Full text : Dudweiler Zeitung

Nummer 245. Vtontag, den 24. Oktober 1910.
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Womhen⸗rtundgau.
Der Reichskanzler hat gewinkt. Beile'be nicht ge—
prochen! Das tut er nicht. Er hat bloß philosophisch—
rnst „gewunken“ und das andere besorgten dann diverse
zprachrohre. Zuerst die Norddeutsche Allgemeine. Sie ha—
em Hansabund in Vertreturg des Reichskanzlers die Le—
iten gelesen. Er wird wohl selbst nicht glauben, daß
ym die Predigt diel nützen wird. Dann sekundierte der
jochoffiziösen Norddeutschen „Sammel“-Düte ihre sonst weni—
er offiziẽöfe Schwester, die „Nat.«Ztg.“ Auch fie weiß etwas
us dem stillen Hain zu Hohenfinow zu erzählen. Bloß
agt sie verschämt, sie hätte ihre Weisheit aus „Bundes
atskreisen“‘. Nun, auch im politischen Geschäft gehts ja
iicht ohne Zwischenhandel. Also, hören w'r zu: von
zethmann hat die Frage einer Reichstagsauflößung im
»ochsommer 1911 noch gar nicht erwogen. Ein sozialde—
iolratisches schlaues Mätzchen! Der Kanzler versolge eif—
ig das Hin und Her auf den Parteibühnen, wenn er sich
uch noch kühl bis ans Herz hinan verhalten habe. Wenn
ber die Reichsstagsboten wieder kommen, dann werde er
ch nicht scheuen, mutig die „Sammlung“ der bürgerlichen
zarteien (welche sind's denn, Herr Dre phil.?) „felbst in
ie Hand zu nehmen und sich, wo es notut, an die Spite
u stellen. Der Kaiser sei ganz auf seiner Seite. Und
»egen der sicher kommenden „roten Flut“ brauche man
icht die Flinte ins Korn zu wersen. Wenn die Roten in
ationalen und Wehrfragen nicht parieren wollen, dann
sibt das eine prächtige Wahlparole. Er hat es zwa—
icht so knüppeldick, sondern in dürren Bethmannworten
esagt, pardon, „aus Bundesratskreisen verlauten“ lassen.
ziel ist's ja auch nicht. Am meisten freut uns daran,
aß endlich einmal ein winziges Zipfelchen des Schleiers
elüftet würde. Hoffentlich hält der Kanzler Wort und
irft bald die Tarnkappe, die ihn, seine Gedanken und
läne verhüllt, von sich. — Die Reichstagstommission hat
—einer prinzipiellen Frage, hinsichtlich der neuen
rafprozeßordnung. dem fategorischen Willen
Regierung nachgegeben. Während der Strafkam—
er künftig auch Laienrichter angehören sollen, hat die
egierung dieses Element für die Berusungsinsianz strikte
oͤgelehnt. Die Kommission muß wichtige Gründe gehabt
aben, sonst wäre das Nachgeben in d'esem fast wichtig⸗
en Punkte unveritänds'ch. Was nützt uns die Schöf⸗
Nu Strafkammer, wenn der Staatsanwalt jeden Prozeß
ach Belieben an die höhere „laienfreie“ Instanz bringen
ann. Wir stehen da auf dem alien Fleck. Oder vielmehr,
»ir gehen zwei Schritte vorwär!s und drei zurück. Die
zroͤzeßführung würde nur umständlicher und auch teurer.
zine „Resorm“, die uns herzlich wenig zu imponieren ver—
iag. Nun, das lebte Wort ist ja noch nicht gesprochen.
)as Plenum werd hoffenlich hartnäckiger sein!
England möchte anscheinend die persische Frage
ufs neue ausrollen. Es hat mehr Ordnung für die
aupthandelsstraße nach dem Süden verlangt. Andern—
alls will es selbst nach dem Rechten sehen! Nun, dieses
)rdnung'chaffen kennt man ja zur Genüge. Wenn nen
uch Rußland (Gielleicht auf Verabredung!) aggressiv vor—
eht, dann könnte der Verdauungsprozeß beginnen. Man
arf aber vermuten, daß die andern Mächte, Deuischland
oran, eine „Pazifierung“ der noch offenen besten Märkte
er Welt nach englischer Art, nicht ohne weiteres ruhig
zinnehmen werden. Es geht doch nicht an, daß man uns
elassen alle Türen vor der Nase zuschlägt.
Frankreich hat diesmal wenig Glück mit dem tür—
isschen Millionenpump. Die neue Türkei ist recht
catzborstig. Sie will nicht mehr die Rolle des nachgie—
igen „kranken Mannes“ spielen, der alle Griffe in feine
'asche müde gutheißt. Jetzt hört man wieder, daß die
rürkei die französischen Anleihebedingungen abgelehnt
abe, nachdem eine Einigung gesichert schien. Wir
ind gespannt, welchen Verlauf das merkwürdige Geschäft
ehmen wird.
Spanien droht Marokko neuerdings mit dem Sä—
el, wenn es seine Forderungen, insbesondere die der
kriegsentschädigung, nicht bewillige. Man spielt mit dem
jedanken einer neuen Expedition, die man dem Maghzen
uif den Hals schicken will, wenn er nicht zu Kreuze kriecht.
Die Franaosen sind wenia erhaut vnn den fpanifchen Gie

