꝛs.“ Die Kammer billigt dieser Tagesordnung die Prio—
tät mit 346 gegen 188 Stimmen zu. Die Kammer nahm
e einzelnen Saätze der Tagesordnung Raynaud an, und
var den ersten Satz, welcher die Sabotage verurteilt, e'n—
immig mit 522 Stimmen, den zweiten Satz, der die
daßregeln der Regierung billigt, mit 413 gegen 116
tinmmen, und schließlich den driiten Satz, welcher das
ertrauen ausspricht, mit 329 Stimmen gegen 183. Außer
in Sozialisten bhaben demnach 108 Repuͤblitaner ver Gn
en gegen die Regierung drese hat, wenr
tan die Stimmen der Rechten a ne reyudlikanische
sehrheit nur mit Einrcchnung d na iß'gen. — Die
ammer nahm schließlich die gesam‘e Tagesordnung Ray⸗
aud mit 388 gegen 94 Stimmen an und vertag'e sich bis
Donnerstag zum Beainn der Budgeidehafte

* Der Prasident des Hansabundes, Geheimrat Ryser,
st für den Reichsstagswahlkreis Göttingen Münden als
iationalliberaler Handidat für die nächsten Reichsagswahlen
 in Aussicht genommen. Die fortschritt—
iche Vollspartei wird die Kandida ur unterstuützen.
Oesterreich? Ungarn.
Graf Khuen hatte mit Bienerth eine RKonfe—
enz über die Barzahluungsfrage, in welcher in den näch—
en Tagen eine neuerliche Beratung mit den beiderseitigen
zjinanzministerien vereinbart wurde. Finanzm nister Lu—
acs wurde deshalb nach Wien berufen. Bereits um 10
lihr wurde Khuen vom Kaiser in Schönbrunn empfangen
nd berichtete über seine Beratung mit Bienerth. Man
laubt noch immer, dak die Lösfung ohne eine Krise ge
unden wirds

gen, besonders der der Wehrkröfte, gerecht wird, so ist da—
nit eine wichtge Tat vollbracht worden. Der neue Etat
vird zeigen, daß men dem Ziele der Gesundung der
deichssinanzen e nen Schrist näher gekommen ist. Die Vor—
rde ten zun Reschshaushaltsetat 1911 bis 1913 haben zu
inem Ergebnis gefehrt. Die Marikularbe träge werden
mf 80 Pfz. pro Nopf erhalten bleiben. Troßdem sind
„ur For entwick ung des Heeres und der Marine, sowie
‚ur Abschreibung des Feh'berages von 1910 die erforder—
lichen Miste! in den Aufsgaben vorgesehen. Dieser Ab—
chluß wird nicht ohne Schwierigleit zu erreichen sein. Die
Be amt innahme für 1910 wird den sehr vorsichtig bemes—
enen Voranschlag knapp erf illen. So ann der Etat für
19114 die Zöhe und Steuern nicht all;zuviel höher schätzen
uss im Etat für 1910. Zur Herstellung des Gleeichge—
vichts müssen erhöh'e Ueherschüsse der Reichsbetriebe und
der zu erwartenden Einnahmen aus dem dem Reichstag
»IArliegenden Zuwachssteuergesetzentwurf in Anspruch ge—
iommen werden. Diese Erträgnesse werden auch hinzuge
ogen werden müssen, um die Veteranen über das jetzige
xtaß h'uaus zu versorgen. Trotzdem im Etat für 1911
»ie Ausführung des Flottenylanes die Erweiterung des
daiser-Wilhe m⸗Kanals und die Erweiterung des Fern
prechnetzes, sowie für die Eisenbahn namhafte Beiräge
efordert werden, ist es gelungen, den Anleihebetrag er
eblich niedriger zu halten a's 1910, und darin zeigt sich
ie wohltätige Wirlung der neuesten Finenzgesebgebung.
Dies Ergebnis konnte nur durch die wei estgehende Spat—
amkeit errungen werden. Nach wie vor sei die Gesund
inz der Reichsfinanzen eine der dringendsten politischen Auf—
aben. Wer sich um dieses Ziel mühe, der wirke nach dem
—AXLI