Wieder gefunden
Ich bin enrschlossen!7 wandte er sich an Herru von
hraudt. FJetzt soll und wird sich mein Schicksal entscheiden,
in längeres Zaudern ertrage ich nicht mehr!“
Brandt nickte ihm beistimmend zu: „Bravol“ rief er.
So sind meine Ermahnungen doch nicht ohne Wirkung ge⸗
liehen. Merkwürdiger Weise,“ setzte er lächelnd hinzu,
hefinde ich mich jett mit Ihnen, lieber Burgau, in fasi
Ueicher Lage.“
Burgau blickte Brandt erstaunt an:
4Iuch Sie lieben?“ fragteer. F
IIch liebe ohne zu wissen, ob ich wieder geliebt werde.“
„Ahl jetzt begreife ich erst Ihre Worte von vorhin —
ind wer ist die Glücklicher —
„Das ist noch mein Geheimnis mein Lieber. Wenn wir
ms wiedersehen — ist hoffentlich alles klar. — Und jetzt
ben Sie wohl — guf frohes Wiedersehen!“
Mit einem heralichen KGändedruck schieden sie.

oq —

Die Kurpromenade in Salzbrunn war beendet, die
urgäste hatten sich in ihre Wohnungen zurückgezogen. Die
ommerzienrätin Simon saß in einem Fauteuil nachlässig
ingestreckt, in dem e Vorgarten, des Hauses,
as sie mit ihrer Mutler bewohnte. Auf dem kleinen Mar—
dortisch vor ihr lag ein geöffneter Brief, den sie eben er—
alten und auf dem ihr Mige noch sinnend ruhte. Ein un⸗
wöhnlich weicher Ausdruck verschönte in diefem Augen⸗
e die regelmaͤßigen Züge der jungen Frau. Doch dieser
sdruck verschwand sogleich und machte der gewöhnlichen,
leichqültigen Hiene Platz. als die, Justizrätin Helbig in
r Tür des Houses erschien und auf ihre Tochter zuschritt.
„Wir bekommen heute noch Besuch, Mama!“ redete
rau Simon ihre Muller an und faltete den Brief, auf dem
duitizratin Auge fragend ruhte, langsam zusammen. —
— Brandt hat sich für den Nachmittag bei uns an⸗
J e .“
wzHerr von Brandt?“ fragte staunend die Justizrätin.
m sie sich zu hrer Tochter setzte. „Ich glaubte, er würde
b estens bierzehn Tage in Hirschbera bleiben — wenig—
sagle er so Es sind indessen kaum acht Tage ver⸗
F.seit er hier war.“
ch hoffe er kommt dir Mamal“ saate