Rußland.
*In den „Peterbu:gs!ija Wjedomosti“, dem Blatt des
ürsten Uchtomsti, spricht ein russischer Diplomat folgende
zrwägung aus Anlaß der Kaiserzusammenkunft in
zotsdam aus: „Die Zusammentunft wird in ganz Ruß—
ind mit tiefer Befriedigung aufsgenommen werden. Welche
jragen bei dieser Gelegenhet berührt werden, welche Fol—⸗
en die Zusammenkunst haben wird, ist schwer vorauszu—
hen; doch läßt sich folgendes annehmen: Europa verfällt
egenwärtig in zwei Lager. Auf einer Seite stehen die
ztaaten des Dreibundes, auf der anderen Rußland, Eng
and und Frankreich. Diese Ordnung der Dinge wird auch
ach der Zusammenkrnft fortbestehen, nur werden zu die
ent Bau intimere Beziehungen zwischen Rußland und
)eutschland treten. Diese Annäherung dürfse vor allem
icht nach Englands Geschmack sein; ebenso dürfte auch
er au Größenwahn leidende Graf Aehrenthal drurch diese
lnnäherung nicht sehr begkückt werden, schließlich könnten
ich unsere Freunde, die Franzosen merlen, daß wir lkei—
ien Grund haben, ihrer Interessen in Marokko wegen un—⸗
ece Beziehungen mit Deutschland zu verderben. Die histo⸗
ische Bedeutung der Zusammenkunft in Potsdam Wwinrd
serade darin bestehen, daß sie die bestehenden Meinungs—
erschiedenheiten ausgleicht und alle verschiedenen Talle
urch einen Generalnenner vereinigt. Die Tage von Pots-‚am
 werden prachtvolle Tage sein, weil sie den Frieden
uind die Wiedergeburt der vergessenen Kontinen'alidee be—
euten. Jetzt kann jeder Russe, sich bekrenzigend, sagen:
Gott sei Dank, das politische Baromeier steigt endlich
uuf schönes Weteer!“

Die deutschefranzöfischen Beziehungen.
Der „Temps“ schreibt: Die bei der Ueberreichung des
zeglaubigungsschreibens des deutschen
Zotschafters Freiherrn von Sch ön gehaltenen Anspra⸗
jen drücken die in Frankreich und Deutschland vorherr⸗
hende Meinung richlig aus. Die Won⸗e betreffend die
lufrechterhaltung der guten Beziehungen und die Ent—
oicklung der gemeinsamen Interessen geben einen den bei—
en Regierungen gemeinsamen Gedamen wieder, dessen
ẽinfachheit und Wirklichkeit man entsprechend würdigen
vird, und der darnach angetan ist, den Kultus der bei—
en Völker für ihre Vergangenheit mit der berechtigten
fürsorge für ihre Zukunst zu vereinigen. Die Politik der
lnpassung an das bestehende System der Bündnisse hat
wischen Paris und Ber'in ihre notwend'ge und hinrei⸗
jende Arbeit getan. Europa kann darin trotz der Gesee
»es Weltbewerbes einen festen und dauernden Rahmen
inden. Frankreich und Teutschland nehmen diesen Rah—
nen ehr ich an. Diejenigen, welche Freiherr von Schön
ils Votschaftsrat der heute von ihm geleiteten Botschaft
im Werke gesehen haben, setzen vo les Vertrauen in sei⸗
en Scharssinn, welcher, wie er stets bewiesen hat, im
dienste des gerechten Ausgleichs steht. Er ist in Paris
ehr willkommen und se'ne erste amtliche Handlung kann
In durch seine Ernennung hervorgerufenen quten Eindruck
ur bestätigen

In Erpartung des Ausgangs der Kammersitzung be—
egte sich ene große Menschenmenge, darunter zahlreiche
isenbahner, den ganzen Nachmittag vor der Kammer
nd der Place de la Contorde. Es kam zu vere nzelten
undgebungen und Verhastungen, doch zerftreute sich de
tenge, als es zu regnen begann und als man erfuhr, daß
ie Regierung nicht gestürzt ist