üsten. Sie nennen die Forderungen ungerecht! Wahr⸗
cheinlich sind sie das auch. Aber die „Ungerechtigkeit“ der
S3panier entdecken d'e Politiker an der Seine led'glich aus
urem Brotneid. Wenn sie den fetten Bissen Marokko
ücht schlucken dürfen, sollen auch ihre Kompagnons bei
em durch Deutschlands Eintreten immerhin eiwas ver—
vässerten Geschäft möglichst wenig Prosit haben. Spanien
at übrigens gerade jetzt genug vor der eigenen Tür zu
ehren. Die Revolution nebenan kann jeden Tag auch bei
ym anpochen. Wir glauben, daß angesichts dessen den
Leuten am Quadalquivir die Lust zu neuen Maroko—
benteuern nicht aufkommen wird.
Serbiens König und Volk schweben in großer Sorcçe
der immerhin nicht unbeliebte Kronprinz Alerander lieg
odtrank darnieder. Verschiedene Komplikationen haben die
„hnehin bösartige Krankheit, den Typhus, noch verschim—
nert. Zur Zeit, als diese Zeilen zum Druck gegeben
verden, lauten die bisher wechselnden Nachrichten recht un
zünstig. Sollte hier eine Katastrophe eintreten, so wäre
»as serbische Volk aufrichtig zu bedauern. Denn erstens
väre es schade um den jungen sympa'h'schen Prinzen und
weitens würde, da König Peter nur zwei Söhne hat,
*suropas größter Rüpel, der abgedankte Kronprinz Georg,
n seine ihm mit viel Mühe abgerungene Position als
hronfolger wieder einrücken. Das fehlte dem mit explo—
ven Elementen ohnehin vollgepfropften Balkan gerade
toch. Solch enfant terrible muß man ‚ühl aufbewahren.“

Zerstückelung WVeistens.
Mit merklicher Unzufriedenbeit hat ein großer Teil
er englischen Presse die Nachricht ausgenommen, daß
zroßbritannien durch eine drohende Note von der Tehe—
aner Regierung die daldige Sicherung der Handelsstraßen
m Süden verlangt vatre, wenn Persien nicht gewaͤrligen
volle, daß England selbst dort Ordnung schaffe. Tie
stote spricht von der etwaigen Errichtung einer eingebore—
ien Truppe unter Offizieren des indischen Heeres und
inem Zollaufschlag zur Bestreitung der Kosten. Es ist
ezeichnend, so sagt die „Köln. Zig.“, daß selbst die „Ti—
nes“, so sehr sie die Notwendigkeit des Schrities durch
die dauernde Schädigung der englischen Handelsinteressen
egründen möchte, von einer Besitzergreifung persischen
zebiets nichts wissen will. Viel schärfer haben sich an—
ere Blätter geäußert, die sowohl einen Rechtsgrund des
zZorgehens bestreiten wie auch internationale Verwicklun—
en befürchten, weil andere Staaten Entschädigungen ver—⸗
ungen würden, wenn als Folge des englischen Schrittes
zersien seine Selbständigkeit verlöre. Man erinnert sich,
aß vor drei Jahren Rußland und England ein Abkom—
ien schlossen, wodurch Persien in zwei Interessensphären
exlegt wurde, in denen sich die beiden Parteien keinen
bettbewerb machen wollten. Dieser Vertrag besaß natür—
ich nur Gültigke!t sür die beiden Vertragschließenden, we—
er Persien noch alle andern Mächte waren dadurch ge—
unden. Auch erkläcten Rußland und England, daß der
zrundsatz der offenen Tür gewahrt werden sollte. Die
anern Verhältnisse Persiens, der Kampf der Freunde und
jegner des neuen Systems nach dem Sturz des Absolu—
ismus haben es dann Rußland ermöglicht, Schritt für
ichritt Truppen vorzuschieben und daduͤrch, nicht am we—
igsten in England, den Argwohn zu erwecken, daß es
eabsichtige, sich den Norden des Landes endgültig einzu—
erleiben. Die persische Regierung sah sich uner dem Druck
er öffentlichen Meinung genötigt, nach Kräften gegen die
ussische Besetzung Einspruch zu erheben, zu einer nach—
rücklichen Betätigung fehlten ihr die Machtmittel. Auch
ie Absicht, an anderer Stelle als in Petersburg und in
london die dringend notwendige Anleihe unterzubringen,
ieß sich nicht verwirklichen, das sinanzielle Elend biieb
estehen und damit die Unmöglichkeit, ernsthafe Reformen
mallen Zweigen der Stagtsderwaltung durchzuführen.
inzelne Aufstände und Erhebungen vermöchte die persi⸗
he Regierung niederzuwersen. zu ener wirklichen Herr⸗
haft im ganzen Reich hat sie es bisher nicht gebracht.
Jetzt tritt Eng'and mit einer Forderung auf, die zu
cfüllen Persien kaum imstande ist, und damit wird die
zefabr nahegern εα ——

rau Simon in merklich gereiztem Tone, wahre. eine
söte in ihr Gesicht stiea. — Ich habe mir schon überlee
uhr sie dann nach kurzer Pause ruhig fort, als ihre Mut⸗
er nichts erwiderie, — eine Maxime, welche diese stets be—
olate, wenn ihre Tochter gereizt war, — „ich dächte, wir
nachen heut nachmittag mit unserm Gaste eine Partie nach
»em Fürstenstein: es ist dies der schönste Punkt unserer Umjsebung
 und Herrn von Brandts Lieblingsort. Willst du
licht Oskar benachrichtigen Mama? — Es wäre mir lieb,
penn er uns begleitete.“
„Jedenfalls wird er uns begleiten!“, entgegnete die
zustizrätin. „Es tut mir nur leid, daß, mein Bruder gerade
bwesend ist — ich wünschte, er hätte seine Gebirgstour auf«
egeben.“ * *
„Wie so das? Wenn Honxad das Gebirge noch sehen
ollte, war es wohl die höchste Zeit — seine Ferien sind je
ald zu Ende —“
„Konrad hat seines Leidens wegen doch schon so lange
ie Schule versäumen müssen, daß es auf ein paar Tage
nehr oder weniger nicht ankommen kann. Es wäre mir
iber sehr angenehm gewesen, wenn dein Onkel, der Herrn
yon Brandt noch nicht kennt. bier mit ihm ausammen aetrof⸗
en wäre.“ —
Ich verstehe dich nicht, MNama!“ erwiderte Marie mil
isigem Tone. „Du hältst es doch etwa nicht für unpassend
aß wir als alleinstehende Frauen Herrenbesuche emp⸗
angen?? — Du vergißt ganz,“ fügte sie sPpöttisch hinzu, „daß
air ja auch ohne Papa und Onkel noch einen männlichen Be—
hützer hier haben, meinen Bruder Oskar, der sich allerdings
m uns nicht viel kümmert.“
yu bist ungerecht, Mariel“ sagte die Justizrätin mil
nißbilligendem Kopfschütteln. „Oskar kommt stets, sobald
vir seine Gegenwart begehren. Daß er gern allein Par—
ien ins Gebirge machte, kannst du ihm doch nicht verden⸗
en. Eine volle Freiheit, ohne irgend welche Schranke der
donvenienz, ist erstes Erfordernis für jemand, der in fri
her Luft sich von dem ermüdenden arbeisvollen deben in
iner großen Stadt erholen will.“
NVarie antwortete nicht; sie griff nach einem Buche, alt
ielt fie die Unterhaltung über diesen Gegenstand jeht für
eendet. Die Justizrätin blickte ihre Tohter einen Mo.
ient nachdenklich an:
Ich will dir offen sagen,“ nahm sie dann das Gespräch
ieder guf, „warum ich meines Bruders Gegenwart so drim
end wünsche. Nach allem, was ich gefehen drängi sich mir
mer mehr die Ueberzeugung gauf, daß du eine Reigung
ür ey . —J 5— hast.“ —
arie sah sich unmutig um. *
eqe xief Vo⸗ ugun, aertA—— —,, —