Persien.
In hiesigen englisch-russischen diplomatischen Kreisen
zill man wissen, daß die Türtkeisan der persischen
ßrensze bei Maku und Kotour stärkere Truppenaufge—
hote zusammengezogen habe, welche angeblich weiter vor—
eschoben werden sollen. — Die russische Negierung sprach
n Konstantinopel den Wunsch aus, die Türkei sol‘e die
yon ihr besetzten strategischen Punkte auf persischem Ge—
iete räumen. Bisher hat die Pforte das russische Ansu—
jen nicht beantworiet, doch glaubt man, daß sobald Ruß⸗
and seine Kontingente aus Persien zurücksiebe die Türkei
leichzeitiag es tun weorß⸗

Volitische Nundschau.
Deutsches Reich.
*Eine sehr verständ ge Einrichtung haben die Farben—
briken vormals Friedrich Bayer und Co. in Lever usen
etrofsen getroffen. Die Direktion brachte in der letzien
ummer des Blattes, das für die Arbeiter des Werkes
tscheint, die folgende Bekanntmachung: Wir bringen hier—
urch zur Kenntnis, daß wir für unsere Werke zu Leverkusen
as Amt eines „Syzialsekretärs“ eingerichtet haben,
elcher bei etwaigen Differenzen zwischen Arbeitern und
etriebsbeamten eine vermittelnde Täligkeit ausüben soll.
etwaige Beschwerden werden von dem Sozialsekretär durch
dücksprache mit den Beteiligten ganz unparteiisch und ent—
oeder von ihm persönlich zur Erledigung gebracht oder
ur Entscheidung an den Ausschuß fuͤr Arbeiterangelegen—
eiten bezw. an den Allgemeinen Ausschuß der Ärbeiter
deitergegeben. Der Sozialsesretär soll außerdem auch in
llen persönlichen Angelegenheiten unseren sämtlichen Ar—
»eitern, und besonders den jugendlichen, ratend und hel—
end zur Seite stehen; die Arbeiter werden daher gebeten,
sch in allen Fragen, in welchen sie eines Rates bedür—
en. vertrauensvo lJ an den Soz alsekretär zu wenden.
* Die‘ Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Labiraru—
dohelaun murde aAni don — Dον Fαν

—o
Bethmann rührt sich!
In dem Wochenrückblick teilt die „Nordd. Allg. Zig.“
mter Bezugnahme auf die Rede des Direktors des Hansa
undes folgendes mit: Den Führern des Hansabund:s kön—
ten Vorschriften über ihre Agitationsweise natürlich aus
zem Hansabunde heraus gemacht werden, wohl aber sei
s das Recht und die Pflicht der Zeitung zu warnen, we
hr eine Schödigung allgemeiner Interessen entzegentrete.
Sie kommt dann auf das Programm des Reichskanzlers
zu sprechen und erinnert daran, daß der Abgeordnete von
OAldenburg kürzlich mit besonderem Nachdruck eine Notwen—
ig!eit der scharfen Bekämpfung der Sozialdemokraten be
onte. Auch der Reichskanzler sehe darin eine Hauptauf
—D
ome von Moabit trügen deutlich den Stempel von dem
rortschritt der revolutionären Massenverhetzung.
Die „Nordd. Allg. Ztg.“ geht dann auf das Gebie
er Finanz-Politik über. Gelingt es, einen guten Etat auf—
uüellen. dor stro—— — s Nnach allen NAnfsorderun-—