nd das Hinterland in britische Gewau kommen. Etn er—
rebenswertes Ziel mußte dies von jeher für die englische
zolitit sein, die in der Beherrschung des Persischen Meer
usens und seiner Küsienstriche eine der Vorbedingungen.
ir den gesicherten Besitz des indischen Reiches sieht. Sehr
hwache Uferstaaten können keine Bedrohung bedeuten
eshalb ist auch kein Versuch gemacht worden, gegen die
ürkei vorzugehen, solange ihre Autorität in den Pro
inzen am Eufrat und Tigris nur auf dem Papier stand—
Erst als der Gedanke an eine Bahnverbindung von Kon—
tantinopel nach Bagdad aus dem Bereich des theoretischen
Entwurfs in den der Verwirklichung trat, setzte der eng—
ische Widerstand ein, da einerseits die Pforte jetzt erfi
ine wirkliche Machtstelling in Mesopotamien erringen
onnte und anderseits nicht englisches Kapital, sondern
eutsches den Bau und die Leitung der Bahn überneh—
nen sollte. Mit allen verfügbaren Handhaben hat man
em großen Unternehmen entgegengearbeitet und das Phan—
om eines deutschen Vordringens bis zum Schattel Arab
miftauchen lassen, obgleichzes jedem ruhigen und vorur
eilsfreien Beobachter klar? sein muß, daß es sich um eine
nnere Angelegenheit der“ Türkei handelt. Den Wirrwari
an der persischen Küste des Golfs hätte England wohl
aum zum Anlaß so schwerer Bedrohungen ausgenutzt,
venn das befreundete Rußland nicht begonnen hätte, sich
n Nordpersien derart, festzusetzen, daß niemand an einen
lbzug der russischen Garnisonen in Täbris, Ardebil und
daswin denkt. Die jetzige Note richtet sich im Grunde
veit weniger nach Teheran als nach Petersburg, nur
nuß Persien eine Zeche bezahlen, die ein anderer gemacht
at. Seine Schuld ist seine Machtlosigkeit, die Fremden
claubt, ungestraft an das Werk der Zerftückelung heran⸗
ttreten. Verfolgt Großbritannien wirklich den Weg, den
3 einzuschlagen droht, so liegt für Persien die einzige
Nöglichkeit der Rettung in der öffentlichen Meinung in
england. Wenn sie sich gegen den Plan des Auswärti—
en Amtes ausspricht, ist Persien gerettet, aber ob dies
eschieht, vermag niemand zu sagen. Daß Rußland so—
ort dem englischen Vorbild folgi, und durch angebliche
zicherung der Straßen die tatsächliche Besitzergreifung des
dordens vollzieht, liegt auf der Hand. An einem äußer⸗
chen Zwang durch die Verhältnisse wird es nicht sehlen
nd schließlich läßt sich dabei ausgezeichnet die Forderung
erwerten, Persien solle die 1,4 Millionen Mark zahlen
ie der „Unterhalt der nach Persien kommandierten Trup⸗
enteiler im Jahre 1909 nach einer Mitteilung der russischen
deichskontrolle gekostet hat. Gründe sind so zahlreich wie
zrombeeren, sagt Falstaff.

—VBEVXRXR——
Volitische Rundschau.
Deutsches Reich.
*Im Bundesrat wurden die Vorlage belireffend die
Berteilung des zur För derung des Braugewerbes
ius der Brausteuereinnahme zu verwendenden Betrages
ind die Vorlage betrefsend den Entwurf der Bestimmum
zen über die Branntweinstatistik angenonimen.
* Zur Breslauer Landtagsersatzwahl stellen die Kon—
ervativen und das Zentrum den Kaufmann Franz Vo⸗
zel (Sir.), den Inhaber der Breslauer Firma Heinrich
Müller, als Kandidaien auf, die Sozialdemokraten der
sedakteur Löbe. Der freisinnige Kandidat wird in dep
iächsten Tagen nominiert.
* Die Ansiedlungskommission soll, wie die „National—
zeitung“ berichtet, beim Staatsministerium die Enteigtung
 polnischer Güter auf Grund des Enteisungsgesetzes
 beantragt haben, WTeil im sreiyandigen Ver
ehr das erforderliche Land nicht zu erhalten sei. Ein gle
jer Antrag der Ansiedlungskommission lag unseres Wis—
ens schon vor einem Jahre vor, es ist aber dama!ls von
er Anwendung des Enteignungsgesetzes abgesehen worden.
* Das Reichsschatzamt hat dem Bundesrat die ersten
sedruckten Etats zur Beschlußfassung zugehen lassen.
die Beratung in den zuständigen Ausschüssen hat bereits
egennen; die Drucklegung der übrigen Etats ist in
ollem Gange und die Reichsdruckerei arbeitet seit Ansanc
Fa — 22 ⏑—— 2* —

„Warum willst du es leugnen?“ fragte die Justizrãtin
uhig. TaIch werde mich aufrichtig freuen wenn dur im
jalle du dich wieder verheiraten wiüst, frei deiner Neigung
last. Aher ich wünsche doch auch die Würdigkeit des von
rerwählten Mannes ernst geprüft zu sehen. Dein Vater
iut Herrn von Brandt nur fluüchtig und hat ihm nicht viel
nerksamkeit geschenkt — überhaupt lassen ihm seine vie
n deschäfte zu einer solchen Prüfumg wenig deit. Anders
st, es mit meinem Bruder; seinem klaten Blick, seinem liebe⸗
oollen Gemüt vertraue ich ganz, er wůrde der richtige Rat⸗
Jeber in dieser Angelegenheit fein.“ —
Marie hatte scheindar ruhlg zugehört. Doch sah man es
an den zuckenden Lippen und den niedergeschlagenen Augen,
zaß diese Ruhe eine erzwungene war,
. Sei überzeugt, Mama? fagle fie, „daß ich nichts Un⸗
üͤberlegtes tun werde — ich dachle, an der Klarheit meines
igenen Urteils zu zweifeln hättest du noch nicht Ursache ge⸗
abt. ich glaube der Průfung, keines anderen Menschen de
nötigt zu sein, wenn ich gepruüft habe.“
„Du hast noch nie gelebt. Morie! bedenke das wohl.“
entgegnete die Mutter in sanfiem Tone; „der Verstand aber,
io scharf er auch sein mag. wird seiner Klarheit oft beraubt,
venn das Herz mitspricht.“
Marie stand auf. eine ungewöhnlich heftige Bewegung
nalte sich auf ihrem Antiitz.
„Nach allem, was du sagst,“ rief sie erregt, „scheint es
mir, daß du Nißtrauen degen Herra von Brandt hegst, ein
Mißtrauen, das mir gaängzlich ungerechtfertigt erscheint. Ich
will dir nur eines darauf erwidern und damit laß die Sache
abgeschlossen sein: Wenn es wahr wDäre, was du meinft,
penn ich Herrn von Brandi wirklich liebte, dann würd. ich
ihn heiraten und wenn die ganze Welt dagegen ware Ich
din nicht so weich wie Oskar. In dieser Angelegenheit be—
halte, ich mir die Entscheidung altein vor.“
Sie verließ heftig ihren Platz und ging ins Haus zu⸗
rück, die Justizrätin sah ihr mit traurigem Kopfschüttein
nach. Dann erhob auch sie sich um ihrer Tochter zu folgen,
och angenehm überrascht blieb sie stehen, als fie ihren Sohn
die Straße heraufkommen sah. Mil freudigom Ausdruck
ning sie demselben entgegen.
ciche Aut. daß du kommit Oskar. ich wollte so eben au dir
icken.
Sie legte ihren Arm in den Helbigs und führte ihn zu
em, von Marie verlassenen Platz. Dskat küßte feine Mutter
erzlich, sie sah ihm mit zärtlicher Liebe ins Auge. Oskar
atte sich äußerlich wenig verändert, er sah nur älter und
ereifter aus und ein kaͤum merklicher Hauch von Melan—
olie lag über feinem eiwas blaffer aenen Je,