Vier Kanzler
Unter diesem Titel veröffentlich Baron v. Cram m,
der frühere braunschweigische Bundesratsbevollmächtigte,
im Novemberhesft der „Deutschen Revue“ persönliche Ein—
drücke über die deutschen Kanzler und ihre Mitarbeiter,
aus denen einiges wiedergegeben sei. Aus der Bismarck
chen Zeit rühmt er besonders den Staatssekreiär v. Böl—
icher, spricht sich dagegen ziemlich ungünstig über den
früheren Staatssekretär des Auswärtigen Graf Hatzfeld
rus, der für die Botschafter und Gesandeen sehr wenig an⸗
jenehm gewesen sei und fast stets die bestimmten Em—
fänge abgesagt habe und, wenn er wirklich jemand emp⸗
ing, oft von den zu besprechenden Angelegenheiten nichts
ewußt habe. Im Gegensatz dazu sei Herbert Bismard
AIs Staats'ekretär immer orientiert unnd unter seinem Va⸗
er der g gneisie für diesen Posten gewesen.
Fürsit Bismarck hat nach seinem Ausscheiden aus dem
veingeiben mein ungeduldiger Konrad wartet unten, un
uns sofort nach Freiburg zu bringen.“
Helbig griff nach der Klingel, mit Hilfe des herbei
eilenden Dieners war er bald reisefertig, Im Wagen lehni
er sich in die Ecke und überließ sich den ihn umwogenden Ge
danken, des Glücks und der Wonne, die er im Geiste zu
Klarheit und Ruhe zu bringen suchte.
Die Reisenden kamen nun gerade noch zur Zeit an, un
das Theater, in dem Emilia Galotti mit der Wiener Gafin
gegeben wurde, noch vor Beginn der Vorstellung zu er
reichen. Mit ganz andern Gefühlen als am Tage vorhe
betrat Helbig dieses Mal den Zuschauerraum. Der Direkion
hatte zwei Parquettplätze genommen, die von der Bühnm
weit genug entfernt waren, um von derselben aus nicht be
merkt werden zu können. Absichtlich wollte er es vermeider
Johanna durch den unerwarteten Anblick des Geliebten wäh
rend der Aufführung vielleicht zu beunruhigen. Die Aus
übung der Kunst bedarf einer ernsten Sammlung; deir
Direktor wollte sein Pflegekind, wie er Johanna stet
nannte, in ihrer größtmöglichen Vollkommenheit sehen —
hatte er sie doch seit hhrem glänzenden Debüt in München
dei welchem er gegenwärtig gewesen, nicht mehr auf der
Zühne gesehen. Wie mußte sie seitdem in ihrer Kunst fort
jeschritken sein? — Nur durch Zeitungsberichte und durd
ie Briefe der Künstlerin selbst, die mit ihrem Wohltäter ir
tetem lebhaften Briefwechsel gestanden, war er von ihrer
jslänzenden Erfolgen, von ihrer fortschreitendoen Entmige
ung unterrichtet worden.
Mit klopfendem Herzen sah Helbig der Erscheinung der
Asing entgegen. Diesmal hafteten seine Augen ohne die
zeimischung qualvoller Herzenspein auf der schönen so ge
iebten Gestalt. Johannas Spiel war hinreißend, die ganzt
ragische Kraft der Schauspielerin vermochte sich in diese!
dolle in voller Genialität zu entfalten. — Die Gräfit
Irfina war eine ihrer besten Rollen, der wilde Schmerz der
reulos Verlafsenen fand einen Wiederklang in ihren
igenen Herzen. Auch sie hatte die Schlangenbisse der Ver—
weiflung, wenn auch in anderer Lage, kennen gelernt, si
onnte es fassen, wie das von Schmerz und Gewissensbissen
—
nant
Helbig hörte mit schauerndem Entzücken zu, er hört
den Applaus der Menge, er sah, wie sein Onkel sich vor
»engte, wie eine Träne des alten Mannes Wangen netzte
ꝛine Träne des Mitgefühls, doch vielleicht auch der Freudt
iber die Künstlerschaft seines Pflegekindes.
Als das Stück beendet, warfen beide, der Direktor und
helbig, sich in den bereit stehenden Wagen und fuühren nod
2r RQlasßienn dor Günsfttari⸗

WMieder gefunden.