werden aue Etats dem Bundesrat vorgelegt sein. Die
ßerhandlungen zwischen dem Reichsschatzamt und den
inzelnen Ressorts sind beendet, nachdem es gelungen war,
ie be iden Differenzen auszugleichen. Die Verhand—
ungen ateten ffch zeitweilig so schwierig, daß ein
ersönnnes Eingreifen der Ressortchefs wiederholi not—
vendig wurde, um über einzelne Differenzpunkte hinweg⸗
sukommen. Die stärksten Gegensätze fand das Reichsschatz⸗
umt in den Ressorts der Landesverieidigung, die sich nur
chwer herbeilassen wollten, auf gewisse Forderungen, die
ie Finanzverwaltung als nicht unumgänglich nötig an⸗
ah, zu verzichten. In den neuen Etats ist das Spar—
amkeitsprinzip überall auf das strengste durch⸗
eführt. Alle Ressorts mußten sich große Abstriche gefal—⸗
en lassen, und sie haben sich auch— in den meisten Punk⸗
en den Forderungen des Reichsschatzamtes angepaßt.
* Der Reichstagsabgeordnete v. Czarlinski im
Wahlkreise Wirsitz⸗Schubin-Znin, der 75 Jahre alt ist,
jat sein Mandat sür den Schluß der Legislaturperiode
riedergeleqgt

Frankreich.
xk In einer anscheinend offiziösen Meldung über die
rrage der türkischen Anleihe wird betont, man sei um
o erstaunter über die Erklärung des Finanzministers
dAAchavid Bey, daß er weder die Bedingungen be—
ressend die Stellung der Alger?er und Tunesier in der
Türkei, noch auch die Bedingung, betressend die Ernenn—
ing zweier französischer Aufsichtsbeamten annehmen wolle,
ils über diese Bedingungen, die zwischen dem Qai d'Orsay
ind dem lürkischen Votschafter erbriert wurden, bereins ein
»orläufiges Einvernehmen erzielt worden war.
Italien.
* Eine Mitteisung des „Osservatore Romano“ bestätigt,
»aß sich der Nuntius von Lissabon auf dem Wege
iach Rom bejindet, wohin er auf höhere Weisung be⸗
ufen wurde
Serbien.
*Es wird am Hofe äußerst peinlich empfunden, daß
ie Schwester Helene des Kronprinzen noch immer nicht
n Krankenbett ihres Bruders erschienen ist. Zwischen der
zrinzessin Helene und ihren Brüdern besteht schon seit lan⸗
— Aufregung ruft
sie Ankunft von Misgliedern der Verschwörung von 1903
n Belgrad hervor. Der Hauptverschwörer erklaͤrte, man
verde es unter allen Umständen und mit den aͤußersten
Nitteln zu verhindern suchen, daß Prinz Georg auf den
khron kommt. Die Verschwöärer drohen mit einer großen
53traßenmekes⸗

Spanien.
* Minisierpräsident Canalejas erklärte dem Bericht
rstatter des „Matin“: Ich bin von den in der auswaär—
igen Presse verbreiteten widersinnigen Gerüchten über einen
evorstehenden Feldzug in Maroktko höchst überrascht.
Vas die Gerüchte über die Verhandlungen mit Marokklo
mlangt, so sind außer den Unterhändlern nur der König,
er Ministet des Aeußern und ich selbst, sowie die Ver—
reter Frankreichs und Englands auf dem Laufenden, denn
inser Einvernehnen mit diesen beiden Staaten verpflichlei
ins, ihnen nichts zu verbergen. Ich wiederhole, daß das
kinvernehmen Frankreichs, England und Spaniens bezüg⸗
ich Maroklo ein vollständiges ist. Ich kann die Presse
icht hindern, sich das Vergnügen zu machen, derartige
mbegründete Gerüchte zu veröffentlichen, aber ich kann
mmer wieder nur sagen, daß diese Gerüchte einsach umn
mnigq sind