ßzattin unverhofft zusammentreffen! — Es zuckte schmerz⸗;
ich um Helbigs Mund: Nie niel“ rief er.
Rasch ergriff er ein Papier, um dem Vater die Zu⸗
age zu schreihen und ihm für den Abend des nächsten Tages
eine Ankunft in Berlin anzumelden.
Da öffnete sich die Tür und das milde, freundliche
Untlitz Onkel Werners erschien in derselben. Helbig stand
uf und reichte dem Direktor mit eruftem Gruße die Hand.
„Nun, mein Junge, so ernst?“ rief der Direklor fröhlich.
Laß das Grämen jetzt — ich bringe dir heute Glück —
Helbig lächelte trübe: „Ich habe verlernt an das Glück
u glauben!“
„So alaube nicht daran, sondern fasse es gleich beim
—„chopfel — Du mußt mich sofort naoch Breslau begleiten“,
Unmöglich!“ entgegnete Helbig zurückfahrend —
„Unmöglich, warum?“ 9
„Lies diesen Brief!“
Selbig reichte dem Onkel den Brief, den er eben an
einen Vater geschrieben.
Daraus wird nichts!“ sagte der Onkel bestimmt, „du
An J nicht nach Berlin, sondern mit mir nach Bresiau
ahren!“
„Ich verstehe dich nicht —“
Ein Wort wird dir alles erklären — Johanna isl
n Breslau.“
„Ich weiß es. sagte Oskar mit bebenden Lippen, „und
ben deshalb werde ich nicht hingehen.“
Der Direktor sah Oskar groß an; er hatte geglaubs
inen Sturm des Entzückens in ihm zu erregen und fand
tatt dessen diese kalte, unerklärliche Zurückhaltung.
„Jetzt verstehe ich dich nicht!“ sagte der Direklar. Sei
o gut und erkläre dich deutlicher.“
„Gewiß!“ entgegnete Oskar.
Er borichtete in kuraen Worten was er in Breslau
rIoh

ich allein nur liebte, wenn sie aus Liebe zu dir, aus edler
zeibstberleugnung fich vor dir verborgen, um dich, um deine
ntschlüsse frei und unbeeinflußt von ihrer Gegenwart zu
chalten, um dir die Möglichkeil zu gewähren, dein Unrecht
»ieder gut zu machen, zu Eva zurückzukehren? Wenn ich
hr langjähriger einziger Freund und Vertrauter dir das
estätigen könnte?“
Vnkel“ rief Helbig heftig und ergriff des Direktors
Arm — „du könnteft das? du hättest das alles gewußt und
den Mut gehabt es mir so lange zu verbergen, mir, der
unter der Last des Geschickes fas erlagẽ“
„Der mir heute durch die männliche Ergebung, die er
dem Schmerze gegenüber bewiesen gezeigt hat, wie ihn die
Prüfungszeif gekräftigt und gehärtet hat.“
Helbig richtete sein Haupt auf und sah den Onkel
ange an.
„Das war grausam von dir,“ sagte er leise, „nie hätte
ch das von meinem gütigen milden Onkel erwartet! — Ja,
h habe das Unabänderliche ertragen, habe es mit äußerer
kuhe ertragen — aber wie? mit welchem inneren Saͤmerze,
nit welcher Seelenpein! Du sagst, sie liebe mich — und
zahre lang haben wir allein, einsam und unglücklich
urch's Leben gehen müssen, und das alles nur um einer
hlecht angebrachten, nußlosen Entsagungstheorie willen?
- Wie konntest du dem nur zuftimmen, Onkel?“
„Weil ich einsah, daß Johanna Recht hatte, als sie sagte,
e könne nicht glücklich sein, wenn eine andere ihretwillen
ide; weil ich wußte, daß Johanna erst ihre eigenen
räfte anwenden, daß sie sich selbst erst ns der erni drigen⸗
en Lage, in die sie zum Teil durch gene Schuld ge—
mmen. emporarbeiten müsse ehe Se dich ohe sio sich sesbsft
u beglucken vermöchte. Die darniedergebeugte Frau des
elbstmörders wäre dir keine ebenbürtige Gattin gewesen,
e hätte ihr Leben hindurch das demütigende Gefühl ge⸗
hleppt, daß sie deiner Gnade alles verdanke, daß sie nichts
igenes besaͤße. Die berühmte Schauspielerin, die Künst⸗
erin, die durch eigene Kraft sich zu Ruhm und Ansehen
mporgerungen, sie kann dir mit frohem Selbstbewußtsein
ie Hand reichen: sie gibt zugleich, indem sie nimmt — und
as, lieber Oskar, ist nach meiner Ansicht ein großes Haupt⸗
rfordernis zu einer glücklichen Ehe.
Helbig ging stürmisch im Zimmer auf und ab. Zu
eftig war der Wechsel zwischen hoffnungslosem Schmerq—
ind berauschender Freude. 4
„Ich kann jetzt nicht über Ansichten mit dir streiten,
agte er, „ich muͤß mich erst sammeln, mich erst in die ganz
mgewandelten neuen Lebensaussichten finden.
„Dazu wirst du unterwegs Zeit genug haben!“ riel
rzhlich der Dirofttor. fott ftaffte i bor Nagon und ä

Oskar suchte sse in schonendster Weise guf das Kom
ende vorzubereiten, er berichtete von seiner Reise, von den
esuche des Theoters in Gesellschaft Vrandis und defser
ichwester. Mii strenger Selbstbeherrschung. n den wah
n Namen Johannas auszusprechen, wiederholte er dit
orte, die Brandt ihm bei der Erscheinung der Eboü zu
flüstert und die ihm selbst so diel Qual veteitet halten
das ist die Frau die ich üebej
Marie halte lautlos zugehört, eine fahle Blässe bedeckt
ge Bangen; sie stand, auf, um das Zimmer zu berlafsen
ber plößzlich schwankte sie und jank ohnmächtig in die Arm
8 herbeieilenden VBruders. Die Kraft der versiandes
rken Frau war unerwariet ⸗—nengebrochen, sie balu
rxand wirklich geliebt —B———
Peibig half der Mutter die Ohnmächtige auf ihr BZim
ier bringen — dann kehrte er nach seiner Wohnung zurück
luch der Nutter gegeniber hatteer es versawieden dal
ie Rivalin Maries und die von ihm einst so geliebte Jo
Anna ein und dieselbe Person seien, Wozu ihr, wozu der
hwester den Schmerz bereilen daß dieselbe Frous di
hon einmal zerflörend in ihre Familie eingegriffen, von
euem Schmerz und Kummer über dieselbe brachie.
Als Helbig in sein Zimmer krat, fand er einen Brie
uf seinem Arbeitslische liegen, er ertannte in der Auf
ift die Hand seines Vaters. Der alte Justizrat hatte
ch, seitdem sein Sohn eine so günflige Sielle erhaͤlten, völ⸗
ig mit ihm ausgesöhnt. Das, was der Vater gefürchtet
'at nicht geschehen, Oskar hatte die „hergelaufene Frauens
erson“ wie Johanng sleis von ihm bezeichnet wurde, nicht
eheiralet, ja er schien aus aller Verhindung mit ihr zu
ein;: warum sollte der Vater da nicht das en ver.
essen und vergeben?
Helbig öffnete den Brief, der Vater forderte ihn aul
nberweill nach Berlin zu kommen, da dort eine bedeu⸗
ende Advokatur bakant FJeworden. Er hoffe durch seine
erbindungen und dei der bekannten Tuüchtigkeit setnes
ohnes ihm dieselbe ficher bersprechen zu können. Doch tue
ile Not, er wůnsche daher ihn so rasch aiz möglich persönlich
sprechen und ersuche ihn sofort nach Berlin zu kommen.
Helbig stützte einen Augenblick nachdenkend den Kops
die Hand. Die Aufforderung seines Valers kam ihm in
rTat, wie gerufen — Breslaͤu war ihm nach dem, was
rgefallen, verleidet. War es doch wahrscheinlich, daß
candt, wenn er sich verheirgiete, dort in der Nahe bliebe
ß er Breslau seiner Schwester wegen oft besuchen würde
—R.

Der Direktor hörte aufmerksam zu.
„Ich begreife noch immer nicht,“ sagte er dann ruhig,
warum du eine Frau fliehen willst, die du liebsi, weil sie
inem andern gleichfalls eine Leidenschaft eingeftöht hat.“
„Warum, fragst du?“ ries Oskor erregt.Sie ift in
zreslau und ich ahne nichts davon; sie weiß, wie ich fie
iebe, muß es wissen, wie schwer ich durch ihr Verschwinden
elitten, sie verbirgt sich gabsichtlich vor mir. In dem Hause
er Präsidentin, von Höhn, der Schwester Brandis vber—
ehrt sie, fast wäre ich ihr in deren Salon ahnungslos be⸗
egnet, und du fragst noch warum ich sie fliehe? Ist es
icht klar, daß fie mich nicht sehen will daß Brandt der
luserkorene ist?“
111nd mwenn du dic danneæ täzuschioft wmonn sie Maek xX
            
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