Die Reise des Kronprinzen.
Die kurze Zeit, die ihn noch von seiner Ausreise nach
em fernen Osten trennt, nutzt der Kronprinz fleißig aus
im sich gründlich auf sie vorzubereiten und den möglich
sen Gewinn aus ihr zu ziehen. Die wissenschaftlichen
zorträge, die der bekannte Forschungsreisende Dr Georg
begener dem kronprinzlichen Paare im Marmoryalais
ält, nehmen ihren Fortgang. Die Vorträge finden ge—
öhnlich im Arbeitszimmer des Kronprinzen statt. Nur
er Kronprinz, die Kronprinzessin und einige Damen und
erren ihres Gefolges, Adiuianten und Hosdamen nehmen
— — ⏑
Poch maqte jeine ganze vericheinung den Eindruck männ⸗
icher Kraft und festen Willens, der sich im Kampfe des Le
ens bereits erprobt hat.
r.Du siehst erreat aus, liebe Mutker?“ fragte er mit
iebreicher Sorge. — „Beunruhiat dich etwas?“ pe
Du sollst mir helfen. meine Unruhe wieder .
annen!“
Far setzte sich zu seiner Mutter und sah sie Fra
end an.
„Bitte, erkläre dich deutlicher.“
„Sogledkl Du hast kürzlich den Herrn von Brandt bei
ns gesehen. — Ich weiß, du kennst ihn von früher und hast
amer ein gutes Urteil über ihn gefällt. Weißi du, daß er
in großer Verehrer deiner Schwester ift?“ —
Ach ahnte es!“ fiel Oskar ein. — —
MDoch, was das Wunderbarste,“ fuhr die Justizrätin
ort, „Marie, die als Mädchen allen wãärmeren Gefühlen
mzugänglich war, scheint für Brandt eine liefe Neigungq
refaßt zu haben.“
Das freut mich aufrichtig, tiebe Mutter!“ sagte Oskar
rasch — „das ist mehr, viel mehr, als ich je von Narie ge⸗
jofft. Die Liebe, so glaube ich sicher, wird ihr Wesen voͤl—
ig umwandeln und somit wird auch ihr kalter Egoismus,
er mich bisher von ihr entfernt, vor der warmen Flamme
einen wahren Neigung weichen müssen.“
„Sehr schön, sehr schön, Oskar!“ unterbrach ihn die
Justizrätin — „wenn Herr von Brandr wirklich ein Mauf
ist. der ohne vom äußeren Interesse geleitet zu werden eine
so starke und aufrichtige Neigung für Marie empfindet, daß
er ihre Schwãchen zu ertragen, daß er fie jelbst mit sanfier
zand zum Besseren zu leiten gesonnen ist. — Eine Ehe ohne
biese alles überwindende Liebe, fürchte ich, würde für Ma⸗
rie eine sehr unglückliche werden; denn ihre Särie wird
hne eine solche kein Mann geduldig ertragen.
„Da hast du Recht. Mutter! Wünschen wir, daß Herr
»on Brandt eine so starke Liebe für Marie empfinde. Auf
nich hat er stets einen sehr angenehmen Eindruck gemacht:
hoch war unser Zusammensein immer nur ein zu fluchtiges,
ils daß ich über ihn sicher urteilen könntes“
„Du wirst Gelegenheit haben ihn naͤher prüfen zu kön ⸗
nen. Er kommt Nachmittag her. Marie gedenkt. mit ihm
nach dem Fürstenstein zu fahren, ich sollte dich auch dazu
auffordern. Ich bitte dich dringend mir deinen, Beistand
zu leihen, es wäre mir ein Trost, wenn du dich über seine
Befühle für Marie azu orientieren suchtet“
            
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